ROMAN Mit «Tagebuch eines schlimmen Jahres» wächst J.M. Coetzee über sich selbst hinaus – indem er die eigene Humorlosigkeit seinem Spott aussetzt
Die übliche Text-Lektüre – seitenweise von links oben nach rechts unten – empfiehlt sich nicht für J.M. Coetzees «Tagebuch eines schlimmen Jahres». Kritiker zogen zum Vergleich die «Schichttorte» heran, nannten das Buch einen «Roman in Streifen» oder fühlten sich an den unten mitlaufenden Nachrichten-Ticker beim Fernsehbild erinnert, um die besondere Machart dieses neuen Romans des südafrikanischen Nobelpreisträgers zu kennzeichnen. Dabei läge beim Bach-Liebhaber Coetzee der Vergleich mit einer dreistimmigen musikalischen Partitur doch viel näher, deren einzelne Stimmen zunächst horizontal zulesen sind, ehe sich beim Blick von oben nach unten das Gesamtbild, die kontrapunktische Komposition des Ganzen, erschließt.
So gesehen, laufen im oberen ersten Drittel der Seite als Kopfstimme lauter essayistische Notate bis zum Romanende durch: Meinungssplitter zuverschiedenen Themen, Gedanken über Gott und die Welt, oft bittere und moralisierende Ansichten über Politik, Terror, Anarchie, Liebe, Kunst und Tod, wie wir sie aus Coetzees früheren Romanen kennen, die zumeist die Lieblosigkeit des Menschen gegenüber Mensch und Tier geißeln, die Übel einer kalten, grausamen, gottlosen Welt anprangern – Kolonialismus, Folter, Ausbeutung – und das eigene Gefühl von untilgbarer Scham über die Schande dieser Zustände beschreiben.
Der eigentliche Roman - Plot ist an die zweite und die dritte Stimme unterm Strich delegiert. Die zweite Stimme ist der innere Monolog eines einsamen, melancholischen, älteren Mannes, eines berühmten südafrikanischen Autors namens John C., der sich im australischen Sydney niedergelassen hat und an Essays – eben den oben stehenden Texten – arbeitet, die er zu einem Sammelband mit dem Titel «Feste Ansichten» beisteuern soll. C.s aschgrauer, Beckett-haft ausgedörrter, selbstquälerischer Monolog ist das titelgebende «Tagebuch eines schlimmen Jahres». Wie so oft in seinen Büchern legt Coetzee eine autobiografische Lesart nahe und widerruft sie zugleich, indem er seinen Protagonisten mit markanten Details aus seinem eigenen Leben und Werk ausstattet, andererseits aber irritierend falsche Spuren gegen biografische Kurzschlüsse legt.
Anya mit dem himmlischen Hinterteil
Als Schreibkraft heuert C. eine junge Frau an, die im selben Haus wohnt – teils wegen ihres «himmlischen Hinterteils», teils weil die beginnende Parkinson-Erkrankung seine Handschrift unleserlich macht. Anya, eine hübsche Filipina mit unsicherer Orthografie, aber mit einem ihrer Wirkung auf Männer sehr sicheren Auftreten, soll seine Texte abtippen. Mit ihren Ansichten über seine Ansichten hält sie nicht hinter dem Berg. Sie bringt ihn sogar dazu, seine Meinungen zu verändern, genauer: seine Meinungen über seine Meinungen.
Etwa beim Thema Schande. Anya missbilligt, wie sehr der Schriftsteller sich moralisch quält, mit einer metaphysischen Schuld, die ihr nicht einleuchtet. Er leidet unter der Schande, Nachkomme kolonialer Ausbeuter in Südafrika zu sein, wie auch unter der Schmach, in Zeiten zu leben, in denen an Orten wie Guantánamo Menscheng efoltert werden. Anya hingegen ist der Ansicht: «Solange Sie nicht daran schuld sind, bleibt die Schande nicht an Ihnen kleben.»
Bald tritt als dritte Stimme die von Anya selbst hinzu. Ihre Tagebuch- Ein tragungen im untersten Streifen bezeugen nicht nur ihren Wandel vom koketten Dummerchen zur mitfühlenden Seele; mit ihren ungenierten Kommentaren über ihren Arbeitgeber sorgen Anyas Notizen überdies für die versteckte Ironie dieses drei-stimmigen Arrangements. Was im ersten Streifen todernst abgehandelt und im zweiten selbstkritisch reflektiert wird, prallt im dritten Streifen kontrapunktisch auf Anyas mitleidigen Spott und auf die rücksichtslose Häme ihres Freundes Alan. Dieser, ein Börsianer, glaubt an nichts als den Markt und verachtet C.s Skrupel als altmodisches «Moralitätenstück, Gut gegen Böse». Der Alte habe das probabilistische Universum von heute nicht begriffen und könne nicht in Strukturen denken – und das müsse man ausnützen.
Mehr kann man nicht tun
In Alans Gestalt unterwirft Coetzee sein eigenes Denken dialektisch dem Hohn einer neuen Generation, die für seine Werte nichts mehr übrig hat. Allerdings: als Alan auf die Idee kommt, C.s Computer zu hacken, um ohne Wissen des Alten mit dessen Geld zu spekulieren, trennt sich Anya angewidert von ihm.So rivalisieren in der Konstellation C. und Alan zwei Männer, zwei Zeitalter, zwei Wertesysteme um das schöne Mädchen zwischen ihnen. Anya entzieht sich beiden, neigt sich am Ende aber doch, wie von C. erträumt, der Not des alten Mannes zu, um «seine Hand bis zum Tor zu halten». Mehr können Menschen für einander nicht tun.
Hat man die Struktur des Buches einmal
durchschaut, dann belohnt «Tagebuch eines schlimmen Jahres» den Lesermit vielschichtigeren Freuden als Coetzees unmittelbare Vorgänger-Romane «Elizabeth Costello »und «Zeitlupe» (siehe LITERATUREN 7–8/2005 und 11/2005). Auch die waren imprägniert von metaphysischer Selbstquälerei, aber es fehlte ihnen der Kontrapunkt, die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung. Und eben der Kontrapunkt ist es,der die «Festen Ansichten» dieses Romans mit sardonischem Humor so gewinnend ins Rutschen bringt.
SIGRID LÖFFLER