BÜCHNER-PREISTRÄGER JOSEF WINKLER Der Enzn-Sepp und seine Welt Der Büchner-Preisträger 2008 kommt aus einer mythischen Region – als Bauernsohn, Erzministrant und schwarzes Schaf von Kamering. Im Kampf gegen den leiblichen Vater und mithilfe vieler Wahlväter hat der Autodidakt und Bilderstapler den Weg in die Hochliteratur geschafft. Eine Zwei-Tage-Reise ins Kärntner Hinterland
VON SIGRID LÖFFLER
Wo ist der Pfefferspray – haben wir den dabei ?
Keine Sorge: der liegt im Auto, im Handschuhfach.
Und der Freund aus dem Nachbardorf – ist der verständigt worden ?
Weiß der,wann und wo er erwartet wird, als Beistand und Leibwächter ?
Ja doch: der weiß Bescheid.
Josef Winkler wirkt nervös während der knapp einstündigen Autofahrt von Klagenfurt ins Drautal, Richtung Paternion. Ohne Begleitschutz wagt er sich nicht gern nach Kamering, in sein Heimatdorf, das auf halbem Weg liegt zwischen Villach und dem Millstätter See. Ein Besuch in seinem Eltern- und Geburtshaus bedarf sorgfältiger strategischer Vorbereitung. Winklers Frau Christina ist am Steuer, seine Kinder Siri und Kasimir sitzen neben ihm im Fond; doch das genügt kaum, um ihn zu beruhigen.
Als wir ankommen im Dorf, parkt der Wagen des Freundes schon vor dem Hof der Familie Winkler vulgo Enz, und der Freund erwartet uns an der Tür.Alles in Ordnung. Josef Winkler entspannt sich ein wenig.
Sein Verhältnis zu seinem Herkunftsort ist heikel. Mit 55 Jahren ist Winkler heute Kamerings berühmter Sohn:Allein in diesem Herbst werden ihm in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis und in Wien der Große Österreichische Staatspreis verliehen – höhere Ehrungen kann ein Schriftsteller im deutschen Sprachraum nicht erreichen. Zugleich aber ist er immer noch der Enzn-Sepp, Kamerings berüchtigtes schwarzes Schaf. Eben seinen literarischen Ruhm verzeihen ihm manche Dörfler nicht. Sie sehen in Winkler den missratenen, in die Kunst entlaufenen Bauernsohn, der davon lebt, seine Familie und sein Dorf vor der Welt schlecht zu machen. Wie es so oft geschieht, verwechseln auch die Kameringer Leben und Literatur und fühlen sich in Winklers Büchern portraitiert. Unvorteilhaft, versteht sich.Andererseits hat Josef Winkler vom Anfang seiner Autoren-Karriere an nie gezaudert, seine Umwelt erkennbar, oft 6 sogar mit Klarnamen, zu Literatur zu transformieren – aus werkproduktiver Notwendigkeit.
Ermöge aufpassen,sich nicht erwischen lassen,nicht allein in die Auen gehen, so warnt der greise Ackermann seinen Schriftsteller-Sohn in Winklers Buch «Roppongi»: Einige Dörfler würden ihm gern einen Denkzettel verpassen, ihn zusammenschlagen, ihn«einmal so richtig durch wampsen ». Sogar von Lynchmord-Phantasien wird der Alte im Buch gepeinigt: Er habe Angst, dass der Sohn bei seinem Begräbnis erschlagen würde, lässt er ausrichten.
