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Hinter den Kulissen des Kunstmarkts
Kunstkrimis sind ein florierendes Subunternehmen auf dem boomenden Krimi-Markt. DieMachenschaften der mondänen Kunst-Schickeria werden als Stofflieferanten aparter Verbrechen entdeckt
VON SIGRID LÖFFLER
Zugegeben: das Werk eines Künstlers wie Damien Hirst ist so gut wie fälschungssicher.Wer sollte schon einen brillant besetzten Totenschädel oder einen Jungbullen in Formaldehyd kopieren wollen? Anders verhält es sich mit der Malerei: Die stinkt zwar nach Terpentin, ist aber auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt nicht weniger begehrt, vielleicht sogar noch auratischer als die eingeweckten Tigerhaie des Markt-Heros Hirst. Schließlich ist die Malerei, ob gegenständlich oder abstrakt, immernoch dem guten alten Kunstschönen verpflichtet, irgendwie, und partizipiert von dessen Gloriole. Und ist der Maler tot – so tot wie, sagen wir, Willem de Kooning, Douglas Hopson, Jackson Pollock, Jacques Leibovitz oder Mark Rothko –, dann treibt das die Preise seiner Werke erst recht in die Höhe. Die Nachschublinien sind dann gekappt, das macht die Ware rar und teuer – und begehrter denn je. Da schlägt dann die Stunde der Fälscher. Schließlich ist die Fälschung eines Kunstwerks eine paradoxe Intervention: Unter der Hand bestätigt sie den Wert des Authentischen und steigert den Kult ums Original. Überhaupt werden die apartesten Verbrechen denkbar, wenn sie derart exorbitanten Profit versprechen wie die zeitgenössische Kunst, die dem global nomadisierenden Kapital einen Halt bietet, wie spekulativ auch immer; nur mit Drogen und Waffen lässt sich heute noch mehr Geld verdienen als mit Kunst, sei sie nun echt, gefälscht oder geraubt. Und die Kunst-Kriminalität, die faktische wie die fiktive, wartet ihrerseits nur auf tüchtige Berichterstatter, die den globalisierten Kunstmarkt– vollgepumpt mit neuem Geld, wie er ist – als literarischen Stoff entdecken und nutzbar machen. Da schlägt dann die Stunde der Spekulanten. Der Markt ist heiß wie nie und auf seinem historischen Zenit. Im Kunden-Portfolio von Groß-Galeristen und renommierten Auktionshäusern tauchen neue Namen auf – potente Kunst-Akkumulierer, die im Höchstpreis-Segment zugreifen, sind nicht länger nur in den USA, Europa und Japan, sondern rund um den Globus zu finden, eine neue Sammler-Klientel formiert sich in Russland und Indien, in China und den Golfstaaten. Der klassische Kunsthandel und das Museumswesen rund um die zeitgenössische Kunst geraten in Bewegung, gewinnen an Dynamik – und sind kriminell penetrierbar geworden. Das weckt naturgemäß auch das Interesse der Schriftsteller. Sie beobachten, was läuft: Dubiose Gutachter wittern ihre Chance und verhökern gefälschte Provenienzen; raffinierte, wenn gleich anrüchige Methoden zur Preistreiberei greifen um sich; kriminelle Machenschaften erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, sogar an Nobeladressen wie dem (fiktiven) New Yorker Museum of Contemporary Art; und selbst Kuratoren angesehener Museen sind nicht gefeit gegen Anfechtungen jenseits des Legalen. Da schlägt dann die Stunde der Krimi-Schreiber. Die Thriller-Autoren haben erkannt, dass sich die versnobte Kunstbetriebs-Fauna, das mondäne «Art Fair»- Biotop des Maler- und Scheck-Adels, als modische Verbrecherszene glänzend eignet.
