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| Ausgabe 05/08 |
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Editorial |
Zugegeben, liebe Leserin, lieber Leser:auch wenn manche Jubiläen zum Jubeln wenig Anlass geben mögen, lohnt es doch, die neuen Bücher zu begutachten, die sich ihnen verdanken.Die vorliegende Ausgabe von LITERATUREN bietet dafür reiche Beispiele zu zwei Gedenk-Terminen im Mai: vierzig Jahre 1968 und sechzig Jahre Israel. Zwar müssen die Achtundsechziger schon seit langem, jahraus jahrein, für diverse Auf- und Abrechnungen herhalten, als Diskurs-Zankapfel zwischen den politischen Generationen und Fraktionen; aber das runde Jubiläum hat nun noch einmal für einen Schub von Neuerscheinungen gesorgt, die aus zweierlei Gründen Aufmerksamkeit verdienen: dafür, was sie in den Blick nehmen – wie auch dafür, was sie ausblenden. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe sichtet nicht nur die Hahnenkämpfe der Veteranen von «68», sondern richtet das Augenmerk auf die bisher vernachlässigten Aspekte dieser kulturellen Zeitenwende. Wenn man sich an den 14. Mai 1948 erinnert, den Tag der Staatsgründung Israels, dann sollte man auch fragen, was heute aus dem damals geteilten Palästina geworden ist. Dabei fällt auf, wie kritisch gerade israelische Autoren auf die Entwicklung blicken, die ihr Land genommen hat – Autoren wie David Grossman, Ron Leshem, Assaf Gavron oder Tom Segev. Lesen Sie ab eine Bestandsaufnahme dieser durchwegs jubelfreien Jubiläumsbücher. Auch in Osteuropa reagieren die Schriftsteller so prompt wie empfindlich auf die politischen Umwälzungen in ihren Ländern.Was dabei besonders ins Auge fällt, ist allerdings deren Hang zur großen Phantasmagorie. Nicht dokumentarisch-realistisch, sondern phantastisch, absurd, grotesk und bizarr sind die literarischen Darstellungen Russlands unter Putin und Rumäniens nach dem Sturz des Diktatoren-Paares Ceausescu. Lesen Sie in dieser Ausgabe über zwei exemplarische Autoren und deren fabelhafte, extravagante, morbide literarische Schreckbilder – über die neuen Romane des Russen Vladimir Sorokin und des Rumänen Mircea Cartarescu. Eine anregende Lektüre wünscht Ihr LITERATUREN-Team
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EDITORIAL
MEISTER AUS BUKARESTWolfgang Schneider Der Ruin aller Dinge lässt das Herz bange stocken Mircea Cartarescus scheinbar autobiografische Geschichten aus der bizarren Epoche des Diktators Nicolae Ceausescu DAS KRIMINALDrei Regeln für Killer Franz Schuh orientiert sich im Kleinen Einmaleins der KriminologieBÜCHER DES MONATSChristoph Bartmann Cormac McCarthy: Kein Land für alte MännerRonald Düker Hans-Christian Dany: SpeedWilfried F. Schoeller Vladimir Sorokin: Der Tag des OpritschniksRichard David Precht Harald Welzer: KlimakriegeFraukeMeyer-Gosau Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibtGerrit Bartels Paul Trynka: Iggy Pop60 JAHRE ISRAEL 1Sigrid Löffler «Seht nur, was geschehen ist!» Ob Israelis, ob Palästinenser – gut geht es im Jubiläumsjahr der Gründung des Staates Israel keiner Seite. Ein literarischer Streifzug durch einen gepeinigten Landstrich60 JAHRE ISRAEL 2Bernd Ulrich Israels Rendezvous mit der GeschichteDer israelische Historiker Tom Segev rechnet mit den Verbrechen ab, die seine Landsleute nach 1948 an den Palästinensern verübten.Und ist doch nicht ganz pessimistisch KINDERBÜCHERFridtjof Küchemann «Pass auf, die Dinger sind lebensgefährlich!»Kinder wissen sehr genau überMonster und Gespenster Bescheid. Kinderbuchautoren nur ausnahmsweise DAS JOURNALRezensionen neuer Bücher von Feridun Zaimoglu || Jana Hensel u.a., Meredith Haaf u.a, Charlotte Roche || György Dragomán || Jörg Friedrich || Bernhard Schlink || Susan Sontag,Daniel Schreiber || Hans-Peter Schwarz || BerndMattheus || Reinhard Kaiser-Mühlecker Bildbände von Nikolaus Gelpke (Hg.) || Philip Taaffe || Helen Levitt || Sylvia Ferino-Pagden (Hg.) DIE BEISEITESibylle Berg Immer was los am Himmel Über dasWetter zu schimpfen, ist wieWeltmeisterschafts-Ausrichten im eigenen LandESSAYChristoph Ransmayr Das Weite suchenDer österreichische Romancier undWeltreisende huldigt einem anderenWeltwanderer: Nicolas Bouvier und dessen «Lob der Reiselust» KURZ & BÜNDIGBücher von Rolf Landua || Raphael Urweider || Franz Dobler || Carl Dahlhaus, Norbert Miller || Ansgar Nünning, Roy Sommer (Hg.) || François Vallejo || John O’Hara Bildbände von Diego Rivera || Joachim Latacz u.a. (Hg.) DAS MAGAZINMitten aus Turin || Kalender || Leserbriefe || Hörbücher || Was liest Annette Pehnt? || Netzkarte || Literatur im Kino || Jetzt als Taschenbuch IMPRESSUMVORSCHAU, P. S., REGISTER