In des: der Pfefferspray wird nicht benötigt an diesem hochsommerlichen Sonntagmorgen, alles bleibt ruhig, und auch der Freund und Beschützer kann sich baldverabschieden, in der Gewissheit, dass schon nichts passierenwird. Wie ausgestorben wirkt das 200-Seelen-Dorf, in demes schon lange keinen Laden und kein Wirtshaus mehr gibt; sogar der Pfarrhof oben auf dem Bühel steht mangels Dorf-Geistlichem zum Verkauf. Kein Menschlässt sich blicken auf der langen Dorfstraße, hinunter bis zum Friedhof neben der Pfarrkirche unten an der Drau, wo Winklers Großeltern und auch sein Vater Jakob begraben liegen. Mit 99 jahren ist der Enzn-Bauer, der Patriarch, imJahr 2004 gestorben; der Held von Josef Winklers Roman «Der Ackermann aus Kärnten».
Dennoch wird der Schriftsteller das Gefühl nicht los, hinter jedem Fenster an der Dorfstraße lauere ein Feind, der ihn verstohlen und scheeläugig beobachtet. Schon vor zwanzig Jahren, in seinem Roman «Der Leibeigene», ging der Ich-Erzähler tagsüber nicht gern aus dem Haus, und wenn, dann blickte er schnell zu den Dachbodenfenstern hinauf, «die groß genug sind, um einen Gewehrlauf herauszuschieben». Der Enzn-Sepp wird im Dorf schon lange nicht mehr gegrüßt, geschweige denn irgendwo ins Haus gebeten. Womöglich telefonieren sich seine drei Hauptfeinde im Dorf eben jetzt zusammen,um sich für alle literarischen Verunglimpfungen gemeinsam an ihm zu rächen ? Halb ängstlich, halbwollüstig stellt sich Winkler dieses bedrohliche Szenario vor und scheint doch insgeheim stolz zu sein auf seine herausgehobene Rolle als Nestbeschmutzer und geächteter Außenseiter, als des Dorfes vornehmster Intim-Feind. Der Dichter und sein Kaff: Wer ist hier der Stachel im Fleisch des andern?
Als der Sohn den Vater noch riechen konnte Wir sitzen in der Küche seines Elternhauses, gleich links neben dem Flur, in dem ein altes Telefon an der Wand hängt. Das Haus wird nun von Frau Enzin, der verwitweten Mutter des Autors, und seiner Schwester alleinbewohnt. Die Frauen sind freundlich, doch schweigsam. Sofort wird Winkler wieder zum Muttersohn, zum schmächtigen, blassen Buben, der herausgefüttert werden muss.Gehorsam löffelt er die Suppe, die ihm die Mutter hinstellt. Das Gehöft ist stillgelegt, der Rinderstall steht seit langem leer, der Misthaufen hinterm Haus ist verschwunden, der ehemalige Obstgarten teilweise asphaltiert. Die Küche ist immer noch der Mittelpunkt desHauses – hier werden Gäste empfangen, hier wird gekocht, gegessen und gewohnt, zwischen dem Herrgottswinkel und dem alten Kohlenherd,
dem Diwan desVaters und dem kleinen Fernseher an der Wand gegenüber.
Der sauber geschrubbteTisch ist noch derselbe, an dem Josef Winkler als Kind im Kreise der Geschwister und Knechte sitzenmusste, immer eingeklemmt zwischen Vater und Mutter, bei allen Mahlzeiten. «Dort konnte ich denVater riechen», erinnert sich der Sohn, «er roch nach Arbeitsschweiß,Heu,Wald und Holz. Das war die größte körperliche Nähe, die ich je zu ihm hatte.» Die einzigen Momente liebevollen Einverständnisses mit dem Vater, die Winkler heute ins Gedächtnis kommen, sind die zufriedenen Blickwechsel, wenn die beiden im Keller wieder einmal gemeinsam Ratten erschlagen hatten und einander danach zärtlich zulachten.
