Nicholas Shakespeare
International bekannt wurde der britische Publizist und Schriftsteller als Biograf des Weltreisenden Bruce Chatwin. Niedergelassen hat er sich an einem Ort, an dem Chatwin nie war – in Tasmanien, der weltfernen Insel südlich von Australien. Tasmanien ist auch der Schauplatz seines jüngsten Romans «Sturm»
Ich schreibe in England, aber ich lese und reise in Tasmanien. Um schreiben zu können, muss man lesen. Es ist schwierig, in England zu lesen:Dort gibt es unentwegt atmosphärische Störungen, dieAufmerksamkeit erfordernundverlangen,dassmansichals Autor am Meinungsmarkt beteiligt und ständig steile Urteile fällt über die jüngsten und in der Regel enttäuschenden Bücher von Sir Vidia oder Salman oderGünter.Erst, als ichmich in einer von Beuteltieren heimgesuchten Hütte an der entlegenen Ostküste Tasmaniens niederließ, gewann ich die Zeit für Autoren,die ich längst hätte gelesen haben sollen: Proust,Musil, Thomas Bernhard, Patrick White, Faulkner, Cormac McCarthy oderWassilij Grossman.
Die meisten Leute tun so, als hätten sie viel mehr gelesen, als tatsächlich der Fall sein kann.Da ist es eine Erleichterung, wenn man entdeckt, dass Montaignes Bibliothek nichtmehr als etwa tausend Bücher
umfasste,die meisten davon alt. «Wenn ich mich nicht täusche», sagt Montaigne, «dann wurde den schlechtestenBüchern meiner Zeit der größte Beifall gezollt.»
In Tasmanien kann ich zeitgenössische Autoren einfach ignorieren. Momentan lese ich die «Essais» von Montaigne – und auf jeder Seite begegnenmir gesundeVernunft,Humor und scharfe Intelligenz – nicht zuletzt in seinen Bemerkungen über das Lesen selbst. «Bücher sind eine große Annehmlichkeit; aber wenn zu viel Lektüre die Gesundheit beeinträchtigt oder die gute Laune verdirbt – unsere beiden kostbarstenBesitztümer –,dann sollten wir das Lesen bleiben lassen. Denn kein Gewinn, den wir aus Lektüre ziehen mögen, kann uns für einen solchen Verlust entschädigen.» Montaigne ist höchst modern in seinen Ansichten. Er ermutigt den Leser zur Skrupellosigkeit: «Wenn mich ein Buch ermüdet, dann greife ich rasch zum nächsten.»
Auf meinem Nachttisch liegen derzeit mehrere Bücher in unterschiedlichen Stadien der Ungelesenheit, aber jederzeit bereit für eineWiederaufnahme der Lektüre: «JosefineMutzenbacher.Der Roman einerWiener Dirne» von Felix Salten (es ist schon spaßig, dass derselbe Autor auch «Bambi» geschrieben hat); die Memoiren von Alexander Herzen; «Wolf Willow», die Autobiografie des wunderbaren, aber unterschätzten amerikanischen Autors Wallace Stegner (schandbar,dass seineRomane in England seit langemvergriffen sind); und eine Auswahl der Geschichten von P. G.Wodehouse – als ich neulich imZug eine davon las, liefenmir die Lachtränen übers Gesicht, was mir seit meiner Kindheit nicht mehr passiert ist.
Als Gegengewicht dazu interessiere ich mich neuerdings für Armenien, ohne dass ich einen Grund dafür angeben könnte – vor allem für den unleugbaren Genozid an den Armeniern durch die Türken im Jahr 1915. Seit Bruce Chatwin voller Begeisterung über Ossip Mandelstams «Reise nach Armenien» schrieb, erscheintmir diese Region als ein trostloses Mysterium und als eine schwärende Wunde der Türkei. Die beste moderne Darstellung dieses Völkermordes ist «The Crossing Place.A Journey Among the Armenians» von Philip Marsden. Natürlich ist das Buch vergriffen. Es hat mich ein Vermögen gekostet, es antiquarisch zu erwerben.
