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Ausgabe 03/08 - Literaturen - Literatur
Peter Handke - Die morawische Nacht
Handke oder Die lange Nacht nimmt ein Ende

Wie der vielgescholtene Jugoslawien-Träumer in einer grandiosen Wanderer-Phantasie Abschied nimmt
von seinem Traum- und Alptraumland

VON HEINRICH DETERING

Also der Balkan, wieder einmal. In einer serbischenEnklavenamensPorodinundauf
einem Fluss namens Morawa geht es diesmal in diemorawischeNacht.DerTitel von PeterHandkes Erzählung ist doppeldeutig, zugleich Zeit- und Ortsangabe. «Die morawischeNacht »: das ist auch derName des Bootes, auf demman ebendieseNacht hindurch zusammensitzt und Erzählungen lauscht – archaische Ursituation aller Literatur.
«Nicht mehr als sechs oder sieben» sind da versammelt, entsprechend der Zahl der Erzählstunden bis zum Morgen. Nicht mehr?Offenbar weiß der Erzähler auch im Nachhinein noch nicht zu sagen,wie viele es genau sind; so wie er zunehmend Zweifel daranweckt,obdas alles je existierthat,Boot und Erzähler, Zuhörer, Fluss und Nacht. RätselüberRätsel,vonAnfang an,undmanche werden noch immer nicht gelöst sein, wenn es ein ernüchterndes Erwachen gibt, fünfhundert Seiten später.
DerGeschichtenerzählerheißteinfach «der ehemaligeAutor».Einst ein berühmter Schriftsteller,hat er sich aus seiner österreichischenHeimat, seiner französischenWahlheimatundendlichausdemSchreibenselbst zurückgezogen auf denBalkan: ein von den Medien beargwöhnter Außenseiter, «einer, derweggeht».ErerzähltvoneinerReisedurch Europa, seinem«Zickzackweg», den er einmal auch seine «Buchexpedition» nennt.
Denn dieWanderung ist nicht nurVoraussetzungderErzählung, sondernauf geheimnisvolleWeiseauchdiese selbst–siehabe,sagt der Erzähler, «soweiterzugehen,wie sie begonnen hatte, als eine lange Geschichte».
Wovonsiehandelt,das sind einfache, wenn auch zunehmend absonderliche Ereignisse. Von einem Bus wird erzählt, der die Enklaven-Bewohner nach dem Kriegsende indie serbischeHauptstadt bringtund unterwegsmit Steinen beworfen wird; von einer dalmatinischen Insel, auf der der Erzähler eine einstige Geliebte als Obdachlosewiederzufinden glaubt; von einemWeltkongressderLärmgeschädigtenauf denvorgeschichtlichenHügelndes kastilischenNumancia; von einer gespenstischen Froschprozession amGrabplatz; von einemwundersamen «Weltmaultrommeltreffen», an dessen Ende die diversen Nationalismen einfach wegmusiziert, weggeatmet werden; von Begegnungen mit Menschen und Tieren und mit unbelebten Dingen, die sich unter dem Anhauch des Wanderers zu beleben
scheinen. Wie nur je bei Handke geht derBlick dabei stets zuverlässig schräg vorbei an den großen Objekten und richtet sich auf die Nebensachen,dieRänderundBruchkanten, an denen sich die Epiphanien des Alltäglichen ereignen. Deren Schilderungen sind Handke selten so leichthändig geglückt wie hier:Augenblicke eines hingebungsvoll gelassenen Daseins. So groß ist die Überfülle des Geschauten, dass der Erzähler ihrer oft
nur durch Aufzählungen Herr werden kann: Inventare der offenbarenGeheimnisse,halb Katalog, halb Beschwörung.

