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Wie begegnet man der Vergänglichkeit im ach so jungen Internet? Mit Langzeit-Archivierung? Oder einem Trauerjahr für Verstorbene?
Während zu Beginn der Internet-Euphorie das weltweite Netz als Reich unendlicher Freiheit gefeiert wurde, ist Vergänglichkeit inzwischen ein Thema in der Community. Selbst die größtenTechno- Optimisten quälen sich mit der Frage, ob ihr Tun nicht letztlich hinfällig ist. All die Profile, Blogs und Identitätsentwürfe – landen sie früher oder später in der digitalen Unterwelt? «Nichts ist so vergänglich wie digital gespeicherte Daten», erklärt jemand auf www.testticker.de. Von «digitalem Vergessen» ist die Rede und vom «digitalen Tod».ExpertenfordernsystematischeArbeit ander «Langzeit-Archivierung». Angesichts derDebatten umdigitaleVerfallsprozesse klingt es naiv, was diverseErinnerungsseitenanpreisen.So versprichtwww.portalder- erinnerung.de ein «Gedenken ohne Grenzen»: Im Unterschied zu einer üblichen Traueranzeige sei dieses Portal eine «einzigartige Gedenkstätte – und das nicht nur für kurze Zeit, sondern fürmindestens 20 Jahre». Auch der virtuelle Friedhof www.memoriam.de verkündet, für Verstorbene eine «bleibende Erinnerung zu schaffen».Dass es rein technisch gesehen zumTotal-Absturz der Erinnerungsserver kommen könnte, wird verschwiegen.Wie im körperlichen Leben ist auch im Netz Verdrängung amWerk. Wennmanes kulturkritischformuliert,mit Heidegger,könnte man sagen: All das Speichern, Anlegen und Erstellen, die ständige Gegenwart in Social Networks, die immer schnelleren Netzzugänge und die immer üppigeren Sites desWeb 2.0 sind nichts als die Leugnung des Seins zumTode – ein Surfen zumVerschwinden. Beschleunigung und Vervielfältigung, so die trügerische Annahme, sind existenzverlängernde Maßnahmen,mit denen sich die Endlichkeit wenigstens virtuell besiegen lässt.Das wirft dann ganz neue, fundamentaltheologische Fragen nach dem Verhältnis von Leib und LAN auf… Auf www.trauerkulturblog.de wird noch ein anderes Problem thematisiert: «Verstirbt ein Familienmitglied oder ein anderer nahestehender Mensch, dann stellt sich im Zeitalter des Internet eine Frage, die früher noch nicht beantwortet werden musste: Wann stirbt das ‹Digitale Ich›? Ist es eine Lösung, die Kontaktdaten früh nach dem Tod des betreffenden Menschen zu entfernen, um den Schmerz nicht immer wieder zurückzuholen? Oder fühlt sich das aktive Löschen einer Person aus der eigenen Freundesliste nicht an wie ein nachträgliches Einverständnis mit dem Tod,wenn nicht sogar einwenigwie ein digitaler Mord?Nach einem Trauerjahr fühlt sich das Löschen der Daten ja vielleicht nicht mehr wie ein zweiter Tod an.Ob sich ein digitales Trauerjahr als so etwas wi ein neues Trauerritual durchsetzen wird?» Dies wäre eher zu wünschen als die Langzeit-Archivierung des ganzen Geweses im Netz. Sonst haben sich kommende Generationen mit Unmengen digitaler Untoter herumzuschlagen, mit Blogs, Profilen und Cyber-Identitäten, die wie Gespenster das WWW heimsuchen.
ARAM LINTZEL
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