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Ausgabe 03/08 - Literaturen - Literatur
Mitten aus...
Barcelona

VON CECILIA DREYMÜLLER

Seit Frankfurt ist alles anders. Jedenfalls, wenn man den katalanischen Politikern Glauben schenken will. Laut Josep Bargalló, in einer Person Schriftsteller, Abgeordneter der linksnationalen Partei und Leiter des katalanischen Kulturinstituts «Ramon Llull», das den Frankfurter Auftritt ausrichtete, markiert die Buchmesse die KopernikanischeWende für das Bild Kataloniens im Ausland. Und in gewissem Sinne stimmt das auch. Niemandem ist wohl entgangen, dass, trotz der ausdrücklichen Einladung an die katalanische «Kultur», die auf Spanisch schreibendenAutoren Kataloniens nicht dabei waren.
In den Amtsstuben der katalanischen Hauptstadt freilich zeigtmansich höchst zufrieden mit dem Frankfurter Ergebnis. Man feiert sich in schicken Publikationen und hat zur medialen Nachsorge eine Tournee organisiert,auf der verschiedene der dabei gewesenen Schriftsteller über die Dörfer tingeln und den Daheimgebliebenen von «Meinen Erfahrungen in Frankfurt» vorschwärmen. Ohnehin zeugt die Selbstdarstellung der Organisatoren des katalanischenAuftritts bei der FrankfurterBuchmesse nicht gerade von mangelndemSelbstbewusstsein: «Er hat dazu gedient zu beweisen, dass unsere Literatur erstklassig ist»,heißt es imVorwort von «Onze de Frankfurt» (Die Frankfurter Elf), einer Sammlung derReden, die die «offiziellen» Katalanen in Frankfurt gehalten haben. Selbstkritik und Transparenzwaren von Anfang an verpönt, als es darum ging, 18 Millionen Euro Steuergelder zu rechtfertigen, die zunicht geringem Anteil aus Madrid geflossen waren.Nachfragen und Einwände fegte Josep Bargalló im Sommer vor der Buchmesse, als die Debatte um die Teilnahme der auf Spanisch schreibenden Autoren auf dem Siedepunkt angelangt war, mit der Ankündigung vom Tisch: «Es wird ein voller Erfolg.» Dann, noch vor Ende der Buchmesse, die Bilanz: «Ein voller Erfolg.» Wie voll der Erfolg bei Lizenzverkäufen und Übersetzungentatsächlichist, muss sicherstnochzeigen.Was zählt, ist die Langzeitwirkung – also was in drei oder vier Jahren in Frankreich oder denUSA ankatalanischer Literatur zulesen sein wird.Für eine Sprache
von kaum acht Millionen Sprechern war die dargebotene literarische Palette zweifellos eindrucksvoll. IhreVielfalt undQualität ist jedoch leider viel zu wenig wahrgenommen worden. Denn die Literatur-Veranstaltungen auf der Messewaren alles andere als voll.
Zumindest was das deutsche Publikum anging.Hatten die rührigen Katalanen auch da vorgesorgt oder nachgeholfen? Es wurde jedenfalls auffallend viel Katalanisch gesprochen unter der Zuhörerschaft.
Sogar ganze katalanische Schulklassen saßen vor dem Podium auf dem Boden.
Die deutschen Besucher gaben mit ihrem Ausbleiben vielleicht nicht so sehr einem mangelnden Interesse Ausdruck als ihrem Vorbehalt gegen die politische Vereinnahmung der katalanischen Buchmessen-Präsenz. Die Einladung, die als Geste ausgleichender Gerechtigkeit gegenüber einer im Schatten derWeltsprache Spanisch unbeachtet gebliebenen Minderheiten-Literatur gedacht war, mutierte zum Polit-Zirkus. Linksnationale
und Konservative hatten im Vorfeld ihren alten Gesang vomunterdrücktenVolke angestimmt; bis ins Parlament wurde die Debatte getragen und perVotumentschieden, wer zur katalanischen Literatur zu zählen sei und wer nicht.
Davon fühlten sich die auf Spanisch schreibenden Schriftsteller Kataloniens, an die erst im letztenMoment eine Einladung ergangenwar, zuRecht brüskiert.Viele dachtenwie JuanMarsé und schlugen sie kurzerhand aus. «Einige auf Katalanisch schreibende Schriftsteller hatten sich aggressiv und feindselig geäußert, angesichts der Perspektive, dass wir ihnen die Schau stehlen könnten», stellte Marsé klar.«So kam es dann,dass ich nein sagte, weil ich, nach allem, was ich gesehen hatte,keine Lust verspürte,damitzumischen, und weil ich auch keine Polemik heraufbeschwören wollte.»
Vom Bewusstsein, eine einmalige Chance verpasst zu haben, sich als offene, pluralistische Gesellschaft darzustellen, ist wenig zu spüren in Barcelona. Die politische Kaste, die eine größtmögliche Rendite aus derBuchmesse herauszuschlagen sucht, redet systematisch an den Tatsachen vorbei. «Die Frankfurter Buchmesse war eine großartige Gelegenheit», insistiert Josep Bargalló, «und wir haben es verstanden, sie zu nutzen.» Durch Feingefühl zeichnet sich die aktuelle Dreiparteien-Regierung nicht aus, deren Vize-Präsident Josep-Lluís Carod Rovira um Verständnis für die besondere sprachliche Situation seines Ländchens mit Sprüchen wirbt wie: «In Katalonien auf Spanisch schreiben, ist wie in Deutschland auf Türkisch schreiben.» Sergio Vila Sanjuan, Feuilleton-Chef von «La Vanguardia», der drittgrößten Tageszeitung Spaniens undAutor von «El síndrome de Frankfurt» (Das Frankfurt-Syndrom), weist – bei aller Kritik an der Instinktlosigkeit in der Sprachenfrage – auf die unleugbar positive Seite der Frankfurter Selbstdarstellung hin: «Frankfurt hatte für die katalanische Literatur einen entscheidenden Effekt, und der ist psychologischer Natur», resümiert er. «Endlich kann sie ihrenMinderwertigkeitskomplex den großenWeltliteraturen gegenüber ablegen.Wir werden nun als eigenständige Literatur wahrgenommen.
Damit müssen sich auch die unversöhnlichsten Ewiggestrigen von ihrer Opferrolle verabschieden. Jetzt gilt es zu zeigen,was unsereAutoren einem Leser in Dänemark oder Tschechien zu bieten haben.» Und was Katalonien zu bieten hat, ist mehr als nur die Bestseller von Albert Sánchez Piñol oder die humorigen Vignetten von Quim Monzó. Dank Frankfurt kann der deutschsprachige Leser jetzt auch die Lyrik Pere Gimferrers entdecken oder die Romane von Jaume Cabré.Und davon sollte er sich durch die plumpe Politisierung der katalanischen Literatur auf keinen Fall abschrecken lassen.



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