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Ausgabe 09/08
Schwerpunkt
Oh, Ankara.

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu ist in zwei Kulturen aufgewachsen: der türkischen unter immer neuen Perspektiven – Anlass für eine Expedition über zwei Etappen in

VON FRAUKE MEYER-GOSAU

Das Flugzeug zieht noch einen großen Bogen über dem Meer, dann nimmt es Kurs auf die Berge. Nicht lange, und unter den Tragflächen wird sich eine karstige Hochebene ausbreiten, hier und da tauchen eine winzige Fabrik, ein Steinbruch oder Felder wie schmale Teppiche auf, Wohnsilos mit rosa und hellgrünem Anstrich wachsen unvermittelt aus dem Boden. Dann wieder, sehr lange, nichts. Ein Gefühl der Verlorenheit breitet sich aus, das nach der Landung nur noch zunimmt. Im riesenhaft und gläsern aufragenden Flughafengebäude scheint das Häufchen Passagiere aufs Zwergenmaß zu schrumpfen, unversehens ist es mit seinen Koffern verschwunden – 35 Kilometer von hier liegt die türkische Hauptstadt Ankara.
Das Stadtzentrum erreicht man über eine achtspurige Schnellstraße, vorüber an gerade erst errichteten Moscheen und knallbunten Betonwohntürmen, todesmutig und kichernd retten Mütterchen in langen Röcken und Kopftüchern sich selbst, einander und die Einkaufstüten vor heranjagenden Fahrzeugen auf den Mittelstreifen. Doch dann ist, nach der Ausfahrt aus einem Tunnel, plötzlich alles wie verwandelt. Auf dreispurigen Straßen wird von nun an fünfspurig Blech an Blech gefahren, Lärm und Gewimmel auf Gehsteigen und Plätzen, schwarzeAbgaswolken,die sich aus Lastern und Bussen direkt ins geöffnete Fenster des Taxis entladen: Ankara brummt, hupt, schreit, gestikuliert, drängelt und dampft.
Wie anders dann, eineWoche später, in Deutschland: Eine Regionalbahn ruckelt durch die norddeutsche Tiefebene. Grün ist das Land und scheint, je regnerischer das Klima, nur desto grüner zu werden. Bebaute Felder, sanft geschwungene Wiesen, Hecken, Kuhherden mit dicken Grasbäuchen ziehen am Zugfenster vorüber. Zwischendurch ein Hof oder eine minimale Bahnstation, dann kommen die ersten Vorzeichen der Stadt ins Bild, Hochhäuser, Straßen, Ampeln, Autos, Passanten. Als der Bahnhof der Landeshauptstadt erreicht ist, gibt das Wortgedächtnis angesichts des geputzten Backsteinzustands ringsum kein anderes Wort frei als: «picobello». Kiel also.

Ein orientalischer Märchenerzähler
Gut 3000 Kilometer liegen beide Reiseziele voneinander entfernt, getrennt durch Meer und Gebirge, und nur unter erhöhtem Aufwand gelangt man von der Regionalhauptstadt des einen in die Landeshauptstadt des anderen Staates.Und doch stehen beide in einer nahen Verbindung miteinander –Ankara und Kiel, seit ab auf je eigene Weise, bilden die biografischen Fixpunkte und kulturellen Pole im Leben des Schriftstellers Feridun Zaimoglu. 1964 in der Türkei geboren, 1995mit demBand «Kanaksprak» als aggressive Stimme der Gastarbeiterkinder- Generation zu Ruhm gekommen und in diesem Frühjahr zuletzt hochgepriesen für den romantischen Roman «Liebesbrand», nennt er sich selbst einen «deutschen Autor». Und ist zugleich ein orientalischer Märchenerzähler von Graden.
Denn natürlich war die Reise ganz anders geplant: Nur an ein Ziel hätte sie führen sollen, miteinander wollten Schriftsteller und Kritikerin die türkische Kapitale durchwandern. Hier leben Zaimoglus Eltern, hier erholt er selbst sich in regelmäßigen Abständen vom deutschen Schriftstelleralltag, und an den Schauplätzen seines Familien-,Kinder-, Jugend- und Erwachsenenlebens hätte sich nicht nur Feridun Zaimoglus türkische Geschichte materialisiert, auch die spezifisch Zaimoglu’sche Verbindung von Deutschem und Türkischem wäre gesprächsweise nach und nach zumVorschein gekommen.
Doch reiste am Ende au smärchenhaften Gründen nur eine der beiden nach Ankara – und hatte über dies einen Termin für dieWeiterreise nach Kiel auch schon im für die türkische Hauptstadt um und erfuhr: Es gibt keinen. Stattdessen fanden sich in einem Reiseführer für Zentralanatolien Sätze, die nach einer kaum noch subtilen Warnung klangen. Viele seiner Einwohner, hieß es da, schätzten an Ankara vor allem die Autobahn nach Istanbul. Wer freilich gezwungen sei, sich in der Kapitale wohlzufühlen, finde ein relativ großes Kulturangebot vor, dazu Läden und Kneipen. Dem Touristen wiederum sei es durchaus möglich, sich für ein bis zwei Tage zu beschäftigen: Die Zahl der Museen betrage 25.