Auftritt: Kate McKinnon Rothstein So kommt’s, dass die Kunstszene heute Kriminelle ebenso anzieht wie Kriminalautoren. «Kunstkrimis» sind ein florierendes Subunternehmen auf dem ohnehin boomenden Krimi-Markt. Wobei beim Kunstkrimi die traditionellen Regeln des Genres subtil verändert werden, vor allem hinsichtlich des Personals.Nicht länger sind es die biederen Cops des NYPD, des NewYork Police Department, denen die Jagd auf kunst-affine Serienkiller, malende Psychopathen oder selbsternannte Rächer der Kunstszene in erster Linie anvertraut ist; auch die arroganten Schnösel vom FBI mit ihren hochgestochenen Fahndungsmethoden wären ziemlich aufgeschmissen – gäbe es da nicht Kate McKinnon Rothstein. Diese Dame aus der New Yorker Kunst-Schickeria ist das Geschöpf des amerikanischen Malers Jonathan Santlofer, eines abstrakten Expressionisten, der die Staffelei beiseite gerückt und seit einigen Jahren aufs Schreiben von Kriminalromanen über die Kunstwelt umgesattelt hat. Bei seinen Krimis – «Der Todeskünstler», «Farbfehler» und «Tödliche Kunst» liegen inzwischen auch auf Deutsch vor – kommen Santlofer seine Insider- Kenntnisse sehr zugute: Erweiß, wie Künstler ticken,wie der Kunstmarkt funktioniert und worauf die Klientel abfährt. Erkennt das Milieu der Galeristen, Kuratoren, Sammler und Käufer zwischen Venedig im Biennale-Fieber und Manhattans noblen Auktionshäusern sowie dem Galerien- Hot-Spot Chelsea auf der West Side. Und er hat sich Kate McKinnon Rothstein ausgedacht – als seine exklusive Fine-Art-Schnüfflerin. Kate ist ausgebildete Polizistin, ehemals Detective der Mordkommission im Slum-Revier Astoria, zugleich aber auch promovierte Kunsthistorikerin; sie hat einen Bestseller «Artists’Lives» geschrieben, aus dem eine gleichnamige Fernsehserie wurde, die sie selbst als Moderatorin auf PBS präsentiert; sie ist mit Richard Rothstein, einem millionenschweren Anwalt in Manhattan verheiratet, residiert in einem Penthouse am Central Park, besitzt eine beachtliche Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst und engagiert sich nicht nur als Salondame und Party-Gastgeberin für Reich, Prominent &Wichtig, sondern auch für ihre pädagogische Stiftung «Let There Be a Future», die begabte unter privilegierte Kinder von der Grundschule bis zum College- Abschluss finanziell unterstützt.
Schlachtfest mit echten Prominenten Kate McKinnon trägt Armani am Leib, Baume & Mercier am Handgelenk, eine Prada-Tasche über der Schulter und die gesamte Kunstgeschichte – nicht nur die der Moderne – im Kopf, enzyklopädisch und so gut wie eidetisch abgespeichert. Das befähigt sie, über jedes auftauchende kunstrelevante Thema kenntnisreich zu extemporieren. Durchgängig in all seinen Krimis gestattet ihr Santlofer volksbildnerisch wertvolle kleine Referate – übers Farbensehen, über die Cliquenbildung unter den abstrakten Expressionisten der «NewYork School», über die sogenannte «Entartete Kunst» oder über die unterschiedlichen Grundierungstechniken, mithilfe derer Maler über die Jahrhunderte hinweg ihre Leinwände präparierten. Diese Lectures helfen nicht nur den New Yorker Cops bei der Verbrechersuche; sie dienen darüber hinaus der Erbauung der Krimi-Leser: Die kriegen Spannung geliefert und haben außerdemnoch was gelernt. Kaum verwunderlich, dass Kate, «die Kunstlady von Channel Thirteen», immer dann gerufen wird,wenn die Jungs vom NYPD nicht weiter wissen.Wenn sie, wie in «Der Todeskünstler», rat- und fassungslos vor den blutigen Mord-Inszenierungen eines Serienkillers stehen, der offenbar seinen Ehrgeiz dareinsetzt, seine Schlachtereien Motiven berühmter Kunstwerke nachzustellen, von Davids «Der ermordete Marat» über Tizians «Schindung des Marsyas» bis zu Artemisia Gentileschis «Judith enthauptet Holofernes».Mehr noch: einzig McKinnon ist in der Lage, die Reproduktionen von Kunstwerken richtig zu deuten, die der Todeskünstler in schlichten braunen Umschlägen der Polizei zuschickt, um sein nächstes kunsthistorisch inspiriertes Gemetzel anzukündigen: Schlachtfeste, bei denen stets bekannte Gestalten der New Yorker Kunstwelt – ein Museumsdirektor, eine Performance-Künstlerin, ein Maler minimalistischer Gemälde, eine Kunstgaleristin in Chelsea – als unfreiwillige Hauptdarsteller herhalten müssen, in der Rolle echter Toter in den «Lebenden Bildern» des Killers. In «Farbfehler» wie der um ist McKinnon gefordert, einen psychopathischen Mörder aufzuspüren, der eigene Gemälde am Tatort zurückzulassen pflegt – zumeist Stillleben in bizarren Farben, die aber nicht, wie die Kunsthistorikerin zunächst annimmt, Ernst Ludwig Kirchner und den «Brücke»-Malern nacheifern, sondern eher einem schweren Fall von Farbenblindheit geschuldet sind. Gerne nimmt Santlofer zudem die Gelegenheit wahr, die Trend-Gier der Kunst-Schickeria diesseits und jenseits des Atlantiks milde zu karikieren, indem er sich etwa über «Outsider Art», den Dernier Cri in Chelsea, mokiert.
