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Ausgabe 03/08
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Editorial
Martin Walser und Philip Roth, liebe Leserin, lieber Leser,

leiden unter dem gleichen Kummer und schreiben über den gleichen Schmerz. Beide, der 81-jährige Deutsche und der 75-jährige Amerikaner, beobachten an sich selbst zu ihrer Qual die Anzeichen von Niedergang und körperlichemVerfall; sie spüren, dass ihre Begierde nach jungen Frauen zwar nicht nachlässt, von diesen aber immer weniger erwidert wird. Den Begehrten nicht mehr begehrenswert zu erscheinen und für den großen Lebenstanz nicht mehr infrage zu kommen – von dieser Kränkung erzählen sie in ihren neuen Romanen, Philip Roth in «Exit Ghost» und Martin Walser in «Ein liebender Mann».Wobei Walser die Demütigungen des Alters hinter dem alten Goethe des Marienbad-Erlebnisses versteckt, um das kommune Männer-Elend weltliterarisch zu adeln. Beide Romane werden in dieser Ausgabe ausführlich gewürdigt (in der Titelgeschichte und auf S. 34).
So bemerkenswert beide Bücher sind – einen Trend bilden sie nicht. Der Trend dieses Bücher-Frühlings ist ein anderer. Liest man Peter Handkes epische Erzählung «Die morawische Nacht», den Abschied des Autors von seinem Jugoslawien-Traum und -Trauma (siehe S. 29); betrachtet man Hans Magnus Enzensbergers «Hammerstein oder der Eigensinn», seinen Dokumentar-Roman über das «Dritte Reich» (siehe S. 39); bedenkt man Irina Liebmanns zeithistorisches DDR-Gemälde am Beispiel ihres eigenen Vaters (siehe S. 76); hat man Ulrich Peltzers «Teil der Lösung» noch präsent, seine subversive Geschichte über denWiderstand gegen den Überwachungsstaat; denkt man ferner an Jonathan Littells aus Frankreich herandräuendes Holocaust-Epos «DieWohlmeinenden», an dessen rechtzeitiger Übersetzung und Herausgabe der Berlin Verlag sich offenkundig überhoben hat – dann liegt eines auf der Hand: Das große Thema dieses Bücher- Frühlings lautet «Literatur und Politik».
Lange waren politische Romane in der deutschsprachigen Buchszene eher gering geschätzt, jetzt haben sie plötzlich Konjunktur – und das ist auch um der Gewichtigkeit und Triftigkeit von Literatur willen nur zu begrüßen.Wie der – immer noch anhaltende – Roman-Boom zum Thema Terrorismus bereits seit längerem dokumentiert, erschweren es die Zeitläufte auch den Schriftstellern, sich aus demWeltgeschehen einfach zu absentieren.Nicht länger ist «Der fliegende Robert» die aktuelle literarische Leitfigur; vielmehr demonstrieren die Autoren von heute, dass gegenwartshistorisch interessierte und politisch gründlich orientierte Zeitgenossen in ihnen stecken.

Ihre LITERATUREN-Redaktion

Inhalt
EDITORIAL

SCHWERPUNKT

Goethe Reloaded
Meister aller Krisen, Olympier der Verdrängung – wer hätte gedacht, dass die große alte Leitfigur der deutschen Literatur wieder derart an Interesse gewinnen würde?

Sigrid Löffler «Und so, über Gräber, vorwärts!» Der alte Goethe, neu gesehen: Während der Großdichter in den späten Jahren vor allem an seiner Glorie arbeitete, zeigen neue Bücher sein kaum verhohlenes Elend – privat wie politisch


DOPPEL-PORTAIT
Frauke Meyer-Gosau Der Mann im hellen Trenchcoat
Die drei Leben des Rudolf Herrnstadt: Journalist,
Spion und <Citizien Kane> der DDR, beschrieben von
seiner Tochter Irina Liebmann.

TEXTE UND ZEICHEN
Jens Balzer Das Coming-out des Comics
Die berührende Autobiografie der Zeichnerin Alison Bechdel:
Eine Frau entdeckt ihre Homosexualität und verliert ihren Vater an den Tod

DAS KRIMINAL
Nacktbaden in Oxford Franz Schuh über britische Krimis mit akademischen Würden

BÜCHER DES MONATS
Jutta Person
Elisabeth Bronfen: Tiefer als der Tag gedacht
Heinrich Detering
Peter Handke: Die morawische Nacht

Holger Noltze
Hector Berlioz: Memoiren
Ruth Klüger
Philip Roth: Exit Ghost
Eva Horn
Tim Weiner: CIA. Die ganze Geschichte
Manfred Schneider
Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein

BRIEFE UND NOTIZEN
NielsWerber Vom Bienenstich zum Zeckenbiss
Neue Blicke auf den Schriftsteller Ernst Jünger, den Juristen Carl Schmitt und den Philosophen Hans Blumenberg

WELT-POESIE
Peer Trilcke Der Gesang der Würgefeige
Lyrik von Inger Christensen, Les Murray, Charles Simic, Tomas Venclova und Derek Walcott in neuer Übersetzung

KINDERBÜCHER
Fridtjof Küchemann Es ist eine alte Geschichte …
Ritterbücher sind robust und vermeintlich anspruchslos. Felicitas Hoppe setzt dem Genre eine Blüte auf

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von Denis Johnson ||
Marianne Bechhaus-Gerst || Claire Messud || Ingo Hermann ||
Jenny Erpenbeck || Lorraine Daston, Peter Galison ||
Christoph Hoffmann || António Lobo Antunes || Misha Aster ||
Walter Kempowski
Bildbände von Peter Bialobrzeski || Francesco Tiradritti ||
Thomas Struth ||Matthias Flügge

DIE BEISEITE
Sibylle Berg In einem kleinen Land, in dem der Reichtum blüht
Geld haben macht glücklich. Also weg mit dem Neid, und Reichtum für alle!

