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| Ausgabe 10/08 |
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EDITORIAL SCHWERPUNKT BÜCHNER-PREISTRÄGER JOSEF WINKLER: DER ENZN-SEPP UND SEINE WELT Josef Winkler fällt aus dem Rahmen: ein Kärntner Bauernjunge aus bildungsfernem, rabiat katholischem Milieu, der gegen massive Widerstände zu sich und einer eigenen Sprache fand. Am Enzn- Hof, dem Familienanwesen im Drautal, erhellen sich Winklers luchten zu den Begräbnis-Orten und -Riten Süditaliens, Indiens und Mexikos | GASTLAND FRANKFURTER BUCHMESSE Jürgen Gottschlich Anatolische Tiger, autoritäre Dompteure Die Türkei hat an Freiheit gewonnen – und droht zugleich, immer konservativer zu werden. Politische Bücher zur Lage am Bosporus DAS KRIMINAL Lux in tenebris Im leuchtenden München verwechselt Franz Schuh Schampagner mit «Schampanninger» und lernt einen neoliberalen Modesport kennen BÜCHER DES MONATS Jens Balzer Jon Savage: Teenage Frauke Meyer-Gosau Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld Kurt Darsow Josef H. Reichholf: Warum die Menschen sesshaft wurden Sigrid Löffler Martin Amis: Haus der Begegnungen Niels Werber Jürgen Link: Bangemachen gilt nicht Jutta Person Thomas von Steinaecker: Geister KINDERBÜCHER Fridtjof Küchemann Dionysos als Scheidungskindberater Drei Jugendbücher erzählen von zerbrechenden Familien – eine gemischte Lektüre, nicht nur für Scheidungskinder GESELLSCHAFTSGESCHICHTE Patrick Bahners Ein Monument der industriellen Welt Der Historiker Hans-Ulrich Wehler schließt seine epochale «Deutsche Gesellschaftsgeschichte» ab BRIEFWECHSEL Frauke Meyer-Gosau: «Wer bin ich für Dich, nach soviel Jahren?» Im Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erwacht die Lebens- und Literatur-Geschichte zweier bedeutender Nachkriegs-Autoren neu DAS JOURNAL Rezensionen neuer Bücher von Frans de Waal || Olga Flor || Karl-Heinz Ott || Dominic Johnson || Judith Kuckart || Ben Ratcliff || Jewgenij Grischkowez || Jan Koneffke || Volker Schlöndorff Bildbände von Elger Esser || Julian Opie || Joanna Cohan Scherer (Hg.) DIE BEISEITE Sibylle Berg Zwischen Kisch und Kerkeling Triviales findet seinen Weg nicht von allein zum Käufer. Warum sich Zeitgeist-Feuilletons vornehmlich mit Ausscheidungen und Fußwanderungen befassen REISELITERATUR Ronald Düker Der ewige Ritt durchs Global Village Zum Berg Ararat, nach Samarkand und um die ganze Welt: Drei Expeditionsberichte werfen die Frage auf, wie zeitgemäß die gute alte Bildungsreise noch ist KURZ & BÜNDIG Bücher von Jakob Hein || Martina Lehner || Ulla Lenze || Enzo Traverso || Carla Guelfenbein || Eric Weiner Bildbände von Richard Avedon || Bettina Hausler (Hg.) DAS MAGAZIN Mitten aus New York || Kalender || Literatur im Kino || Hörbücher || Netzkarte || Was liest Ulrich Peltzer? || Jetzt als Taschenbuch IMPRESSUM VORSCHAU, P. S., REGISTER
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Editorial |
Papier, liebe Leserin, lieber Leser, ist bekanntlich geduldig. Doch während Sie das neue LITERATUREN-Heft aufblättern, hat der Buchmarkt bereits jede Geduld verloren.Das spüren zunächst die Kritiker. Es ist längst üblich, dass große Verlage ihren Vorschauen auf das jeweilige Frühlings- oder Herbstprogramm so genannte Vor-Vorschauen voranschicken. In dieser hochtourigen Zeit bricht aber der Random House-Konzern, zu dem so traditionsbewusste Verlage wie DVA, Manesse oder Siedler gehören, nun jeden Geschwindigkeitsrekord: Im Spätsommer 2008 – die aktuellen Herbst- Titel sind noch nicht einmal gedruckt, geschweige denn im Handel – beliefert er Buchhandel und Redaktionen mit den kompletten Katalogen zum Bücherfrühling des Jahres 2009.Der Betrieb überholt sich selbst:Morgen wird nichts so antiquiert sein wie das Buch von heute. Schließlich hat die Konkurrenz des Internet auch schon dazu geführt, dass die Tageszeitung von heute im Grunde genommen bloß noch die Zeitung von gestern ist. Im digitalen Zeitalter sieht es so aus, als ob das Buch selbst zum Dinosaurier werden könnte – digitale Lesegeräte wie das «Amazon Kindle» sind bereits in den Feuilletons getestet und für gut befunden worden.Wird das Buch also bald zum Liebhaber-Objekt wie die Vinyl-Schallplatte, die durch CD und iPod fast verdrängt worden ist? Darüber sind kaum seriöse Voraussagen zu treffen – so wenig wie darüber, ob das neue Lesemedium Einfluss auf künftige Buch-Inhalte haben wird.Der Ruf nach einer originären Internet-Literatur jedenfalls hat keine neue Kunst hervorgebracht. Autoren wie Josef Winkler, Büchner-Preisträger und Titelheld dieser Ausgabe, werden solche Zeitdiagnosen kaum bekümmern. Er schöpft aus der Alltagsmythologie seiner Kärntner Heimat, in der sich ein archaischer Volks-Katholizismus noch heute der wundersamsten Lebendigkeit erfreut (S. 4). Reiseberichte vom Ararat und aus Zentralasien künden von staubigen Touren fernab der Datenautobahn (S. 76), Ingeborg Bachmann und Paul Celan schrieben einander leidenschaftliche Briefe (S. 56) – wie hätte sich ihre Korrespondenz wohl im Medium SMS gestaltet? Ob analog oder digital, auf Papier oder auf dem Bildschirm – wir werden auch künftig die erforderliche Geduld aufbringen, die interessantesten und wichtigsten Bücher für Sie zu lesen. Entsprechend anregende Lektüren wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion
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BÜCHNER-PREISTRÄGER JOSEF WINKLER Der Enzn-Sepp und seine Welt Der Büchner-Preisträger 2008 kommt aus einer mythischen Region – als Bauernsohn, Erzministrant und schwarzes Schaf von Kamering. Im Kampf gegen den leiblichen Vater und mithilfe vieler Wahlväter hat der Autodidakt und Bilderstapler den Weg in die Hochliteratur geschafft. Eine Zwei-Tage-Reise ins Kärntner Hinterland VON SIGRID LÖFFLER Wo ist der Pfefferspray – haben wir den dabei ? Keine Sorge: der liegt im Auto, im Handschuhfach. Und der Freund aus dem Nachbardorf – ist der verständigt worden ? Weiß der,wann und wo er erwartet wird, als Beistand und Leibwächter ? Ja doch: der weiß Bescheid. Josef Winkler wirkt nervös während der knapp einstündigen Autofahrt von Klagenfurt ins Drautal, Richtung Paternion. Ohne Begleitschutz wagt er sich nicht gern nach Kamering, in sein Heimatdorf, das auf halbem Weg liegt zwischen Villach und dem Millstätter See. Ein Besuch in seinem Eltern- und Geburtshaus bedarf sorgfältiger strategischer Vorbereitung. Winklers Frau Christina ist am Steuer, seine Kinder Siri und Kasimir sitzen neben ihm im Fond; doch das genügt kaum, um ihn zu beruhigen. Als wir ankommen im Dorf, parkt der Wagen des Freundes schon vor dem Hof der Familie Winkler vulgo Enz, und der Freund erwartet uns an der Tür.Alles in Ordnung. Josef Winkler entspannt sich ein wenig. Sein Verhältnis zu seinem Herkunftsort ist heikel. Mit 55 Jahren ist Winkler heute Kamerings berühmter Sohn:Allein in diesem Herbst werden ihm in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis und in Wien der Große Österreichische Staatspreis verliehen – höhere Ehrungen kann ein Schriftsteller im deutschen Sprachraum nicht erreichen. Zugleich aber ist er immer noch der Enzn-Sepp, Kamerings berüchtigtes schwarzes Schaf. Eben seinen literarischen Ruhm verzeihen ihm manche Dörfler nicht. Sie sehen in Winkler den missratenen, in die Kunst entlaufenen Bauernsohn, der davon lebt, seine Familie und sein Dorf vor der Welt schlecht zu machen. Wie es so oft geschieht, verwechseln auch die Kameringer Leben und Literatur und fühlen sich in Winklers Büchern portraitiert. Unvorteilhaft, versteht sich.Andererseits hat Josef Winkler vom Anfang seiner Autoren-Karriere an nie gezaudert, seine Umwelt erkennbar, oft 6 sogar mit Klarnamen, zu Literatur zu transformieren – aus werkproduktiver Notwendigkeit. Ermöge aufpassen,sich nicht erwischen lassen,nicht allein in die Auen gehen, so warnt der greise Ackermann seinen Schriftsteller-Sohn in Winklers Buch «Roppongi»: Einige Dörfler würden ihm gern einen Denkzettel verpassen, ihn zusammenschlagen, ihn«einmal so richtig durch wampsen ». Sogar von Lynchmord-Phantasien wird der Alte im Buch gepeinigt: Er habe Angst, dass der Sohn bei seinem Begräbnis erschlagen würde, lässt er ausrichten. In des: der Pfefferspray wird nicht benötigt an diesem hochsommerlichen Sonntagmorgen, alles bleibt ruhig, und auch der Freund und Beschützer kann sich baldverabschieden, in der Gewissheit, dass schon nichts passierenwird. Wie ausgestorben wirkt das 200-Seelen-Dorf, in demes schon lange keinen Laden und kein Wirtshaus mehr gibt; sogar der Pfarrhof oben auf dem Bühel steht mangels Dorf-Geistlichem zum Verkauf. Kein Menschlässt sich blicken auf der langen Dorfstraße, hinunter bis zum Friedhof neben der Pfarrkirche unten an der Drau, wo Winklers Großeltern und auch sein Vater Jakob begraben liegen. Mit 99 jahren ist der Enzn-Bauer, der Patriarch, imJahr 2004 gestorben; der Held von Josef Winklers Roman «Der Ackermann aus Kärnten». Dennoch wird der Schriftsteller das Gefühl nicht los, hinter jedem Fenster an der Dorfstraße lauere ein Feind, der ihn verstohlen und scheeläugig beobachtet. Schon vor zwanzig Jahren, in seinem Roman «Der Leibeigene», ging der Ich-Erzähler tagsüber nicht gern aus dem Haus, und wenn, dann blickte er schnell zu den Dachbodenfenstern hinauf, «die groß genug sind, um einen Gewehrlauf herauszuschieben». Der Enzn-Sepp wird im Dorf schon lange nicht mehr gegrüßt, geschweige denn irgendwo ins Haus gebeten. Womöglich telefonieren sich seine drei Hauptfeinde im Dorf eben jetzt zusammen,um sich für alle literarischen Verunglimpfungen gemeinsam an ihm zu rächen ? Halb ängstlich, halbwollüstig stellt sich Winkler dieses bedrohliche Szenario vor und scheint doch insgeheim stolz zu sein auf seine herausgehobene Rolle als Nestbeschmutzer und geächteter Außenseiter, als des Dorfes vornehmster Intim-Feind. Der Dichter und sein Kaff: Wer ist hier der Stachel im Fleisch des andern? Als der Sohn den Vater noch riechen konnte Wir sitzen in der Küche seines Elternhauses, gleich links neben dem Flur, in dem ein altes Telefon an der Wand hängt. Das Haus wird nun von Frau Enzin, der verwitweten Mutter des Autors, und seiner Schwester alleinbewohnt. Die Frauen sind freundlich, doch schweigsam. Sofort wird Winkler wieder zum Muttersohn, zum schmächtigen, blassen Buben, der herausgefüttert werden muss.Gehorsam löffelt er die Suppe, die ihm die Mutter hinstellt. Das Gehöft ist stillgelegt, der Rinderstall steht seit langem leer, der Misthaufen hinterm Haus ist verschwunden, der ehemalige Obstgarten teilweise asphaltiert. Die Küche ist immer noch der Mittelpunkt desHauses – hier werden Gäste empfangen, hier wird gekocht, gegessen und gewohnt, zwischen dem Herrgottswinkel und dem alten Kohlenherd, dem Diwan desVaters und dem kleinen Fernseher an der Wand gegenüber. Der sauber geschrubbteTisch ist noch derselbe, an dem Josef Winkler als Kind im Kreise der Geschwister und Knechte sitzenmusste, immer eingeklemmt zwischen Vater und Mutter, bei allen Mahlzeiten. «Dort konnte ich denVater riechen», erinnert sich der Sohn, «er roch nach Arbeitsschweiß,Heu,Wald und Holz. Das war die größte körperliche Nähe, die ich je zu ihm hatte.» Die einzigen Momente liebevollen Einverständnisses mit dem Vater, die Winkler heute ins Gedächtnis kommen, sind die zufriedenen Blickwechsel, wenn die beiden im Keller wieder einmal gemeinsam Ratten erschlagen hatten und einander danach zärtlich zulachten. Der Fernseher ist noch derselbe, in dem derVater vor Jahrzehnten einen ZDF-Filmüber den mittleren seiner fünf Söhne, den Schriftsteller, zu sehen bekam und, so erzählt Winkler, «das ersteMal von meinen gegen ihn gerichteten Hass-und Verzweiflungsgefühlenerfuhr». Der Vater hatte sich auf den Filmgefreut, er war danach überrascht und bestürzt, und der Sohn hat sich damals geschämt. Nach dem seine Roman-Trilogie «Das wilde Kärnten» erschienen war, seine Anklageschrift gegen den allgewaltigenVater, das große Dokument seinerVater- und Dorf-Feindschaft, hat der Autor sich lange nicht nach Hause gewagt und das Elternhaus für Jahre gemieden. Seit damals toben die Bauernkriege zwischen Winkler und Kamering. Und der Besucherin wird klar: Diese Wochenend- Reise in Winklers Welt führt nicht nur in das Herrschaftsgebiet des leiblichen Vaters – als exorzistische Übung –, sondern gilt auch den Wunsch-Vätern des Autors, die er im Laufe dieser zwei Tage gebührend vorstellen wird. Schließlich hat die Fahrt bereits bei einem literarischen Wahlvater begonnen – mit einem Besuch am Grab Julien Greens in der Klagenfurter Stadtpfarrkirche. Schöndarm Pelé und Raudi Miklau In seinem Buch «Roppongi» hat Winkler seinen drei Hauptfeinden im Dorf Tarnnamen gegeben, und auch die Grauslichkeiten, die er ihnen literarisch nachsagt, sind zum Teil erfunden – aber eben nur zum Teil. Engstirnigkeit, Habsucht und Missgunst, Bigotterie 8 und Frömmelei, Hass gegen Außenseiter und Abweichler wirft er ihnen vor, im Falle des Dorfpolizisten «Schöndarm Pelé» gepaart mit heimlicher Porno-Sucht. Er wütet auch gegen die verlogenen Frauen seiner Feinde. Und dann hebt er ab in die Imagination, in die schwarze Groteske,wenn er dem einen scheinheiligen Bauern einen Kropf voller geweihter Hostien an den Hals phantasiert und dem anderen boshaft andichtet, er sei im Suff von den eigenen Schweinen im Koben entmannt worden. Nicht nur Winklers Vater, der Enzn-Bauer, das ganze Dorf war von solcher Mischung aus Fakten und Fiktionen, aus Realität und Phantasie überfordert. Die Kameringer begreifen den Wirkungsmechanismus dieser Art von Literatur nicht, die nach dem Prinzip funktioniert: Wer sich zu erkennen gibt, der ist es. Andererseits dämmert ihnen inzwischen,während sie sich noch in wilden Drohungen gegen Winklers Leib und Leben ergehen:«Es kommt nur drauf an, wie die Medien drauf reagieren werden.» Doch die garstige Komik des Ganzen zu sehen– dazu fehlt allen Parteien im Dorf der Humor.Hier wird alles blutig ernst genommen. Winkler zieht einen Brief hervor, in braver Schulmädchen schrift geschrieben von einer Frau, die er im Buch «Raudi Miklau» nennt. Die erboste Dörflerin droht darin, den Autor gerichtlich dafür zu verklagen,was er ihr in seinem Buch nachsage, wie ihr gerüchtweise zugetragen worden sei. Und in «Roppongi» lesen wir: «Ein Jahr vor seinem Tod rief mich der achtundneunzigjährige Vater in Klagenfurt an und schrie ins Telefon: ‹Sepp! Was bist denn du für ein Schwein, ein richtiger Sauhund bist du! Was hast du denn schon wieder über den Lemmerhofer Frido geschrieben ? Seine Frau soll ihn in den Schweinestall geworfen haben, besoffen soll er gewesen sein, und die Schweine sollen ihm die Hoden abgefressen haben, während er ohnmächtig vom Suff im Dreck gelegen ist? Das stimmt ja alles nicht! Das hat mir der Lemmerhofer auf der Gartenbank erzählt. Was bist denn du für ein Mensch! Ich sage dir nur eines! Wenn ich einmal nicht mehr bin,dann möchte ich nicht, daß du zu meinem Begräbnis kommst!›» Den vollständigen Text finden Sie im Heft.