Ein DIN-A4-Blatt mit Adress-Coupons

Doch noch wähnte die Touristin sich in Sicherheit. Trug sie nicht ein DINA4- Blatt mit vom Autor handgeschriebenen Coupons in der Tasche, auf denen jene Adressen verzeichnet waren, die man gemeinsam hatte aufsuchen wollen? Sie möge die Streifchen nur ausschneiden und einem Taxifahrer vorhalten, war ihr versichert worden, sogleich werde sie an den gewünschten Ort transferiert werden. Auf das Tragen einer Handtasche möge sie allerdings verzichten, zum Schutz vor allerorts lauernden diebischen Elementen, auch solle sie das Englische möglichst meiden, da Engländer und Amerikaner in der Türkei nicht in höchstem Ansehen stünden. Bleibe die Reisende aber beim Deutschen, könne sie sich der Sympathien aller sicher sein .Und werde eine herrliche Stadt vorfinden: den Schwanenpark, den der Autor so gern besuche, seine Lieblings-Konditorei («Wie heißt sie noch? So was wie Milka»), dazu Restaurants, Buchhandlungen, die Flanier- und Einkaufsmeile Tunalı Hilmı, das Shopping Center «Karum». Und vor allem: freundliche Menschen.
Ausgerüstet mit einem fotokopierten Ungetüm, das ihr im Hotel anstelle eines Stadtplans zugesteckt worden war, machte sich die Reisende so dann in Ankara auf den Weg – auf einen langen Fußweg zumeist. Denn auf Vorhalt der Adress-Coupons blickten die Taxifahrer woanders hin und bedeuteten, man möge einfach sagen, wohin es gehen solle. Deutsch sprachen die Leiterin des Goethe-Instituts sowie Zaimoglus türkischerÜbersetzer. Auf Englisch wiederum antwortete bei einer Gelegenheit eine Passantin, nachdem die Besucherin, unterwegs zu einem Termin, zum wiederholten Male in einer Straße ohne erkennbaren Straßennamen gestrandet und mit ihren Nachfragen selbst bei einem sympathischen Verkehrspolizisten gescheitert war.