KURZ & BÜNDIG
Bücher von Nick Hornby || Hans-JoachimMaaz ||
Jochen Schmidt ||Michael Gazzaniga || Joachim Sartorius ||
Bernard Noël
Bildbände von Howell Conant || Rupprecht Geiger

DAS MAGAZIN
Mitten aus Barcelona || Kalender || Netzkarte ||
Hörbücher || Leserbriefe ||Was liest Nicholas Shakespeare? ||
Literatur im Kino || Jetzt als Taschenbuch

IMPRESSUM

VORSCHAU, P.S., REGISTER
Das Coming out des Comics
Titel Die berührende Autobiografie der amerikanischen Zeichnerin Alison Bechdel:
Eine Frau entdeckt ihre Homosexualität, verliert ihren Vater an den Tod – und gewinnt ihn doch wieder

Wie ein Museum ist das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbringt: originalgetreu rekonstruiert nach Vorlagen aus dem Jahr 1867, geschmackvoll mit Antiquitäten ausstaffiert, umgeben von einem paradiesischen Garten, in dem kein Unkraut, keine schiefe Rabatte den Blick des Betrachters verstört. Jede freie Minute verbringt ihr Vater damit, das Interieur zu optimieren: ein leidenschaftlicher Sammler und Hobbyarchitekt, ein stilbesessener Kunstliebhaber, dem ästhetische Perfektion alles gilt, die Bedürfnisse seiner Mitmenschen aber wenig bedeuten.«Er behandelte seine Kinder wie Möbel und seine Möbel wie Kinder.» Erst spät wird Alison begreifen,wie diese egomane Ästhetisierung des Lebens Selbsthass und Scham übertüncht.

«Fun Home» heißt der autobiografische Comicroman, in dem die amerikanische Zeichnerin Alison Bechdel von ihrer Kindheit im ländlichen Pennsylvania der siebziger Jahre berichtet – und von ihrem Comingout als Homosexuelle. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie, vom Leben mit ihren beiden Brüdern und ihren Eltern in dem riesigen Landhaus,das ihr Vater über Jahrzehnte hinweg mit Akribie und Erfindungsgabe renoviert. Sie erinnert sich an die Kälte, die zwischen den Eheleuten ebenso herrscht wie zwischen demVater und seinen Kindern. Niemals gibt es so etwas wie körperliche Nähe, Liebkosungen oder Gute-Nacht-Küsse. Dass es dem Vater «gefiel, eine Familie zu haben», spürt die kleine Alison nur in jenen Momenten, in denen sie sich ganz seiner
Selbstinszenierung unterwirft: eine Art «Stillleben mit Kindern». Als Mädchen entwickelt sie eine sonderbare Faszination für Männergarderobe. Auf dem College entdeckt sie lesbische Literatur, lesbische Selbsthilfegruppen und schließlich die lesbische Liebe. Als sie ihrer Mutter in einem Brief ihr Coming-out beichtet, antwortet diese mit einer zweiten Enthüllung: Alisons Vater ist schwul. Er hat zeit ihrer Ehe Verhältnisse zu jungen Männern gesucht, er ist, unbemerkt von den Kindern, vor Gericht und in psychiatrischer Zwangsbehandlung gewesen. Schon lange, so schließt die Mutter, habe sie die Scheidung erwogen, nun mache sie endlich ernst.Wenige Wochen später ist der Vater tot,vor einen Lastwagen gelaufen. Ob es ein Unfall war oder Selbstmord, kommt niemals heraus.

Die triefenden Frauenkörper des Robert Crumb
Seit 25 Jahren arbeitet Alison Bechdel als Comic-Autorin. Mit «Dykes to Watch Out For» zeichnet sie eine äußerst beliebte lesbische Soap Opera,die in wöchentlichen Fortsetzungen in mehr als 50 Zeitungen erscheint.«FunHome» ist ihre erste längere Geschichte, ihr Opus magnum, eine so liebevolle wie bittere Rekonstruktion der eigenen Kindheit und eine späte Liebeserklärung an den Vater, den sie erst versteht,als er nicht mehr da ist. Im gleichen Moment, in dem sie ihr wahres Ich entdeckt, führt seine Lebenslüge ihn in die Katastrophe.

Coming-out-Geschichten haben eine lange Tradition in amerikanischen Comics. Seit sich der schüchterne Zeitungsreporter Clark Kent 1938 zum ersten Mal in den stählernen Helden Superman verwandelte, haben sie immer wieder Doppel-Identität, Selbstverkennung oder Emanzipation von vorgegebenen Rollenmustern thematisiert. In der Ära der Hippies und Bürgerrechtsbewegungen wurden die «Underground-Comics» neben der Popmusik zum wichtigsten Medium der Selbst-Offenbarung. Künstler wie Robert Crumb, S. Clay Wilson oder Spain Rodriguez verbanden die Propaganda für den politischen Umsturz mit plastischen Bildern intimer Sexphantasien. Besonders Crumb wurde mit seinen dreidimensionalen, fleischigen, großbusigen, vor Körperflüssigkeit nur so triefenden Phantasie-Frauenkörpern berühmt.

Anders gesagt: deutlicher als in den amerikanischen Comics konnte der fundamentale 18 Sexismus der von männlichen Rädelsführern bestimmten 68er-Bewegung kaum zum Ausdruck gelangen. Und wie im Pop dauerte es auch hier fast ein Jahrzehnt, bis die ersten weiblichen Stimmen Gehör fanden. Gegen den misogynen Stil von Künstlern wie Crumb gründeten sich Mitte der Siebzigerjahre in Kalifornien etwa das «Wimmen’s Comix Collective » und das Magazin «Tits & Clits».Deren Zeichnerinnen nutzten das billige und im damals noch intakten Netzwerk der Headshops schnell zirkulierende Medium: Hier wurden Marihuana und Schallplatten ebenso verkauft wie Comic-Hefte, die Aufklärungskampagnen etwa zu Fragen der Abtreibung, der politischen Emanzipation oder der lesbischen Liebe unterstützten.Vor allem aber deutete das «Wimmen’s Comix Collective» traditionell männliche Identifikationsmuster in der Comic-Subkultur zu positiven weiblichen Rollenmodellen um. So berichtete das erste Heft, das sich ausdrücklich an ein lesbisches Publikumwandte – Roberta Gregorys «Dynamite Damsels » aus dem Jahr 1976 –,von einer heroischen «Super Dyke», die bedrängte Frauen und schwule Männer vor sexistischen Gewalttätern schützte.