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Gastland Frankfurter Buchmesse |
Anatolische Tiger, autoritäre Dompteure. Die Türkei hat in den vergangenen Jahren an Freiheit und Reichtum gewonnen – und droht zugleich, immer konservativer zu werden.Politische Bücher zur Lage am Bosporus VON JÜRGEN GOTTSCHLICH «Der Tschador ist der erste Schritt zur Burka», heißt es in diesem Buch. «Er ist nicht das harmlose Kopftuch, das unsere Großmütter trugen. Er ist wie eine Brücke in unseren Köpfen. Wird die Verhüllung erst zur Moral gemacht, dann geht es immer weiter so, nur finsterer und finsterer. Dann kennt die Verhüllung kein Ende bis hin zum Leichentuch.»Der Roman «Tschador» von Murathan Munganent wirft eine düstere Vision über ein fiktives Land nach einer blutigen islamistischen Revolution. Mungan, einer der erfolgreichsten türkischen Schriftsteller,kommt aus Mardin, einer Stadt an der syrischen Grenze, die bis heute einen arabischen Einschlag hat. Er stattet seine Figuren zwar mit Namen aus, die arabische oder iranische Assoziationen wecken, doch sein Buch ist ein klares Statement zur Zukunft der Türkei: So könnte der Alptraum aussehen. «Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus», «Kulturkampf in der Türkei», «Land zwischen Tradition und Moderne»: so heißen die Titel der politischen Sachbücher, die in diesem Herbst erscheinen,wenn das Landauf der Frankfurter Buchmesse zu Gast ist (zu den literarischen Neuerscheinungen siehe LITERATUREN 9/2008). Droht in der Türkei tatsächlich eine «islamistische Revolution» oder, als entgegengesetztes Extrem, eine nationalistische Isolation mit Faschistischen Tendenzen? Oder gar eine Mischung aus beidem? Auch wenn das Land dramatische Monate hinter sich hat, auch wenn die kommenden Jahre Krisen zuhauf versprechen – so dramatisch verhält es sich nicht. Tatsächlich befindet die Türkei sich in einem enormen Modernisierungsschub, mit rasanter ökonomischer Entwicklung und ungeklärtem ideologischen Überbau. Alte Gewissheiten werden geschleift, neue, die gesamte Gesellschaft verbindende Überzeugungen gibt es noch nicht. Das Land ist gespalten: auf der einen Seite die Anhänger der regierenden islamischen Partei für Fortschritt und Gerechtigkeit (AKP), auf der anderen ein breites Spektrum von Leuten, die fürchten, die AKP wolle nach der kemalistischen nun wieder die islamische Kleiderordnung einführen. Wobei die äußeren Accessoires durchaus eine tiefere Bedeutung haben, als nur die Zugehörigkeit zu einer Ideologie oder einer Gruppe anzuzeigen; sie geben auch Auskunft über die reale Machtverteilung im Land. Eine Auseinandersetzung seit Atatürks Zeiten Die Spaltung zwischen Islamisten und Säkularisten ist jedoch nicht die einzige Trennlinie in der Türkei. Hinzu kommt die ebenfalls seit vielen Jahrzehnten virulente ethnische Spaltung zwischen Türken und Kurden. Hinzu kommen auch die tiefen Gräben zwischen dem sunnitischen Islam der Mehrheit und den schiitischen Aleviten. Außerdem sind da, wenn sie auch zahlenmäßig kaum noch ins Gewicht fallen, die christlichen Minderheiten. Deren Religionsfreiheit wurde zu einer Bewährungsprobe für den EU-Beitrittsprozess: Die Vertreibung von Christen während der letzten hundert Jahre erwies sich als schwere Hypothek. Diese Unterströme der türkischen Gesellschaft überdeckt seit etwa zwei Jahren ein erbitterter Machtkampf zwischen alten und neuen Eliten. Zu den Ersteren gehören das Militär, fast der gesamte bürokratische Apparat einschließlich der Justiz sowie ein Teil des großen Kapitals. Die neuen Eliten um die AKP sind disparat:die bislang zu kurz gekommenen Einwanderer vom Land in die großen Städte; eine neue, islamisch geprägte Bourgeoisie, die so genannten anatolischen Tiger, die mit Unterstützung der AKP zu Geld gekommen sind und die bisherige Unternehmerschicht herausfordern; aber auch eine ganz traditionelle, ebenfalls islamisch geprägte Mehrheit in der anatolischen Provinz, die bereits seit 1950 in mehreren Anläufen versucht hat, ihr konservatives, patriarchalisches Weltbild gegen die kemalistische Doktrin vom Westlich orientierten, laizistischen, nationalistischen Staat durchzusetzen. Letztlich ist diese Auseinandersetzung bereits seit dem Ende der kemalistischen Erziehungsdiktatur im Gange: seit die Türkei mit einer beispiellosen Kulturrevolution aus dem islamischen Kulturkreis des Osmanischen Reiches herauskatapultiert und zu einem Mitglied der westlichen Zivilisation gemacht werden sollte. Auf die Abschaffung des Kalifats 1924 folgte ein Jahr später der erste große kurdische Aufstand, angeführt von Scheich Said aus dem Nakshibendi-Orden. Mustafa Kemal (1881–1938), der spätere Atatürk, ließ daraufhin sämtliche islamische Ordenverbieten.1926 setzte Kemal durch, dass der Schleier für die Frau ebenso verboten wurde wie der Fes, die islamische Kopfbedeckung für den Mann. Nach französischem und schweizerischem Vorbild löste ein Bürgerliches Gesetzbuch die Scharia als Quelle der Rechtsprechung ab. Kurz darauf wurde die arabische Schrift durch die lateinische ersetzt: die endgültige Abwendung von der alten osmanischen Kultur. Auch der Gebetsruf erklang nicht mehr in Arabisch, sondern auf Türkisch. 1934 wurde das aktive und passive Wahlrecht für Frauen eingeführt – früher als in den meisten westeuropäischen Ländern. Die kemalistische Revolution hat das Land dramatisch verändert; aber es war eine Revolution von oben, die autoritär, auch gewaltsam durchgesetzt wurde. Gegen all diese Maßnahmen hat es bis in die Mitte der 1930er Jahre bewaffnete Aufstände gegeben. Und nachdem das Mehrparteien-System eingeführt wurde, entstand sofort auch eine starke parlamentarische Opposition gegen den Kemalismus.  | Die kemalistische Revolution hat das Land dramatisch verändert – aber es war eine Revolution von oben, autoritär und gewaltsam. | Die erfolgreichste Partei seit 1950 Der Islamwissenschaftler Gerhard Schweizer beschreibt in seinem Buch «Die Türkei. Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus» die Entwicklung des politischen Islam als Dauer- Opposition gegen den Kemalismus besonders anschaulich. Bereits bei den ersten freien Wahlen 1950 gewann die in Opposition zur kemalistischen CHP stehende Demokratische Partei. Sie war es auch, die in den anschließenden zehn Jahren mit Adnan Menderes den Ministerpräsidenten stellte. Seit jener Zeit konnten die CHP oder aus ihr hervorgegangene Parteien nur noch zweimal stärkste Partei werden und die Wahlen gewinnen, jeweils unter Führung des charismatischen Linksnationalisten Bülent Ecevit. Dreimal putschte das Militär konservative, mehr oder weniger islamisch orientierte Regierungen aus dem Amt .Wobei der letzte klassische Putsch 1980 – als das Militär, anders als in den folgenden zwei Jahrzehnten, noch die Panzer aus den Kasernen rollen ließ – sich weniger als gegen die konservative Regierung des Ecevit-Konkurrenten Süleyman Demirel richtete als vielmehr gegen die starke außerparlamentarische Linke. Tatsächlich führte die Militärjunta Anfang der 80er Jahre sogar den Religionsunterricht an den Schulen wieder ein. Sie tolerierte die islamische Bewegung weitgehend, weil sie glaubte, die Jugend so von der Linken fernhalten zu können.Eine Strategie, die tatsächlich aufging.Nur,dass die Generäle ein Jahrzehnt später die Geister, die sie gerufen hatten, nicht mehr kontrollieren konnten. Der politische Islam gewann zunehmend an Stärke – bis 1996 mit Necmettin Erbakan ein radikaler Islamist Ministerpräsident werden konnte. Dass Erbakan bereits nach einem guten halben Jahr abdanken musste, ging zwar auf Druck des Militärs zurück, doch sein Sturz war auch von großen Demonstrationen säkularer Türken begleitet, die sich gegen die Re-Islamisierung wehrten, die Erbakan im Innern und mit seiner nach Osten ausgerichteten Außenpolitik durchführen wollte. Der heutige Ministerpräsident Tayyip Erdogan und sein engster politischer Weggefährte, Staatspräsident Abdullah Gül, sind beide ehemalige Kronprinzen Erbakans. Gül war unter Erbakan Regierungssprecher, Erdogan Oberbürgermeister von Istanbul. Und beide gingen nach Erbakans Sturz und dem Verbot seiner Wohlfahrtspartei auf Distanz zu ihrem früheren Mentor. Um die Jahrtausendwende gründeten sie ihre eigene Organisation: eben die AKP, die erfolgreichste Parteigründung des Landes, seit dem1950 die Demokratische Partei als erste Opposition zu den Kemalisten ihren Einstand mit einem überwältigen Sieg feierte.Bereits knapp zwei Jahre nach ihrer Gründung, im November 2002, errang die AKP einen historischen Wahlsieg. Danach blieben alle zuvor an der Regierung beteiligten Parteien unter der in der Türkei geltenden Zehn-Prozent-Hürde und zogen nicht wieder ins Parlament ein. Das Geheimnis des Erfolgs der AKP hat nicht nur einen Grund. Zuerst einmal straften die Wähler die vorherige Regierung ab, eine wackelige Koalition von Links- und Rechtsnationalisten unter Führung des greisen Bülent Ecevit, weil diese das Land in ein völliges ökonomisches Desaster geführt hatte .Doch die AKP ist mehr als nur Projektionsfläche für Protestwähler. Erdogan und Gül gelang es, eine beispiellose gesellschaftliche Allianz hinter sich zu bringen: angefangen von den Armen in den Vorstädten, die in dem Aufstieg der beiden ein Rollenmodell für sich selbst sehen, über die konservativen Provinz-Honoratioren, die Erdogan als gläubigen, nicht korrupten Muslim wählten, bis hin zu einflussreichen Liberalen und westlich orientierten Unternehmern, die hofften, mit der AKP den autoritären Druck des kemalistischen Systems abschütteln zu können. Die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg war jedoch, dass die AKP sich in ihrem Gründungsstatut von Erbakan distanzierte: Der politische Islam der 80er und 90er Jahre in der Türkei sei eine Fehlentwicklung gewesen, die mit der AKP nun korrigiert würde. Erdogan wollte sich plötzlich nicht mehr in der Nachfolge seines politischen Ziehvaters Erbakan sehen. Vielmehr berief er sich auf den konservativen, islamischen Neoliberalen Turgut Özal, den ersten gewählten Ministerpräsidenten nach dem Putsch 1980,der die Türkei für den Weltmarkt öffnete und international eindeutig nach Westen positionierte. Özal war es auch, der Ende der 80er Jahre in Brüssel erstmals formal einen Beitrittsantrag der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft einreichte. Die «One Million Dollar»-Frage, um die sich in der Türkei beinahe die gesamte politische Auseinandersetzung dreht abgesehen von den ethnischen Konflikten zwischen Kurden und Türken), ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Distanzierung Erdogans vom politischen Islam. Bricht die AKP die Verkrustungen auf? Die meisten deutschen Beobachter in der Türkei sind sich einig: Der Vorwurf, Erdogan wolle die Türkei allen Lippenbekenntnissen zum Trotz letztlich in eine islamische Republik zurückverwandeln, ist haltlos. Am weitesten geht in dieser Einschätzung Rainer Hermann, langjähriger Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Für Hermann ist die Geschichte der türkischen Republik eine einzige große Erzählung vom Kampf der Gesellschaft gegen den Staat, mit einer klaren Rollenverteilung von Gut und Böse. In seinem Buch «Wohin geht die türkische Gesellschaft ?» ist Erdogan, etwas überspitzt formuliert, der strahlende Held, der die Chance hat, diesen Kampf nun zu einem glücklichen Ende zu bringen. Die Türkei ist demnach dabei, sich unter der Regierung der AKP von den Fesseln einer staatsgläubigen, autoritären Ideologie, dem Kemalismus eben, zu befreien. Das freie Unternehmertum setze sich gegen den Etatismus durch, und die nationalistische Doktrin vom Türkentum werde so weit aufgeweicht,dass künftig auch für die Kurden ein gleichberechtigter Platz in der Gesellschaft vorhanden sein werde. Dass die AKP selbst aus dem politischen Islam stammt, fällt für Hermann nicht ins Gewicht. In seiner Erzählung spielt die Partei die Rolle jener politischen Kraft, die die gesellschaftlichen Interessen gegen den verkrusteten Kemalismus bündelt und ihnen zum Durchbruch verhilft. Etwas weniger stringent und feuilletonistischer geschrieben kommt die ehemalige «Spiegel»-Korrespondentin Annette Großbongardt in ihrem «Istanbul Blues» zu ähnlichen Ergebnissen. Großbongardt, die es zuvor in Israel mit islamistischen Bewegungen wie der Hamas zu tun hatte, erkennt in der AKP keinerlei Tendenzen, die es mit der Radikalität im Nahen Osten aufnehmen könnten. Ein Militär, das sich in paternalistischer Anmaßung über demokratische Entscheidungen hinwegsetzt, eine Justiz, die