Der beste moderne Roman,den ich seitmehr als einem Jahrzehnt
gelesen habe, ist «Die Straße» von Cormac McCarthy. Meiner Ansicht nach hat derAmerikaner inzwischen den Nobelpreisträger J. M. Coetzee überholt, als der hervorragendste lebende Schriftsteller der englischen Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen,wie er seinen Roman «Kein Land für alte Männer» hätte übertreffen können, aber es ist ihm gelungen. «Die Straße» ist die kurze und einfache Geschichte eines Vaters,dermit seinem sechsjährigen Sohn Richtung Meer wandert, nach einer namenlosen Katastrophe. Ich habe das Buch portionenweise gelesen, immer nur zehn Seiten am Stück – teils, weil ich das Ende hinauszögern wollte, teils, weil das Buch so grauenvoll und so zeitgenössisch war.
Es gibt wenige Autoren, die so zeitgenössisch sind wie GrahamGreene. Eben ist eineAuswahl seiner Briefe erschienen. Letzten Sommer habe ich einige von Greenes Romanen wiedergelesen. Mit Befriedigung konnte ich feststellen,dass er immer noch spielend standhält,mitBüchernwie «DasHerz allerDinge», «DerHonorarkonsul» oder «Die Kraft und dieHerrlichkeit» (Hemingway kann, was das Nicht-Veralten angeht, nicht mit ihm konkurrieren). GrahamGreene ist zumOpfer einiger schockierend schlechter Biografien geworden; deshalb ist es eine solche Erleichterung, dass diesem Autor nun, sechzehn Jahre nach seinem Tod in der Schweiz, das Leben wiedergegeben wird, in seinen eigenenWorten. «A Life in Letters» erinnert uns an etwas, das wir bereits wussten: dass Graham Greene ein bescheidener, launischerMann war, treu, mutig und offen («Ich schreibe, was ich denke»). Er kannte seine eigenen Fehler besser als sonst jemand, und er bedauerte sie.
An seinen Freund John Sutro schrieb er: «Wirmachen alle Fehler, und wir lassen alle, auf die eine oder andere Weise,die Menschen leiden, die wir lieben – c’est la vie, & es ist ein Glück, dass wir nicht für unsere Tugenden geliebt werden, sonst erginge esuns schlecht.» Mein letzter Hinweis gilt dem Buch des australischen Erzählers Murray Bail mit dem spartanischen Titel «Notebooks 1970–2003». Es gibt kaum eine anregendere Lektüre als dieNotizbücher eines guten Autors – und Murray Bails Notizbücher reichen im Rang an diejenigen von Albert Camus, JeanCocteau, Somerset Maugham oder Elias Canetti heran. Bail ist ein asketischerRepublikaner und auf eine geradezu modische Art unmodern in seinem Geschmack und seinem Verhalten. Er hat nur wenige literarische Hausgötter: Stendhal, Proust, Ismail Kadaré. In der bildenden Kunst verehrt er Velázquez, Matisse und Cézanne.Was Bail fasziniert, sind Extreme an dem Punkt, an dem sie sich berühren, beispielsweise ein Kreuz, das auf eine Kirchentür gemalt ist, «mit menschlicher Scheiße». Was ihn außerdem fasziniert, ist die Art und Weise, wie menschliche Begegnungen zustande kommen.Mein Lieblingseintrag ist der folgende: «Der Vater von P.N., der im Krieg nächtens eine enge Straße in Darlinghurst entlang geht, nicht in der Lage, ein Hotel zu finden (oder zu bezahlen); erblickte ein Bett in einem Souterrain – das Lichtwar an,dieTürwar offen.Er ging hinein und legte sich nieder. Eine junge Frau erschien an der Tür: ‹Was tun Sie hier?› Er klopfte auf das Bett neben sich, ‹Kommen Sie und legen Sie sich hierher.› Sie gehorchte. Schließlich heirateten sie (glücklich).»
MICHEL DE MONTAIGNEEssais. Drei Bände
Aus dem Französischen von
Hans Stilett. Goldmann TB.
München 2002. 1744 S., 30 ¤
FELIX SALTENJosefine Mutzenbacher.
Der Roman einer Wiener Dirne
Löcker, Wien 1988. 350 S., 7 ¤
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Cormac McCarthy Die Straße. Roman Übersetzt von Nikolaus Stingl Rowohlt Verlag GmbH, März 2007 gebunden - 252 Seiten, 19,90 ¤
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Cormac McCarthy Kein Land für alte Männer Übersetzt von Nikolaus Stingl Rowohlt Verlag GmbH, März 2008 gebunden - 293 Seiten, 19,90 ¤
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