Bis in die achtziger Jahre folgten die meisten feministischen und lesbischen Comic-Zeichnerinnen dieser Strategie der Aneigung und Umwertung: von der Punk-Lesbe Diane Di Massa, deren «Hothead Paisan: Homicidal Lesbian Terrorist» , dem Schwarzenegger’schen Terminator gleich, auf einem rasenden Feuerstuhl die männlichen Sexistenschweine gleich reihenweise niedermähte – bis hin zu Donna Barr, die in ihrer Serie «The Desert Peach» die Faszinationmancher Schwuler und Lesben für militärische Uniformen zu einer abgründigen Soap Opera verarbeitete: Der schwule Bruder Ernst Rommels betreibt da während des Afrika-Feldzugs ein utopisches Militärlager in der Wüste, wo Schwule, Lesben und Juden Zuflucht vor den Nationalsozialisten finden… Wie erträgt Frau den allgegenwärtigen Sexismus? Gegenüber solcherUmwertung von Trivialmythen markierten die Comics von Alison Bechdel einen historischen Bruch. In «Dykes to Watch Out For», erstmals 1984 erschienen, fand sich nicht mehr das geringste Zeichen aus der Tradition der Superhelden und -heroinen. Hier wurde nichts Männliches mehr angeeignet. Männer wurden weder als Gegner noch als Negativ der eigenen Selbstfindung gebraucht.Viel mehr waren sie aus den Bildern von Bechdel schlicht verschwunden. Comics waren bei ihr kein Genre mit einem festen Inventar von Motiven und Typen, sondern ein leicht zu gebrauchendes, «kleines» Medium der Selbstauskunft und des Ratgebens für den Alltag:

Wie erträgt Frau den allgegenwärtigen Sexismus?
Wie findet die frisch geoutete Lesbe zu einem positiven Bild der eigenen, abweichenden Sexualität? Wie lässt sich die erste Begegnung mit den Eltern der neuen Freundin am besten überstehen? «Wer ist das? Deine Mitbewohnerin? Und wieso schneidet ihr bloß eure Haare so kurz?»

Von der punkigen Grobheit ihrer frühen Geschichten hat Alison Bechdel sich inzwischen entfernt. Heute arbeitet sie in einem reduzierten, aber mit allerlei – am Computer erzeugten – Schraffur- und Wischtechniken plastisch gemachten Stil. Auch «Fun Home» lebt von dieser Mischung aus Reduktion und Plastizität. Gegen die Szenerie der längst verschwundenen Orte der Kindheit setzt die Zeichnerin ihre Charaktere mit dicken Konturen ab. Nicht selten sind sie auch,wie Geistererscheinungen, von Aureolen umglommen. Besonders berührend ist die Zartheit, mit der Bechdel ihren Vater zum Leben erweckt. Berührend, weil ihr Strich umso liebevoller erscheint, je stärker die Fremdheit und die Ablehnung sind, an die sie sich erinnert.

Mit winzigem Mund und schmalem Gesicht wirkt der Vater undurchdringlich und steif, aber auch auf sonderbare Weise zerbrechlich und unsicher. Seine Mimik ist schwer zu durchdringen – so schwer wie die Mimik des jungen Mädchens, des Alter Ego der Autorin. Beide sind mit schläfrigen, leicht erstarrten Blicken gezeichnet. In Bechdels alten Gag-Comics standen solche Blicke für die Langsamkeit, mit der jemandem ein Licht aufgeht. In «Fun Home» werden sie zum Zeichen der Langsamkeit, mit der die Erzählerin sich selbst und ihre eigene Vergangenheit begreift – im Gesicht des Vaters ebenso wie in dem eigenen, das ihr fremd geworden ist.

Die Texte sind Zensurbalken über den Bildern.
Wie eine Kriminologin der eigenen Biografie sucht Alison Bechdel jene Spuren, die auf ihr späteres Coming-out weisen: ungewöhnliche Vorlieben und Aversionen oder die Zuneigung zu Freundinnen, die über eine gewöhnliche Mädchenfreundschaft hinausgeht. Zugleich sucht sie nach den Anzeichen für die Homosexualität ihresVaters: seine Ausflüge in die Schwulenviertel New Yorks oder die jungen Männer, die er bei der Gartenarbeit verhohlen umwirbt. Wie unglücklich muss er in seiner Familie gewesen sein! Wie sehr musste er sich und seine Leidenschaften verstellen, um ein normal heterosexuelles Leben mit Frau und Familie zu führen! Was hätte sie an seiner Stelle getan? Hätte sie sich getraut, sich zu outen, hätte sie zur Generation ihres Vaters gehört? Und was wäre geschehen, hätte er sich getraut? Alison wäre niemals geboren worden. So hat, was in seinem frühen Tod endet, die Erzählerin erst auf die Welt gebracht. «UnsereGeschichten», schreibt sie im allerletzten Bild, «sind in einer vertrackt invertierten Erzählung verbunden.»
Eine Vertracktheit, die Bechdel – traurig und eindrucksvoll – in der vertrackten Verschränkung von Bildern und Texten zur Erscheinung bringt.Unablässig begleitet die Stimme der Ich -Erzähler in den Leser durch die Autobiografie. Doch nachdem sie am Anfang einfach erläutert, Szenen und Gefühle benennt, driften Wort und Bild bald schon auseinander.

Was die reduzierte Zeichnung der Figuren an Rätseln aufgibt, deuten die Kommentare im Licht späterer Entwicklungen. Doch nicht selten schieben die Texte sich wie Zensurbalken über die Bilder, sodass sie, was sie zu erläutern
vorgeben, zugleich verdecken und entstellen. Und andererseits: was die Bilder an Eindeutigkeit suggerieren, zieht die distanzierende Sprache wieder in Zweifel. Manchmal erklärt der Text sogar schlichtweg für falsch, was das Bild als Wahrheit ausgibt. Mit dieser Spannung, der Binnenspannung der Comic-Ästhetik, inszeniert Bechdel fortwährend Widersprüche. Bild und Text ergänzen sich nicht wechselseitig, sondern verdeutlichen die Gespaltenheit der Ich-Erzählerin: einer Interpretin ihrer eigenen Vergangenheit, auf der Suche nach der Wahrheit in ihren frühen Gefühlen, auf der Suche nach dem Geheimnis ihrer Zuneigung zum fremd gebliebenen Vater. Am Ende versteht sie, dass er ihr dort am nächsten war, wo er am fernsten schien, nämlich in der Unfähigkeit, seine Rolle als Vater auszufüllen.