den Schutz des Staates über den Schutz der Individuen stellt und ein wachsender nationalistischer Furor, wie er sich im Mord an dem armenischen Publizisten Hrant Dink im Januar 2007 zeigte: dies seien die eigentlichen Probleme. Wie sehr die Einordnung derselben Phänomene vom jeweils eigenen Standpunkt abhängt, fällt besonders auf, wenn man das neue Buch der deutsch-türkischen Autorin Necla Kelek liest. Schon in 24 «Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland» (siehe LITERATUREN4/2005) beschwor Kelek die «islamische Gefahr» in Deutschland. Jetzt, in «Bitter süße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei», vertritt Kelek die Einschätzung, die abwiegelnden Beschwichtigungen europäischer Intellektueller über die islamistischen Wurzeln der AKP und ihres Chefs Tayyip Erdogan seien allesamt falsch. Seit die AKP regiere, sei die Re-Islamisierung der Türkei auf den ersten Blick zu erkennen.Doch ihr Buch stützt sich – abgesehen von persönlichen Kindheitserinnerungen – vor allem auf einen flüchtigen Augenschein.Was sie als Deutsch türkin vor anderen westlichen Beobachtern allerdings auszeichnet, ist vor allem Empathie für die Ängste der türkischen Frauen. | 1926 verbot Atatürk den muslimischen Schleier als Zeichen einer rückständigen Zivilisation. Erst in jüngerer Zeit erobert das Kopftuch den öffentlichen Raum wieder |  | Kelek besucht verschiedene Fraueninitiativen, sie beschreibt ihre Erschütterung über Ehrenmorde ebenso wie über die alltägliche Repression gegen Frauen. Für sie ist die zunehmende Verschleierung, der «Türban», wie es im Türkischen heißt, kein Akt der Befreiung gegen den autoritären Staat, sondern Ausdruck einer patriarchalisch-islamischen Gesellschaftsordnung, die unter der AKP deutlich offensiver auftritt als zuvor. Da Kelek sich aber natürlich auch für die Nationalisten nicht erwärmen kann und sonst keine anderen politischen Kräfte wahrnimmt, fällt das Urteil über ihr Ursprungsland vernichtend aus. Dabei verweist sie ziemlich penetrant auf die Segnungen der deutschen Kultur. Mit dem Eifer der Konvertitin – zum Glück bin ich ja jetzt Deutsche – schmeichelt sie dem Leser. Und gibt zuletzt auch ihr Expertensiegel für die Auffassung des deutschen Mainstream ab: Die Türkei, der türkische Staat, sei nicht EU-kompatibel. Ohne Atatürk sähe die Rolle der Frau anders aus. Es gibt in der Türkei zwar,wie Rainer Hermann beschreibt, tatsächlich eine Trennung von Staat und Gesellschaft, die immer noch vordemokratische Züge trägt, doch der absolute Gegensatz von Staat und Gesellschaft ist auch eine theoretische Fiktion. Das Erbe Mustafa Kemal Atatürks ist durchaus über die schmale Gruppe selbsternannter kemalistischer Gralshüter hinaus gesellschaftlich anerkannt. Klaus Kreiser, der Doyen der deutschen Turkologie, legt jetzt erstmals für den deutschen Sprachraum eine wissenschaftlich fundierte Atatürk-Biografie vor– höchst verdienstvoll, weil sie auch erklärt,warum dieser Mann die Türkei bis heute beschäftigt: Bei der Ausrichtung des Landes nach Westen, beim damals eingeführten Verständnis von Laizismus und Nationalismus, sogar beim Schulsystem bestimmen die Reformen Atatürks immer noch einen großen Teil des türkischen Alltags. Ob das,was die heutigen Kemalisten aus diesem Erbe gemacht haben,im Sinne des Namensgebers ist,bezweifelt zwar nicht nur Kreiser; aber in einem Punkt herrscht breite Übereinstimmung: Ohne den Übervater der türkischen Republik sähe die Rolle der Frau in der Türkei noch heute ganz anders aus. Der Schleier der Frau, der unter Mustafa Kemal Atatürk als Zeichen einer rückständigen islamischen Zivilisation verboten wurde und der seit geraumer Zeit den öffentlichen Raum der Türkei zurückerobert, ist deshalb das sichtbarste Zeichen der Verschiebung der Macht im Land. Nicht alle finden das so dramatisch wie die Protagonistin in Murathan Mungans «Tschador», doch viele fürchten, dass aus der neuen gesellschaftlichen Freiheit, die die AKP gegen den alten Apparat erkämpft hat, schon bald ein neuer Zwang werden könnte – wenn auch nicht per Gesetz, so doch durch sozialen Druck. Die Türkei lebt in einem Paradox. Sie ist in den letzten zehn Jahren reicher, demokratischer und freier geworden und droht doch, zugleich immer konservativer zu werden. Die AKP war wichtig, um einen alten Staatsapparat in seinen Grundfesten zu erschüttern. Was dem Land jetzt fehlt, ist eine politische Bewegung, die all denen eine Stimme gibt, die sich weder durch den autoritären Kemalismus noch durch die islamische AKP vertreten sehen. Im Unterdeck des Schiffes, bei den Vergessenen Wer die politische Gegenwart der Türkei betrachtet, muss den Blick allerdings nicht auf die Front zwischen Kemalismus und Islam reduzieren – wie der britische Journalist und Schriftsteller Christopher de Bellaigue zeigt. Sein Buch «Rebellenland» ist eine brillante Studie über einen Mikrokosmos im Osten der Türkei, eine Studie, die manchmal mehr über das Land erklärt, als es selbst dem Autor lieb ist. Angestoßen durch den Streit um den Begriff des «Völkermordes» an den Armeniern, begab er sich nach Varto, einer Kleinstadt im Osten derTürkei unweit der iranischen Grenze. Hier, wo einst viele Armenier gelebt hatten und heute sunnitische Kurden und schiitische Aleviten um die Vorherrschaft streiten, hat er sich «im Unterdeck des Schiffes unter die vergessenen Volksgruppen» gemischt. In Varto erforschte Bellaigue die Vergangenheit des Ortes; in seinemBuch entziffert er eine Geschichte der Vertreibung und Unterdrückung. Bellaigue beschreibt anhand ganz konkreter Familiengeschichten, wie aus dem Vielvölkerstaat der Osmanen ein homogener Nationalstaat wurde– «unterwelchen Qualen und um welchen Preis». Sein Fazit: «Die bestehenden nationalen Mythen der Türkei müssten auseinander genommen, die Opfer getröstet und die Schurken und Geschichtsfälscher mindestens rhetorisch zur Rechenschaft gezogen werden.» Bellaigue hat sich diese Erkenntnis ehrlich erarbeitet.Er hat sich fast drei Jahre lang in Varto,diesem Rebellennest im Osten, weitab von allem Komfort der westlichen Zivilisation niedergelassen. Er hat mit den Menschen gelebt, nach und nach ihre Schicksale erfahren. Aus dieser Oral History und der Beschreibung seines eigenen Lebens inVartoist ein Buchentstanden, das Spannung und Aufklärung im besten Sinne verbindet. Nicht dass das Rebellenland im Osten die Türkei als Ganze repräsentieren würde; aber jedem Leser wird doch klar, dass ohne eine offene Diskussion der eigenen Geschichte aus der Türkei schwerlich ein friedlicher, demokratischer Staat werden kann.Unabhängig davon, ob die Mehrheit der Frauen nun Kopftuch trägt oder nicht. JÜRGEN GOTTSCHLICH lebt seit zehn Jahren in Istanbul und arbeitet dort als Korrespondent für deutsche und österreichische Zeitungen. In diesen Tagen erscheint sein Buch «Türkei. Ein Land jenseits der Klischees». 2004 erschien «Die Türkei auf dem Weg nach Europa», 2005 (zusammen mit Dilek Zaptçioglu) «Das Kreuz mit den Werten. Über deutsche und türkische Leitkulturen»
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Bücher des Monats: Thomas von Steinaeckers «Geister» |
Du bist ein Bild von dir Wie Thomas von Steinaeckers «Geister»-Roman eine Verschwundene durch alle Text-Bild-Kanäle jagt und dabei ein brillantes Doppelgängerspiel in Gang setzt VON JUTTA PERSON Was machen eigentlich die Geister des Jahres 2008? Etwas mit Medien, soviel ist sicher. Früher, also vor den Zeiten des Internet, saßen Geister in Flaschen oder waberten grünlich durch alte Gemäuer. Das Nicht-Reale war zumindest noch als solches erkennbar und ließ sich klar vom Realen trennen. Aber seit durch die elektronischen Medien ein ganzer Sack an virtuellen Realitäten dazugekommen ist, sind die Grenzen zwischen der Phantomwelt und der so genannten Wirklichkeit noch einmal um einiges undeutlicher geworden. Jemehr Bilder von der ersten Welt in der zweiten zirkulieren, desto wilder vermehren sich die Schatten und Doppelgänger, die in der Zone herumstolpern und nicht mehr so genau wissen, auf welche Seite sie gehören. In Thomas von Steinaeckers Roman «Geister» hat man es anfangs mit einem ganz traditionellen Phantom zu tun: Jürgens ältere Schwester Ulrike ist als sechsjähriges Mädchen spurlos verschwunden. Sie wurde entführt und vermutlich ermordet, auch wenn es keinerlei Beweise für ihren Tod gibt.Diese nicht anwesende, aber auch nie ganz abwesende Schwester beherrscht das Leben der Familie schon allein durch die Fotos, die überall von ihr in der Wohnung aufgestellt sind. Darüber hinaus gibt es zwei Dokumentarfilme, die Jürgens Bild von seiner Schwester bestimmen, die er selbst nicht kennengelernt hat:Einer wurde gleich nach Ulrikes Verschwinden gedreht und endet mit Jürgens Geburt. Der zweite Film entsteht zu Beginn des Romans und führt den 18-jährigen Jürgen als ziemlich normalen Teenager vor. Um seine Unsicherheit zu überspielen,probiert er alles durch,was die 1980er-Jahre-Welt an Coolness-Angeboten bereithält: im Bundeswehr-Parka rumlaufen, Heavy Metal hören, Stephen King lesen, Gefühle möglichst gut vergraben. Dass trotzdem so gut wie nichts normal ist in diesem Durchschnitts szenario, liegt aber nicht nur an der fehlenden Schwester.Von Anfang an gibt es etwas Seltsames um diese Hauptfigur,die am liebsten«einen auf Schnelldurchlauf» macht, um sich aus der öden Gegenwart im bayrischen Traunstein in eine ferne Zukunft zu beamen. Immer wieder denkt Jürgen sich Lebens varianten mit allen zugehörigen Stationen aus – Beruf, Liebe, Familie,Ruhestand,Tod –,was ihn im echten Leben eher in die Passivität treibt. Um einiges merkwürdiger ist dann schon, dass er sich manchmal als böser Clown verkleidet, seit er einen Gruselfilm mit einem Kindermörder-Clown gesehen hat. Das klingt ein bisschen nach Stephen Kings «Es», aber eben nur ein bisschen. Vielmehr montiert Thomas von Steinaecker eine ganze Reihe von Rätselbausteinen in einander, die eine lange romantische Tradition haben und gleichzeitig Gruselfilm-Atmosphäre verbreiten: Schlafwandler-, Déjà-vu-, Doppelgänger und Zeitreise-Motive werden angespielt, ohne dass das Unheimliche jeweils eine bestimmte Gestalt annehmen würde. Mysteriöse Parallelwelten Nach einem scharfen Schnitt sieht man Jürgen als Erwachsenen wieder: Er arbeitet als Physiotherapeut in München, hat Monika geheiratet und ist Vater einer kleinen Tochter. Das entspricht nicht so ganz den Schnellvorlauf-Spielen aus den Achtzigern, ist aber immer noch nah genug dran, um als deren Variante durchzugehen.Oder befinden wir uns gerade in einem Schnellvorlauf des Erzählers? Alles scheint sich aufs Merkwürdigste zu variieren und zu wiederholen :Monika ähnelt Jürgens früherer Freundin Andrea «wie eine Zwillingsschwester», und sekundenlang glaubt Jürgen, er habe Andrea geheiratet und nicht Monika.Seine Tochter hat Alpträume, die an seine eigenen Kinderalpträume erinnern, sie kommt ins Bett der Eltern – aber am nächsten Morgen sieht es so aus,als ob er sich alles nur eingebildet hätte. Das klingt nach Poe’scher «Traum-im- Traum»-Taktik: Der Autor legt einerseits Schauer-Fährten, die die Grenze zwischen Realität und Imagination absichtlich im Zickzack verlaufen lassen; andererseits setzt die schnörkellose Sprache des Romans einen Kontrapunkt zu all den mysteriösen Parallelwelten, in denen Frauen einander in David- Lynch-Manier zum Verwechseln ähnlich sehen. Ist das wahre Leben bloß ein Abklatsch des eingebildeten, oder ist es umgekehrt? Wer erzählt hier eigentlich wen? So richtig in Fahrt kommt dieses Doubletten-Spiel, als die überaus mysteriöse Comic-Zeichnerin Cordula in Jürgens Leben platzt– und der Romantext plötzlich von wunderbar farbverliebten Bildgeschichten gekapert wird (gezeichnet hat sie Daniela Kohl, die bereits für Thomas von Steinaeckers hochgelobtes Romandebüt «Wallner beginnt zu fliegen» die Bilder beisteuerte). Cordula identifiziert sichmit der verschwundenen Ulrike und will deren Leben in einem Strip fortsetzen, den sie «Ute Comics» nennt. Mit ihren langen Beinen stakst diese dunkel gekleidete Ute wie ein schwarzer Storch durch grüne Wiesen,mal miesepetrig,mal lebenslustig, aber immer schön anzusehen. Dass die Zeichnerin ihrer gezeichneten Figur ähnelt, verlängert die Ulrike-Ute-Cordula-Double-Feature-Show gewissermaßen um ein weiteres «U».Aber es kommt noch besser: Jürgen und Cordula lernen sich kennen, und Jürgen taucht als Figur im Ute-Comic auf: als Masseur, der Utes Freund wird…  | | Hommage ans AUSGEMALTE LEBEN: Comic-Passage aus Thomas von Steinaeckers Roman | Wer erzählt hier eigentlich wen?, fragt man sich spätestens, wenn der Comic das Kennenlern-Szenario von Jürgen und Monika exakt wiederholt: die Comic-Ute wird von Comic-Jürgen massiert und geliebt, während es bei den – nun ja, echten? –Text- Figuren sehr viel komplexbeladener zugeht. Ob sich der Comic die Bedeutungen angelt, die der Text zuvor schon ausgelegt hat,oder ob der Text sich nachträglich den Sinn des schönen,authentischen Lebens aus den Bildern zu saugen versucht – diese nicht auflösbare Fragestellung steckt hinter den verwirrenden Figuren-Varianten. - JUTTA PERSON, Kritikerin und Kulturwissenschaftlerin, lebt in Köln und Berlin. 2005 erschien «Der pathographische Blick. Physiognomik, Atavismustheorien und Kulturkritik 1870–1930»