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Schwerpunkt - Zwei, drei, viele |
Im Gewirr der Geschichte
Ein letztes Mal legen 68er wie Götz Aly oder Rainer Langhans ihre öffentliche Beichte ab. Doch allmählich wird die Studentenbewegung zum Gegenstand der Zeitgeschichte. Und zum Stachel im Fleisch in Zeiten der Ent-Politisierung
VON RENÉ AGUIGAH
Peter Schneider, der Schriftsteller, setzt ein indigniertes Gesicht auf. Eine Stunde lang hat er aus seinem neuen Buch gelesen,vor vollen Rängen in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Doch dann gilt das erste Interesse einem anderen. Was er, Schneider, denn von Götz Alys 68er-Deutung halte, will Helge Malchow wissen, seinVerleger,der die Aufgabe des öffentlichen Fragenstellens übernommen hat. Erwundere sich, dass er dieser Tage so oft zur Konkurrenz Stellung nehmen müsse, gibt derAutor knapp zurück. Und legt dann doch los: Diese Thesen seien «niederträchtig», da sie bestritten, dass die Empörung über die NS-Verbrechen ein wirkliches Motiv für die Bewegung gewesen sei. Im Übrigen sei Aly selbst damals ein «besonders radikaler Bursche» gewesen, «der Anführer der so genannten Schweinejagd am OSI», dem Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. «Die haben die Profs ans Fenster gestellt und gedroht, sie rauszuwerfen. Das haben eben nicht Hunderttausende gemacht, das hat er gemacht, und dafür ist er verurteilt worden.» Und schließlich: «Alys Versagen kommt daher, dass er sich nicht mit sich selbst beschäftigt.» Eine Woche zuvor – einige Hundert Meter näher in Richtung Bahnhof Zoo, im Amerika Haus – wird Götz Aly in Anwesenheit kritisiert.Wo vor vierzig Jahren Demonstranten «Amis raus aus Vietnam» riefen, fünf Eier warfen und die US-Flagge auf Halbmast brachten (weshalb Willy Brandt die deutsch-amerikanische Freundschaft für besudelt hielt), zeigt die Bundeszentrale für politische Bildung in diesem Frühling eine Ausstellung zur Studentenbewegung. An diesem Abend wirft der Sozialpsychologe Harald Welzer dort dem Historiker Aly vor, sich übermäßigmit sich selbst zu beschäftigen: Sein Buch zehre vom Eifer des Dabeigewesenen, anstatt eine befriedigende Analyse zuliefern. Aly zählt dagegen auf, was er eigenhändig im Archiv, diesem Bergwerk der Geschichtsforscher, zutage gefördert hat: Akten des Innenministeriums, des Kanzleramts und des Verfassungsschutzes, Material aus dem APO-Archiv der Freien Universität Berlin. Überhaupt, erklärt er, sei das Buch als «Störung der Heldengedenkfeier» verfasst, im «Pamphlet-Format für 19,90 Euro». Dann der entwaffnende Satz: «Natürlich betreibt man dafür nur begrenzten Aufwand.» Es war nicht alles schlecht damalsSo streiten sie also wieder, die 68er, und der Nachgeborene wundert sich. Wie erzählen sie der Republik, wie erzählt die Republik sich selbst vierzig Jahre danach die Geschichte der Revolte? Auf den ersten Blick scheint es, als gäbe es heute ebenso viele unterschiedliche «1968»wie redselige Veteranen. Wer über die geschmacklos-geniale Schlagzeile «Unser Kampf» hinwegsieht, entdeckt, dass Alys Buch den Untertitel «ein irritierter Blick zurück» trägt,als oeine subjektive Perspektive anzeigt. Peter Schneider hat seine autobiografische Erzählung namens «Rebellion und Wahn»mit dem Zusatz «Mein ’68» versehen. Gerd Koenen (der noch vor sieben Jahren zu über individuellen Einsichten kam, in dem er die eigene Vergangenheit im Kommunistischen Bund Westdeutschlands zum Ausgangspunkt seiner akribischen historischen Studie «Das rote Jahrzehnt» machte) schreibt heute: «Alle, die irgendwie dabei waren,hatten ihr eigenes ‹68›»; natürlich ist sein Text in «Bildspur eines Jahres» mit «Mein 1968» überschrieben. Ein Buch namens «I can’t get no.Ein paar 68er treffen sich wieder und rechnen ab» bietet das Protokoll einer zweitägigen Gruppensitzung von ehemals aktivistischen Bremer Schülern. Eingestreute Bildern zeigen, wie die alten Freunde damals aussahen, etwa die Politikerin Krista Sager «als Demonstrantin», der Reporter Cordt Schnibben «als Kundgebungsteilnehmer» oder die Journalistin Tissy Bruns «6 im Beat-Look». Wenn man dieses Poesiealbum auf einen Nenner bringen will, dann den: Es war nicht alles schlecht damals. Am konsequentesten aber ist Rainer Langhans.Seine Autobiografie heißt so schlicht wie kolloquial «Ich bin’s». Nach dem Wehrdienst und einigen Semestern Studium – erst Jura, dann Psychologie –, nach Diskussionen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und dem Bruch mit seiner Freundin stieß