Die Literatur: eine Sprache über den Tod hinaus
«Der glückliche Tod» heißt das Kapitel, in dem Bechdel die Beerdigung des Vaters schildert. Wie diesen Abschnitt hat sie alle neun Teile der Autobiografie nach literarischen Zitaten modelliert. Bechdels Vater hatte kurz vor seinem Unfall Albert Camus’Buch «Der glücklicheTod» gelesen. Indem sie diesen Roman sowie die Notizen ihres Vaters dazu ausdeutet, versucht Alison nun, seine Gefühle, seine Not am Ende des Lebens zu entziffern. In dem Kapitel «Der ideale Gatte» betrachtet sie ihre hobby-schauspielernde Mutter, wie sie das gleichnamige Stück von Oscar Wilde einstudiert, während ihr Vater, dem Dichter gleich, wegen seiner Zuneigung 22 zu jungen Männern vor Gericht gestellt wird. Anders als Wilde kommt er mit einer zwangsweise verordneten psychiatrischen Behandlung davon. Der letzte Abschnitt «Skylla und Charybdis» erzählt von Bechdels ersten College-Jahren. Kurz bevor ihrVater stirbt, schreibt sie sich in einen Kurs zum «Ulysses» ein – seinem Lieblingsbuch – und versucht zu verstehen, was sich von ihm in der Odyssee des Stephen Dedalus findet. Wie die Figuren von Joyce sich im «Ulysses» fragen, was die Figuren Shakespeares über ihren Schöpfer aussagen, so fragt sich Alison in der Rekapitulation ihres eigenen Bildungsromans, was die Lektüre-Leidenschaft ihresVaters über ihn enthüllt – und was sein Schicksal über das ihre aussagt.

Doch so sehr Alison Bechdel auch daran zweifelt, dass Kunst und Leben einander entsprechen – sie hat kein anderes Mittel mehr,um ihre Vergangenheit zu verstehen. Am Ende ist es die gemeinsame Liebe zur Literatur, der Kanon der bürgerlichen Bildung, in dem Alison das einzige Medium findet, um mit ihrem Vater zu kommunizieren. Die literarischen Zitate, mit denen sie ihre Geschichte versieht, sind kein bloßer Zierrat. Sie dienen nicht dazu, einfach Bildung zu beweisen, sie dienen nicht dazu, in einer vermeintlich traditionsfernen Gattung wie dem Comic Tradition zu bewahren. Vielmehr sind die Zitate Prothesen, Mittel zum Zweck: ein Medium der Erkenntnis, das seinen Gegenstand zwar entstellt – das aber unerlässlich ist, um überhaupt etwas zuerkennen. So justiert Bechdel, die einst den Comic aus seinen überkommenen Traditionen löste, auch das Verhältnis von literarischem Erzählen und Comic-Literatur neu – in der Trauer über etwas, das niemals gesagt wurde und nicht mehr gesagt werden kann. Dass sie keine unmittelbare Sprache besitzt, um mit ihremVater zu reden – und zu uns, ihren Lesern,über ihn–,das ist Ausdruck der größten Tragödie. Und Grundlage der berührendsten Kunst. In der Reflexion auf die eigenen Mittel bebildert dieser Comic unablässig die eigene Unzulänglichkeit, eine Unzulänglichkeit,die jene des Lebens spiegelt. In der Enthüllung seiner intimsten Geheimnisse weist «Fun Home» über alles hinaus, was in den Comics bislang gewagt wurde. Dieses Coming-out wird uns lange ein Maßstab sein.

Comic 1
Der Mann im hellen Trenchcoat
Titel 2 Drei Leben lebte der Vater der Schriftstellerin Irina Liebmann: als herausragender Journalist, als Spion und als «Citizen Kane» der DDR. Jetzt hat die Tochter seine Biografie geschrieben: eine grandiose Verbindung von Welt-, Deutschland- und Privathistorie. Eine Begegnung mit einem Geschichtsbuch der besonderen Art und dessen Autorin


Von Frauke Meyer-Gosau

Der Admiralspalast in der neuen alten Mitte Berlins ist ein traditionsreicher Ort.Wer die Schriftstellerin Irina Liebmann treffen will, könnte kaum einen besseren Treffpunkt finden. Gleich unterhalb des Bahnhofs Friedrichstraße gelegen – gegenüber dem «Tränenpalast», in dem zu DDR-Zeiten die mühseligen Kontrollen des Fußgänger-Grenzverkehrs zwischen Ost- und Westberlin vor sich gingen –, war der Gebäudekomplex zu Anfang des 20. Jahrhunderts berühmt für seinen Eispalast, das Publikumfuhr in großer Robe und Smoking vor: Tingeltangel war woanders. 1926 wich das Eisballett einem Revuetheater, eröffnet von derWalter-Kollo-Revue «Drunter und Drüber», und zur NS-Zeit feierte der Operettenkönig Johannes Heesters an dieser Stelle Triumphe. Ein kleiner Flecken nur zwischen Bahngleisen und Spree, und doch zeigt sich hier wie im Brennglas das «Drunter und Drüber» der jüngeren deutschen Geschichte: vom Tanzparkett zum Zielgelände für die alliierten Bomber,wenig später dann Übergang zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor der gewesenen Hauptsstadt, schließlich scharf bewachter Grenzposten an der Mauer zwischen zwei verfeindeten Weltsystemen – Glamour, Trümmerberge, notdürftige Wiederherrichtung, dann vier Jahrzehnte lang stiller Verfall. Schaut man heute hier auf frischen Beton oder kunstvoll restaurierte Gebäude, erscheint auch der gegenwärtige Zustand wieder nur als ein Zwischenstadium, ein historischer Moment im Zeitkontinuum.