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Briefwechsel |
Wer bin ich für dich, nach soviel Jahren. Im Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erwacht die Lebens- und Literatur-Geschichte zweier der bedeutendsten Autoren der Nachkriegszeit neu – und entrollt ein kulturelles Panorama mit finsteren Zügen VON FRAUKE MEYER-GOSAU  Neun Gebote stehen am Anfang, und sie sind ein Geburtstagsgeschenk: Der 27-jährige Lyriker Paul Celan aus Czernowitz widmet der Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann aus Klagenfurt zu deren 22. Geburtstag ein Gedicht. «In Ägypten» heißt es, ist datiert auf den 23.Mai 1948 und fixiert die Paragrafen des Gesetzes, unter dem er ihrer beider Liebesbeziehung sieht: «Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser! / Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen. / Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam! / Du sollst sie schmücken,wenn du bei der Fremden liegst. / Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden. /Du sollst zu Ruth, zu Mirjam und Noemi sagen: Seht, ich schlaf bei ihr! /Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi. / Du sollst zur Fremden sagen: / Sieh, ich schlief bei diesen!» Die«Fremde» ist Ingeborg Bachmann.In der Wirklichkeit der spätenvierziger Jahre arbeitet sie,Tochter eines österreichischen Nationalsozialisten, an ihrer Dissertation über «Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers», sie schreibt Lyrik und Prosa und ist unterwegs in verschiedenen Kreisen junger Autoren. Als sie auf einer Party im April 1948 dem Dichter Paul Celan begegnet, lebt sie schon seit längerem mit dem jüdischen Literatur und Theaterkritiker Hans Weigel zusammen, einer der Wiener Schlüsselfiguren für die literarische Karriere junger Talente. Paul Celan wiederum, dessen Gedicht «Todesfuge» im Jahr zuvor in Bukarest erschienen ist, gilt in der Kulturszene der österreichischen Hauptstadt bereits als literarischer Geheimtipp. Gerade erst ist er aus Rumänien– der zweiten Diktatur, die er in seiner kurzen Lebenszeit von innen kennengelernt hat – via Ungarn in den Westen geflohen. Seine Eltern, Verwandte und Freunde wurden in deutschen Konzentrationslagern ermordet, er selbst überlebte das Arbeitslager. Nun soll Ingeborg Bachmann – sein Geburtstagsgedicht kündigt es an – zu einem Liebes-Medium werden, das die lebendige Verbindung zu seinen Toten stiftet. Die NS-Vergangenheit, die beide Schriftsteller unter so grundlegend verschiedenen Bedingungen als Jugendliche erlebten, steht damit von Anfang an als ein verbindendes wie trennendes Element zwischen ihnen: Ingeborg Bachmann, der Seite der Täter zugehörig, Paul Celanauf SeitenderOpfer.AndieserBarriere kann die Beziehung jederzeit zerschellen. Sie wird daran aber ganz allmählich zerrieben werden. Im ägyptischen Exil Dabei beginnt alles festlich, heiter, scheinbar unbeschwert. «Der surrealistische Lyriker Paul Celan (…) hat sich herrlicherweise in mich verliebt», berichtet die Studentin ihren Eltern animiert,«und das gibt mir bei meiner öden Arbeiterei doch etwas Würze. Leide rmuß er in einem Monat nach Paris. Mein Zimmer ist momentan ein Mohnfeld, da er mich mit dieser Blumensorte zu überschütten beliebt.» Einige Tage später wird sie die Geschenke aufzählen,die der (noch nicht wirklich) «berühmte Lyriker» ihr zu ihrem Festtag gebracht hat: «zwei prächtige Bände moderne franz.Malerei mit den letzten Werken von Matisse und Cézanne, ein Band Chesterton (ein berühmter engl.Dichter), Blumen, Zigaretten, ein Gedicht, das mir gehören soll, ein Bild, das ich Euch in den Ferien zeigen kann» – ein Foto, das Paul Celan zeigt, vor einem aufgeschlagenen Buch sitzend.Da er am Tag nach ihrem Geburtstag nach Paris aufbrechen wird, gehen die beiden noch einmal «sehr festlich» aus,«Abendessen und ein wenig Wein trinken». Dass es so gelöst nicht bleiben wird – und wohl auch während der wenigen gemeinsamen Wochen in Wien nicht alleweil so war– ,hat Paul Celan in seinem Widmungs-Gedicht bereits vorweggenommen.Der Mann im«ägyptischen» Exil lebt aus dem Gedenken an dieToten. Sie sind der Grundantrieb seines Schreibens, und in seiner Nähe kann keiner lange sein, der an dem Totengespräch nicht teilnähme: der dabei nicht den Platz einnähme, den der Dichter ihm zu gedacht hat. Im Falle Ingeborg Bachmanns ist dies die für beide schmerzhafte Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart. «Verbannt und Verloren / waren daheim» Es wird fast ein Jahrzehnt brauchen, über Trennungen, Kränkungen,Missverständnisse, wechselseitige Vorwürfe und ein Jahre andauerndes Schweigen hinweg, bis der inzwischen tatsächlich zu Ruhm gekommene Lyriker am 31.Oktober1957 aus Paris an Ingeborg Bachmann schreibt: «Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich:das Sinnliche und das Geistige. Das kann nie auseinander treten, Ingeborg. Denk an ‹In Ägypten›. Sooft ich’s lese, seh ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst» – soeben hat ihre Liebesbeziehung nach der zufälligen Wiederbegegnung auf einer Tagung zum zweiten Mal begonnen. Paul Celans Gedicht «Köln, Am Hof», das im Oktober 1957 entstand und das er wiederum Bachmann zueignet, beginnt mit dem Wort «Herzzeit».Das in der Zwischenzeit unglückselig auseinander getriebene Paar erscheint darin als «Geträumte», die Mittelstrophe fasst als Zwischenbilanz: «Verbannt und Verloren / waren daheim» –fragiler Glückszustand zweier Versehrter, der auch wieder nur wenige Monate andauern sollte. Und dies nicht nur,wei lPaul Celan sich mit der aus dem französischen Hochadel stammenden Künstlerin Gisèle Lestrange und dem1955 geborenen Sohn Eric längst ein «Daheim» in Paris geschaffen hatte, während Ingeborg Bachmann vom Herbst 1958 an in Zürich mit Max Frisch zusammenleben wird.Vielmehr scheint es nach der Lektüre ihrer Briefe, als sei für den «Verbannten» und die «Verlorene» ein stützendes, schützendes und darin haltbares «Daheim» ohnedies nur zu träumen gewesen. Gedichte, die aufeinander antworten Dass all dies nun nachlesbar und in seinem teils abenteuerlich wechselvollen Verlauf zu verfolgen ist, verdanken wir einem Band, der die Korrespondenz beider Autoren aus den Jahren von 1948 bis 1967 offen legt und das Auftakt-Wort des Celan-Gedichts «Köln, Am Hof» im Titel trägt: «Herzzeit». Überraschende Einsichten hält er in ganz verschiedener Hinsicht bereit.Denn,zuallererst: Wer hätte glauben mögen, dass die Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Pau lCelan vor Ablauf der noch Jahrzehnte währenden Sperrfrist freigegeben werden würden– führen sie doch, anders als der 2004 erschienene Briefwechsel mit Hans Werner Henze (siehe LITERATUREN 5/2004), mindestens in die Randzonen des mit einem ehernen Schweigegebot belegten Zusammenlebens von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Hier nun figuriert Frisch sogar zeitweilig als Akteur, der mit dem von Verfolgungsängsten heimgesuchten Paul Celan in brieflichen Austausch tritt (und darüber einmal fast die Beziehung zu seiner zeitweiligen Lebensgefährtin riskiert). Ebenso wenig aber hätten Bachmann- und Celan-Leser sich wohl träumen lassen, wie dicht in bestimmten Lebensphasen die Gedichte des einen und der anderen miteinander verknüpft waren, wie konkret beide in ihrer Lyrik auf gemeinsame Erlebnisse,Orte und Situationen reagierten: Die «Flaschenpost», als die Paul Celan seine Gedichte verstand, fandhier ihre direkteAdressatin. Wenn andererseits Ingeborg Bachmann den wiedergefundenen Geliebten im Herbst 1957 bittet, «die ‹Lieder auf der Flucht› noch einmal zu lesen», und hinzufügt: «In jenem Winter vor zwei Jahren bin ich am Ende gewesen und habe die Verwerfung angenommen», so wird unübersehbar, dass beider literarischeTexte sich auch dann noch aufeinander bezogen, wenn die Autoren selbst ihre Beziehung schon erloschen glaubten. Celan freilich kannte die «Lieder auf der Flucht». 1956 hatte er sich Bachmanns zweiten Gedichtband «Anrufung des großen Bären» gekauft, und es ist danach mehr als wahrscheinlich, dass sein im Sommer 1957 in Wien unweit der früheren Bachmann- Wohnung entstandenes Gedicht «Sprachgitter» auch auf dieseTexte antwortete. Er schließt darin zwei «Fremde» in einer so innigen wie schaurigen Verbindung zusammen,die Zeichen des Holocaust sind unübersehbar: «Die Fliesen.Darauf, / Dicht beieinander, die beiden / herzgrauen Lachen: / zwei / Mundvoll Schweigen.» Haltet den Dieb! Eine letzte frappierende Erkenntnis löst der Briefband schließlich dadurch aus, dass er das Fortleben antisemitischer Strömungen in der bundesrepublikanischen Literaturszene noch bis in die spätensechziger Jahre hinein sichtbar macht. Dass Paul Celan im Frühjahr 1952 bei dem– von Ingeborg Bachmann arrangierten – Auftritt vor derGruppe 47 für seine Lesung der «Todesfuge» verhöhnt wurde,war bekannt (dem Lyriker blieben von diesem Ereignis «patentierte Antinazis wie Böll oderAndersch» im Gedächtnis).Doch zog sich,wieman in «Herzzeit» nun verfolgen kann, die antisemitische Spur noch weiter und mündete schließlich in den Versuch, die Existenz des Autors endgültig zu untergraben. Diese Linie verlief von einer antijüdischen Karikatur, die 1958 nach einer Lesung Celans in Bonn zirkulierte, über die mit einschlägigen Sprach- und Denkmustern operierende «Sprachgitter»-Rezension des Kritikers Günter Blöcker bis zum mehrmaligen Aufflammen der sogenannten Goll-Affaire: Sowohl vor der Verleihung des Bremer Literaturpreises imJahr 1958 als auch nach der Zuerkennung des Büchnerpreises zwei Jahre darauf wurde Celan des literarischen Plagiats bezichtigt. Anfang der fünfziger Jahre bereits hatte die Autorin Claire Goll das Gerücht in die Welt gesetzt, Paul Celan, der ihrem Ehemann als Übersetzer gedient und in ihrem Pariser Haus einst ein Manuskript mit seinen eigenen Gedichten zurückgelassen hatte, habe Yvan Golls Lyrik als seine eigene ausgegeben. In Wahrheit verhielt es sich, wie der in diesen Dingen präzise Herausgeberkommentar vermerkt, gerade andersherum: Claire Goll war es, die Celan-Gedichte unter dem Namen ihres Mannes veröffentlicht hatte und nun versuchte, sich nach der Methode «Haltet den Dieb!» aus der Gefahrenzone zu bringen (siehe LITERATUREN 12/2000). Einflussreiche Häupter des deutschen und französischen Kulturbetriebs machten Golls Verleumdung zu ihrer Sache und versuchten Celan dabei nach einem wohlvertrauten antisemitischen Stereotyp ins literarische Abseits zu stellen – es war noch nicht lange her, dass es allgemein als Wesenszug der «jüdischen Rasse» gegolten hatte, sich an fremdem Eigentum zu bereichern und die Mitwelt über seine wahre Identität zu täuschen. Eine treue Freundin Es brauchte einer psychisch gar nicht derart gefährdet zu sein wie Paul Celan, um aufgrund der massiven Kampagne, der wirkungsvoll entgegenzutreten sich als überaus schwierig erwies, an den Rand des seelischen Gleichgewichts zu geraten. Auch hier wieder war es Ingeborg Bachmann, die für den Freund einstand und alle Hebel in Bewegung setzte, die sie im Kulturbetrieb irgend betätigen konnte – dabei hatte auch sie selbst, die Briefe zeigen es, unter dem immer sprungbereiten Misstrauen Celans zu leiden. Schon weit vor der Eskalation der Goll-Affaire nämlich war in der Liebesbeziehung der jungen Lyriker ein Muster deutlich geworden, das sich in den kommenden Jahrzehnten immer wieder zur Geltung brachte.Da war zumeinen die selbstverständliche Erwartung Celans, die Freundin werde sich innerhalb des Betriebs stets und unter allen Umständen für ihn und sein Werk einsetzen; was diese von Anfang an auch tat, unbeirrbar selbst nach dem kurzzeitigen, im Herbst 1950 «strindbergisch» gescheiterten Versuch der beiden, in Paris als Dichter-Paar zusammenzuleben. Was immer Bachmann, die ihrerseits noch um einen Platz in der literarischen Szene zu kämpfen