Langhans Anfang 1967 zur eben gegründeten Kommune I. Er plante jenes Pudding-Attentatmit, das den amerikanischen Vize-Präsidenten Hubert H. Humphrey mit Milchspeisen und Mehl treffen sollte; eine Zeitlang beschlief er das Model Uschi Obermaier. Heute lebt er mit einem «Harem» von fünf Frauen in München. Und bei der Leipziger Buchmesse im März erklärte er – ganz inWeiß, auf dem zentralen Blauen Sofa –,wie er «geistigen Sex» praktiziert. Langhans verkörperte den Typus des 68ers in seiner egomanen Variante schon seinerzeit wie kaum ein zweiter. «Was geht mich der Vietnamkrieg an, wenn ich Orgasmusprobleme habe» – der Zitatenschatz der Revolte schreibt den Spruch dem Ex-Kommunarden Dieter Kunzelmann zu. Heute entlarvt Langhans die Überlieferung in seiner Autografie als Legende: «Diesen Satz hat er damals von mir bekommen.» Ingesamt 24 Stunden lang hat Rainer Langhans dem 39-jährigen Verleger Wolfgang Farkas aus seinem Leben erzählt. «Ich bin’s» ist die schriftlicheVersion dieser Gespräche, und so kann das geneigte Publikum jetzt lesen, dass den jungen Rainer die Trennung von Birgit «völlig traumatisiert» hat und dass der heute 68- Jährige sich nicht als Berufsjugendlicher fühlt, sondern «über das Sterben» jung werden möchte. Von Langhans’ delirierenden Ansichten über Hitler als verhinderten Spirituellen oder einen esoterischen «besseren Faschismus» (von denen etwa der Historiker Wolfgang Kraushaar berichtet) erfährt man hier nichts. Es ist ein konsequentes und auch exemplarisches Buch – weil kein Ausflug ins Archiv und auch kein Wille zur literarischen Form den Blick darauf verstellen, dass die Außerparlamentarische Opposition (APO) in den meisten Veröffentlichungen dieser Tage zur Plauderei von großen, kleinen Ichs verdampft. Ein Vademekum für die Jugend1968 stieg Roland Barthes auf die Barrikade des Literaturkritikers, indem er den «Tod des Autors» proklamierte; vierzig Jahre danach ist das schreibende, redende, quasselnde Subjekt lebendiger denn je. Nicht, dass das Politische hier wirklich privat werden würde – erst recht nicht umgekehrt. Nein, das Private und das Politische sind in diesen Büchern zu einer glatten Emulsion verrührt, in der persönliches Erleben unmittelbar in die Lehre aus der Geschichte übergeht. Selbstverständlich berichtet Götz Aly, und durchaus eindringlich, von seiner «Schweinejagd» am OSI, von der Verurteilung «zu einer milden Geldstrafe» von 1200 Mark, von der späteren Versöhnung zwischen Täter und Opfer. «Eine solche gewalttätige Aktion war seinerzeit an deutschen Universitäten nicht ungewöhnlich; von hervorstechender Ekelhaftigkeit jedoch der Aufruf zur Tat. Es kostet mich erhebliche Überwindung, denText heute zulesen; daran hatte ich mitgearbeitet…: ‹Jagt die Schweine raus.› » Und Peter Schneider erzählt in 58 Kapiteln auf 360 Seiten von seinem Vater, seiner Kindheit, seiner Jugend, seinen Lieben, er erzählt, wie er in den «weiteren Führungskreis» der 68er gespült wurde, von seinen Reden, seinem Wahn, seinen Skrupeln und seinem Ausstieg via Italien und Gruppentherapie. Er weidet seine Tagebuchnotizen von damals aus, führt Zwiegespräche mit dem Radikalen, der er gewesen ist. All das, um seine einzige Botschaft am Ende zu explizieren: «Meinen Kindern sage ich: Es ist nötig, gegen selbsternannte Herren der Welt und eine feige oder übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren.Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und zu sagen: ‹Ihr spinnt! Ihr seid verrückt geworden!› – wenn eben dies der Fall ist.» Wer könnte diesem allgemeinen Rat widerstehen? Aly ebenso wie Langhans jedenfalls müssten, nach allem, was sie schreiben, zustimmen. Die Ich-Sucht der Veteranenliteratur, die Zersplitterung in «mein 68» und «dein 68» trägt nur scheinbar dazu bei, das Geschichtsbild zu pluralisieren. In gewisser Weise haben Peter Schneider und Götz Aly und Rainer Langhans dasselbe Buch geschrieben: ein öffentliches Bekenntnis, ein Vademekum für die Jugend. Opa erzählt aus dem Krieg, mal stolz, mal sündenstolz. Raubdrucke, Büchertische, Underground-SchriftenDabei müsste 1968 tatsächlich als plurales Großereignis beschrieben werden. Wer die Geschichte ausladend erzählt – wie etwa der Historiker Wolfgang Kraushaar in seiner «Bilanz» –,beginnt Ende der fünfziger Jahre, als jener deutsche Generationenkonflikt sich anbahnte, der die Revolte zehn Jahre später prägen sollte.Damals kam allmählich in den Blick, dass in Politik, Verwaltung oder Justiz wieder oder immer noch alte Nazis saßen. Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt, Hans Globke, hatte die Nürnberger Rassegesetze mitformuliert und kommentiert; Vertriebenenminister Oberländer hatte wissenschaftlich und politisch für den «Lebensraum im Osten» gekämpft. Bundespräsident Lübke sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, am Entwurf von Konzentrationslagern beteiligt gewesen zu sein. Die späteren 68er hörten vom Eichmann-Prozess in Jerusalem und vom Auschwitz-Prozess in Frankfurt; doch im eigenen Elternhaus kamen Gespräche über «die schlimmen Jahre» oft nicht zustande. Und seit Ende der fünfziger Jahre formierte sich eine Neue Linke. Der Protest gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, wie Adenauer sie plante, mobilisierte auch politisch Gemäßigte («Lieber aktiv als radioaktiv»).Die neu gegründete NPD erstarkte rasch – während an den Hochschulen der SDS, nach seiner Trennung von der SPD, neue Ufer noch suchte. Auch in der Theorie: innerhalb wie außerhalb der Sozialisten-Zirkel wurden Bände von Marx, Freud und Lukács verschlungen, und eine Theorie, die sich selber «kritisch» nannte, entfaltete eine ungeahnte Attraktivität. Nicht, dass Max Horkheimer und Theodor W. Adorno der Revolution das Wort redeten; aber ihrem dunkel funkelnden Denken,das das latente Fortbestehen des «Faschismus» noch im Massenkapitalismus aufspürte und mit modernem Besteck die «autoritäre Persönlichkeit» sezierte, konnte man sich kaum entziehen – zumal die Kritische Theorie von zurückgekehrten Emigranten vertreten wurde, die mit dem Parteikommunismus nichts zu schaffen hatten. Überhaupt gehört Lektüre zu den entscheidenden Bedingungen von «68», das Lesen von «fortschrittlicher» Philosophie, Soziologie, Psychoanalyse, Literatur. Das heißt nicht, dass die Demonstranten jener Jahre nun alle «Das Kapital» tatsächlich gelesen hätten, auch nicht,dass die 1944 verfasste «Dialektik der Aufklärung» eine direkte Wirkung gehabt hätte. Aber Theorie war, der Popkultur vergleichbar, ein Medium, in dem die Studierenden ihre neuen, von der Mehrheitsgesellschaft abweichenden Haltungen, Lebensformen, Wünsche artikulieren konnten. «Die Menge der Raubdrucke, die bei allen Veranstaltungen aufgebauten Büchertische, die Fülle der Flugblätter und Underground-Zeitschriften, besonders jedoch die für heutige Verhältnisse schier überwältigende Auflagenhöhe anspruchsvoller…Titel sind nur das äußere Zeichen dafür», schreibt der 1964 geborene Literaturwissenschaftler Thomas Hecken in seinem erhellenden Essay «Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik». (Zu den Publikationen dieses Gedenkjahres, die man als Quellen lesen muss, gehören die Bände, die Suhrkamp und Wagenbach aus ihren Programmen jener Jahre wieder auflegen: Schriften von Ernst Bloch und Peter Brückner, Frantz Fanons «Die Verdammten dieser Erde», Herbert Marcuses «Versuch über die Befreiung», Habermas’ «Protestbewegung und Hochschulreform», Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung», Herbert Marcuse, Ulrike Meinhofs Texte aus der «konkret», die 1968er Bände des «Kursbuch».) Die Zimmerwirtin, die keinen Herrenbesuch willDoch wann entlud sich,was sich während eines Jahrzehnts aufgestaut hatte? Am 5. Februar 1966, als in Westberlin die Eier gegen das Amerika Haus flogen? Im September, als während der Frankfurter SDS-Delegiertenkonferenz die Revolte für die überregionalen Medien erstmals ein Gesicht bekam: den 26 jährigen Rudi Dutschke, dessen Rhetorik mit dem durchgehenden Fortissimo und den prononcierten Endsilben den heutigen Fernsehzuschauer eher an die vierziger als an die sechziger Jahre denken lässt? Oder Anfang Januar 1967, als einige 10 SDS-Mitglieder zunächst in eine Wohnung ihres Verbandes zogen und in der Kommune I meinten,der kleinfamiliären Enge zuentfliehen? Fest steht, dass der 2. Juni einen Einschnitt markiert: Der Schah zu Besuch in Berlin, das Teach-in über das persische Regime, die Demonstration vor der Deutschen Oper, die strategischen Erwägungen des Polizeipräsidenten («Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in dieMitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinander platzt»), Wasserwerfer, schließlich der Schuss aus der Pistole eines Kriminalobermeisters, der Benno Ohnesorg tötete, einen Romanistik-Studenten, der sich bis dato eher mitG rübeln als mit Politisieren die Zeit vertrieben hatte. Danach beschleunigte, überlagerte, radikalisierte sich alles. Nun gab es zwei, drei, viele «68» – zugleich. Es ging gegen die Polizei und gegen die Springer-Presse, gegen die Notstandsgesetze, gegen die Bundesregierung und Kanzler Kiesinger, der einst im NS-Außenministerium