Originale und Fälschungen
Am Ende der abenteuerlichen Reise aber steht fest: Die Lieblings-Konditorei des Autors heißt «Mado». In der Buchhandlung «Dost» blickte Max Frisch von einem Zeitschriften- Titel, Murathan Mungan und Elif Shafak erwiesen sich als Bestseller-Autoren mit exklusiv zugeeigneten, prall gefüllten Regalen. Ein Restaurant, das als Treffpunkt linker Boheme empfohlen worden war, entpuppte sich als ein Self-Service-Betrieb nach Art der deutschen «Nordsee»-Kette, Boheme war nicht auszumachen. Und im Schwanenpark fristeten die Tiere auf einer winzigen Wasserfläche, um tost vom Autolärm, ein beklagenswertes Dasein; eine verhüllte Türkin las dem Schwanenhäuschen gegenüber sieben Zeitungen und rauchte ein halbes Päckchen Zigaretten dazu.
Staunenswert schließlich auch das «Karum» mit edlen Gucci- und Prada-Läden in der ersten Ladenreihe und einer zweiten Geschäftszeile gleich dahinter, in der die Fälschungen von Gucci- und Prada-Produkten angebotenwerden, ebenso die Tunalı-Hilmı-Straße: ein kunterbuntes, irrwitzig lautes Gebrodel von Fahrzeugen und Menschen. Welch Letztere das leicht strapazierte Herz der Umherwandernden im Handumdrehen eroberten: Fast immer war die zwangsläufig aufs Gestische beschränkte Kommunikation voller Neugier und Zuvorkommenheit, und in einem Restaurant traf die Reisende bei einer lustig schwatzenden Frauenrunde auch zum zweiten Mal auf Englischsprachige. Binnen kurzem hub da die Weltläufigste der Gruppe zu einem kleinen Vortrag über dieWesenszüge von Armeniern und Juden an, während eine andere bedauerte, dass der türkische Literatur-Nobelpreisträger seine Werke bei anderen Autoren abgeschrieben habe. Auch dies alles war nur freundlich gemeint, eine kleine Landeskunde. Wären die Eindrücke anders ausgefallen,hätte man die Reporterin nicht unbegleitet in die Fremde ziehen lassen? Leicht bekümmert schaute Feridun Zaimoglu, als ihm die gemischten Ergebnisse des ersten Teils der Expedition mitgeteilt wurden.

Im Märchenland der Gartenzwerge
Doch ist auch der Kieler hilfsbereit und kennt die Straßennamen seiner nächsten Umgebung nicht. «Ich bin nicht so der Straßennamentyp», sagt ein junger Mann bedauernd, als man sich nach dem Weg zur Wohnung des Autors erkundigt. Sobald das Haus aber schließlich trotzdem gefunden, die Dichterwohnung erreicht ist, findet sich die Besucherin unvermutet unter Gartenzwergen wieder: In allen erdenklichen Größen, in allen Farben leuchtend, mit unterschiedlichen Arbeitsutensilien bewehrt, bilden sie an der Wand des Arbeitszimmers von Feridun Zaimoglu eine luftige Pyramide, selbst in derKüche noch kommen einzelne Exemplare vor.
Im Sessel seinen Zwergen gegenüber sitzt derweil der Autor, studiert die Reaktionen seiner Besucherin und scheint vergnügt: Schräg unter jenem Gnom, der drohend eine Rute erhebt, hat er seine Schreibmaschine postier – eine Schreibmaschine,ganz recht. Einen Computer gibt es in diesem Schriftstellerhaushalt nicht, und das Schriftbild der Textseite, die in die Maschine eingespannt ist, gibt zu erkennen: Dieser Mann weiß genau, was er tut. Einzeilig ist das Blatt dichtestmöglich bis an alle vier Ränder heran vollgeschrieben, und während die Betrachterin noch mitfühlend an den Lektor denkt, erklärt Zaimoglu: «Das ist einfach praktisch: eine Seite, zwei Buchseiten. So habe ich immer den Überblick.»
Und in eben dieser Haltung wird er uns nun eine Geschichte erzählen, in der zwei Länder und sieben Städte, 26 Umzüge, eine Familie auf der rastlosenWanderschaft zwischen zwei Kulturen sowie ein Schulschwänzer vorkommen, der zum Klassenbesten,und ein Medizinstudent, der schließlich zum Künstler wird – seine, Feridun Zaimoglus eigene Geschichte. Deren Happyend buchstäblich nachlesbar ist: Der vor zehn Jahren noch durch «Kanak»- Attacken aufgefallene Autor hat sich inzwischen als romantischer Dichter entpuppt, der Türke mit deutschem Pass schreibt, auf Deutsch, die türkische Geschichte der letzten achtzig Jahre als Familiengeschichte auf. Und wir verstehen: ein Märchen, dies alles.

