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Ausgabe 06/08
Schwerpunkt - Leben als Werk: Franz Kafka
schwerpunkt06-2008
Zugegeben: die Biografie des Prager Juristen und Schriftstellers Franz Kafka, dessen 125. Geburtstag auf den 3. Juli 2008 fällt, gibt nicht viel her. Er führte ein Junggesellen-Leben, das arm war an äußeren Ereignissen. Umso reicher, abgründiger, bizarrer, neurotischer war Kafkas innere Biografie – ein Leben, das in seinen Texten aufging. «Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich», schrieb Kafka in einem Brief an seine «ewige Braut» Felice Bauer. Die wechselseitige Erhellung von Text und Biografie zeitigt unentwegt neue Lebensbeschreibungen, so die These von Sigrid Löffler. Klaus Wagenbach hat Reiner Stachs monumentale Beschreibung der letzten Lebensjahre Kafkas gelesen und schätzt daran die gelungene Balance aus Vie Romancée und Literaturwissenschaft. Und eine Textprobe aus dem neuen Kafka-Essay des US-Autors Louis Begley zeigt die untergründigen Wirkungen von Kafkas Leben auf seinen räselhaften letzten Roman «Das Schloss».

Kafka-Bilder dieses Schwerpunkts stammen aus dem Privat-Archiv des Verlegers Klaus Wagenbach, der 1957 im Keller des kommunistischen Gewerkschaftsbundes in Prag die Personalakte des Versicherungsbeamten Dr. Franz Kafka entdeckte – ein Fundstück erster Güte für die Forschung bis heute

«Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe»
Franz Kafka, scheinbar ein Mann ohne nennenswerte Biografie, beschäftigt die Biografen wie kaum ein anderer Autor der Welt. Der Grund dafür ist der unauslotbare Reichtum von Kafkas innerer Existenz
VON SIGRID LÖFFLER

Ist dieser Mann als biografischer Gegenstand überhaupt geeignet? Indenknapp 41 Jahrenseines Lebens hat der jüdische Prager Jurist, Versicherungsbeamte und Schriftsteller Dr. Franz Kafka (1883–1924) den innersten Bezirk der Prager Altstadt nur selten verlassen – mit Ausnahme der letzten Lebenszeit, als ihn die Tuberkulose zwang, Sanatorien aufzusuchen. Abgesehen von einigen Wochenend-Fahrtenins Deutsche Reich verbrachte er etwa 45 Tage im Ausland. Er kannte Berlin, München, Paris, Wien, Zürich, Budapest sowie einige Städte in Oberitalien. Dreimal im Leben hat er das Meer gesehen – die Ostsee, die Nordsee, die Adria.
Erst mit 31 Jahren hat Kafka das Elternhaus verlassen und erstmals eine eigene Wohnung genommen. Mit Ausnahme von sechs Monaten hat er nie mit einer Frau in einer Wohnung zusammengelebt. Er blieb unverheiratet, war aber dreimal verlobt, zweimal mit der Berliner Angestellten Felice Bauer, die er 1912 durch seinen Freund Max Brod kennengelernt hatte, der er Hunderte von Briefen schrieb und von der er sich erst nach einem Blutsturz endgültig trennte, den er im August 1917 erlitt – der Beginn seiner Lungentuberkulose, der «angelockten Krankheit», die ihn vom Druck der Büro- und Heiratsverpflichtungen befreite, «fast eine Erleichterung», wie er schrieb. Dieser rettende Schicksalsschlag bescherte ihm die wohl glücklichsten Monate seines Lebens: das knappe Dreivierteljahr, das er gemeinsam mit seiner Lieblingsschwester Ottla in dem nordböhmischen Dörfchen Zürau verlebte (siehe LITERATUREN 3/2007).
1918/1919 war er mit der Prager Sekretärin Julie Wohryzek verlobt, der Tochter eines Synagogendieners – eine Verbindung, die sein Vater rabiat bekämpfte, was der Hauptanlass für Kafkas bitteren, hundertseitigen «Brief an den Vater» vom November 1919 war. Mit seiner tschechischen Übersetzerin Milena Jesenská kam es im Sommer 1920 zu einem kurzen, heftigen Liebesversuch, der gleichfalls scheiterte. Im Juni 1922 gestattete Kafkas Arbeitgeber, die Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, dem 39- Jährige ndie Frühpensionierung, krankheitshalber. Erst als Todkranker, in seinem letzten Lebensjahr, konnte er seinen Traum verwirklichen, Prag zu verlassen: Mit der jungen Dora Diamant zog er nach Berlin und verlebte mit ihr gemeinsam den Inflationswinter 1923/24. Danach ging’s zum Sterben in ein Sanatorium in Kierling bei Klosterneuburg in Niederösterreich.
Ein Junggesellen-Leben also, arm an äußeren Ereignissen und auch von den großen Umwälzungen der Zeit wie dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Habsburger- Monarchie 1918 nur schwach berührt. Wenn als Biografie der Radius gilt, den ein Mensch in der Welt entfaltet im Hinblick auf Besitz, Karriere, Macht und Einfluss, dann hat Kafka keine nennenswerte Vita aufzuweisen – sein Werk eine Trümmerstätte von Fragmenten und abgebrochenen Romanen («Der Verschollene», «Der Prozess», «Das Schloss»), sein Privatleben ein Schlachtfeld ergebnisloser Kämpfe mit dem Vater, gescheiterter Heiratsversuche und misslingen der Anstrengungen, sich von der Familie zu befreien. All dies verschattet von der langen Krankheit,aber auch zerrüttet vom ständigen Wechsel zwischen erschöpfenden Phasen literarischer Produktivität und qualvollen Dürre-Perioden völliger Schreib-Blockade. Man sollte meinen, für Biografien, zumal für Bildbiografien, wäre bei einem solchen Leben wenig zu holen.

«Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich»
Ein Irrtum. Der Biograf Reiner Stach führt in Kafkas Leben neben der horizontalen auch die vertikale Dimension ein – und die erweist sich keineswegs als arm, sondern im Gegenteil als biografisch außerordentlich fruchtbar: «Der Reichtum von Kafkas Existenz hat sich wesentlich im Psychischen entfaltet, im Unsichtbaren, in einer vertikalen Dimension.» Es sei Kafka um die Form gegangen, in die er sein Leben bringen wollte. In eine masketischen Selbstentwurf habe er diese Form schließlich gefunden, ind er bewussten Abstinenz von jeder vitalen Teilnahme am Tanz der Säfte und Kräfte des Lebens. Eine Askese, die das Leben abstößt und sich allein im Schreiben realisiert; ein Leben also, das im Text aufgeht. «Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich», schreibt Kafka in einem Brief an Felice.
Kafkas Jubiläumsjahr – am 3. Juli 2008 ist sein 125. Geburtstag – ist Anlass für neue Tiefenbohrungen in diesem verstörenden Werk-Leben/Lebens-Werk. Der «Mythos Kafka» lässt die Interpreten nicht los. Immer aufs Neue arbeiten sie sich ab an der Deutung dieser schwierigen und dunklen Texte, an den geheimnisvollen Roman- Fragmenten, den befremdlichen, aber auch komischen Tierparabeln, den bestürzenden Erzählungen wie «Das Urteil», «Die Verwandlung» oder «In der Strafkolonie». Nachzulesen etwa im «Kafka-Handbuch», das die aktuellsten Essays zu Leben, Werk und Wirkung versammelt. Sie machen deutlich, warum Kafka eine Ikone der Moderne ist, ein nicht nachlassender Einfluss auf nachkommende Autoren: Sein Werk macht alle Krisen der Moderne namhaft, verbindet sich mit allen Schreckenserfahrungen des Jahrhunderts, benennt das Ungeheuerliche und Unheimliche in der Nüchternheit und Kälte seiner kargen, klaren Sprache – so beklemmend wie grotesk, so hoffnungslos wie komisch.
Der neueste in der langen Autoren-Reihe, die sich zu Kafka bekennen, ist der polnisch-amerikanische Schriftsteller Louis Begley. Aus dem intimen Verständnis eines Autors für einen Kollegen unternimmt es Begley in seinem Groß-Essay, Kafkas dürftige Biografie mit einem Close Reading seines Erzählwerks zu verbinden: «Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Über Franz Kafka».
So zeitigt die Überzeugung von der wechselseitigen Erhellung von Text und Biografie im Falle Kafkas auch neue Lebensbeschreibungen. Nun, da Reiner Stachs zweiter Band zu Kafkas Leben vorliegt, «Die Jahre der Erkenntnis», der die letzten acht Lebensjahre zwischen 1916 und 1924 umfasst, kann man ihn gemeinsam mit dem Vorgängerband («Die Jahre der Entscheidungen», siehe LITERATUREN 1–2/2003) und mit Klaus Wagenbachs inzwischen klassischer Biografie von Kafkas Jugend (siehe LITERATUREN 6/2006) als lückenlose Groß-Biografie lesen. Zumal mit dem dritten und Abschlussband von Reiner Stachs Lebensbeschreibung, über die Kindheit und Jugend Kafkas, erst zur rechnen ist, wenn die Briefe und Tagebücher des Kafka-Freundes und -Erben Max Brod zugänglich sind.
Über dies liegen zwei wuchtige Bildbiografien vor, um die aktuelle Leser-Neugierde nach Kafkas Lebenbis ins letzte Detail zu stillen: die erweiterte Ausgabe von Klaus Wagenbachs «Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben» sowie Hartmut Binders geradezu enzyklopädisches Bildwerk «Kafkas Welt. Eine Lebenschronik in Bildern». Darin findet sich so gut wie jede Person in Bild und Text verzeichnet, deren Leben je mit Kafka in Berührung kam – vom Altphilologen Alois Rzach, der bei Kafkas Abitur am Altstädter Gymnasium 1901 der Kommission vorstand, bis hin zu Puah Bentovim, Kafkas Hebräisch-Lehrerin in seinen letzten Lebensjahren. Sogar der «kluge Rolf» macht seine Foto- Aufwartung – jener gelehrige Scotch- Terrier, dermit seinen Kunststückchen Kafka wohl zu seinem Erzählfragment «Forschungen eines Hundes» anregte.




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