Zeitmaschine: Im «Presse-Café»
Es war Irina Liebmanns Vorschlag, dass wir uns hier treffen sollten, und wir schauen uns noch ein wenig um. Im Hof des Admiralspalasts, dessen Jugendstil-Ornamente in der beginnenden Dunkelheit schimmern, als seien sie gerade erst vergoldet worden, findet sich eine in der Nässe verwitternde Plakatwand. Neben kopierten Fotos aus der gloriosen Amüsierzeit zeigt sie unvermutet auch die Reproduktion eines Plakats aus dem Jahr 1946. «In eins nun die Hände» steht darauf, abgebildet sind zwei Männer in dunklen Anzügen, die sich über einen Tisch hinweg die Hand reichen, Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck – ein Aufruf für den Vereinigungsparteitag von SPD und KPD, aus dem im April 1946 die SED hervorging. Auch dies Ereignis hatte im früheren Eispalast stattgefunden.

Wir sind also tatsächlich am richtigen Ort. Denn nicht nur ist Berlin, insbesondere dessen Osten in seinen wechselhaften Daseinszuständen, das geografische Zentrum der literarischen Arbeit von Irina Liebmann – Titel wie «BerlinerMietshaus» (1981), «InBerlin» (1994) oder «StilleMitte von Berlin» (2002) sprechen für sich. In ihrem neuen Buch mit der gleichermaßen wehmütig wie zart ironisch tönenden Überschrift «Wäre es schön? Es wäre schön!», einer weit in die Welt-Geschichte ausgreifenden und zugleich sehr persönlich gefassten Biografie, hat sie darüber hinaus gerade den Bezirk rund um die Friedrichstraße zum Schauplatz atemberaubender Ereignisse gemacht. Und hier, wo wir jetzt sitzen, saß vor sechzig Jahren womöglich auch der Held ihres Buches: Irina Liebmanns Vater, Rudolf Herrnstadt.

Unter völlig anderen Umständen freilich.Wo heute hinter ausgedehnter Glasfront ein Nobel-Italiener mit weiß eingedeckten Tischen «Coniglio mit Rosmarinkartoffeln» annonciert, befand sich in derNachkriegszeit das «Presse-Café». Journalisten aus dem nahen Zeitungsbezirk kamen ebenso hierher wie Dichter, ie gerade aus der Emigration zurückgekehrt waren, auch der eine oder andere Spion sprang wohl rasch mal die Treppen vom Bahnhof Friedrichstraß eher unter – schnell und unauffällig war von hier aus der Zug zurück in denWesten zu erreichen.


«Rudi» mit den drei Identitäten.
An diesem Platz also mag er aus dem Fenster geschaut haben, «Rudi», wie er im Buch manchmal genannt wird: In einer Pause zwischen zwei Sitzungen vielleicht, während er über einen Leitartikel nachdachte oder vielleicht auch überWalter Ulbricht und dessen engeren Kreis aus der Moskauer Emigration, mit denen Herrnstadt als Angehöriger der Roten Armee nichts zu tun hatte und es gegen Kriegsende dann doch zu tun bekam, mehr und mehr, und eines Tages dann mit endgültiger Konsequenz. Von allen drei Berufsgruppen, die das damalige «Presse-Café» bevorzugten, hatte dieser umtriebige Weltmann aus der Provinz etwas. Journalist war er, ausgebildet während der Weimarer Republik, gar nicht weit von hier beim «Berliner Tageblatt» seines großen Vorbilds und Förderers Theodor Wolff; und war nun Ende der Vierziger gerade dabei, sich zu einer Art Citizen Kane der DDR-Presse aufzuschwingen, als Gründer und Lenker eines Zeitungs-Imperiums.

Ein Dichter wiederum wäre er gern geworden. »Die neue, zeitgenössische Form des Dramas» hatte der Sohn eines oberschlesischen Rechtsanwalts finden wollen, scheiterte aber an der 78 Darstellung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv – ein Lebens-Thema und ganz konkret drei «vergeudete Jahre» zwischen 1925 und 1928,wie er in einem Lebenslauf festhielt. Den hatte er verfassen müssen, als er sich ohne Visum nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen über die russische Grenze gerade noch in Sicherheit brachte; und erst einmal, wenn gleich seit Jahren schon Mitarbeiter des Auslandsgeheimdienstes der Roten Armee, in Haft geriet. Die Gewährsleute, die für ihn hätten bürgen können,waren in der Zwischenzeit der stalinistischen Säuberung zum Opfer gefallen.

Teil der dritten Gäste-Gruppe des «Presse-Cafés» an der Friedrichstraße war er also auch noch: Rudolf Herrnstadt, Ex-Spion, Jude und Kommunist, geboren im Jahr 1903 in Gleiwitz.Wer Irina Liebmanns Buch über diesen Mann gelesen hat, wird für eine Weile unweigerlich anders über dieses Pflaster gehen– schwer, das Gefühl von den Leichen bergen unter den eigenen Füßen wieder loszuwerden, Tätern und Opfern der deutschen Geschichte. In deren Verlauf nicht nur die Nationalsozialisten Juden und Kommunisten auslöschten, sondern auch diese selbst einander verrieten und ermordeten.Und in deren Nachkriegsphase schließlich auch Rudolf Herrnstadts Geschichte keinen guten Ausgang nahm.

Auftritt des Vaters als Romanfigur
Romane, Hörspiele, Gedichte, Theaterstücke und Kinderbücher hat Irina Liebmann geschrieben,alle Arten von Fiktion also, und selbst wenn sie – wie im «Berliner Mietshaus» – Lebensläufe dokumentierte,die andere ihr erzählt hatten, fand sich auch hier alles Reale durch die Erzählweise eingesponnen in ein feines Netz, dass die Geschichten in einer Art zweiter Wirklichkeit zusammenband: Die einzelnen Biografien schwebten gleichsamüber ihren eng umgrenzten lebensgeschichtlichen Rahmen hinaus und ließen endlich das Gefüge selbst erkennen, in dem sie sich ereignet hatten; in dem alles womöglich immer auch anders hätte kommen können.