Zeichen, Wunder, erstaunliche Begebenheiten
Und ein Märchen tatsächlich von Anfang an– alles in diesem Dichter- Werdegang scheint im Zeichen von Wundern und erstaunlichen Begebenheiten zu stehen. Oder wie anders soll man es nennen, wenn einer in einer unversehrten Fruchtblase zur Welt kommt,die vom Krankenhaus-Personal zerschnitten, aufgeteilt und, in kleine Phiolen gebettet, fortan als Glücksbringer um den Hals getragen wird – er selbst aber hat den Ort seiner Geburt nie gesehen? «Über Bolu weiß ich nur, dass von dort die besten Köche kommen und in denWäldern große Schmetterlinge fliegen. Mit dieser Stadt verbindet meine Eltern und mich nichts», sagt Zaimoglu mit versonnenem Blick auf die Zwergenwand. «Mein Vater hatte seit 1962 eine Anstellung als Lederarbeiter bei der BASF in Ludwigshafen, und vor ihrer gemeinsamen Übersiedlung nach Deutschland wollten meine hochschwangere Mutter und er noch eine romantische Busreise durch die Türkei machen. Ausgerechnet in Bolu kamen die Wehen.»
Glück war demnach das eine auf die Lebensgeschichte des Neugeborenen vorausdeutende Zeichen, der Zufall das andere, romantische Gefühle das dritte. Kamen noch hinzu: eine Lust am Unterwegssein und, damit verbunden, die Herausforderung, auch mit Unvorhergesehenem zurechtzukommen, Unannehmlichkeiten aller Art eingeschlossen – schließlich herrschte tieferWinter, als das Kind des künftigen Gastarbeiter-Paares Zaimoglu in einer den Eltern fremden Stadt geboren wurde.

Aus einer Geschichte der Rastlosigkeit
Der Hang zum Unterwegssein hat sich bis heute als prägendes Moment im Dasein Feridun Zaimoglus erhalten – ein Phänomen mit Familientradition. Denn nicht nur gelangte er selbst als fünfmonatiger Säugling nach Berlin. Auch die Großeltern-Generation väter- wie mütterlicherseits hatte sich bereits auf dieWanderschaft begeben, und auch sie nicht vollkommen freiwillig. «Wie bei vielen Türkisch- und Kurdischstämmigen hat bei uns die Migration schon viel früher begonnen«, berichtet der Autor. «Meine Mutter stammt aus einer tschetschenischen Sippe, die im Kaukasus beheimatet war,mein Vater aus einer tscherkessischen Familie, die aus Bulgarien kam. Die Eltern meiner Eltern waren Heimatvertriebene, geflohen vor der Roten Armee, meine Elternwurden so zu Türken der ersten Generation. Meine Schwester und ich wiederum gehören zur ersten türkischstämmigen Generation in Deutschland – das ist doch großartig!» Und gar keine Einbußen? Kein Gefühl des Ausgegrenztseins, der Entwurzelung und Hilflosigkeit? «Unsere Eltern waren in derAnpassung an fremde Verhältnisse nicht unerfahren», sagt Zaimoglu, «sie hatten es ja selbst so erlebt. Für uns Kinder galt, was für sie gegolten hatte: Nicht jammern! Heulen und Aufgeben gibt es nicht! Die Sprache lernen! Und: man spuckt nicht in den Napf, aus dem man isst!»

Wie sieht denn der aus?
In diesen Napf aber hat der sonst folgsame Sohn seiner Eltern schließlich doch kräftig gespuckt – sein Buch «Kanaksprak» war nur der Auftakt für eine Serie offensiver deutsch-türkischer Standortbestimmungen. Schon im Titel widmete Feridun Zaimoglu dabei die rassistischen Zuschreibungen der so genannten Gastgesellschaft in eine aggressiv-ironische Selbst-Titulatur der Gastarbeiterkinder um. «Wie lebt es sich als Kanake in Deutschland?», lautete die zentrale Frage. 24 aus seiner eigenen Erfahrungswirklichkeit destillierte Kunstfiguren antworteten darauf in einem Mix aus deutsch-englischen und türkischen Sprachversatzstücken der gewollt unfeinen Art – ein Stück Identifikations- wie Selbsterkenntnis-Literatur.
Es folgte der Roman «Abschaum» (1997), zwei Jahre darauf der nich minder wilde «Koppstoff»; und auch der Briefroman «Liebesmale, scharlachrot» (2000) wie der in der jungen Kunstszene spielende Roman «German Amok 10 » (2002) variierten das Thema einer nicht nur durch kulturelle Differenz erschwerten Ankunft – der Autor Zaimoglu hatte eine Marke erfunden.
Und sich selbst als Marke gleich dazu: «Kanaksprak» war ein atemberaubender Publikumserfolg und der Urheber dieser «24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft»wurde zur Performer-Legende. «Eine rauschhafte Zeit war das», erinnert er sich jetzt. «Viele kamen, die einmal nicht die klassische Lesung erleben wollten. Ich zappelte und rumpelte und brüllte und war die Person, die ich beschrieben hatte: Anzug, lange Haare, wie mit dem Edding gezeichneter Bart, Koteletten. ‹Wie sieht denn der aus?› sagten die Leute. ‹Aha,wie die Helden seiner Bücher.›»