Das Roadmovie als Traumspiel
Je länger die Reise geht, desto mehr verschwimmen die Konturen dieses realen Europa zum Phantasma einer Traumgeografie, desto ungewisser erscheint die Grenze zwischen den «Nachbildern»,die der Erzähler geben will,und der Imagination. Die morawische Nacht: das ist ein Roadmovie als Traumspiel. Und ebenso vieldeutig bleibt, wer hier eigentlich spricht. Da berichtet ein zweiter Erzähler vom ersten – auch er ein Bewohner der Enklave, ein Hof-Erbe und vormaliger Gastarbeiter; dritte und vierte rufen verwirrend dazwischen und übernehmen passagenweise dasWort. Und womöglich sind diese wechselnden Stimmen nur Auffächerungen jener letzten, die am Ende,wenn alle Nachtvisionen sich mit dem Morgennebel aufgelöst haben, erkennenmuss, dass sie die ganze Nacht hindurch nur Selbstgespräche geführt hat.
An diesem traurigen Ende wird der «Ex-Autor» wie selbstverständlich wieder einfach «derAutor» heißen – jetzt, da seine Geschichten ans Ende gekommen sind und von der morawischen Nacht nichts bleibt als der Titel des nun fertigen Buches. «Ich, der andere», sagt dieser Erzähler von sich selbst und: «Ich bin es nicht». Im halblauten Echo von Rimbauds «Je est un autre» und Dylans «It ain’tme»wird er zumWieder-und Doppelgänger seiner selbst.Wenn er in einer abgründigen Szene plötzlich fast zum Mörder einer Geliebten geworden ist,die seine Künstler-Einsamkeit bedroht, dann wird er sich in schauerlicher Verwirrung fragen,wer um alles in derWelt das getan habe.

Heimkehr ins tiefe Österreich
Immer deutlicher erweisen sich die Episoden der Erzählwanderung als Stationen auf demWegeiner langsamen Heimkehr – anden Ort «in der Harzwaldbucht», an dem die Mutterunddernie gekannteVater einander zuerst begegnet sind, in eine Stadt imtiefen Österreich,die mit «K» anfängt und mutmaßlich mit «lagenfurt» endet, endlich ins Dorf der eigenen Geburt.Wohin auch immer er unterwegs gerät,amEnde sindes stets Friedhöfe – die der großen Kriege und die der eigenen Geschichte. Und immer wieder ist von den Gräbern, die er aufsuchen will, als fände erRuhe dort,nichts geblieben als etwa «einGrashalm, an demeine flaumig kleine, noch taunasseVogelfeder haftete».Allein das eine, das alles Entscheidende, ist noch vorhanden: das verfallene «Muttergrab». Und diese Mutter, einst die Verkörperung des «Wunschlosen Unglücks»,wird dann in einer Traumvision dem Sohn, der sie im Stich gelassen hat, die Unschuld wiedergeben, an die er nie hat glauben können. Über den Gräbern beginnt das Erzählen: als Heilung von Schuld, Angst und Hass, im Politischen wie imganz Privaten, als Rückkehr ins Leben. Von hier auswird derWanderer dann, befreit, wieder zurückkehren in
eine ihrerseits verwandelte balkanischeWelt.

Heilssucher und Gewalttäter
Nach und nachwerden imNetz derTraumpfade auch die mythischen Muster wieder erkennbar, die Handke-Lesern lange vertraut sind. Und auch sie haben sich lange nicht so lässig ineinandergefügt wie hier.
Eine beiläufige Anspielung genügt, umanzudeuten, wie viel dieser Heilssucher und Gewalttäter gemeinsam hat mit Parzival.
Der wiederum kann, wenn sein Weg ihn über dieMancha und insZwielicht der Fiktionen führt, zumneuenDonQuijotewerden. Ein verlorener Sohn ist er auch, der heimkehrend die Vergebung nicht des Vaters, sondern der Mutter findet; und da überdies auchDerekWalcotts epischesGedichtüber den «Prodigal Son» anklingt,verbindet sich das biblische Bildwie von selbst mit gegenwärtiger Poesie.
Je näher der Heimkehrende seinem Ziel kommt,destomehr ähnelt seinWeg einemneuen «Pilgrim’s Progress», auf dem abermals Schutzengel und Teufel um den Wanderer kämpfen.Undwie der archetypischeAbenteurerHomers, sogelangtauchdieser hier endlich zurück ins lang verlassene Haus – nur dass ihn dort selbst der Haushund nichtmehr erkennenwill. Es gibt kein Ithaka für diesen Odysseus; so bleibt ihm nur das Exil, in dem er allein sein wird mit derWunderwelt seiner Geschichten. Keine dieser Anspielungen zwingt den Leser zur Beziehungssuche, keine verliert sich in Bildungsreminiszenzen. Auchwer sieüberliest, folgt doch leichthin ihrer Choreografie.