gedient hatte, gegen den «Imperialismus» der USA, natürlich begleitet von einem Soundtrack mit englischer und amerikanischer Musik, mit neuen amerikanischen Protestformen wie Sit-ins, Go-ins, Love-ins. Die Studenten kämpften gegen die Ordinarien-Universität und für die «Drittelparität» an den Hochschulen, es ging um Teilhabe an den öffentlichen Dingen und gegen die Zimmerwirtin, die keinen Herrenbesuch gestattete. Es ging darum, dem Richter, der verlangte aufzustehen, ein «Wenn’s der Wahrheitsfindung dient…» entgegenzuschleudern, es ging gegen Obrigkeiten aller Art, schließlich nannte sich der Protest antiautoritär – und pendelte doch zwischen Anarchie und straffer Organisation. Es ging um die Emanzipation der Arbeiterklasse, der DrittenWelt und der Frauen,am besten alles zusammen – bis die unterschiedlichen Emanzipationen einander schmerzhaft im Weg standen. Bei der Befreiung sollte die Kunst helfen und auch die – chemisch herbeigeführte – Erweiterung des Bewusstseins. Manche Funktionäre mutierten im Handumdrehen zu Berufsrevolutionären, feinsinnige Germanistikstudenten promovierten über Arbeiterlyrik. Das alles, und noch viel mehr, geschah nebeneinander, teils fiebrig, nicht nur an den Universitäten. Natürlich mit Unterbrechung in den Ferien. Den nächsten Einschnitt markieren abermals Schüsse: das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968. Ein paar Tage zuvor hatten Andreas Baader und andere ein Frankfurter Kaufhaus in Brand gesteckt, ein paar Tage danach flogen in Berlin erste Molotowcocktails, in München kamen ein Fotograf und ein Student durchWurfgeschosse von Demonstranten ums Leben. Und schon an Silvester 1968 wurde die KPD/ML gegründet, die erste der ungezählten K-Gruppen. Geschichte ist machbar, hatte Dutschke geschrieben. Das sollte Ansporn sein: Nehmt die Dinge in die Hand. In der Rückschau wirkt der Satz fast wie eine Beschwichtigungsformel, wie der Versuch, das zu bannen, was denMachern entgleitet.Doch dieGeschehnisse in jenem Jahr nach dem Frühjahr 1967 zeichnet gerade aus, dass sie von niemandemin Gänze steuerbar waren. «68» warmehr als seine Einzelteile, auchmehr als deren Summe. Dieser Überschuss hat mehr mit Zufall, mit Eigendynamik, mit der Gleichzeitigkeit der größeren und kleineren Geschehnisse zu tun als mit dem zunehmenden Realitätsverlust führender Akteure, die sich in einer «objektiv revolutionärenSituation»wähntenund vonder «Machtergreifung» inWestberlin träumten. Nein, eine Revolution war das nicht.Aber in denMonaten bis zum Frühling 1968 gab es eine ungeahnte Öffnung der Verhältnisse; es schien, wie nur selten in der Geschichte, etwasmöglich, das nurwenigeAugenblicke zuvor undenkbar war. Anders gesagt: «1968 war nicht das Jahr, das alles verändert hat, dazu war viel zu viel bereits im Gang. Aber nach ‹68› war fast nichts mehr so wie vorher.» Zu diesem Schluss kommt der Historiker Norbert Frei. Die ersten Ich-AGs saßen in der Kommune Gegen Götz Alys Hauptthese, die «68er» seien totalitäre «Wiedergänger» ihrer Eltern, der «33er», ist in den vergangenen Wochen zu Recht viel eingewendet worden. Im Kern ist die Entgegnung ganz einfach: Aly muss, um die These wenigstens im Pamphletformat halten zu können, all die unterschiedlichen, einander widerstrebenden Bewegungen in der Bewegung ausblenden. Warum er das tut, obwohl er die Geschichte kennt? Weil er erst in den letzten Wochen des Jahres 1968, post festum, nach Berlin kam und sich flugs in die Arme der «Roten Hilfe» warf? Weil seine wichtigste Quelle doch die «Bild»-Zeitung jener Jahre war, die von Anfang an wusste, dass sie es bei den Demonstrationen mit «SA-Methoden» zu tun hatte? Weil das Buch so schnell produziert wurde, dass es den Mord an Martin Luther King vom 4. April 1968 zwei Tage nach hinten und die Bundestagswahl von 1990 zwei Jahre nach hinten verschiebt? – Im Ernst: Alys Confessiones sind, ebenso wie die von Peter Schneider und Rainer Langhans, so sehr damit beschäftigt, das Nacheinander des eigenen Lernfortschritts plausibel zumachen, dass die Gleichzeitigkeit der Ereignisse nicht angemessen in den Blick kommt. Genau dies aber gelingt der – vermeintlich konventionellen – Vogelperspektive, die Norbert Frei gewählt hat. Der 1955 geborene Frei etabliert «1968» als das, was es vierzig Jahre danach sein sollte: als Gegenstand der Zeitgeschichte (worum der vor zehn Jahren erschienene, neu aufgelegte Sammelband von Ingrid Gilcher-Holtey noch ringt). Die Grundidee von Freis glänzend geschriebenem Buch potenziert die Pluralität des Ereignisses geradezu: 1968 war das Jahr