Dies verhält sich auch im neuen Buch mit dem zweifachen Irrealis imTitel nicht anders.«Wäre es schön? Es wäre schön!» zeichnet eine besondere deutsche Lebensgeschichtedes 20. Jahrhundertsnach,die einen Mann auf die höchste Ebene der DDR-Staatsmacht führte und ihn dann von einem Tag auf den anderen jäh abstürzen ließ – eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann, ohne dem Kriegsverlauf zu folgen, auch nicht ohne die Begebenheiten im kommunistischen Widerstand gegen das NS-Reich und ebenso wenig, ohne die Entwicklungen in der Sowjetunion wenigstens zu skizzieren.Ein Vorhaben also, das in einem Buch von knapp über 400 Seiten eigentlich nicht zu bewerkstelligen ist, zumal, wenn es auch noch die Auseinandersetzung der Tochter mit dem Vater (mitsamt all seinen Vater-Instanzen) einschließt.
Und das dennoch bravourös gelingt.

Schon in ihren Romanen «In Berlin» und «Die freien Frauen» (2004) war ein Vater aufgetaucht, eine prägende Hintergrundgestalt, die die Spurensuche der weiblichen Hauptfigur nach ihrer eigenen Herkunft und Zugehörigkeit ohne größeres Zutun zu lenken schien: ein fast Hundertjähriger in einem Berliner Pflegeheim, der beinah schon nicht mehr lebte, aber auch nicht sterben konnte.Nach der Lektüre des jüngsten Buches wird man Irina Liebmanns Roman - Vater nun aufgrund verschiedener identischer Lebensstationen als dem realen Rudolf Herrnstadt mindestens nah verwandt erkennen, obwohl dieser schon 1966 im Alter von nur 63 Jahren starb: als einen Mann, der Teil eines osteuropäischen Spionagenetzes war, und dessen Berliner Geliebte im Jahr 1942 als Mitglied der «Roten Kapelle» in Berlin-Plötzensee enthauptet wurde.

War der eigenwillig und geschickt mit verschiedenen phantastischen Ebenen jonglierende Roman aus demJahr 2004 also eine fiktionale Vorübung für die knochenharte Faktenarbeit des folgenden Projekts?

«So was ist doch nicht so easy!»
Irina Liebmann lacht. «Mein letzter Roman», sagt sie, «ist mir gewissermaßen aus der Hand gerutscht. Ich wollte über emanzipierte Frauen schreiben, deren Kinder erwachsen sind, die Männer weg – was soll nun werden? Aber dann, wie von selbst, hat sich der Vater als Thema durchgesetzt, ich konnte das nicht steuern.» Daran, dass der Vater die Tochter im Roman fragt,wann sie denn endlich über ihn schreiben werde, habe sie übrigens später ein Freund erinnern müssen: «Das war mir überhaupt nicht mehr bewusst.»

Warum aber dies umwegige, von ihr selbst fast unbemerkte Heranpirschen an den, wie die Lebensgeschichte nun zeigt, für ihr eigenes Dasein zentralen Menschen, den Dreh- und Angelpunkt ihrer eigenen Entwicklung? Die Frage provoziert offenbar. «Das ist schwer umkämpftes Gebiet, historisch wie politisch!», ruft Irina Liebmann geradezu empört. «Mein Vater ist verleumdet und verschwiegen worden, jeder hat ihn für seine eigenen Angelegenheiten benutzt wie einen Steinbruch – das war so, solange die Mauer 80 stand, und nach dem Mauerfall ging es genauso weiter. Heute ein großes, freundliches Portrait eines Kandidaten des Politbüros der SED zu veröffentlichen, so was ist doch nicht so easy!»

Und alles andere als «easy» war die Rekonstruktion der Lebensverläufe dieses hochrangigen Parteimannes auch für die Autorin selbst. «All diese Kommunisten sind mir ein Rätsel», resümiert sie, die selbst nie ein Mitgliedsbuch der Partei ihres Vaters besaß. «So viele selbstlose Menschen mit so hohen ethischen Zielen, die derart blind waren für das, was sie taten! Die Mitgliedschaft in einer Partei, in der letztlich der Zweck die Mittel heiligt, und für die sie ohne zu zögern ihr Leben gegeben hätten – das alles ist mir ein Problem. Das sind Menschen einer Zeit, die wir heute nicht mehr begreifen. Und ich musste versuchen, sie zu verstehen.»Ein tragikomisches Aufseufzen: «Dabei möchte ich so gern eine freie Schriftstellerin sein, frei von der deutschen Geschichte! Ich hatte gedacht, nach diesem Buch würde es so weit sein. Aber ich stehe wieder am Anfang und habe mehr Fragen als vorher.»

Fragen über Fragen hat sie auch in ihrer Biografie über Rudolf Herrnstadt gestellt, kein Zweifel, kein Widerspruch, keine Distanzierung wird verschwiegen.«Ich verstehe es nicht» ,heißt es da einmal resümierend, «aber das ist auch nicht meine Welt.» Und ist es natürlich doch. Schließlich war der Mann ihr Vater.

Visionär – Propagandist – Märtyrer.
Selbst nach Erlass der NS-Rassengesetze hatte der kommunistische Jude Rudolf Herrnstadt noch bis 1936 als Korrespondent und Leitartikler des «Berliner Tageblatts» in Warschau tätig sein können – die Tochter schlägt sich mit dem verwirrenden Faktum herum, forscht nach.Wie konnte das sein? Woher die Sonderrolle? War der Geheimdienstmann, der die Position bei der hoch renommierten Zeitung als Tarnung für seine illegalen Aktivitäten nutzen konnte, faule Kompromisse eingegangen? Aber was konnte das Deutsche Reich davon haben? Und was das «Berliner Tageblatt»? Oder wer sonst?

In den vierziger Jahren unterstützte Herrnstadt in Moskau den Aufbau des «Nationalkomitees Freies Deutschland», einer Vereinigung kriegsgefangener deutscher Soldaten und Offiziere, und betreute deren Zeitung «Freies Deutschland». Selbst eine patriotisch-pathetischeWendung wie «Wir trauern um Deutschland» konnte hier erscheinen – Anzeichen oder Anschein demokratischer Liberalität? In der Sowjetisch Besetzten Zone und späteren DDR schließlich wurde Herrnstadt zum Staats-Journalisten, begründete das Zeitungswesen, stieg zum Chefredakteur des Zentralorgans «Neues Deutschland» auf und galt bei alledem auch immer als «Mann der Russen». Unzweifelhaft verfügte er über spezielle Kontakte und gewiss über noch andere als die Gruppe um Ulbricht, die zwischen Angst, Verrat und so genannter Säuberung das Exil im Moskauer Hotel «Lux» überstanden hatte.