Werdegang eines deutschen Schriftstellers
Doch gehörte er selbst zu den Randexistenzen, denen er eine Stimme gab, ja nicht wirklich, allein der artifiziellen Stilisierung seiner Texte war dies abzulesen. Der Autor hatte lediglich eine Rolle angenommen und dabei mit einer Identität zu spielen begonnen, die die seine allerdings hätte sein können – betrachtet man den Wechsel seiner Lebensstationen bis zum Ende der Schulzeit, wäre dies sogar mehr als wahrscheinlich gewesen: Bolu–Istanbul–Berlin–Ankara–München–Ankara–Nienburg an der Weser–Istanbul–Bonn hieß die Abfolge.
Der in Berlin aufgewachsene, 1969 dann in Ankara eingeschulte Feridun Zaimoglu kam 1972 als Achtjähriger mit seinen Eltern zum zweiten Mal nach Deutschland. An seine ersten Lebensjahre in Berlin hatte er keine Erinnerung, Deutsch sprach er nicht, als man ihn in die Münchener Grundschule schickte; mit 13 wurde er zum Rückkehrerkind, das sich im türkischen Schulsystem nicht mehr zurechtfand. Als 15-Jährigen schickte man den Jungen für ein Jahr in die deutsche Provinz zu einem Onkel, wo er als von Akne vulgaris gepeinigter Unglücksrabe nächtens Pogo tanzte. 16 Jahre alt, lebte er für ein Dreivierteljahr bei einer Tante in Istanbul, schwänzte das elitäre deutschsprachige St.Georgs-Kolleg und hielt, wenn er doch einmal im Unterricht erschien, rechtsnationalistische Brandreden. 1981 zog die Familie, die in der Türkei die bürgerkriegsähnlichen Zustände der späten siebziger Jahre und den Beginn der Militärdiktatur erlebt hatte, nocheinmal nach Deutschland–und erst hier, in Bonn, wurde alles gut, Zaimoglu absolvierte das Abitur als Jahrgangsbester. Und doch bricht der von Erfolg zu Absturz, von Absturz zu Erfolg Taumelnde einige Jahre später in Kiel das von den Eltern gewünschte Medizinstudium ab. Er will nicht Arzt, er will Künstler werden.
Ein Märchenerzähler hätte die Geschichte nicht besser erfinden können.Wer sie aber erlebt und einigermaßen heil überstanden hat, hat beste Chancen, selbst ein solcher zu werden. Denn woher, wenn nicht aus der Kraft der Phantasie, sollte die Energie sich speisen, mit der einer immer wieder von Klippe zu Klippe springt – und am Ende ein deutscher Schriftsteller wird?