eines globalen Protests. Frei schreibt eine historische Reportage über die sich überschlagenden Ereignisse im Pariser Mai und erzählt vom Free Speech Movement in Berkeley oder den Hippies in San Francisco, bevor er auf Westberlin und Frankfurt am Main zu sprechen kommt. Er erklärt, wie sich die Tokioter Studenten auf Amerika beriefen, als sie gegen den amerikanischen Krieg demonstrierten, zeichnet den Weg der italienischen Bewegung in die Gewalt nach, beschreibt die Amsterdamer Provos und den Londoner Rock’n’Roll. Knapper, aber nicht weniger wesentlich sind die Kapitel über die Vorgänge jenseits des Eisernen Vorhangs. Natürlich herrschten dort andere Verhältnisse als im Westen. Die Versorgung mit den materiellen Dingen des täglichen Bedarfs war schlecht, und es ging um wenigstens einen kleinen Hauch von Freiheit. In der Tschechoslowakei verkörperte der junge Parteichef Alexander Dubcek diese Hoffnung, unterstützt von Reformkommunisten, Wissenschaftlern und Künstlern. In Polen forderten Studenten im März das Ende der Zensur – bis sie, als «Zionisten» verunglimpft, zum Schweigen gebracht wurden. Und selbst in der DDR entfalteten der Rhythmus der Beat-Musik, die Kommunen- oder Kinderladen-Idee einen gewissen Einfluss (genauestens informiert darüber Stefan Wolles Monografie «Der Traum von der Revolte»). Die Studenten in den osteuropäischen Hauptstädten wussten von den Sit-ins aus Berlin oder Paris. Die Studenten im Westen,muss man sagen, hätten die Bewegung im Osten besser kennen können. Rudi Dutschke, selbst in der DDR aufgewachsen, kommentierte den Prager Frühling an der Karls-Universität vor vollem Saal – und hörte selbst kaum zu, was die Genossen dort zu sagen hatten. Das Gewirr in der Geschichte, die Gleichzeitigkeit von heterogenen Geschehnissen, ist schließlich der eigentliche Grund dafür, dass «die 68er» seit Jahren für die verschiedensten Vorzüge und Malaisen der bundesrepublikanischen Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Die «Fundamentalliberalisierung» (Jürgen Habermas) wie der Hass auf die «Scheißliberalen», das Engagement vieler ehemals Bewegter in sozialen Berufen und der Eskapismus bei Bhagwan oder in der Toskana, die Friedensbewegung und die RAF, der Pazifismus der Grünen und der linksliberale Bellizismus der neunziger Jahre, die relative Stillosigkeit öffentlicher Umgangsformen ebenso wie die sprachliche Pedanterie der Political Correctness: all dies lässt sich tatsächlich plausibel aus der Zeit der APO herleiten. Natürlich gab es eine breite kollektivistische Strömung. Aber die lässt sich nur um den Preis verallgemeinern (oder gar mit dem völkischen Kollektivismus gleichsetzen), dass man die nicht weniger wichtige individualistische Strömung («Selbstverwirklichung») unterschlägt. Subtile Interpreten – wie der Schriftsteller Bernd Cailloux in seinem Roman «Das Geschäftsjahr 1968/69» – haben bemerkt, dass selbst die Start-up-Unternehmen der neunziger Jahre mit ihren Low-Budget-Ausrüstungen und flachen Hierarchien, der Orientierung an Spaß und Erfindungsgeist unmittelbar anschlussfähig sind an die hedonistischen Stränge von «68». Soweit man das Geschäftsjahr 2008 bislang überblicken kann, ist es nicht übertrieben, Rainer Langhans als Ich-AG avant la lettre zu bezeichnen: Damals ließen sich die Kommunarden die Foto- und Fernsehaufnahmen in der Charlottenburger Wohngemeinschaft von den Reportern bezahlen (mal mit Scheinen, mal mit Naturalien wie einem Fernseher), während die SDS Genossen gegen den Krawall-Journalismus der «Bild»-Zeitung demonstrierten. Heute trägt Langhans sein Ich im Medium der Autobiografie zu Markte. In all diesen Facetten – so meint der 1967 geborene Politologe Albrecht von Lucke jetzt in einem Essay über die Nachwirkungen – bleibt die Revolte «gegenüber neubürgerlicher Anti- und Asozialität ein Stachel im Fleisch – als Jahr der gesellschaftlichen Politisierung, die weit über die 68er-Generation hinaus ging». Noch emphatischer schrieben 1984 zwei treue soixante-huitards, der Psychoanalytiker Félix Guattari und der Philosoph Gilles Deleuze, über den Pariser Mai: «Das Ereignis selbst mag noch so alt sein, es lässt sich nicht überwinden: es ist Öffnung von Möglichkeiten.» Der Abstand dieser Gedanken zu einer Gegenwart, in der nicht die Phantasie an der Macht ist, sondern allenfalls die unternehmerisch gefragte Kreativität, einer Gegenwart, in der Geschichte nicht gemacht, sondern eher verwaltet wird, könnte kaum größer sein. Umso sinnvoller wäre es, mit der Öffnung von «68» daran zu erinnern, dass keine Politik ohne Alternative ist.