So wird meine Seele gesund
Zur Souveränität dieses Erzählens gehört auch dieAufrichtigkeit,mit derHandke die Gefährdungen der Sehnsucht nach dem «großen Zusammenhang» protokolliert,das Umkippen zarter Empfindsamkeit ins wildeUmsichschlagen, in Zerstörung und Selbstzerstörung.
Denn jederzeit kann inmitten dieser verklärtenWelt die Gewalt ausbrechen, in der wahnhaften Suche nach dem ethnisch reinen «Einvolkstaat» nicht anders als im Erzähler selbst, im«sich steigernden Gewaltimpuls im Zentrumseines Körpers». Es ist eine Gewalt «aus Angst …, wie das Schreien in einem Traum des Grauens»,
die Angst des Amokläufers. Handkes Geschichte protokolliert deren Symptome und Folgen – umauch sie womöglich im Erzählen zu überwinden. Die liturgische Formel «So wird meine Seele gesund» begleitet als hoffnungsvolles Leitmotiv die Augenblicke der wahren Empfindung. Der Argwohn aber, dass auch die Erlösung durchs Erzählen am Ende bloße Selbsttäuschung sein könnte, verstummt hier so wenig wie die Skepsis gegenüber allen Heilsversprechen, auch den eigenen.Was bleibt, ist einstweilen nur das Stoßgebet des Traumwanderers: «Geographie derTräume, bleib beimir jetzt und in der Stunde meines Todes.» Nunc et in hora mortis nostri: keine bloß herbeigeredeteVersöhnung soll diesmal am Ende stehen, sondern eine geduldig erwanderte, erschriebene.
Ebendeshalb bleibt sie brüchig und zwielichtig bis zum Schluss, im Privaten wie im Politischen und in der Handkeschen Metaphysik der Kunst. Und eben deshalb wird dieser Schwebezustand hier zum Grund nicht mehr der eiskalten Weltangst, sondern einer Heiterkeit, die sich mit den vorletzten Dingen begnügt und die Entscheidung über Ganzheit und Entzweiung aufschiebt, anheimstellt. «Man würde sehen», lautet der letzte Satz. Die lange umkreiste epische Form – mit diesem Buch hat Handke sie mit verblüffender Leichtigkeit erreicht. Nicht dass die Stil-Marotten,die seinenVerächtern immer schon auf dieNerven gegangensind, hier ganz fehlten;die Suchenach «einer anderen Sprache» geht auch diesmal nicht ohne Manierismen ab. Doch selbst solche Schwächen werden nun plausibel als Stil gewordenerWiderstand gegen die Versuchung, sich auszuruhen in einer sprachlich geordneten Welt. Das Spiel auf der Maultrommel, erklärt der Erzähler einmal, wird zum erlösenden Klang «nicht durch ein knappes Anschlagen an einem toten Gegenstand, sondern durch den lang ausgehaltenen menschlichen Atem». Seien wir Handke dankbar dafür, dass er ihn aushält.




Peter Handke
Die morawische Nacht. Erzählung
Suhrkamp Verlag KG, Januar 2008
gebunden - 560 Seiten, 28,00 ¤





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