War Rudolf Herrnstadt, dessen Familie 1941 aus Prag verschleppt und ausgelöscht worden war, im Grunde womöglich ein Traumtänzer? Ein Phantast, den die Realität immer wieder glückhaft auffing, ja, lange sogar in seinen Träumereien von einer real besserenWelt zu bestätigen schien? Viele seiner Aktionen scheinen dafür zu sprechen. Von einem Besuch im Nachkriegs-Warschau kehrte er voller Emphase für die dortigen Konzepte neuen Bauens und Wohnens zurück, nahm Einfluss auf die Planung der Berliner Stalinallee und mobilisierte die Bürgermithilfe seiner Zeitungenzu freiwilligen Aufbau-Einsätzen; auch sein Engagement für die bis zum Fall der Mauer populäre «Friedensfahrt» als osteuropäisches Gegenstück zur Tour de France war von Warschauer Begegnungen Anfang der fünfziger Jahre inspiriert.

Vordenker und maßgeblicher Akteur bei der Gründungsozialistischer Printmedien, stieg Genosse Herrnstadt ins Politbüroauf, ließ sich von einem Chauffeur im BMW umherfahrenund wohnte mit seiner Familie zuletzt da, wo die Privilegiertenwohnten, im Pankower Funktionärs-«Städtchen» – Rudi, ein Virtuose des sozialistischen Aufbaus! Durch seine Anzüge wie durchs eine Ansprüche fiel er aus dem Rahmen, aber während des Arbeiteraufstands im Juni 1953 war wiederum er der einzige hohe Funktionär, der die Protestierenden in einem Berliner Industriewerk für die Sache des Sozialismuswieder einnehmen konnte (und 81 als Ulbricht Herrnstadt wenig später als Verschwörer in die Wüste schickte, bot die Belegschaft an, für ihn in Streik zu treten). Ein intellektueller Romantiker also, der lange Jahre die Realität auf seiner Seite hatte?

«Ein Mann, der sein Leben ernst nahm», sagt Irina Liebmann schlicht. «Er glaubte wirklich, an einer Zeitenwende zu leben. Er wollte die Grundlagen für etwas Neues legen,und dafür nahmer alles in Kauf.»Einen «Visionär» nennt sie ihrenVater, einen «Propagandisten», der am Ende zur «Märtyrerfigur» wurde. Und sie sagt auch: «Ich glaube, ein Mensch, der so dachte wie Herrnstadt, ist persönlich enteignet: Es herrschte das ‹EiserneWir›.»

«Ich wusste, wo ich lebte»
«An einem Spätsommertag des Jahres 1953 fährt ein schwarzer BMW aus Berlin in Richtung Süden. Neben dem Chauffeur sitzt ein Mann im hellen Trenchcoat, hinten eine junge Frau und zwei kleine Mädchen.» So beginnt das Buch, dessen Titel übrigens die Schlagzeile gerade des Leitartikels ihres Vaters wiedergibt, in dem dieser zum ersten Mal seine Ideen für die spätere Stalinallee proklamierte. Dies alles aber ist nun vorbei, endgültig: Der Arbeiteraufstand, der von der Stalinallee seinen Ausgang nahm, hatte nicht etwa Walter Ulbricht, sondern dessen Spin Doctor zu Fall gebracht. Rudolf Herrnstadt, gemeinsam mit Wilhelm Zaisser, dem Minister für Staatssicherheit, der Verschwörung gegen Ulbricht angeklagt, fährt in die Verbannung. Wegen einer Tuberkulose aus Kriegszeiten hat er nur noch eine Lunge, also schick man ihn mitten ins Chemiegebiet der DDR – in Ermangelung eines sächsischen Sibirien wenigstens dorthin,wo die Luft am giftigsten ist. Merseburg heißt der Ort.

Der Mann ist jetzt fünfzig Jahre alt. Er hat drei Leben geführt, seine einstigen Gefährten sind allesamt aus seinem Gesichtskreis entschwunden, die meisten von ihnen ermordet, von den Nazis die einen, von den Kommunisten die anderen. Die Anschuldigungen gegen ihn sind haltlos, allewissen das oder könnten es doch: Eine Herrnstadt- Zaisser-Gruppe hat es nie gegeben, ebenso wenig eine Verschwörung.Was es tatsächlich gab, war eine starke Bewegung gegen Ulbricht in Politbüro und ZK – die Absetzung desMannes, der zur Feier seines Geburtstages eine drastische Erhöhung der Arbeitsnormen für angemessen gehalten hatte,war bereits beschlossene Sache gewesen. Doch dann hatte sich in den sowjetischen Machtwirren nach Stalins Tod das Blatt noch einmal gewendet, die Seite, der Herrn stadtpolitisch nahestand, unterlag. Und Ulbricht machte den Chef der Parteizeitung zum Sündenbock.

Der wird seine letzten Arbeitsjahre in einem Archiv zubringen, wird Bücher schreiben und einige von ihnen sogar veröffentlichen können, natürlich ohne öffentliche Resonanz. Er wird mit Aufzeichnungen über sein Leben beginnen, wird mit der Straßenbahn fahren, spazieren gehen und endlich ungefiltert erfahren, was die so genannten Massen denken. Seiner 1943 in Moskau geborenen Tochter, bei der Abreise aus Berlin ein 10-jähriges Schulkind, ist das schon bekannt: «Als mir meine Mitschüler die Fotoalben ihrer Eltern zeigten – Uniformen, Hakenkreuze, Menschen am Galgen –, war das für mich der Absturz», stellt sie fest. «Ich wusste, wo ich lebte. Und er sagte, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten…»

Die Coolness der Chinesen.
Es ist finster geworden,das Lokal hat sich gefüllt; noch einmal Wasser und Kaffee, um die Kellner zu beruhigen, die im alten Admiralspalast auch nicht versessener auf Umsatz und Trinkgeld gewesen sein können.Was wird aus so einer Tochter, die vom Alltag zwangsläufig mehr weiß als der Vater und allein daher seine Hoffnungen 82 nicht teilen. Die Anschuldigungen waren haltlos, von Verschwörung keine Rede – Politbüro und ZK hatten Ulbricht abgesetzt. Der Sturz ist schon greifbar nahe, aber noch nicht zu ahnen: Die ihn als Autor nicht kennt und jedenfalls alles anders machen will?