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Cormac McCarthy - Kein Land für alte MännerTöten ist ein umständliches Geschäft Wie der Kulturpessimist Cormac McCarthy die Gewalt in Amerika in ihren Steigerungsstufen vorführt – vom treuherzigen Sheriff über den zweifelnden Desperado bis zum irren Serienkiller
VON CHRISTOPH BARTMANN
Sheriff Ed Tom Bell versteht dieWelt nicht mehr. Der Ruhestand rückt näher, und auf einmal sieht sich der alte Haudegen mit einer Form der Gewalt konfrontiert,wie sie in seinem langen Berufsleben nie vorgekommen ist. Nicht, dass es im ländlichen Texas vor 1980 keine Gewalt gegeben hätte. Aber sie hatte, so lässt Cormac McCarthy seinen müden Heldengrübeln, wenn auch vielleicht nicht das Recht, so doch möglicherweise ein Recht auf ihrer Seite. Die Besiedlung des amerikanischen Westens fußt nun einmal auf Gewalt, und wenn dort draußen in den Wüsten des westlichen Texas einer gegen das Gesetz verstieß, dann war das gleichsam Ausdruck einer Kultur, die älter und realistischer war als das geschriebene Recht. Jetzt aber geschieht im Amtsbezirk des Sheriffs Unvordenkliches: Sein Deputy wird im eigenen Büro von einem Verdächtigen namens Chigurh mit dessen Handfesseln aufs Brutalste erwürgt, woraufhin der Mörder die Flucht ergreift und sich mit eine marchaischen Bolzenschussgerät durch den Rest des Romans schießt. Unterdessen stößt der Gelegenheitsarbeiter Llewelyn Moss beim Antilopenjagen in derWüste auf drei zerschossene Pick-up-Trucks, ein paar tote Mexikaner, eine Ladefläche voll Heroin und ein Stück abseits, am Ende einer Blutspur, auf noch eine Leiche und einen Koffer voller Geld. Natürlich nimmt Moss das Geld an sich,und natürlich wird er fortan von allen dunklen Kräften des amerikanischen Südwestens gejagt, vor allem aber von Chigurh, der einmal ein Auftragskiller war, jetzt aber auf eigene Rechnung arbeitet. Das ist die Ausgangslage des Romans: ein liebenswerter, aber überforderter Sheriff, ein abenteuerlustiger Vietnam-Veteran,der die Chance seines Lebens wittert,und ein psychopathischer Profi-Killer, der mit seinen Opfern vor der Hinrichtung gern noch philosophische Gespräche führt. Warum lässt Cormac McCarthy den Roman im Jahre 1980 spielen und nicht in der Gegenwart? Vielleicht,weil ein Buch ohne Computer und Handys und mit einem simplen Peilsender als fast einzigem «Medium» einfach interessantere Handlungsoptionen für eine wilde Verfolgungsjagd eröffnet. Vielleicht aber auch, weil er an seinen drei Hauptfiguren einen damals gegebenen Schwellenzustand amerikanischer Gewalt verdeutlichen will: die gute Gewalt des Sheriffs (das alte Texas, der Zweite Weltkrieg), die ambivalente, zumindest entschuldbare Gewalt des Zufalls-Desperados Moss (Vietnam) und die entgrenzte, waffenstarrende Gewalt der neuen (mexikanischen!) Drogenhändler, auf die der Staat oder jedenfalls der Sheriff keine Antwort wissen. Der Holzfäller spricht den BaumDer oft bemerkte Kulturpessimismus Mc- Carthys könnte nun darin bestehen, dass er den Untergang der legalen Gewalt und denAnbrucheiner kulturell nicht mehr fassbaren Brutalität neuen Typs beklagt. Vielleicht gibt eruns aber auch zu erinnern,dass auch die «pathologische» Gewalt nicht ohne ihre kulturellen Vorläuferformen vorstellbar wäre – der irre Killer Chigurh also nicht ohne den sentimentalen Ordnungshüter Bell. «Kein Land für alte Männer» liest man, nachdem die Verfilmung durch die Coen-Brüder alle relevanten Oscars des Jahres gewonnen hat, unweigerlich wie das Buch zum Film. Sheriff Bell ist Tommy Lee Jones, und Anton Chigurh ist der fabelhafte Javier Bardem, mit einer Frisur, die,wie ein Kritiker treffend bemerkte, an Mireille Mathieu und auch an Salvatore Adamo erinnert. Soweit hin treu der Film der Vorlage auch folgt, und so atemberaubend spannend Roman und Film gleichermaßen sind: der Ton des Romans ist ein grundlegend anderer. Ihm fehlen die Coen’sche Ironie, die Übertreibungen und auch die komische (von Quentin Tarantino beeinflusste) Trockenheit, mit der die exzentrischsten Vorgänge im Film einen Tonus der Selbstverständlichkeit bekommen. Der Roman ist nicht stylish wie der Film, er ist gediegen handwerklich. Dazu ist er auf eine Weise wortkarg und,wenn in ihm geredet wird, im texanischen Idiom verwurzelt, wie es der Film so gar nicht sein kann. Der