hatte, an Publikationsmöglichkeiten und Auftritten für den ehemaligen Liebhaber auftat, einfädelte und vorantrieb, Celan nahm es unkommentiert hin. Wie überhaupt sie in den Briefen zwischen 1948 und 1953 diejenige ist, die über alle Kränkungen und Verletzungen hinweg den Kontakt aufrechterhält, ihm ihre Veröffentlichungen schickt (die er nicht liest oder doch niemals erwähnt), die ihm Türen zu öffnen und das Funktionieren des Literaturbetriebs einsichtig zumachen versucht. Ein Gespenst namens Betrieb Er, im Gegenzug, mahnt mit überlegenem Gestus, die Freundin möge sich auf diese Zirkulationssphäre von Namen und Positionen nur nicht zu sehr einlassen. Früh schon kritisiert er ihre Fixierung auf «Erfolg» und hält ihr imJuli 1951 vor,es im Leben bislang doch wahrhaftig leichter als andere gehabt zu haben: «Keine der Türen ist Dir verschlossen geblieben, und immer wieder tut sich Dir eine neue Tür auf.»Die väterliche Schlussfolgerung: «Sei nun ein wenig sparsamer mit Deinen Ansprüchen.» Folglich dauert es nicht lange, bis sich in ihm der Verdacht regt, die karriere orientierte Dichterin sei bereits zu tief verstrickt ins Betriebsgeschehen. Nur deshalb habe sie ihn nach seiner Lesung vor derGruppe 47 in Niendorf (wo auch Bachmann ihre Premiere hatte) nicht entschieden genug gegen die antisemitisch grundierte Kritik verteidigt; aus demselben Grund auch habe sie auf seine Analyse der ersten Goll-Angriffe abwiegelnd reagiert. Sechs Jahre später wird er die Literaturbetriebsvernetzung der Freundin als Ursache dafür ansehen, dass sie die Attacke des Kritikers Blöcker nicht als primär antisemitisch motivierte Attacke versteht und seiner Sicht ihre eigenen negativen Erfahrungen mit der Literaturkritik im Allgemeinen und diesem Kritiker im Besonderen entgegenhält. Dass Celan Bachmann unterstellt, sich zum eigenen Schutz auf dem Höhepunkt derGoll-Affaire bedeckt gehalten zu haben, lässt ihre Beziehung schließlich eingehen. Denn genau das Gegenteil ist wahr,der Kommentar zu den Briefen weist es nach: Ingeborg Bachmann hat Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre bis in die Feuilletonredaktion der «Zeit» hinein Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt,um der Desavouierung ihres Freundes ein Ende zu machen. «Du willst das Opfer sein» Die große, überschäumende Liebe, die für beide überraschend im Herbst 1957 neu beginnt – und nun ist es Paul Celan,der um Ingeborg Bachmann wirbt, sie scheint eher vorsichtig, abwartend –, diese Liebe, die er mit einer Flut für die Geliebte geschriebener Gedichte schmückt und mit Briefen, Blumen, Telegrammen und Büchern unterfüttert, auch sie dauert nur wenige Monate. Lakonisch vermerken die Herausgeber: «Genau zehn Jahre nach ihrer Wiener Begegnung scheint das Treffen (im Mai 1958 bei Bachmann in München, F.M.-G.) mit einer Änderung im Charakter ihrer Beziehung zusammen zufallen.» Außer dass Ingeborg Bachmann schon zu Beginn der zweiten Verliebtheit darauf bestanden hatte: «Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen», sind konkrete Gründe für den raschen Umschwung hier nicht auszumachen. Als sie und Max Frisch ziemlich genau ein Jahr nach der stürmischen Wiederbegegnung mit Paul Celan beschließen, in Zürich zusammenzuleben, scheint sich für eine Weile eine freundschaftliche Beziehung der Paare anzubahnen.Doch auch diese Phase endet unter wechselseitiger Kränkung und Enttäuschung. Celan nämlich, von der Freundin in der Goll-Affaire vermeintlich im Stich gelassen, nutzt nun sein eigenes Netzwerk, um Bachmann unter Kollegen zu verunglimpfen; diese,mittlerweile ebenfalls überempfindlich, sieht sich vom früheren Geliebten in einem Gedicht des «Mordes» bezichtigt. In einem grundsätzlichen Brief versucht sie im September 1961 ihre fast anderthalb Jahrzehnte währende Beziehungserfahrung mit dem Lyriker zu resümieren: «Ich glaube wirklich, dass das größere Unglück in Dir selber ist (…) Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein.» Nehme er aber die Opferrolle an,die andere ihm aufzudrängen versuchten, dann sei dies «Deine Geschichte, und das wird nicht meine Geschichte sein». Alles mündet in die verzweifelte Frage: «Wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren?» Paul Celan erhält keine Gelegenheit, sie zu beantworten – der Brief wird 60 nicht abgeschickt. Es zittern die morschen Knochen Der direkte Kontakt endet mit dem Jahr 1961. Auf zwei spätere Versuche Celans, die Verbindung wieder aufzunehmen, kommt von Ingeborg Bachmann keine Antwort mehr. Beide waren in der Zwischenzeit existentielle psychische Krisen geraten, wiederholte Klinik-Aufenthalte wurden unvermeidlich – für beide nur ein Aufschub von mittlerer Dauer. Am 20.April 1970 ertränkte sich Paul Celan in der Seine, Ingeborg Bachmann starb am 17.Oktober 1973 nach einem Brandunfall in einem römischen Hospital. Freilich zeigt der letzte kurze Brief des früheren Freundes, dass das innere Nähe verhältnis selbst die Schweigejahre überlebt hatte.Ende Juli 1967 bedankt sich Celan für die Empfehlung Bachmanns an ihren Hausverlag, ihn als «kongenialen Übersetzer» der russischen Lyrikerin Anna Achmatowa unter Vertrag zu nehmen. Als die Übersetzung statt seiner Hans Baumann, dem Verfasser des NS-Kampflieds «Es zittern die morschen Knochen», übertragen wird, beendet Bachmann ihre Zusammenarbeit mit dem Piper Verlag; ihr Roman «Malina» erschien1971 in Siegfried Unselds Suhrkamp Verlag. Zwei von Anfang an gegenwärtige Motive erstrecken sich damit noch weit über das faktische Ende der Liebesbeziehung hinaus: die fraglose Unterstützung der Dichterin für den schutzbedürftigen Freund; und die Konfrontation beider mit der aggressiven Unempfindlichkeit der Deutschen ihrer eigenen Geschichte wie deren Opfern gegenüber. Flaschenpost an einen Toten Zuletzt blieb,wie könnte es anders sein, die Literatur: nun als Flaschenpost an einen Toten. Nach der Nachricht vom Selbstmord Paul Celans fügte Ingeborg Bachmann in ihre bereits abgeschlossene Reinschrift des «Malina»-Romans noch eine Geschichte ein – das Märchen der «Prinzessin von Kagran», die symbolisch verdichtete Erzählung einer unausweichlich heillosen Liebe. In ihrer letzten Erzählung «Drei Wege zum See» schließlich ist es ein literarischer Wiedergänger Paul Celans, der das Leben der weiblichen Hauptfigur auf eine Bahn lenkt, von der es kein Entweichen mehr gibt: «… weil er, ein wirklich Exilierter und Verlorener, sie, eine Abenteurerin, die sich wer weiß was für ihr Leben von der Welt erhoffte, in eine Exilierte verwandelte,weil er sie, erst nach seinem Tod, langsam mit sich zog in den Untergang.» In der Lebensgeschichte Ingeborg Bachmanns und Paul Celans nicht anders als in ihrem Werk ist es die deutsche Gewalt-Geschichte des 20. Jahrhunderts, kulminierend in der Shoah, die dem Einzelnen die Existenzmöglichkeit abschneidet. Dass ein Band mit Briefen dies lesbar, sichtbar und fühlbar macht, ist sein einzigartiges Verdienst. Von FRAUKE MEYER-GOSAU, Redakteurin dieser Zeitschrift, erschien soeben der Band «Einmal muss das Fest ja kommen. Eine Reise zu Ingeborg Bachmann»
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Das Kriminal |
Lux in tenebris VON FRANZ SCHUH München leuchtet wieder einmal,diesmal, wie es im Klappentext steht, «in vorweihnachtlicher Pracht».Der Klappentext gehört zu «Schampanninger» von Max Bronski (Kunstmann, 16,90 €). Von Max Bronski habe ich seinerzeit «München Blues» besprochen. Ich schrieb in meiner heiter umständlichen Art, dass Bronskis Sarkasmus auf mich nicht allzu oft etwas forciert wirke. Seine Einfälle protzten nicht mit sich selbst, sondern würfen tatsächlich ein Licht auf Sachverhalte und Lebensumstände.Und es ist wieder umso, sieht man davon ab, dass der Autor seinen Stil perfektioniert hat: keine raue Stelle mehr,das rinnt runter wie bayrisches Weißbier, und mit staunenden Augen erfahre ich, dass – nach Bronski – der Bayer eine «innere Bieruhr» besitzt.An ihr kann der Bayer selbst, falls er noch nicht zu viel davon hat, die Zahl der verinnerlichten Biere ablesen. Was «Schampanninger» ist, weiß ich nicht. Das Internet antwortet mit der Gegenfrage:«Meinten Sie Schampagner ?» Und so glaube ich,Schampagner gemeint zu haben – ein Getränk jedenfalls, zu dem ein Gastronom bei Bronski die Menschheit, also die Bayern, zu überreden versucht: Schampanninger mit Ingwer würferl! Der Typ hat sich auf dem Viktualienmarkt einen bescheidenen Herrn aus der Menge herausgefasst und erklärt ihm: «Pass auf,Vati. Beim Schampanninger kannst sogar du als Behördenhengst loslassen. Da wirst du innerlich vollkommen heiter und gelassen.Und der Ingwer dazumacht dich absolut klar.Der zündet auch im dümmsten Schädel ein Lichtlein an!» So reden die dort.Bronski schreibt einen dem Bayrischen nachempfundenen Slang. Aneiner Stelle erscheint ein gewisser Ludwig, aussehend wie ein Verkündigungsengel. Er fordert auf, ruhig Bayrisch zu reden.Diese Sprache sei ihm am liebsten, weil sie auch im Himmel gesprochen werde. Und überhaupt das Katholische: im Palais des Kardinals lässt Bronski eine Party stattfinden, bei der der allerhöchste Klerus die Laiendarsteller ehrt, die auf Erden den Heiligen Nikolaus spielen.Der Heilige Nikolaus ist der Mann mit dem Geschenkesack, ein guter Bischof, der Kinder besucht, ein Verteiler der Gaben, der in manchen Gegenden nicht ohne den Teufel,den«Krampus», erscheint. Eine heikle Sache, die der Kardinal vor den versammelten Amateur-Bischöfen elegant löst: «Dann trat unser Kardinal vorne ans Mikrophon und begrüßte die Kollegen,was ihm schon im Ansatz die ersten Lacher einbrachte.» Das ist er,der katholische Humor, nicht schlecht parodiert. In «Schampanninger» verfehlt die Selbstironie knapp ihr übliches Ziel, die Penetranz,und der Leser denkt schließlich, was der Autor schreibt: «Der bayrische Herrenmensch ist nur schwer klein zu kriegen.»Max Bronski hat sich nach einem abgebrochenen Theologiestudium mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen, und jetzt, so der Text auf der anderen Klappe, schreibt er «fetzige Kriminalromane». In einem Seminarwürde ich diskutieren, ob Bronski nicht die Kriminalhandlung bloß dazu benützt, um seine Sprache und um «München» zu inszenieren. Der Protagonist, ein gewisser Gossec, könnte auch einer sein, der später einmal Kriminalromane schreibt. Jetzt bringt sich Gossec noch als Antiquitätenhändler durch, eine zerfahrene Existenz, aber mit nicht wenigen Glücksquellen. Gossec ist eine bajuwarische Variante des Private Eye, ein Mann, der seinen dummen Schädel (aber eben nicht den «dümmsten») hinhält: «Ich nehme alles persönlich, was mir über den Kopf gezogen wird.» Klar, dass die Polizei, die Staatsmacht, ihn zum Verhör abschleppt; beim Ermitteln gerät seinesgleichen immer selbst unter Verdacht. Bronski arbeitet von Anfang an mit erstklassigen Einfällen: Da wird Wilhelm Gossec von einem Penner, der im Obdachlosenheim residiert, überredet, ihm das Amt des Nikolaus abzunehmen. Der Penner ist selbst für diesen Job zu betrunken, und ein Versagen käme bei der Heimverwaltung nicht gut an. Im Nikolaus-Kostüm gerät derAntiquitätenhändler auf kriminelle Spuren. Seinen Weg pflastern geniale Sätze über München: «Das Schöne an München ist,dass doch alles recht nah beisammen liegt.» Es klingt wie eine gefährliche Drohung. Dabei geht es in «Schampanninger» nicht zuletzt um das Gute, um die Güte, also um Charity. Charity, so hat es mir eine Psychologin, die Manager coacht, erklärt, ist die neoliberale Abwandlung der alten Formen von Wohltätigkeit. Ach,Wohltätigkeit taugte immer schon zur Selbstfeier der Reichen, aber jetzt als Charity und erst recht in München,der leuchtenden Stadt, ist die Wohltätigkeit eine freche Lüge: «Das Schönste am Spenden ist das Wohlgefühl, ein Schlaraffenland gestiftet zu haben, in dem es alles geschenkt gibt, wenn man nur das Maul aufreißt.» Charity erzeugt also planmäßig ein falsches Weltbild, und der Verein, der in «Schampanninger» für dessen Verbreitung sorgt, hat natürlich einen lateinischen Namen: «Lux in tenebris». Lateinisch lassen sich geistliche Würden am besten beanspruchen, aber «Licht ins Dunkel» klingt für diese Funktion auch nicht schlecht. Dahinter Betrug, Schwindel, Hartherzigkeit, Gewalt – alles, was vielleicht nützlich ist, wenn man eine Industrie, und sei es eine des Helfens, aufbaut. Im Trubel der Handlung erscheint dannals humanes,als christliches Motiv dieser eine Satz, den man der Gattung Kriminalroman ins Stammbuch schreiben kann: «Auch ein Teufel sollte verstehen können, dass der Mensch nicht dauerhaft für diese harten Nummern ausgelegt ist, und etwas Geduld und Nachsicht üben.» ||
