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Ein Prost mit der Feuerzangenbowle
Der Herr Bueb kann sagen und schreiben, was er will: Schule ist Krieg – und Lehrer sind ebenso oft Krieger wie Kriegsopfer
VON SIBYLLE BERG
Vieles gibt’s,das man vermutlich erst im Herbst des Lebens zu schätzen weiß: Bergwanderungen. Schweigende Ehepaare. Oder Lehrer zum Beispiel. Nicht Tanzlehrer oder Tauchlehrer, sondern jene, die uns am meisten geprägt haben: die Schullehrer. Rückblickend und mit jener milden Verblödung, die man gerne und in völliger Verleugnung der Wahrheit «Weisheit» nennt, hält man den Kopf schief und murmelt: jaja, der Rindlisbacher. Und meint damit eben jenen Rindlisbacher, der einem ein Fach in der Schule nicht zur Hölle machte – den einen Lehrer, dem man aus undurchschaubaren Gründen sympathischwar,der einem den Glauben daran gab,dass außer den Eltern Erwachsene existierten, die einen mögen konnten. Der Rindlisbacher konnte einem die berechtigte Angst vor dem Größerwerden nehmen, und das Grauen, in die Schule zu müssen, jeden Tag in den Krieg, ein wenig abschwächen. Daneben gab es immer auch die anderen: das Böse, den Teufel, die Sünde, den Hass. Lehrer, die einemin unbeobachteten Momenten Kopfnüsse gaben und Tritte in den Hintern (ich komme aus dem Osten, da gab es sowas). Lehrer, die einen mit unverhülltem Ekel behandelten,weil – seien wir ehrlich – manche Kinder abstoßende kleine Würmer sind ,und auch Lehrer Gefühle haben. So lernte man al sKind behutsam und im geschützten Raum etwas über das Funktionieren der Welt. Dieses lässt sich kurz zusammenfassen in: Es gibt immer viele Arschgeigen und ein paar Gute. Später dann, als man der Schule entkommen war, von der man geglaubt hatte, sie sei im Leben das Schlimmste,was man zu überstehen hätte (zahnloses Kichern), interessierten einen Lehrer nicht mehr – bis zu dem diffusen Zeitpunkt, daman begann, kein Jugendlicher mehr zu sein, sondern ein Erwachsener, der unerfreulicherweise meinte, ein Ich entwickeln zu müssen. Damit einher geht zwingend das Entwickeln einer eigenen Meinung, und im Fall der armen Lehrer hieß das:AlleVorurteile,die einem die Welt zu vereinfachen scheinen, verdichteten sich zu einem Bild des Grauens. Der Lehrer konnte nur deutsch sein, in anderen Nationalitäten war dieser Beruf undenkbar. Er hatte graue Haare, ob Mann oder Frau, grobes Knochenwerk und «Die Zeit» abonniert. Der Lehrer klugscheißerte sich mit schneidender Stimme durch dieWelt, und wohl dem, der gesunde Beine hat, um schnell wegzulaufen, wenn er einem dieser Rasse begegnet. Diese Zeit der großen Abgrenzung ist nun vorbei. Jetzt hat, wie erwähnt, die Milde der späten Jahre eingesetzt, die meist nicht mehr ist als eine allumfassende Trägheit des Leibes und der Gedanken, und die lässt Lehrer beinah zu Helden werden. DieWelt ist doch ein besserer Ort geworden, seit mehr Menschen ein wenig gelernt haben. Alles imR ahmen natürlich, denn wenn man irgendetwas versteht im Laufe der Jahre, dann, dass Menschen fast immer eher unangenehme Geschöpfe sind, dass sie meist zuträge sind, um zu lernen, und darum ihren abstoßenden Instinkten eher folgen als dem, was sie inzwischen eigentlich hätten begriffen haben können. Ein Lehrer kann dieWelt zu einem angenehmeren Ort machen, und im guten Fall will er genau das. Man kann großen Schaden anrichten in kleinen dummen Kinderköpfen – oder dort Vernünftiges platzieren. Im besten Fall die Freude daran, erst nachzudenken, bevorman seinen Trieben folgt. Es gibt Lehrer, die genau das wollen. Sie lieben ihre Arbeit, trotz all der unangenehmen Umstände, mit denen sie heute zu tun bekommen. Testosteronüberfluteten Blödkindern mit Waffen in der Tasche und Schäden im Hirn begegnen zumüssen, ist kein Zuckerschlecken. Fast weinen möchte man, wenn man von Lehrern liest, die sich nur bewaffnet zumUnterricht trauen, die von dummen Rüpeln geschlagen werden, die sich verspotten lassen,weil sie an etwas anderes als an Gewalt als Argument glauben. Junge Männer waren schon immer eine Plage, doch früher gingen diese Deppen nicht zur Schule, sondern direkt in den Krieg oder aufs Feld. Jene Kinder wiederum, die nicht mit Messern in die Schule gehen, sind kleine Klugscheißer und drohen dem Lehrpersonal mit Klagen wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte. Die Zeit, da Apotheker, Arzt und Lehrer die Helden im Städtchen waren, denen man mit Heben des Hutes die Tageszeit bot, sind in Europa längst vorbei. Der Beruf wird heute mit keinem Bild mehr verbunden – weder mit dem schmarotzender Alt-68er in Lebensstellung, nochmit jenen hassenswerten Karikaturen von Rohrstock-Diktatoren, die mi tpreußischer Erziehung eine Nation verdorben haben. Lehrer sind heute zu Kriegern geworden. Im günstigsten Fall haben sie diesen Beruf ergriffen, weil sie an das Gute glaubten. An die Lernfähigkeit. Unterbezahlt imVergleich zu dem,was diverse unfähige Manager verdienen, ist der Lehrer ein ökonomisches und soziales Nichts geworden – immermit einem Bein entweder im Krankenhaus oder im Kriminal. Errichtet den Lehrern kleine Denkmäler, Schreine, in denen ihnen geopfert wird. Lest «Die Feuerzangenbowle», verneigt Euch vor ihnen und zieht den Hut, wenn Ihr einen tragt. Lehrer haben einen furchtbaren Job. Doch irgendjemand muss ihn wohl machen.
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