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Ausgabe 03/08 - Literaturen - Literatur
«Orje war mir schon als Junge jut!»
Wälsungenblut, mal so, mal so: Von Richard Wagners unter «Hojotoho!» heranpesenden Walküren zur dialektalen Damenrunde in Heinrich Zilles Bouillonkeller

Schon mancher Opernbesucher wird die vier Abende von Wagners «Ring des Nibelungen» als eindeutig zu lang empfunden haben – über sechzehn Stunden sind es alles in allem.Wobei man derWahrheit zuliebe hinzufügen muss: Eilige Hörer können das Ende derWelt auch in knapp 70 Minuten erreichen, in einer Orchesterbearbeitung des «Rings» von Lorin Maazel.Und dreißig Jahre nach diesem «Ring ohneWorte» erscheint nun ein «Ring ohne Musik»: Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf, ehemals Ensemblemitglied am Burgtheater und aktuell verantwortlich für eine «Ring»-Inszenierung an derWiener Staatsoper, liest alle vier Teile des Zyklus. Sechseinhalb Stunden höchste Emotion in Stabreimform, manchmal an derGrenze zumNeckischen («Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk! Aus Nibelheims Nacht naht’ ich mich gern, neigtet ihr euch zu mir…»),manchmal vorgestrig schwertverliebt und butzenscheibenhaft, ohne Ablenkung durch Wagners Musik. Kann das gut gehen?
Die Antwort fällt eindeutig positiv aus. Bechtolf meistert die vertrackten Alliterationen und Vokalwechsel als wahrer Stimmheld,er deklamiert nie und hat ein vollkommen sicheres Gespür für Tempi. Er fängt den Hörer unvermittelt ein, als trüge er selbst die legendäre Tarnkappe, und eheman sich’s versieht, gleitet man in die Tiefe der Geschichte und staunt, was da schon durch bloßen Textvortragwirkt: der träumerisch-lautmalerischeGesang der Rheintöchter und das wilde «Hojotoho!» der heranpesenden Walküren; die weinerliche Verschlagenheit und das in irrer Comic-Manier hervorbrechende Hohnlachen der Schwarzalben Mime und Alberich; der wunderbar beleidigte Bass des Riesen Fasolt, als die Götter ihre schöne Apfelpflegerin Freia nicht herausrücken wollen, oder später, im «Siegfried», die berühmten zwei Zeilen «Ich lieg und besitz – lasstmich schlafen!», die der Sprecher resonanzreich aus den Tiefen des zum horthockenden Drachen gewordenen Riesenbruders Fafner hervorholt; und, nicht zuletzt, Brünnhildes Verzweiflung.
In einem knappen klugen Begleittext beschreibt Bechtolf mit Verve und Humor die «logopädische Zirkusnummer», seinen eigenen Kampf um den «Ring» und seine Entdeckungen während einer intensiven Woche Klausur im Tonstudio: «Nackt und frierend ohne die narkotische und wärmende Unterstützung des KomponistenWagner» habe er die Figurenmanchmal vorgefunden,an anderer Stelle wiederum «vollplastisch. Theatralisch.Wirksam und glaubwürdig». Er verrät sie nie durch parodistische Effekte, lässt aber ihre groteskenCharakterzüge an den richtigen Stellen so durch scheinen, dass man auch über sie zu lachen vermag. Natürlich will und kann diese Aufnahme keine Musiktheater-Inszenierung ersetzen, aber sie ist eine überraschend tragfähige Brücke zum Dichter RichardWagner.
Von den Damenrunden der Rheintöchter,Walküren und Nornen zur Zille’schen Damenrunde im «Bouillonkeller», einemSuppenausschank imwenig feinenNordosten Berlins um1900, ist «Orje war mir schon als Junge jut!»
Wälsungenblut, mal so, mal so: Von Richard Wagners unter «Hojotoho!» heranpesenden Walküren zur dialektalen Damenrunde in Heinrich Zilles Bouillonkeller es eingewaltiger Sprung.Dass es auch hier wieder uminzestuöse Geschwisterliebe geht («Orjewar mir schonals Junge jut!»), ist reiner Zufall! Und durchaus zu Liebe
und Leidenschaft fähig sind auch dieHeldinnen dieser «Hurengespräche». Ein Ensemble gestandener Bühnenschauspielerinnen unterschiedlicher Altersklassen berlinert, was das Zeug hält, und singt oder kräht dazwischen verballhornte Moritaten und Schlagerstrophen über das «Knutschen» im Kinooder in der Pferdebahn, gernauch mitNonsens-Refrain («Pankow Killekille hopsasa!»). Vom eher gemütlich-bodenständigen Typus über die ehemalige Kunstschülerin bis zur die verstopfte «Neese» hochziehenden Jungnutte ist alles vertreten. Dabei geht es,wie zuerwarten,derbzur Sache, undman weiß bald, dass «Bananengroschen» nichts mit Obst zu tunhabenund einhalbwüchsiges Mädchen oft vom Untermieter oder eigenenVater «anjeklaut» wird.Nicht alles erschließt sich leicht, denn Berliner sind notorisch kreativ im Umgang mit Sprache und probieren
gern neue Formulierungen oder auch eine schön hochgestocheneVokabel aus.Aber die Geschichte von Bollenguste und Sänger-Maxes exakt abgeformtem «Zebedäus aus Jipps», von der Dreierkiste mit «Muttern» und einer drastischen Maßnahme Gustes, als die schöne Zeit zu Ende geht, ist wirklich hauptsächlich heiter – sehr im Unterschied zu anderen, bei allem «Mutterwitz» bitteren Geschichten von Inzest und Vergewaltigung.
Das Booklet stellt die alte Frage «Pornografie oder Erotik?» unter Hinweis auf die Zensur der «Hurengespräche» im Kaiserreich lediglich rhetorisch und redet sich auf Zilles «Liebe zum Sujet» heraus. Nach Betrachtung der (nicht im Beiheft abgebildeten) Zeichnung Zilles von der Vergewaltigung des Mädchens Pauline aber kommt einem diese Frage ohnehin kaum noch in den Sinn. Hier war Zille wohl weniger Erotiker denn heftiger Kritiker der sozialen Zustände.

ANNETTE ZERPNER





Richard Wagner
Der Ring des Nibelungen
Gelesen von Sven-Eric Bechtolf.
Schott Music, März 2004
kartoniert, 39,95 ¤





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Heinrich Zille
Hurengespräche
Hörspiel. Mit Dagmar Manzel, Margit Bendokat u.a.
Der Audio Verlag, November 2007
Audio-CD, 14,99 ¤





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