Schreiben will sie und sonst gar nichts; also doch nicht alles anders machen. Aber wozu da erst noch studieren? «Mein Vater saß verzweifelt da», Irina Liebmann kichert. «Der Kampf, den ich wegen des Schreibens mit ihm hatte, war im Grunde derselbe, den er mit seinemVater geführt hatte.» Und wie damals endet es Anfang der sechziger Jahre auch bei ihr:Man einigt sich aufs Studium. Allerdings, etwas Banales durfte es nicht sein. Sinologie! «‹Gut›, sagte meinVater, ‹China ist dieMacht derZukunft.› Da hatte er die Russen schon aufgegeben.» Der Tochter ist’s egal. Sie hat das Chinesische aus ästhetischen Gründen und Spaß am Exotismus gewählt und führt,während um uns herumgeschmolzene Kalbshaxen und Baby-Calamari verzehrt werden, mal eben den «Arrrr»-Laut des Peking-Dialekts vor. «Arrr»,macht sie mit zurückgelegtem Kopf und gleich nochmal: «Arrrr! Das ist wahre Coolness!» Sie lacht – und meint es ernst, wie immer.

Die coolen Chinesen! Den Weg von der diplomierten Sinologin zur heutigen Schriftstellerin Liebmann machten sie allerdings nicht kürzer, sie stehen eher für einen schönen Umweg. Noch zehn Jahre wird es nach Abschluss ihres Studiums dauern, bis sie überhaupt zu schreiben beginnt – ihre achtjährige Tätigkeit als Redakteurin bei der Zeitschrift «Deutsche Außenpolitik», «eine pupslangweilige Sache», hatte mit Journalismus nichts zu tun: «Man ging kurz mal in die Redaktion und setzte irgendwelche Satzzeichen in die Artikel, wir schrieben ja nicht.» Ein Druckposten. Und von Literatur nicht die geringste Spur.

«Ich kenne ja das Leben gar nicht»
«Ich war dreißig Jahre alt und hatte immer noch keine Zeile geschrieben. Dabei war ich fest überzeugt, ich schriebe wunderbar! Aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte. Es musste doch etwas Wichtiges sein, nicht irgendwelche Befindlichkeiten. Und ich dachte, ich kenne ja das Leben gar nicht.» Und das von der Tochter Rudolf Herrnstadts, der die Welt hatte verbessern wollen und vom«Leben» jedenfalls mehr als genug mit bekommen hatte. Doch schon das Kind Irina, das vom Anstehen in Warteschlangen wusste, welche Gedanken die «guten Massen» wirklich hegten, hatte von ihrem Vater gedacht: «Er weiß nicht»; der Mutter, einer aus Sibirien stammenden Germanistin, kommt im Buch der Ehrentitel einer «Realistin an König Wahnsinns Hof» zu.Und die Tochter?

Will ernsthaft lernen, was und wie «das Leben» ist: Betriebe, Brigaden, Kraftwerke, alles auf eigene Faust und aufgrund eigener Neugier erkundet, anfangs mit einem Auftrag zur Materialsammlung für die Filmstudios in Babelsberg, dann auf Recherche unterwegs für Portraits in der «Wochenpost».Es ist das Jahr 1975, und das freie Schreiben fängt an. Das «Berliner Mietshaus», 1981 im Mitteldeutschen Verlag erschienen, ist aus solchen Alltags befragungen hervorgegangen und wird ihre erste Buchveröffentlichung. Danach, endlich, kommt die Fiktion.

Ein ganz normaler Feierabend in Berlin
Und nun, 26 Jahre und etliche Bücher später, ist Irina Liebmann zur Welt der harten Fakten zurückgekehrt und liefert mit dem Vater-Buch ihr Meisterstück: eine Verbindung von Aller persönlichstem und Welthistorischem, immer hart an denTatsachen und klar in deren Bewertung. Irina Liebmanns Erzählweise ist überwiegend distanziert, wie es sich für ein Geschichtsbuch gehört, doch fahren dahinein dann knappe ironische Kommentare, unauflösbare Fragen oder, wenn es wirklich nicht anders geht, auch mal eine emotionale Aufwallung – ein Kraftakt das ganze Buch, das leichthändig wirkt und dem Leser wegen der Wucht des Erzählten nicht selten den Atem stocken lässt.

Vier Jahre hat die Autorin daran gearbeitet, hat eine erste Fassung verworfen und noch einmal neu angefangen – «dass ich es fertig kriegen würde, hätte ich nie gedacht», sagt sie nun. Und hat bei der Arbeit eine Ähnlichkeit zwischen sich und ihrem Vater entdeckt, die sie beschäftigt: «Er gibt nicht nach, und er gibt nicht auf. Lebensgefährlich. Aber so lebe ich auch.»

Da stehen wir schon draußen auf dem Pflaster,die Musical- Vorstellung im Admiralspalast ist offenbar beendet. Die Zuschauer ziehen ihre Mäntel fester um sich und eilen über den Hof, hinter der Glasscheibe im ehemaligen «Presse-Café» wird weiter getafelt, ein paar Fetzen Musik wehen herüber, Leute kommen aus demU-Bahn-Ausgang, und das Regenwasser spritzt von der Friedrichstraße hoch, wenn die Autos durch die Pfützen fahren. Alles ganz normal, ein Freitagabend wie tausend andere in Berlin.

Nur wir haben zugleich eine Geschichte im Kopf, von der es am Ende des Prologs in Irina Liebmanns Buch hieß:«Dieser Mann im Sommermantel damals, schweigend und sich nicht umwendend, war mein Vater Rudolf Herrnstadt. Es war nicht nur seine Fahrt, nicht nur seine Niederlage. Es war unser Leben. Damals. Und ist immer noch unser Leben.»Und da es sich so verhält, fühlt sich die muntere Feierabendbetriebsamkeit an dieser Ecke für einen Augenblick so unwirtlich wie unwirklich an. Mehr kann man von einem Stück Literatur wohl nicht verlangen, als dass, nachdem man es gelesen hat, in der eigenen Gegenwart immer noch etwas anderes anwesend ist als das, was man mit Händen greifen kann.

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