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Die Beiseite |
Zwischen Kisch und Kerkeling Triviales findet ganz von selbst seinen Weg zum Käufer? Denkste. Was ein Zeitgeist-Feuilleton sein will, wendet seine Geisteskräfte vornehmlich auf Ausscheidungen und Fußwanderungen VON SIBYLLE BERG Wie viele mir bekannte Autoren hatte auch ich irgendwann zwischen Manuskript-Absagen, Aushilfsgärtner und Putzfrau einen aus Ratlosigkeit geborenen Aufenthalt in der Werbung. Damals, vor hundert Jahren, gab es in jeder Agentur neben denen, die das richtig wollten, einen Haufen Leute,die in allen anderen Berufen gescheitert waren. Ich teilte mir mein Büro mit einem zu dick gewordenen Hockey- Spieler und einer arbeitslosen Lehrerin.Keine Ahnung,warum heute noch einer in die Werbung geht. Vielleicht, weil es egal ist, irgendwas muss man ja machen, und bei der Post waren keine Stellen mehr frei. Ziemlich sicher ist der Werber-Beruf heute von allen Klischees befreit. Dem der Kreativität zum Beispiel. In den 1990ern rannten die jungen Menschen rudelweise in die Werbung. Weil sie eben etwas gestalten wollten. Für freie Kunst waren sie zu ängstlich, die Gehälter damals waren gesponnen hoch, und man verdrängte gerne, was Werbung meinte: Leuten Zeug andrehen,das sie eigentlich nicht benötigen, Massenware luxuriös aussehen lassen,dämlichem Tierfutter den Geruch von Freiheit und Abenteuer geben. Wenn der junge Mensch, der so gerne kreativ sein wollte, drauf kam,was er da tat,war es schon zu spät. Er war gefangen von den Vorzügen eines angenehmen Gehalts und eingelullt von kollektiver Beschwichtigung – alle versicherten einander ständig, dass sie ja eigentlich Kunst machten. Bücher von David Ogilvy wurden herumgereicht, man träumte von wilden Film-Drehs und vergaß gerne, wem man all die brillanten Ideen später zeigen musste – irgendeinem Marketing- Heini von irgendeiner Firma, den Werbung nicht die Stulle interessierte, er hatte nur gehört,dass es nicht schaden konnte, eine Marke zu sein, ein Brand, ein Label. Werber damals waren eklig. Waren sie neu im Geschäft, bretterten sie mit Mountainbikes ins Büro, arbeiteten 24 Stunden, redeten von Präsentationen und kamen sich wichtig vor. In den 80ern und 90ern waren Werber das Ende der Nahrungskette. Sie sammelten alle die gleiche Kunst (Beuys), hatten alle die gleichen Autos (BMW Cabrio) und trugen im schlimmsten Falle Designer-Sehhilfen. Sie okkupierten Bars und Restaurants, für normale Menschen war nichts mehr zu entdecken: irgendein Werber war immer schon da gewesen. Ich habe keine Ahnung, wie Werbung heute entsteht, damals eindeutig durch Klauen. Werber verkehrten ausschließlich mit anderen Werbern. Die alten Agentur-Chefs gingen stets mit jungen Kunden-Beraterinnen, die jungen Werber gingen mit niemandem, weil sie immer müde waren. Jeder wusste, dass es Quatsch war, was man da tat, aber etwas anderes fiel einem nicht ein.Das schwache Werber-Selbstbewusstsein brach sehr schnell ein,wenn der Werbe-Treibende jemanden traf, der noch viel mehr Geld hatte als er selbst, meist die Firmeninhaber, für die sie arbeiteten, oder Leute, die richtig Kunst machten und damit richtig Geld verdienten. Jaja, der Baselitz. Irgendwann, Ende der 90er,wurden Werber als Hass-Objekte uninteressant.Die jungen Menschen gingen nicht mehr in die Werbung, sondern wurden Journalisten.Da verdienten sie weniger Geld, aber der Job war angesehener. Kisch und so.Das gesammelte Halbwissen, das zuvor in Werbeagenturen verschwunden war, versammelte sich in Zeitschriften-Redaktionen.Die Journalisten wurden zu den Werbern der letzten zehn Jahre: größenwahnsinnig, unausstehlich und kollektiv verachtet. Unterdes ist auch dieser Beruf veraltet, und wer heute etwas auf sich hält, schreibt Bücher. Über das Wandern, über Ausscheidungen, über Rechtschreibung oder einfach darüber, wie es ist, im Fernsehen zu sein. Und ganz leise schließt sich da ein Kreislauf – die Werber und Service-Journalisten von früher sind heute beim Fernsehen und schreiben darüber, oder sie sind Buchverleger oder Kritiker geworden, und an ihrem Computer hängt der dümmste aller Sätze: «Der Erfolg gibt ihm recht.» Den hatte Hitler auch an seinem Pult,bevor er in Teppiche biss, und ich frage mich mitunter: Was ist denn bloß mit euch allen los? Hat der Neoliberalismus eure Gehirne zu Geld gegossen, oder warum schreibt ihr alle voneinander ab, warum jubelt ihr Zeug in den Himmel, das früher galant totgeschwiegen worden wäre?Wer Courths-Mahler lesen mochte: Bitte, kein Problem,das kann erfrischen an heißen Sommertagen; darüber reden und schreiben jedoch: wozu? Man ging früher davon aus, dass Triviales auch ohne intellektuelle Analyse seinen Weg zum Käufer finden würde und es für komplizierte Kunst eine Vermittlung bräuchte.Was hingegen heute im Gehirn eines Feuilleton-Mitarbeiters vorgehen mag, wenn er einen Artikel über das Buch eines wandernden Komikers schreibt, bleibt ein Rätsel. Der Erfolg allerdings gibt ihnen allen recht: dem großen Verlagshaus, das das kleine kauft, Lektoren feuert, dem Vorbild der Musikindustrie folgend (die sich damit auch schon in den Ruin getrieben hat) ausschließlich auf Mainstream setzt,nämlich auf Bücher für solche, die ansonsten Talkshows sehen, die verlagseigene Zeitung bespricht dann den Dreck, die Menschen lesen es,merken sich die Namen, kennen das Gesicht aus dem Fernsehen, das muss ja was taugen – und was hilft das Jammern? Ich wandere nicht und habe keine Ahnung von Marktgesetzen, ich bin nicht hip,und das Gute ist: Ich muss es auch nicht mehr sein. ||
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Mitten aus... |
New York VON SEBASTIAN MOLL Seinen jüngeren Anhängern, den Angehörigen der «Generation Obama»,mag der charismatische Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei wie ein Erlöser vorkommen. Für diejenigen in den USA, deren politisches Erinnerungsvermögen bis vor die Ära von George W.Bush zurückreicht, ist der schwarze Senator aus Chicago hingegen mehr Analytiker denn Prophet. Obamas vielstrapazierte «Change»-Parole wird von Politik- Beobachtern mit einer etwas geringeren historischen Brennweite weniger als Versprechen gesehen denn als Zustandsbeschreibung: Barack Obama ist für sie nicht Agent sozialen und politischen Wandels, sondern Symptom von Veränderungen,die schon seit lange vor Beginn des derzeitigen Wahlkampfs im Gang sind.  Viel intensiver als über Hoffnung und Aufbruch wird unter etwas distanzierteren Kommentatoren derzeit über das Ende der konservativen Ära diskutiert. In einer Flut von Büchern und Artike ln der vergangenen Monate wird gefragt,ob der konservative Moment der amerikanischen Nachkriegsgeschichte mit der Amtszeit von Bush nun tatsächlich sein Ende gefunden hat. Obama spielt als Person dabei nur eine untergeordnete Rolle – was Amerika in den kommenden Jahren bevorsteht, hängt weniger an ihm als an der Frage, wie viel Macht das konservative Denken noch über das Bewusstsein der Amerikaner besitzt. Die Antworten fallen uneinheitlich aus.Da gibt es auf der einen Seite Kommentatoren wie den «New Yorker»-Kolumnisten George Packer, den Princeton-Historiker Sean Wilentz oder den Ökonomen und Bestseller-Autor Paul Krugman, die emphatisch «das Ende der Neo-Konservativen und die Stunde der Demokraten » ausrufen,wie es im Untertitel von Krugmans Buch «Nach Bush» heißt (siehe LITERATUREN 7–8/2008).Und dann gibt es Beobachter, die in ihrer Diagnose etwas zurückhaltender sind. Kevin Mattson etwa schreibt in seiner «Short History of the Conservative Mind», dass der Konservatismus seiner derzeitigen Krise ungeachtet auch weiterhin eine zentrale Position im politischen Leben der USA einnehmen wird. Die unterschiedlichen Urteile über das zukünftige politische Klima der USA korrespondieren weitgehend mit dem historischen Betrachtungszeitraum der jeweiligen Autoren. Diejenigen, die die konservative Ära in den USA für definitiv erledigt halten, sehen sie vor allemals Reaktion auf die sechziger Jahre. Der politische Erfolg der Konservativen, so etwa Krugman, beruhe auf der geschickten Ausbeutung kultureller Ängste rundum1968 – Ängste vor sexueller Befreiung, vor dem Kommunismus, vor der Gleichstellung der Schwarzen.Diejenigen,die glauben,der Konservatismus werde auch weiterhin eine wirkmächtige politische Kraft in Amerika bleiben, schauen hingegen weiter zurück –mindestens bis zu den zwanziger Jahren nämlich, als erstmals im modernen Amerika konservative Stimmen deutlich vernehmbar wurden. Wie während der zweiten konservativen Welle des 20. Jahrhunderts nach ’68 brachen sich damals schon tief sitzende Ängste vor sozialen Veränderungen Bahn, die als zutiefst bedrohlich empfunden wurden. Das moderne Leben manifestierte sich mit aller Wucht in den amerikanischen Städten und schien mit seiner Dekadenz und seinem Pluralismus den weißen protestantischen Kern der amerikanischen Identität infrage zu stellen, wie Allan Lichtman in «White Protestant Nation» darstellt. Die eine Interpretation des US-Konservatismus schließt freilich die andere nicht aus. Im Gegenteil, die konservative Erfolgsstory seit ’68 deckt sich bei den Autoren, die den Konservatismus für tot erklären, und bei denen, die ihn für unausrottbar halten. Die Argumentation läuft so:Zwischen1945 und 1968 herrschte in Amerika, im Fahrwasser von Franklin D. Roosevelts New Deal der dreißiger und vierziger Jahre, ein breiter liberaler Konsens. Die Sozialprogramme von FDR hatten,mit hilfe des Krieges, aus der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre heraus-und zu einem breiten Wohlstand im Lande geführt. Niemand hatte Grund, an der sozialstaatlichen Verfasstheit des Landes zu rütteln,man war im Kampf für eine gerechte Gesellschaft geeint.Grundsätzliche ideologische Gräben gab es nicht. Dann kamen die sechziger Jahre, und alles fiel auseinander. Die lange als eher exzentrisch abgetane konservative Minderheit schaffte es, die Gesellschaft zu ihrem eigenenVorteil zu polarisieren, wie Rick Perlstein in seinem neuen Buch «Nixonland» nachzeichnet. Das Ergebnis waren die Präsidentschaft von Richard Nixon und, als Höhepunkt, die Reagan-Jahre. George Bush kam hingegen zu einem Zeitpunkt, als die Bewegung ihren Höhepunkt eigentlich längst überschritten hatte. Der gesellschaftliche Konsens hatte sich bereits in den neunziger Jahren in Richtung von Gleichheit und Gerechtigkeit zurückbewegt. Die konservative Ideologie des ungehemmten Individualismus und der minimalen staalichen Intervention hatte mit Reagan ausgedient. Bush gewann seine Wahl allein durch den ungeschickten Wahlkampf von Al Gore sowie durch gezielte Wählertäuschung: «Bush gab sich bei der Wahl 2000 als ‹mit fühlender Konservativer› aus», so George Packer im Magazin «New Yorker».«Wenn er damals offen als der radikale Konservative angetreten wäre, als der er sich später entpuppte, wäre er niemals gewählt worden.» Allein das skrupellose Schüren von Terrorismus-Ängsten bescherte Bush dann eine zweite Amtszeit und den amerikanischen Konservativen ein letztes großes Aufbäumen. Mit der Terror-Furcht lässt sich jedoch in den USA heute kein Staat mehr machen. Ebenso wenig wie mit den anderen Ängsten, die konservative Ideologen in der Vergangenheit gerne anzapften, wie etwa die Furcht vor der Homosexuellen-Ehe oder vor Schwarzen. Dennoch wird sich Barack Obama wohl auch im Fall seiner Wahl nicht auf die uneingeschränkte Zuneigung aller Amerikaner stützen können. «Der moderne Konservatismus ist eine Maschine, die sich nicht so leicht stoppen lässt», schreibt der Historiker Kevin Mattson. Den US-Konservatismus als bloße Reaktion auf die sechziger Jahre darzustellen und ihn entsprechend für besiegt zu erklären, hieße laut Mattson, ihn fahrlässig zu unterschätzen.Vielmehr als auf diversen irrationalen Ängsten fuße er nämlich auf einem wichtigen amerikanischen Grundwert: dem Misstrauen gegenüber jeder Form von zentraler Staatsgewalt.Dieser libertäre, anti-autoritäre Impuls in der US-Kultur ringe schon seit der Gründung der Nation mit anderen amerikanischen Grundwerten wie etwa der Sicherung der vollen Bürgerrechte des Einzelnen durch den Staat.Der Konflikt zwischen diesen Werten sei ein amerikanischer Urkonflikt, in dem der Kampf Obamas gegen die Konservativen lediglich ein weiteres Kapite ldarstelle. Einen letzten Sieg, der diese amerikanischen Paradoxien ein für alle Mal auflöst, wird es also so schnell nicht geben – ganz gleich, wie die Wahlen im November ausgehen.
