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Ausgabe 03/08 - Literaturen - Literatur
Nacktbaden in Oxford
VON FRANZ SCHUH

Als ich begann, «Katzenzungen» von Tony Strong zu lesen (rororo thriller, 8,90 ¤), dachte ich, dass Kritiker nicht nur Sadisten sind; sie sind auch Masochisten, sie tun sich was an – zum Beispiel die Lektüre solcher Kriminalromane. Aber in diesem Fall konnte ich meinen masochistischen Hang rationalisieren; es war mir unmöglich, die «Katzenzungen» zu übersehen. Erstens aus einem privaten Grund: in den sechziger Jahren,als icheinJünglingwarund es inmeinerHeimat noch prüde zuging, erstand ich in London – mit Vorliebe an der Euston Station – Bücher sexuellen Inhalts. Die Geschichten waren nur Vorwand, um Sex halbwegs plausibel zu machen, und siehe da, genau den Ton der schrillen Taschenbücher von damals treffen die «Katzenzungen»: «Er ließ seine Hand unter ihrem Kleid hinaufgleiten, hakte einen Finger in den Saum ihres Slips und zog daran. Sie wand sich lustvoll und hob gehorsam erst das eine, dann das andere Bein, um ihm zu helfen. Der Slip fiel zu Boden und bildete eine zarte Acht.»
Ja, arm ist so ein Vierzehnjähriger. Heute,mit sechzig, musste ich mir diese Lektüre aus einem anderen Grund antun: «TerryWilliams, Dozentin für Kriminalliteratur, tritt eine Stelle an der ehrwürdigen Universität Oxford an.»Das geht nicht ohnemich,denn ich bin anglophil, und allein schon das Wort «Oxford» machtmich
glücklich.Vor allem aber ist eine Dozentin für Kriminalliteratur in der Kriminalliteratur ein Zeichen für die
Selbstbezüglichkeit der Gattung: Eine Vertreterin der Reflexion gestaltet die «action» mit. So kämpfte ich mich
durch das Buch,durch den «ganzen unsinnigen Sex» (wie es darin tatsächlich heißt), und amEnde gilt: Ich habe es
nicht bereut, denn allmählich, Seite um Seite, wird das Buch besser und besser und der Sex sogar sinnig.
DasBuch arbeitetmit demUnheimlichen,und daher ist der Titel «Katzenzungen» schlecht. So etwas wie «Katzenzungen» spieltman am Kurfürstendamm,wo die Boulevard-Komödien untergebracht sind. Im Original heißt das Buch besser, nämlich: «The Poison Tree», und das ist ein guter Titel.Wie sich ein Baum entfaltet,wie er
größer und größer wird, sowächst in unseren Seelenauch das Gift. Es wächst auf dem Boden unserer Zurücksetzungen, und es verzweigt sich, also wächst es nicht nur in dieHöhe, sondern auch in die Breite.Und eines Tages ist man ein Monster-Mensch, trägt eine schwarze Strumpfmaske mit Taucherbrillen und vergewaltigt mit Lötkolben Männer.Wer tut so was? Ist es eine Frau, ist es ein Mann? Zu den besten Passagen des Buches gehört, wie die Literaturdozentin und eine Psychologin gemeinsam die pornografischen Briefe des Mörders
nach demGeschlecht des Autors analysieren.Dies ist ein Kriminalroman, in dem zur Ermittlung literaturwissenschaftliche Methoden angewandt werden. Zehnsilbige Zeilen aus jambischen Pentametern werden zu Indizien, und der Leser darf erfahren, was ein Trochäus ist; auch ein Anapäst (di-di-dum) wird vor ihm nicht verborgen.
Das universitäre Leben in Oxford muss ziemlich anstrengend sein. Die einen gewinnen den Ruderwettbewerb, die anderen tun sich beim Gruppensex hervor. Am Ende zeigt sich das Übliche: Die Universitätshierarchie verfährt kalt mit ihren Dozenten und bootet sie aus, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben.Auch einem Professor begegnet man,der nebenbei als sadistischerKritikerwirkt: «Erwar nicht nur Biograph, sondern auch einer der meistgelesenen Literaturkritiker der Sonntagszeitungen, dermit seinen trägen wohlgesetzten Witzeleien und seiner
profunden Bildung so manchen Ruf zerstörte.»Der Bursche ist Shelley-Biograf und hat überhaupt die englische Romantik mit großen Löffeln gegessen. Ist die englische Romantik Gift für ihn?
Eine einzige Szene mit einer Art von Humor kommt vor.Da staken zwei junge Frauen, natürlich lesbisch, am Fluss dahin, vorbei auch am Nacktbade-Revier der University Fellows: «Stolz wurden alternde schlaffe Hodensäcke vorgeführt, und die alten Männer starrten gierig den Mädchen nach…Es war eher eine Szene wie aus einem osteuropäischen Irrenhaus als etwas, das man in der touristischen Umgebung Oxfords zu finden erwartete.» Einembesonders Gierigen zeigt eine der Damen schließlich ihr nacktes Hinterteil, in der Hoffnung, der Mann nimmt es sich zu Herzen.
Der Autor nimmt den Leser mit ins Seminar der Literaturdozentin. Ich lerne, was ich nicht wusste: dassW. H. Auden, der Literaturprofessor in Oxford war, einen Essay über Kriminalliteratur verfasst hat. Ausgerechnet dieser Essay beginnt mit einem Bekenntnis, das ich fast gleichlautend abgelegt habe: «Für mich, wie für viele andere, ist das Lesen von Kriminalromanen eine Sucht wie Tabak oder Alkohol.» Eine andereÜbereinstimmung ereignet sich in der Schlussvorlesung der Literaturdozentin. Da geht’s ums Prinzipielle, darum, dass der Detektivroman ein Reflex unserer Vorstellungen von Wahrheit und Ordnung ist; einMärchen,das dieseBegriffe ins Werk setzt. Da die Menschen, realitätstüchtig, wie sie sind, die Eindeutigkeit dieser Begriffe außer Kraft
setzen, verschwindet auch der Detektivroman als zeitgemäße Gattung. Er ist ausgeschrieben, wie ich behaupte und dennoch über ihn schreibe, und ähnlich paradox endet in diesem Roman die Vorlesung: «Wer hat den Detektivroman getötet? Wir haben ihn getötet.» Und dann, ihres Lehrauftrags verlustig, dreht die Dozentin sich um und verlässt ohne einWort den Saal.



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