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Ausgabe 03/08 - Literaturen - Literatur
Nick Hornby - Slam
«Eigentlich lief alles gerade richtig gut. Ich würde sogar sagen, dass die Entwicklungen der letzten sechs Monate durchgängig positiv gewesen waren.» Wenn ein Buch so einsetzt, dann sollte man nicht einen Cent darauf wetten, dass sich die folgenden sechs Monate ebenfalls positiv entwickeln werden, vor allem, wenn da noch 300 Seiten Wegstrecke vor einem liegen. Nick Hornbys neuer Roman ist ein Ausflug ins Genre der Jugendliteratur, und in der Jugendzeit kann bekanntlich einiges schiefgehen. Ein Slam – so nennen es Skateboarder, wenn sie unbeabsichtigt Bekanntschaft mit dem Beton machen – ist da noch das kleinste Malheur.
Was Hornbys 16-jährigem Helden Sam widerfährt, steht schon eher am anderen Ende der «Dumm-gelaufen»-Skala: Die erste richtige Freundin, einmal das Kondom zu spät übergezogen, und schon schrumpft die Zukunft bedenklich auf Windelnwechseln und Babybreifüttern zusammen. In «Slam» steht am Ende eines Höhenflugs der unsanfte Kontakt mit dem Betonboden der Realität: Was macht ein 16-Jähriger, der sich noch nicht mal richtig von seinen Pubertätspickeln befreien konnte, wenn er Vater wird? Im Groben
und Ganzen fasst diese Frage die Geschichte von Hornbys Roman zusammen. Angesichts der Hochkonjunktur von Zauberlehrlingen und Phantasiewelten im Jugendbuchsektor hört sich das erst einmal sehr erfreulich an, denn meistens ist die Gegenwart mit all ihren Wirklichkeitszumutungen nicht das langweiligste Sujet. Und Teenager-Schwangerschaften kommen häufig genug und in den besten Familien vor. In so einer Familie lebt
auch Alicia, Sams Freundin.
Ihre Eltern sind Akademiker und haben allerlei segensreiche Lebenspläne für ihre Tochter, wozu frühe Mutterschaft eher nicht gehört. Sam hingegen hat eine 32-jährigeMutter, «auf die andere Leute – Leute meines Alters – stehen», und zudem einen von der Familie getrennt lebenden Vater, der Klempner ist und mental eher von der robusten Art. Liberale Upperclass-Eltern mit ausgeprägtem Hang zum Snobismus und die so genannte untere Mittelschicht – hier prallen zwei Welten (früher hieß das: Klassen) aufeinander, und die feinen Unterschiede werden im Bemühen um Distinktion deutlich markiert: «Meine Güte», sagt Alicias Vater einmal zu Sam, «lernen Leute wie ihr es denn nie?» Undmeint damit Menschen wie Sam und seine Eltern, die als Minderjährige Kinder in dieWelt setzen und karrieretechnisch auf keinen grünen Zweig kommen.Da Alicia allerdings an der Schwangerschaft nicht ganz unbeteiligt ist, beruhigen sich die Gemüter bald. Um dem Text einen doppelten Boden zu geben und den doch etwas drögen Sam ein bisschen auf Trab zu bringen, setzt Hornby zwei Tricks ein: Zum einen lässt er den Helden mit dem Poster seines großen Skater-Vorbilds Tony Hawk plaudern und regt ihn so dialogisch zu gedanklicher Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln an; zum anderen wird Sam immer wieder mal im Traum ein paar Monate in die Zukunft katapultiert, was schon per se komische Effekte erzeugt und zudem eine schöne Folie für das dann tatsächlich Eintretende liefert. Die Realität liegt meist ein paar Zentimeter neben der Vorstellung, die man sich von der Zukunft macht.
Diese Differenz unterhaltsam und humorvoll zu erzählen, ist keineswegs einfach, für Nick Hornby aber eine leichtere Übung: Er ist der Autor, der unverstandenen Jungs eine Stimme gibt. Leidenschaften (Fußball,Musik oder Skateboarden) mildern ihre Melancholie und dämmen auch das Potenzial für Radikalität ein. Sie sind so alltäglich verschroben, dass sich Leser in der ganzen westlichenWelt in diesen Figuren wiederentdecken
können. Auch Sam ist ein grübelnder, in peinliche Situationen stürzender, sich zugleich mit viel Charme aus allem Schlamassel herausziehender Hornby-Junge, der wie seine Vorgänger schnoddrig vor sich hin monologisiert.
Zwischen den Polen Komik und Tragik balanciert Hornby sehr geschickt, aber man hat doch nie das Gefühl, seine Helden könnten tatsächlich einen richtigen «Slam» hinlegen.
Dadurch ist sein jüngster Roman einem Klassiker des Genres, J.D. Salingers «Der Fänger im Roggen», weit unterlegen. Und angesichts des dünnen Plots wirkt er auch ein wenig zu weitschweifig. Sam ist sich dessen sehr wohl bewusst: «Die Fakten kann man jemandem im zehn Sekunden erzählen, wenn man möchte, aber die Fakten besagen gar nichts.» Jenseits der Fakten könnte es dann wirklich interessant werden – wenn bei Hornby nicht überall eine Pointe lauern würde.

ULRICH RÜDENAUER




Nick Hornby
Slam
Übersetzt von Clara Drechsler, Harald Hellmann
Kiepenheuer & Witsch GmbH, Januar 2008
gebunden - 324 Seiten, 17,95 ¤





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