Übersetzer Nicolaus Stingl hatte Unmögliches zu leisten: Er musste den Roman nicht nur aus dem Amerikanischen, sondern aus dem Texanischen übersetzen, und zwar aus einemTexanisch, das vor allem aus Sprach-Vermeidungen besteht. McCarthys viel gerühmte Dialoge sind nicht nur knapp oder schlicht, sondern fast schon stumpf. Die Figuren haben sich, sieht man von den ins Geschehen eingestreuten Monologen des Sheriffs und von Chigurhs irrem Gefasel ab, nicht viel zu sagen – fast wie im Western, dessen Landschaften und Verhaltensformen McCarthy noch einmal ins Gedächtnis zurückruft. Die Figuren sprechen, wie Roland Barthes einmal über den Holzfäller sagt, nicht «über»Bäume, sie sprechen «den» Baum. Das allerdings kann die deutsche Übersetzung bei allen Vorzügen nicht wirklich wiedergeben. Das Grausigste, stoisch erzähltSo wortkarg sich der Roman im Zwischenmenschlichen gibt, so beredt ist er im Handwerklichen, und das heißt vor allem in der Beschreibung von Todesarten und Überlebenstechniken. Welcher Roman hätte uns je solche Einsichten in das Waffenarsenal des amerikanischen Westens gewährt? Nachher wissen wir besser, wie der rostfreie .357- Revolver, das 30-Kaliber-Maschinengewehr, die Uzi, die Neun-Millimeter-Parabell um und die Pistole mit einer Haarspraydose als Schalldämpfer funktionieren – und welche Wunden sie verursachen. McCarthy erzählt das alles mit einer kenntnisreichen Seelenruhe, die man fast schon umständlich finden kann. Aber Töten ist eben, man lernt es begreifen, ein umständliches Geschäft. Herrlich umständlich sind auch die Vorkehrungen, mit denen der Geldkoffer vonVersteck zu Versteck durch gereicht wird. Moss, der Gejagte, stellt ihn zunächst im Lüftungsschacht eines Hotelzimmers ab, das er dann aber überstürzt räumt, als sich nebenander Jäger Chigurh mit seinem Bolzenschussgerät Zutritt verschafft – weswegen logierende Mexikaner erschossen werden müssen. Bei einem Camping-Ausrüster besorgt sich Moss ein paar extralange Zeltstangen, verbindet sie mit Klebeband, setzt einen aus Kleiderbügeln gebastelten Haken vorne drauf und fischt den Geldkoffer über zwei Hotelzimmerlängen aus dem Lüftungsschacht heraus. Schön auch die Szene, in der sich der angeschossene Chigurh medizinisch erstversorgt. Dazu steckt er zunächst ein vor einer Apotheke geparktes Auto in Brand und nutzt die entstandene Panik, um sich drinnen mit Ampullen und Verbandsmaterial einzudecken. Im Hotelzimmer pult er sich dann die Schrotkugeln einzeln aus dem Leib – im Film eine Lachnummer, im Roman ein Exerzitium der Sachlichkeit, das man, weil es so stoisch erzählt ist, komisch finden kann, aber nicht muss. Neue Zeiten, schlecht für alte MännerWenn es Schulen und Stufen der Gewalt im kulturellen Gedächtnis Amerikas gibt,dann gibt es sie auch in der Literatur, die von der Gewalt handelt. Ist Cormac McCarthy, literarisch gesehen, ein nostalgischer Sheriff? Ist er ein moralisch zweifelnder Desperado? Oder ist er ein durchgeknallter Serienkiller? (Das wäre dann das Rollenfach etwa von Bret Easton Ellis.) Sein Umgang mit der Gewalt in diesem wahrlich gewaltstrotzenden – aber keinesfalls blutrünstigen – Buch ist ein moralischer, wie es scheint (aber hat man das nicht auch von Bret Easton Ellis gesagt?). Wenn am Ende alle tot sind außer dem pensionierten Sheriff und dem zombiegleich durch die Gegend irrenden Chigurh, und wenn der Sheriff den Roman mit einer letzten Klage über die neuen Zeiten beenden darf, fragt man sich besorgt, ob durch den Sheriff der Kulturpessimist McCarthy gesprochen hat. Die Botschaft, mit der er oder sein Sheriff sich an uns richtet, heißt: Die neuen Zeiten sind schlecht für alte Männer, die im Geist des alten Amerika groß geworden sind. Ed Tom Bell und sein filmisches Ebenbild Tommy Lee Jones verkörpern das Amerika Ronald Reagans, der 1980 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Die Klage über den Verfall der alten, mannhaften Sitten, wie sie McCarthy seinen Sheriff über viele Romanseiten hinweg deklamieren lässt, kann nicht die ideologische Botschaft dieses Romans sein.Oder sagen wir lieber: Wir wären dankbar, wenn sie es nicht wäre. |
Cormac Mccarthy Kein Land für alte Männer Übersetzt von Nikolaus Stingl Rowohlt Verlag GmbH, März 2008 gebunden - 293 Seiten, 19,90 ¤
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