ROMAN Jenny Erpenbeck errichtet ein literarisches Familiendenkmal gegen
den Geschichtsabriss – mitunter mit leicht kunsthandwerklichen Zügen
VON BEATRIX LANGNER
Das wurde auch Zeit. Nach drei beachtlichen Talentproben hat Jenny Erpenbeck mit «Heimsuchung» nun ein thematisches Schwergewicht geschultert. Dass sie gut schreibt, dass sie mit auffallender Geläufigkeit poetische Bilder ausbalancieren kann, dass sie die Reduktion eines Stoffs auf seine inneren Strukturen beherrscht und jedes Wort bei ihr an der richtigen Stelle im Sat steht, hat die Berliner Schriftstellerin hinlänglich bewiesen. In ihrem Romandebü t«Das alte Kind» zeigte sie 1999 den Prozess der – umes psychoanalytisch auszudrücken – infantilen Regression einesMenschen, der in ein kollektives Gesellschaftsmodell hineingezwungen wird. Modellhaft entwirklicht war auch «Wörterbuch», die Chronik einer Vater-Tochter-Beziehung unter den Bedingungen der politischen Diktatur. Und in der Titelgeschichte des Sammelbands «Tand» tauchten schon im Jahr 2003 Motive und Figuren auf, die sich jetzt zu einem Roman ausgewachsen haben.
Heimat planen, verlieren, finden Wem Erpenbecks literarische Handschrift zu poliert, zu ätherisch, zu wenig anschaulich war, dem fliegen hier nun gleich ganze Familiensagas um die Ohren. «Heimsuchung» ist ein breit angelegter Roman, poetisch stark beschleunigt. In diesem Geschichtsabriss – ein Wort, das man hier durch aus wörtlich nehmen darf – entfaltet die Autorin die Geschichte eines Fleckchens Erde nahe Berlin und seiner aufeinander folgenden Besitzer. Ein See,ein Dorf,ein paarWiesen, einige unbebaute Ufergrundstücke,der «Schäferberg» und gleich zu Anfang «Klaras Wald» – das sind die topografischen Koordinaten, in denen hier gelebt, geliebt, betrogen, vertrieben und gestorben wird.
Als die Schulzentochter Klara, die denWald von ihrem Vater geerbt hat, aus Liebe verrückt wird, teilt ihrVater den Wald in drei Grundstücke, die er an einen Architekten, einen Kaufmann und einen «Tuchfabrikanten» verkauft. Klara geht in den See.DerArchitekt lässt ein Haus für sich und seine junge Frau bauen und einen Garten anlegen. Als alles fertig ist, ist auch Adolf Hitler, für den der Architekt am «Germania»-Projekt mitgearbeitet hat, mit seinem Krieg amEnde,dieRussen sind gekommen und der Architekt ist nachWest-Berlin geflüchtet.
«Heimat planen, das ist sein Beruf. Vier Wände um ein Stück Luft,ein Stück Luft sich mit steinerner Kralle aus allem,was wächst und wabert, herausreißen und dingfestmachen.
Heimat. Ein Haus die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung. Heimstatt.» Der rechte Nachbar des Architekten, derTuchfabrikant,hat seine Heimat am Indischen Ozean, im Exil Südafrika gefunden. Vorhernochhat er sein Grundstück mitsamt dem hölzernen Badehaus dem Architekten zum halben Verkehrswert verkauft.
Nur die Eltern des Tuchhändlers haben es nicht rechtzeitig geschafft, und auch nicht seine Nichte Doris. In Kulmhof haben sie den Gaswagen bestiegen. In Warschau wird Doris von derGestapo aus ihremVersteck
geholt. Die neuen Hausherren sind ein Schriftstellerehepaar,das aus der russischen Emigration zurückkommt; zuerst pachten, dann kaufen sie das Haus. Heimkehren wollen
auch sie, «heimholen in ihre Gedanken» das Land, in dem ihre Sprache gesprochen wird. Schauspieler, Schriftsteller und ein Berliner Stasi-Arzt siedelnsichringsumden See an.Der Sohn der Schriftsteller heiratet, eine Tochter wird geboren. Diese Tochter verbringt ihre Sommerferien in dem Haus am See. Nachdem die Großmutter gestorben ist, wird das Haus den Nachkommen des Tuchfabrikanten rückübereignet. Die neuen alten Besitzer lassen es abreißen.Die Enkelinder Schriftstellerinrechnet sich aus, dass fünfhundert Tonnen Schutt abgefahren wurden.
Ein dreimal bedeutsamer NachttopfDas ist in aller Kürze die Geschichte; es ist auch Erpenbecks eigene.HunderteHäuser gingen nach derAbwicklung der DDR denselben Weg. Jenny Erpenbeck hat dem großräumigen Geschichtsabriss, der zügigen Entsorgung der Erinnerung von Generationen, eine Art Familiendenkmal entgegengehalten. Ein alter Gärtner von gerade zu mythischem Zuschnitt dient als Fährmann durch die wechselnden Zeiten. Er ist es, der durch seine Arbeit die Natur von demHaus fernhält, der sägt,gräbt,hackt und kultiviert und innerhalb der politischen Zeitrechnung gewissermaßen die elementare Zeit der Naturgeschichte verkörpert.
Es ist das Haus ihrer Großeltern, der DDR-Schriftsteller Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck, dem Jenny Erpenbeck in zahlreichen Archiven nachgeforscht und seine ehemaligen Bewohner zurückgegeben hat.
Bei demfiktionalenVerputz des dokumentarischen Grundrisses ist sie allerdings alles andere als vorsichtig vorgegangen. Erfundenes und Gefundenes stoßen so fugenlos aufeinander,dass die Erinnerungssanierung
am Ende doch etwas künstlich wirkt.
Und so verstehen wir zwar, dass ein Nachttopf samt Inhalt im Leben der Figuren dreimal die Funktion eines tragischen Schicksalsinstruments zu spielen hat, weil das Erzählkonzept nun einmal auf der biologisch-politisch-historischen Einheit des Menschenlebens und seinerBehaustheit im Animalisch-Natürlichen insistiert. Auf die unappetitlichen Einlagen im Schrankzimmer der Großmutter hätten wir aber ganz gut verzichten können. Ebenso rücktmanche Unbekümmertheit der Erfindung, wenn die Dokumente schwiegen, diesen klugen und ambitionierten Roman dann doch wieder ein bisschen in die Nähe kunsthandwerklicher Geschichtskolportage.