Vorbei ist vorbei, mein Herzblatt

Putzfrau die Mutter, dann Angestellte bei Woolworth, in München und Ankara Hausfrau und Veranstalterin
von Tupper-Partys, der Vater, der sich vom Arbeiter zum offiziellen «Sprachmittler» für seine Landsleute und endlich zum Mitarbeiter des Presse- und Informationsamtes der Türkischen Botschaft in Deutschland empor arbeitet: die klassische Gastarbeiter-Karriere ist auch dies nicht.
Der Sohn aber münzt die drastischen Brüche, die die Bewegungen seiner Eltern zwischen beiden Kulturen ihm zumuten und die ihn erst bei den Rechtsnationalisten, dann bei den Religiösen und zuletzt beim linksradikalen deutschen «MSB Spartakus» Halt suchen lassen, in Kunst-Aufsässigkeit um. Die allerdings zunächst ebenfalls wieder in eine Sackgasse führt: Als Maler bleibt Zaimoglu ohne Erfolg, als Erfinder und Rhetor der «Kanaksprak» landet er an der literarischen Peripherie. «Man stellte mir Fragen nach der Authentizität: Wie authentisch sind die Figuren in Ihren Büchern? Wie authentisch sind Sie? Dabei hätte es heißen müssen: Haben Ihre Texte noch etwas mit Ihnen zu tun? Sie hatten nichts mehr mit mir zu tun, ich wollte nicht mehr der Türken-Experte sein.Vorbei ist vorbei, mein Herzblatt.» Da war ein Ruf zu verlieren, das konnte gut oder schlecht ausgehen; mit dem Ruf stand aber mittlerweile auch der Lebensunterhalt auf dem Spiel.

Puderzucker streuen
«Erst nach ‹Liebesmale, scharlachrot›», sagt Feridun Zaimoglu und zündet sich eine weitere Zigarette an, «kam ich auf die Idee, ich könnte ein Schriftsteller sein. »Befragt, weshalb denn der Protest-Autor kein solcher gewesen sei, verweist er auf das grundlegende Problem hinter all dem Lebens-Zickzack: Es geht in seiner Künstler-Geschichte immer um das Deutsche und das Türkische, die sich in mehr als vier Jahrzehnten Lebensgeschichte in ihm angereichert, keineswegs aber zu einer unauflöslichen Masse vermengt haben.
«‹Kanaksprak›», erläutert er, «war ein deutsches Sprach-Phänomen, daran war nichts Türkisches; auch die anderen wilden Bücher beziehen sich auf den deutschen Kontext. Tatsächlich: ich bin ein deutscher Schriftsteller, Deutschland ist meine Heimat – aber ich bin kein Heimatdichter!» Er lacht schallend. «Wenn ich dagegen über das Türkische bei mir nachdenke, fällt mir nicht etwas Abstraktes wie ‹die Kultur› ein, sondern nur Intimes, Privates: die Küche, dasWohnzimmer, belebt von Menschen – meistens Frauen –, die Geschichten erzählen. Das Türkische hat sich mir mitgeteilt in Form von Geschichten aus einer vergangenen Welt, darüber hinaus aber als eine Möglichkeit, das, was nicht unbedingt schön war, mit Puderzucker zu bestreuen.»
Im Sommer 2003 gewinnt Feridun Zaimoglu beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem modernen orientalischen Märchen «Häute» den Preis der Jury, im Jahr darauf erscheint sein Erzählungsband «Zwölf Gramm Glück». 2006 folgt der Roman «Leyla», der die Geschichte seiner mütterlichen Familie von den vierziger Jahren bis zur Arbeitsmigration nach Deutschland erzählt – eine Geschichte der Gewalt, der wilden Hoffnungen und der Aufbruchslust, mit der der literarische Außenseiter sich als Autor zum zweiten Mal erfindet: ein Erfolgsroman. In einer Mischung aus detailgenauer Rekonstruktion von Lebensverhältnissen und den Zutaten der Phantasie kehrt er nun mit seiner Einbildungskraft dorthin zurück, woher seine Familie im Jahr 1964 gekommen war: in die Türkei.