Der Fernseher ist noch derselbe, in dem derVater vor Jahrzehnten einen ZDF-Filmüber den mittleren seiner fünf Söhne, den Schriftsteller, zu sehen bekam und, so erzählt Winkler, «das ersteMal von meinen gegen ihn gerichteten Hass-und Verzweiflungsgefühlenerfuhr». Der Vater hatte sich auf den Filmgefreut, er war danach überrascht und bestürzt, und der Sohn hat sich damals geschämt. Nach dem seine Roman-Trilogie «Das wilde Kärnten» erschienen war, seine Anklageschrift gegen den allgewaltigenVater, das große Dokument seinerVater- und Dorf-Feindschaft, hat der Autor sich lange nicht nach Hause gewagt und das Elternhaus für Jahre gemieden. Seit damals toben die Bauernkriege zwischen Winkler und Kamering. Und der Besucherin wird klar: Diese Wochenend- Reise in Winklers Welt führt nicht nur in das Herrschaftsgebiet des leiblichen Vaters – als exorzistische Übung –, sondern gilt auch den Wunsch-Vätern des Autors, die er im Laufe dieser zwei Tage gebührend vorstellen wird. Schließlich hat die Fahrt bereits bei einem literarischen Wahlvater begonnen – mit einem Besuch am Grab Julien Greens in der Klagenfurter Stadtpfarrkirche.
Schöndarm Pelé und Raudi Miklau In seinem Buch «Roppongi» hat Winkler seinen drei Hauptfeinden im Dorf Tarnnamen gegeben, und auch die Grauslichkeiten, die er ihnen literarisch nachsagt, sind zum Teil erfunden – aber eben nur zum Teil. Engstirnigkeit, Habsucht und Missgunst, Bigotterie 8 und Frömmelei, Hass gegen Außenseiter und Abweichler wirft er ihnen vor, im Falle des Dorfpolizisten «Schöndarm Pelé» gepaart mit heimlicher Porno-Sucht. Er wütet auch gegen die verlogenen Frauen seiner Feinde. Und dann hebt er ab in die Imagination, in die schwarze Groteske,wenn er dem einen scheinheiligen Bauern einen Kropf voller geweihter Hostien an den Hals phantasiert und dem anderen boshaft andichtet, er sei im Suff von den eigenen Schweinen im Koben entmannt worden.
Nicht nur Winklers Vater, der Enzn-Bauer, das ganze Dorf war von solcher Mischung aus Fakten und Fiktionen, aus Realität und Phantasie überfordert. Die Kameringer begreifen den Wirkungsmechanismus dieser Art von Literatur nicht, die nach dem Prinzip funktioniert: Wer sich zu erkennen gibt, der ist es. Andererseits dämmert ihnen inzwischen,während sie sich noch in wilden Drohungen gegen Winklers Leib und Leben ergehen:«Es kommt nur drauf an, wie die Medien drauf reagieren werden.» Doch die garstige Komik des Ganzen zu sehen– dazu fehlt allen Parteien im Dorf der Humor.Hier wird alles blutig ernst genommen.
Winkler zieht einen Brief hervor, in braver Schulmädchen schrift geschrieben von einer Frau, die er im Buch «Raudi Miklau» nennt. Die erboste Dörflerin droht
darin, den Autor gerichtlich dafür zu verklagen,was er ihr in seinem Buch nachsage, wie ihr gerüchtweise zugetragen worden sei. Und in «Roppongi» lesen wir: «Ein Jahr vor seinem Tod rief mich der achtundneunzigjährige Vater in Klagenfurt an und schrie ins Telefon: ‹Sepp! Was bist denn du für ein Schwein, ein richtiger Sauhund bist du! Was hast du denn schon wieder über den Lemmerhofer Frido geschrieben ? Seine Frau soll ihn in den Schweinestall geworfen haben, besoffen soll er gewesen sein, und die Schweine sollen ihm die Hoden abgefressen haben, während er ohnmächtig vom Suff im Dreck gelegen ist? Das stimmt ja alles nicht! Das hat mir der Lemmerhofer auf der Gartenbank erzählt. Was bist denn du für ein Mensch! Ich sage dir nur eines! Wenn ich einmal nicht mehr bin,dann möchte ich nicht, daß du zu meinem Begräbnis kommst!›»
Den vollständigen Text finden Sie im Heft.