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Was liest... |
Ulrich Peltzer Manchmal hat man Mitleid. Manchmal möchte man den Autor eines Tagebuchs beim Arm nehmen und ihm die Welt so zeigen,wie er sie zu sehen nicht in der Lage ist.Man möchte ihn auf andere Gedanken bringen, ihm andere Lektüren und andere Bekanntschaften empfehlen. Natürlich geht das nicht, denn meist ist er schon tot, aber auch, weil es Verstrickungen gibt – um nicht Logiken zu sagen –, die sich uns entziehen und die wir gerade deswegen schätzen. Schätzen ist nicht ganz das richtige Wort, besser wäre: die unsere Neugierde hervorrufen, unser Erstaunen, unser Entsetzen oder unsere Bewunderung. Insbesondere dann, wenn dieser Autor, diese Autorin, daneben ein Werk geschaffen hat, das uns in seiner Singularität immer wieder als Referenzraum der eigenen Arbeit dient. Doch muss das nicht sein: So viel mir etwa die Tagebücher André Gides bedeuten, so wenig kann ich bisher mit seiner übrigen Prosa anfangen; bei Virginia Woolf und bei Cesare Pavese verhält sich das anders, desgleichen bei Rolf Dieter Brinkmann, selbst wenn der seine manischen Aufzeichnungen nie als Tagebuch deklariert hat. Von Hebbel bis Kafka, von Camus bis Julien Green, von John Cheever bis hin zu Brecht und Simenon, zu Simonow und Burroughs, ob in fortlaufenden Einträgen oder als rhapsodische Notizen, akribisch datiert oder zeitlich kaum zu verorten – seit langem sind es Tagebücher (oder wie man das Genre auch nennen will),auf die ich in bestimmten Phasen zurückgreife, sei es in Augenblicken der Krise oder des Überdrusses, der Langeweile oder der Erschöpfung. Auf der einen Seite spielt dabei sicher eine Art von Voyeurismus eine Rolle, auf der anderen das Interesse an den sehr verschiedenen, oft reichlich merkwürdigen Strategien, Rechenschaft über sich selbst abzulegen, Verhältnisse und Menschen zu betrachten, das Private (Mann, Frau, Kind,Geld) und das Öffentliche (poetologische Debatten, Konkurrenzkisten, Politik) unter einen Hut zu bringen. Das kann tragisch enden wie bei Cesare Pavese, der sein «Mestiere di vivere» wenige Tage vor seinem Selbstmord mit der Zeile beschließt: «Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.» Das kann aber auch in überraschende Altersgelassenheit münden wie bei William S. Burroughs, dessen Last Words ganz buchstäblich lauten: «Liebe? Was ist das? Das natürlichste schmerzstillende Mittel, das es gibt. LOVE.» In welchem Zustand ich mich befinde, dass ich jetzt in den Tagebüchern Andy Warhols lese, weiß ich gar nicht genau, zumal ich sie durch schieren Zufall (ich wollte etwas von Joseph Heller kaufen,das nicht da war) in einer englischsprachigen Buchhandlung am Kollwitzplatz entdeckte.Dick wie das NewYorker Telefonbuch und im gleichen Querformat ediert, sind diese «Diaries»,die tatsächlich auf allmorgendliche Telefonate Warhols mit seiner Sekretärin zurückgehen, ein unaufhörlicher Strom aus Klatsch und Intrige, Interview-Terminen und Disco-Nächten, von Party-Besuchen und Vernissagen, randvoll mit Figuren aus den gegensätzlichsten Milieus, Celebrities und Drag Queens, Stars und Sternchen, notorischen Gesellschaftsgrößen der siebziger und achtziger Jahre wie Truman Capote und Jackie Onassis, damals angesagten Kollegen/Rivalen wie Basquiat, Schnabel und Clemente, Seite für Seite in einem regelrechten Vollständigkeitswahn durchsetzt mit gewissenhaft verzeichneten Restaurantpreisen und Taxikosten, und stets wiederkehrenden, halb neidvollen, halb ängstlichen Spekulationen darüber, wer mehr verdient, berühmter ist, oder was bei der nächsten Auktion eigener Bilder herumkommen wird. Dass der Mann bei all dem noch gearbeitet und eines der schillerndsten O Euvres der zeitgenössischen Kunst abgeliefert hat, grenzt an ein kleines Wunder. Man täuscht sich jedoch, wenn man Warhols Aufzeichnungen lediglich für ein umfassen des Kompendium der Moden und Stile, der Verirrungen und Fehleinschätzungen einer genau umrissenen Epoche hält – der von ’76 bis ’86, von den Kokain- Exzessen im Studio 54 bis zum kometen gleichen Aufstieg Madonnas.Vielmehr haben wir es hiermit der veritablen Chronik eines Künstlerlebens zutun,die im Tonfall lakonischer Rücksichtslosigkeit nichts und niemanden schont, am aller wenigsten sich selbst. Kein Ereignis, kein Vorfall ist nebensächlich oder peinlich oder kleinkariert genug, umnicht registriert zu werden: ob er beim sonntäglichen Kirchbesuch um Erfolg und Geld betet (ja,Andy besuchte jeden Sonntag die Messe), aus Eifersucht Verwünschungen ausstößt wie ein kleiner Junge (ein kleines Mädchen) oder sich grämt,dass er irgendwo nicht zum Dinner eingeladen worden ist. Man sieht,wie sich hier selbst einer der prominentesten Artisten der Zeit so unverstellt nach Anerkennung verzehrt wie ein gänzlich unbekannter Anfänger. Man versteht oftmehr,als einem lieb sein kann. Zwar muss man lange warten, aber auf Seite 571 steht dann doch der Satz, den man Warhol gerne schon seit Stunden souffliert hätte, nicht aus Mitleid, eher, umihn davor zu bewahren, seine kostbare Zeitweitermit Leuten und Dingen zu vertun, die es auf Dauer wirklich nicht lohnen: «I’m so sick of the way I live, of all this junk. Just white walls and a clean floor, that’s all I want. The only chic thing is to have nothing. I mean, why do people own anything? It’s really so stupid.» Keine Frage, aber für uns Leser ein großes, ein lehrreiches Vergnügen.
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Literatur im Kino |
Kein Teufel mehr Wie man aus einem ungewöhnlichen Buch einen gewöhnlichen Teenagerfilm macht: Marco Kreuzpaintners Otfried-Preußler-Adaption «Krabat» VON DANIEL KOTHENSCHULTE In einer geordneten Welt existieren Jugend- und Erwachsenen-Literatur streng voneinander getrennt. Doch auch wenn sich beide Sparten in Buchhändler regalen selten begegnen, vermischen sie sich oft schon in der Einkaufstüte: Jüngere Leseratten tragen ihren Namen schon deshalb, weil sie ohnehin alles anbeißen, was ihnen unterkommt. Und abgebrühte Altleser suchen dann oft ihr Leben lang nach etwas, das diesem frühen Geschmackserlebnis nahe kommt. Otfried Preußlers wohl anspruchsvollster Roman «Krabat» (1971) gehört allerdings zu jenen Büchern, die schon im Laden Sortierprobleme bereiten. Diese Variation einer sorbischen Volkssage um einen jugendlichen Müllerlehrling im Südsachsen des 17. Jahrhunderts präsentiert sich einerseits als Märchen. Dass man dort nicht nur das Müllern, sondern auch das Zaubern lernt,wird Kinder zweifellos erfreuen. Doch schon im ersten Drittel stirbt der einzige Freund des Titelhelden, der Altgeselle Tonda, eines unnatürlichen Todes. Zauberei ist eine nette Sache, doch hier finden satanistische Rituale statt: Der Müller, der der Teufel ist, verjüngt sich alljährlich durch ein Menschenopfer. Also wohin mit diesem Buch? Wahrscheinlich ist ein Jugendbuch ganz einfach ein Buch, das man als Jugendlicher liest – und idealerweise nicht vergisst. Zur Unvergesslichkeit von «Krabat» gehört auch die Erstverfilmung durch den Prager Trickfilmkünstler Karel Zeman.«Kongenial» ist ein leichtfertig gebrauchtes Adjektiv für gelungene Literaturverfilmungen, hier allerdings ist sie zur Abwechslung einmal angebracht. Denn Zemans mit bescheidenen Mitteln hergestellter Trickfilm steht in seinem Genre ebenso allein auf weiter Flur wie Preußlers Buch. Einerseits erklang da wieder Preußlers schnörkellose Sprache, die das phantastische Geschehen so nüchtern bezeugt, wie es das Ethos der großen Märchensammler verlangt. Andererseits lebten die blaugrauen Aquarelle von ihren Auslassungen und dem Rätsel zwischen den Bildern. Leider lässt sich dieses Erlebnis nicht leicht wiederholen; auf DVDist Zemans Filmnie erschienen. Im Jahr seiner Herstellung, 1977, wurde der Regisseur des neuen «Krabat» gerade erst geboren. Auslassungen, imaginative Freiräume, sind Marco Kreuzpaintner fremd. Er setzt auf das neudeutsche Zauberwort der «production values», hebt den Film mit aufwendigen Digitaleffekten, einem satten Filmorchesterklang und Soundeffekten rein äußerlich auf «Harry Potter»-Standard. Kreuzpaintner hat einen sanften Teenie-Horrorfilm gedreht, der sein Publikum schon wegen seiner vorzüglichen jungen Besetzung (darunter Daniel Brühl als Tonda) finden wird. Kreuzpaintner übernahm das Projekt von Hans-Christian Schmid, der sich mit der Produktionsgesellschaft verkracht hatte und seinen Lebenstraum vom «Krabat»-Film begraben musste. Bekannt für seinen psychologischen Realismus und sein dokumentarisches Interesse am Aberglauben, hätte er wohl noch die Wahrheit des Märchens betont. Im Sinne Otfried Preußlers wäre das gewiss gewesen. Obwohl dieser nicht zu den Autoren gehört,die sich gerne in Interviews erklären,nannte er «Krabat» einmal die «Geschichte meinerGeneration» –womit er auf die Motive von Verführbarkeit und Gruppenzwang anspielte. Marco Kreuzpaintner dagegen wollte nicht einmal den Teufel einen Teufel bleiben lassen. Dieses mephistophelische Element zähmt er, indem er seinen Schurken zu einem schlichten Gevatter Tod verkürzt.Reduziert wird, trotz erheblicher Laufzeit, auch die ursprüngliche Abfolge der Jahreszeiten.Der Film wirkt erstaunlich lückenhaft in den Details, doch es ist nicht die Sorte von Auslassungen, die die Imagination beflügeln. So einzigartig Buch und Erstverfilmung in ihren Genres waren – der neue «Krabat», und das ist eigentlich das Schlimmste, sieht aus wie alles andere auch. DANIEL KOTHENSCHULTE
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Netzkarte |
Es werde Transparenz! Immer mehr Websites versuchen, Licht ins Dunkel des politischen Betriebs zu bringen. Aber wer kontrolliert die Kontrolleure? VON ARAM LINTZEL Dass die Welt unübersichtlich geworden ist, globale Finanzströme und politische Entscheidungen un durchschaubar sind, dass überhaupt alles immer schummriger wird, ist eine weitverbreitete Klage. Das gern geforderte Heilmittel? «Mehr Transparenz!» Es liegt auf der Hand, dass das Internet zum Leitmedium all jener geworden ist, die mehr Licht ins Dunkel der opaken modernen Welt bringen wollen. Transparenz ist zu einer beinahe theologischen Kategorie des Internet-Zeitalters geworden. Sie kündet von Erlösung: Wenn alle alles wissen können, wird alles gut. Unzählige «Watch»-Seiten finden sich im Netz. In deutscher Sprache ist www.abgeordnetenwatch.de eine der prominentesten. «Öffentlich einsehbar» kann man hier alle deutschen EU- und Bundestagsabgeordneten befragen. Außerdem wird das Abstimmungsverhalten dokumentiert.Von der Steuergerechtigkeit bis zur Gleichbehandlung der Schornsteinfeger – hier können die Volksvertreter zu allem gelöchert werden. Immer wird angezeigt,wie viele der Fragen ein Abgeordneter beantwortet hat, so dass Konkurrenz und Gruppenzwang entstehen. Über die realen Machteffekte herrscht jedoch Ungewissheit. Es verwundert zum Beispiel, dass Angela Merkel zur Bundestagswahl 2005 von 126 Fragen offenbar 0 beantwortet hat und trotzdem Bundeskanzlerin wurde.Das Gute an www.abgeordnetenwatch.de ist aber nicht nur, dass hier ein Austausch zwischen Bürger und Politiker stattfindet, sondern dass der so genannte Mann von der Straße auch zur Triebkontrolle angehalten ist. Da unflätige Fragen wegmoderiert werden, kann hier nicht einfach der Dampf gegen «die da oben» abgelassen werden. Der Dampf muss rationalisiert werden, das Frage-Antwort-Spiel hat eine zivilisierende Wirkung. Auch die Macher von Lobbywatch-Europe (www.lobbywatcheurope.org) verstehen sich als Aufklärer. «Cui bono? Wir fragen nach!», lautet ihr Motto. Bei dem berechtigten Anliegen, die Verstrickungen zwischen Wirtschaftslobbys und Politik zu durchleuchten, schießen sie schon mal übers Ziel hinaus. Der liberalkonservative «Konvent für Deutschland» – ein Gremium, zu dem unter anderen Roman Herzog und Hans-Olaf Henkel gehören – wird etwa als Versammlung «Ewiggestriger» mit «faschistoiden Wahnideen» bezeichnet.Ob das für mehr Transparenz sorgt? Nüchterner geht es beiwww.lobbycontrol.de zu. Diese «Initiative für Transparenz und Demokratie» will «über Machtstrukturen und Einflussstrategien» aufklären und berichtet über «Denkfabriken und Lobbying hinter den Kulissen». Bei alldem bleibt allerdings eine Frage offen:Wer kontrolliert eigentlich die Watcher und Wächter? Wer beobachtet die Beobachter? Bei der Suche landet man entweder in einer unendlichen Schleife (der Beobachter der Beobachter der Beobachter usw.) oder eben bei Gott.Denn nur der sieht alles. ARAM LINTZEL