Fünfzehn Minuten Ruhm – und was dann? Einen festen und ziemlich unheilvollen Platz in seinem Roman-Personalnehmenfreilich die grollendenund vergrämten «Have-Beens» ein – vom Ressentiment zerfressene Künstler, die ihre fünfzehn Minuten Ruhm gehabt haben und dann von der Kunstszene fallengelassen wurden, wie etwa der einst von der «New York School» gemobbte Douglas Hopson, eine düstere Präsenz in Santlofers neuestem Krimi «Tödliche Kunst»: «Er denkt an seine Karriere zurück. Karriere? EinWitz. Einen einzigenArtikel, ein bisschen Lob,und dann…nichtsmehr.» Eine ähnlich verbitterte Gestalt hat sich auch der australischeAutor PeterCarey zumHelden seines sarkastischen Kunstmarkt-Thrillers erkoren, dessen deutscher Titel sogar besser ist als dasOriginal. «Theft.ALove Story» heißt nun, ein wahrer Geistesblitz, «Liebe. Eine Diebesgeschichte ». «Butcher» Boone, ein aus derMode geratener australischerAvantgarde-Maler, vomRuhmund von seinerEhefraugleichermaßenverlassen, gammelt imhinterstenNewSouthWales zornig vor sich hin, ein Künstler im akuten Preisverfall und zudem Hüter seines geistig zurückgebliebenenBruders. Dieser,einFettkloß, ist zugleich dementundvif,undseine schrullige Suada,vonBernhard RobbenmitVerveundSprachwitzübersetzt,bestätigtden Autor als einenMeister der Bauchrednerei. Abernichtnurdas.WorumesPeterCarey in«Theft» vor allemgeht, ist der australische cringe – ein nationaler Minderwertigkeitskomplex,der zu verzerrter Selbst- und Weltwahrnehmung führt.MalerBoone etwa sieht sich als naives «Down-Under»-Genie, das von den abgefeimten Strategen derKunst-Zentren inTokio,Paris,London und New York permanent übers Ohr gehauen wird. Die geheime Pointe: die arglistige New Yorker Kunsthändlerin und GutachterinMarlene, eine Femme fatale, der Boone erotisch verfällt und bei ihren Betrügereien zu Diensten ist, stammt inWahrheit aus einemähnlichenaustralischen Provinznest wie derMaler selbst.
Vom «Leibovitz Estate» kann man was lernen PeterCarey lässt den neugierigen Leser nicht darben:Der bösen Blicke hinter die Kulissen des zeitgenössischen Kunstmarktes gibt es reichlich.Die abartigenKunst-Machenschaften, mit denen sich Kate McKinnon bei Jonathan Santlofer herumzuschlagen hat, werden bei Carey nicht selten übertroffen – schließlich spielt Carey in einer anderen literarischen Liga als Santlofer. Der kompliziertePlotder «Diebesgeschichte»wartet mit überschießenden kriminellen Energien auf: Gemäldewerden gestohlen,gefälscht,übermalt, rückdatiert, mit unrichtigen Signaturen und falschen Gutachten versehen und mit betrügerischen Echtheitszertifikaten ausgestattet. Sie werden unter falscher Flagge außer Landes geschmuggelt, mithilfe eines ruchlosen japanischen Privatsammlers in den internationalen Kunstmarkt eingespeistundgelangenso, ehrbar gewordenundversehenmit scheinbar tadelloserProvenienz,nachNewYork, insMekka der Kunstwelt. Und immer gibt es leichtgläubigeMuseums- Kuratoren, die sich blenden lassen. Die Rolle des Oberdeppen weist Peter Carey übrigens dem Museum Ludwig inKölnzu,eine seiner besonderenGemeinheiten. Was für Jonathan Santlofer der fiktiveMalerDouglasHopson, das ist für Peter Carey der Künstler Jacques Leibovitz, ein fiktiver Weggefährte Picassos aus dessen kubistischer Periode. Die Machenschaften des «Leibovitz Estate» stellen im Roman alles in den Schatten, was der interessierte Zeitungsleser je über die tatsächlichen Nachlass- Verwaltungen etwa JeanArps oder SalvadorDalís erfahren durfte.Dawimmelt es von gierigenKünstler-Witwen,die ein ganzes Jugend-OEuvre ihresVerblichenenposthum zusammenpinseln, von korrupten Gutachtern und von Kunsthändlern, die Fälschungen in Auftrag geben. Doch Peter Careys Spott über den fragwürdigenKult desAuthentischenreicht ins Grundsätzliche, nämlich in die BodenlosigkeitderPreisgestaltung auf demKunstmarkt: «Was sagtman,wennmanfünfMillionen Dollar für einen Jeff Koons zahlt und ihn heimbringt. Was denkt man dann?» Kaum überraschend daher, dass derAutor einenMerksatz in seinemRomanwie einMantrawiederholt, indemalle Fragwürdigkeitenheutiger Luftgeschäftemit zeitgenössischer Kunst gebündelt sind: «Wie kann man wissen, wie viel man zahlen soll, wenn man nicht 58 weiß, was es wert ist?»
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