Das Zauberwort treffen? Gar nicht so einfach
Peter Kurzecks Idyllen, Heinrich Bölls Melancholien und Peter Härtling als Hörfunk-Onkelchen reanimieren die fünfziger Jahre
Wer das Satellitenbild des Dorfes Staufenberg in Hessen googelt, gleitet über ein Bild, das von einem dicken Strang durchzogen ist, an den Knotenpunkten buchtet er sich zu Abzweigen aus: deutsches Mittelgebirge, von einer Autobahn durchschnitten. Den Hörer von Peter Kurzecks Erinnerungen an seine Kindheit in Staufenberg
wird bei diesem Anblick der Wunsch befallen,das Gegenwartsbild abzukratzen wie die Übermalung eines alten Gemäldes. Darunter käme ein Dorf zum Vorschein, dessen Horizont durch bewaldete Höhenzüge, nicht durch Betonbrücken begrenzt wird.
Suggestiv, mit heller, freundlich dialektal gefärbter Erzählerstimme wird dem Kurzeck-Hörer ein Dorf in den frühen fünfziger Jahren vor Ohren geführt. Immer stehen Kindheitserinnerungen dieser Art in der Gefahr, ein besonntes Gestern heraufzubeschwören und dabei auf die Übereinstimmung mit Generationsgenossen zu setzen: die goldenen Fünfziger! Doch Kurzeck trifft das Zauberwort auf ganz andere Weise. Glanz kommt hier eher beiläufig zustande, er geht über der Kulisse des kleinen Dorfes auf, als wäre man selber dabei.Nicht der so genannte passende Ausdruck oder der sprachlich gefilterte Moment verbürgen im mündlichen Erzählen Präzision. Entscheidend ist,wie der Erzähler auf die Dinge zugeht,sie umkreist, damit sie in der Erinnerung erneut wach werden. So entsteht Kurzecks Dorf vor dem Zuhörer, als ließe es sich noch betreten – kein Bild, nein, ein Raum der sich in wiedergewonnene Perspektiven öffnet.
Wie sah das Flüchtlingskind die Welt,die neue Heimat? Wenn eines Tages die Geschichte der deutschen Landschaft nach dem Krieg geschrieben werden wird, wird man um Kurzecks Erinnerungen nicht herumkommen, weil sie zu einer Innenansicht der Veränderungen in jenen Jahren verhelfen.So sitzt das beobachtende Kind an seinem Fenster und blickt in mehrere Hofplätze hinein, in denen die Bauern gerade zur Arbeit anspannen.Auf ganz unterschiedliche Weise geschieht das, die zweite große Mechanisierung der Landwirtschaft, die dem Leben auf dem Land einen anderen Takt gab, stand noch bevor.Die deutsche Mitte wurde schließlich radikal umgebaut, aus Dörfern wurden Vororte oder so genannte Samtgemeinden,aus schwer zugänglichen Tälern überbrückte und voneinander getrennte Landschaftsrelikte.
Um einem Missverständnis vorzubeugen:Kurzecks Hör-Erzählung ist keineswegs naiv. Es handelt sich um die Rück-Übertragung eines zunächst in Buchform veröffentlichten literarischen Texts, der für den Leser anfänglich nur schwer zu erschließen ist: Drohend baut sich die Menge an Details vor ihm zu einem hochkomplex wirkenden Erinnerungsmassiv auf.Als Hör-Text aber beginnt das Erzählte sich zu verflüssigen, und erkennbar wird, was für ein wunderbar einfacher Erzähler Peter Kurzeck im Grunde ist. Im mündlichen Vortrag löst er sich von seinem Text und gewinnt diesem eine neue Qualität ab – allein das ist bemerkenswert angesichts der häufig einfach so abgelesenen Texte der Hör-Literatur.Und genau darum ist es schade, dass der Verlag diese CD so geizig ediert hat. Er vergibt damit die Chance, den Hörer ein Stück tiefer ins Kurzeck-Land zu führen.
Heinrich Bölls Fünfziger-Jahre- Land scheint dagegen heute ganz versunken: die zerstörten Häuser, der Geruch von schlechtem Essen, die grauen Gesichter, die gerade in den frühen Böll-Romanen vorherrschen. Fremd wirkt auch der Stil, die auf der Stelle tretende Beschreibung einer seltsam leeren Nachkriegszeit.Hörbar wird dabei,wi sehr die frühe Prosa Bölls selbst Dokument einer traumatisierten Starre ist, wie sehr das Erlebte die traurigen katholischen Helden gelähmt hat.
Die Liturgie der Kirche bietet hier allenfalls einen elendsverlängernden Trost. Bölls Protagonistin Käte, die sich mit ihrem Mann Fred in der Erzähler-Rolle abwechselt,wird allein berührt durch den heiseren Gesang eines «Negers» – «and he never said a mumbling word», «… und sagte kein einziges Wort». Dies Zauberwort bleibt aber eingeschlossen in einen melancholischen Kokon.
Besonders die Schauspielerin Frauke Poolman schafft es, dieser Prosa, die so leicht in registrierende Monotonie versinken könnte, eine Seele zu geben, die Figur Käte nah und empfindsam heranzurücken. Aus den fünfziger Jahren kennen wir auch den Onkel vom Kinderfunk, der sich freundlich herabbeugte, um uns dieses oder jenes zu erzählen. Es war überhaupt eine Onkel-und-Tanten-Zeit: Damals gab die «Deutsche Grammophon» eine Plattenreihe mit dem Titel «Für die Jugend» heraus,in der Mathias Wieman,dem das Gute,Wahre und Schöne schon auf die Stimmbänder gelegt war, die «Geschichte des Kindes Mozart» erzählte. Peter Härtling gibt den Erzählonkel nun als Wiedergänger der Fünfziger.Zu dessen Erzählgestus gehört die Schnurre aus der eigenen Kindheit.Wir hören, dass der Junge Peter den «Taugenichts» das erste Mal mit Neugier las,weil ihn seine Mutter als «Taugenichts» titulierte, alles recht tümlich und betulich. Zum Glück ist Onkel aber nicht allein zu Haus mit Eichendorff.Matthias Ponnier liest die Texte, und da er das gut macht, wird es doch noch dann und wann getroffen, das Zauberwort.
BERNHARD GLEIM
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Heinrich Böll, Frauke Poolman Und sagte kein einziges Wort Hoerbuch Hamburg, November 2007 Audio-CD, 24,95¤
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Peter Härtling Eichendorff für Kinder - Triffst Du nur das Zauberwort Hoerverlag DHV Der GmbH, September 2007 Audio-CD, 12,95¤
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