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Hörbücher |
Immer brahmabulliger! Per Hörbuch ins nostalgiefreie Edward-Hopper-Land von Richard Yates und mit Arno Schmidt in aller Herrgottsfrühe durch den «Galatau» VON ANNETTE ZERPNER Vielleicht konzentrieren Sie sich auf der Autobahn lieber auf den Verkehr als auf Gert Westphal ? Vielleicht bügeln Sie nicht oder beherrschen die Kunst, dies vor dem Fernseher zu erledigen? Immer noch gibt es jedenfalls genug Leute, die sich mit dem Prinzip «Lesen lassen statt selber lesen» nicht anfreunden können.Werde ihnen vorgelesen, schliefen sie augenblicklich ein, geben sie an und meinen, sich mit dem Buch in der Hand viel besser auf den Text konzentrieren zu können. Zu einem Teil geht solche Abwehr zweifellos auf das Unvermögen vieler Hörbuch-Produzenten zurück, die Hörer überhaupt zu fesseln: Sie lassen die besonderen Möglichkeiten des Mediums einfach links liegen und servieren reine Lesungen, deren Erfolg ganz und gar von der Vorleser- oder Rezitatorenstimme abhängt: Geschmackssache. Doch es gibt auch Texte, für deren Hörbuch-Fassung man einfach dankbar ist.Dies gilt etwa für Richard Yates’ unerbittliche, leise Geschichten, denen man sich nun, da man sie hören kann, nicht mehr allein stellen muss. Die Stimmen von Nina Hoss, Joachim Król und Maria Schrader sind die besten Lotsen durch dieses weiße Mid-Century-Middle-Class-Amerika, ein anti-nostalgisches Edward-Hopper-Land, in dem sich jeder ständig «ein paar Drinks» mixen muss, um psychisch gerade noch so zu überleben,und wo das Rauchen– gemeinsam oder einsam– die einzig mögliche Form von Intimität oder Selbstvergewisserung zu sein scheint. Sogar die junge Grace, wartende Braut in «Alles, allesGute»,greift amAbend vor ihrer Hochzeit zum Sherry, und drei heimelig glühende Zigarettenpunkte empfangen Myra am Ende von«Überhaupt keine Schmerzen», als sie nach ihrem allwöchentlichen Krankenhaus besuch beim tuberkulösen Ehemann auf Long Island wieder zu Freunden und ihrem Liebhaber ins Auto steigt – das sich im Schnee prompt auf den Weg zur nächsten Bar macht. Zwei Stories aus der Kurzgeschichtensammlung «Elf Arten der Einsamkeit» liest Nina Hoss auf der CD von Kein &Aber. Souverän und ohne Effekthascherei trifft sie den richtigen Ton: Für die Unschuld Gracie findet sie ein pikiert-eifriges Stimmchen, für Bräutigam Ralph,der seinen Kumpels und deren Hochzeitsgeschenk deutlich stärkere Gefühle entgegenbringt als Grace, das richtige Maß an Ruppigkeit und Rührung; den Begleitern Myras schließlich gibt sie eine aufgekratzte Aufdringlichkeit. Dennoch wird man hier nie das leicht bedrückende Gefühl los, Nina Hoss lese unter einer Glasglocke, so unerreichbar wirken ihre Figuren. Die «Hommage an Richard Yates» wiederum ist ein Mitschnitt von der diesjährigen «Lit Cologne». Präzise und trocken, die Antiklimax in perfektem Understatement setzend, liest Joachim Król Passagen aus dem Roman «Zeiten des Aufruhrs» – sie ließen sich als Trauerspiel zur Loriot-Farce «Berta, das Ei ist hart» gruppieren, derart absurd und blindlings sind die Eheleute Wheeler ineinander verbissen. Der Roman ausschnitt «Easter Parade» ist dagegen eine rein weibliche Angelegenheit: Maria Schrader seziert die Beziehung zweier desolater Schwestern. Störend auf diese CD wirkt nur Moderator Roger Willemsen. Er säuselt sich in gewohnt butterweichem Timbre durch Yates’ Lebenund Literatur, spricht von «magischer Kraft» und «seismischen Stößen», vom «Heraus promovieren aus der realen Welt durch Alkohol», lehrt das Publikum ein Fachwort für den Allerweltsfluch «fuck» (ein «Merdismus»!) und heischt nach Lachern, wenn er erzählt, dass sich Yates’ Mutter für eine begabte Bildhauerin hielt, obwohl sie doch nur Faune für Vorgärten herstellte. Eine dankbare Zuhörerschaft gebührt dagegen einer äußerst experimentier freudigen Aufnahme. Sie schickt Arno Schmidts bekannteste Geschöpfe: das Poe-Übersetzerpaar Paul und Wilma Jacobi samt halbwüchsiger Tochter und Gastgeber Dän Pagenstecher um vier Uhr in der Früh durch den «Galatau», verstrickt in einen Daueraustausch über Intellektuelles und Alltägliches. Dazu muht eine Rinderherde «immer brahmabulliger », Freud und Edgar Allan Poe haben ebenso ihren Teil mitzureden wie ein Nachrichtensprecher. In Schmidts Mammutbuch «Zettel’sTraum»schlägt sich diese Vielstimmigkeit aus Unbewusst-Archaischem,Überresten des 19. Jahrhunderts und von 1968 in einem komplizierten dreispaltigen Druckbild nieder. Auf der CD wird dies durch drei Sprecher verräumlicht,deren Stimmen auf höchst geschickte Weise miteinander verflochten werden. «Nicht jedem wird jedes Detail beim ersten Hören verständlich sein», warnt das Beiheft. Das macht jedoch gar nichts, gerade aus einem undurchsichtigen Wörtersee lassen sich so interessante Funde fischen wie die «Aubade» oder das «Morgenständchen», das in Däns Hirn zum «Morgenständerchen» wird. Über 80 CDs hinweg, die der Gesamt-«Zettel» in einer Hörversion beanspruchen würde, wäre das gewiss schwer auszuhalten.Doch diese eine Platte nimmt dem Hörer nicht nur eine eventuelle Abneigung gegen«Zettel’sTraum».Sie ist überdies ein eigenständiges kleines Hörkunstwerk. ANNETTE ZERPNER
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Das Journal: |
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Im Minutentakt der Katastrophe entgegen ROMAN Olga Flor schickt ihre Figuren in den Supermarkt und verwickelt sie in ungeahnte Kollisionen VON KLAUS NÜCHTERN Während sich ihre männlichen Kollegen in die Untiefen der deutschen Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts oder zumindest der unmittelbaren, autobiografisch affizierten Vergangenheit hineingraben, scheint der Blick ins Getriebe der unmittelbaren Gegenwart in der österreichischen Literatur weitgehend den Frauen vorbehalten. Neben Marlene Streeruwitz und Kathrin Röggla ist hier die 1968 in Wien geborene Olga Flor zu nennen,die soeben ihren dritten Roman vorgelegt hat. Bereits in «Talschluss» (siehe LITERATUREN 9/2005) bewies Flor ihr Geschick, klaustrophobische Szenarien zu entwerfen und ihr Figuren- Ensemble einem Belastungstest zu unterziehen, in dem die Standards ziviler Umgangsformen und affektiver Bindungen schnell fadenscheinig werden. Was Flors Literatur über lustvoll betriebene Entlarvung und die gut abgehangene Einsicht von Thomas Hobbes, dass der Mensch des Menschen Wolf sei, hinaushebt, ist ihr soziologisch inspirierter analytischer Blick.War «Talschluss» – erzählt aus der Ich- Perspektive einer überkontrollierten Event-Managerin – auch ein Stück literarischer Diskursanalyse, die sich unter anderem an den Machteffekten des Esoterik- und Wirtschaftsjargons abarbeitet, so legt «Kollateralschaden »nun einen Querschnitt durch verschiedene Schichten der Gesellschaft. Die Versuchsanordnung ist wieder um einfach, aber effektvoll gewählt. In«Talschluss» übertrug Flor die aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung auf den Roman; in «Kollateralschaden» gesteht sie dem Plot exakt eine Stunde zu, die im Minutentakt der Katastrophe entgegentickt. Die Einheit des Ortes wird dabei nicht dogmatisch gewahrt: Auch wenn eine Supermarkt- Filiale an einem Winternachmittag das Epizentrum des Geschehens bildet, so erlaubt die Autor in sich und ihrem Figuren- Arsenal doch eine Bewegungsfreiheit, die über die verlockende formale Strenge hinausgeht – eine Lizenz, die den Realismus auf ihrer Seite hat; denn wer, sieht man vom Verkaufspersonal ab, hält sich schon eine Stunde lang zwischen Tiefkühlkost und Mineralwasser-Regalen auf? Luise will die Kontrolle behalten So führt der Roman den Obdachlosen und die Politikerin, die Kalorientabellen studierende Endzwanzigerin und den verhaltensauffälligen Jugendlichen, den Pensionisten mit der erkrankten Frau und den Lehrling, der sich die wirklich coolen Sportschuhe nicht leisten kann, zwar im Supermarkt zusammen, zeigt aber auch die alleinerziehende, arbeitslose Logopädin in ihrem Ersatzjob als Putzfrau oder die ältere Ehefrau in der Garage des cholerischen Gatten. Im Zappen zwischen den in erlebter Rede dargebotenen Innenwelten der Protagonisten wird nicht jedem und jeder die gleiche Aufmerksamkeit zuteil. Es gibt sogar so etwas wie eine Hauptfigur – die junge und selbstbewusste rechtspopulistische Politikerin Luise (offensichtlich Magda Bleckmann nachempfunden, die einige Zeit Generalsekretär in der FPÖ war und deren Mann bei einem Banküberfall erschossen wurde). In einem Ensemble meist passiv erduldender Frauen verkörpert Luise, um es in den zeitgenössischen Jargon zu übersetzen, das Dilemma weiblicher Selbstermächtigung. Sie versucht – darin der Erzählerin aus «Talschluss» verwandt –, die Kontrolle zu behalten. Im Kontakt mit der so genannten Bevölkerung oder in den hochpeinlichen Momenten einer Pinkelpanne auf einer öffentlichen Toilette gelingt das auch; in der von Bewunderung, Konkurrenz und Aggression geprägten Beziehung zu einem gewissen Ferdinand klappt es nicht ganz so gut.Dass Luise der erotische Rollenwechsel ins masochistische Fach verwehrt bleibt, ist eine hübsche ironische Pointe: «Denn sie wolle auch einmal wissen,wie dieser ganz spezielle Schmerz sich anfühlte, der ihn insoweit entfernte Zustände brachte. Sie sei sich sicher, hatte sie nahegelegt, dass ihr eine solche Erfahrung helfen würde, besser auf seine Bedürfnisse einzugehen, doch umsonst, er hatte nichts davon wissen wollen, erhabe Angst, sie zu verletzen, hatte er gesagt. Doch in Wahrheit, das war ihr klar,war es nichts als Bequemlichkeit gewesen, ein zu großer Umweg auf der beschwerlichen Route zur Erreichung seiner ganz persönlichen Zielvorgabe: das roch zu sehr nach Arbeit.» Wollte man an Olga Flors intelligentem Roman etwas aussetzen, so ist es seine Umschweifigkeit. Auch sie ist gewiss kalkuliert, die Autorin wollte eben keinen Suspense- Thriller schreiben – auch wenn das action- und pointenreiche Finale einem solchen entstammen könnte.Das ändert freilich nichts daran, dass «Kollateralschaden» zu den erfreulichen Hervorbringungen dieses Literatur-Herbstes zu zählen ist. KLAUS NÜCHTERN
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