Glücklicher Tourist mit Geld in der Tasche
Auch der jüngste Roman beginnt dort, auch er verknüpft wieder Persönliches mit Fiktivem: Da ist der fast tödliche Busunfall des Helden, den auch dessen Autor vor zwei Jahren nur mit viel Glück überlebte, da ist das kleine und überaus putzig sortierte Nienburg an der Weser, das Zaimoglu selbst als pubertierender Jugendlicher kennenlernte,da sind die Roman-Stationen Wien und Prag,an die ihn in den vergangenen Jahren Stipendien und Arbeitsaufträge führten – dies alles findet sich eingesponnen in die romantische Liebes- und Verzichts-Geschichte eines deutsch-türkischen Mittdreißigers aus der Stadt Kiel, in der Feridun Zaimoglu seit Anfang der achtziger Jahre lebt.
Erleben wir mit diesem zweiten Roman aus der deutsch-türkischen Literaturserie des Autors womöglich gerade die Ausprägung einer neuen Marke, in der Deutsches und Türkisches sich – im Gegensatz zur «Kanaksprak»-Phase – miteinander zu amalgamieren beginnen? Dass Zaimoglus «Liebesbrand» ineinigen Zügen an Orhan Pamuks Roman «Das neue Leben» erinnert, bestreitet der Vielbelesene gar nicht: «Ich bin deutsch-türkisch, in meinen Geschichten wird man immer deutsche und türkische Momente finden.»Und die Anklänge sind hier ja auch im wesentlichen motivischer Natur, anders als in «Leyla», nach deren Erscheinen
ihm vorgeworfen wurde, er habe Emine Sevgi Özdamars Roman «Das Leben ist eine Karawanserei» kopiert. Eine dunkle Sache, über die derAutor allenfalls fünf Sätze sagen will, und die auch nur «in Klammern»: Er erzählt, seine Mutter habe durch die Plagiatsbehauptung «ihr Leben zunichte gemacht» gesehen.Klammer zu. Die geplante Fortsetzung des Buches, die in die Bundesrepublik der sechziger Jahre hineinführen müsste, wird noch ein wenig auf sich warten lassen.
Und die Türkei der Gegenwart? Für den ultramobilen Schriftsteller, der in 13 Jahren allein 800 Lesungen bestritten hat, ist sie ein Urlaubs-Land. «Ankara ist für mich eine Entspannungs-Oase», sagt er (die Besucherin muss ein «Oh» unterdrücken), «ich bin der glückliche Touristmit Geld in der Tasche und darf in eineWelt eintauchen, die nicht die meine ist,die ich aber verstehe. Dort kann ich in den Tag hineinleben.» Und schon beginnt er zu schwärmen: von der Mode – «in der Türkei ist jeder eine Textilbotschaft!« –,vom Flanieren auf der Tunalı Hilmı, den Einkäufen im «Karum», vom genüsslichen Lästern mit den Eltern,während man in der Konditorei «Mado» sitzt und einen Mastixpudding mit Hühnerbrustfasern verspeist.

Vom seltsamen Glück, in Kiel zu leben
Kiel dagegen kommt, zumindest im Roman «Liebesbrand», nicht so gut weg. «Wir sprachen unterwegs von dem seltsamen Glück, in Kiel zu leben», heißt es da einmal, «hier mußte man genau wissen,wie man den Tag anging, in den Stadtführern und Wegbegleitern standen nur Lügen, Kiel war ein Außenposten der Kultur, hier lief alles auf Lebenserhaltung hinaus, die Kleinbürger spielten gehobene Mittelschicht, die Proleten hatten genug von Formund Fitneß, sie fraßen sich Speck an und kleideten sich trotzdem aufreizend.Wenn man sich der Temperatur der Stadt anpasste, verlor man bald den Mut und strich angepeitscht von diffusen Trieben zwischen den Häusern aus Klinker herum.»
Oh, Ankara. Ach, Kiel. Der Schriftsteller hat seine beiden Kulturen für sich persönlich offenbar klar zugeordnet: Schauplatz hedonistischer Zerstreuungen wie Hort familienmythologischer Stoffe ist das Herkunftsland, Deutschland das von Ablenkungen weitgehend unbehelligte Arbeits- Gebiet. Jenäher freilich dasWerk inseinen unübersehbar autobiografischen Zügen der Gegenwart kommt, umso weniger wird es der Frage nach der Verbindung der Kulturen in einer Person ausweichen können. Doch vielleicht kommt alles ja auch wieder ganz anders –wer wollte seine Hand dafür ins Feuer legen, dass Feridun Zaimoglu, Reisender von Geburt, nicht längst schon neues literarisches Terrain sondiert?




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