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Bukarest
VON JAN KONEFFKE
Im vergangenen Frühjahr protestierte eine Reihe bekannter rumänischer Persönlichkeiten, vom Leiter des bedeutenden Verlags Humanitas,Gabriel Liiceanu, bis zum Schriftsteller Mircea Cartarescu, gegen die drohende Entlassung der parteilosen – und erfolgreichen – Justizministerin. Diese Erklärung wurde in der Presse als «Appell der rumänischen Intellektuellen» verbreitet,was wiederum Dan Voiculescu, den Medien-Mogul und Vorsitzenden der Konservativen Partei, in Rage brachte. Der auch unter seinem Securitate-Decknamen «Felix» bekannte Geschäftsmann ereiferte sich, er lasse sich nicht von anderen vorschreiben, wer ein Intellektueller sei.Auch in seiner Partei gebe es Intellektuelle. Er selber sei einer. Dan Voiculescu, der in den 90er Jahren auf reichlich undurchsichtigen Wegen zu seinem Vermögen kam, verkörpert nicht nur die noch immer funktionierenden Strukturen der alten Partei- und Geheimdienst-Seilschaften, er steht auch für die Mentalität der kommunistischen Gesellschaft, in der der Intellektuelle per se unter Verdacht stand. 44 Jahre lang, schreibt der Publizist Traian Ungureanu, habe in Rumänien das Gesetz der «negativen Auswahl» geherrscht: «Opportunismus,Gehorsam und reine Dummheit sicherten persönlichen Erfolg und garantierten den sozialen Aufstieg.» Gegen das bis heute herrschende Establishment «aus Betrügern, skrupellosen Individuen und Aufsteigern» erweisen sich Rumäniens Intellektuelle als machtlos. Die Entlassung der Justizministerin konnten sie nicht verhindern, ebenso wenig die zeitweilige Suspendierung des unbequemen Staatspräsidenten durch das Parlament. Und ein Buch wie «Über die Securitate» von Traian Ungureanu, das eine Reihe von hässlichen Wahrheiten auf den Punkt bringt, erweist sich noch immer als Provokation für eine Gesellschaft, die sich weigert, ihre Vergangenheit unter die Lupe zu nehmen, und sich lieber an Mythen hält als an rationale Erklärungen. Angesichts des verbreiteten Nationalismus ist Ungureanus Feststellung,gerade Rumänien sei besonders schlecht auf die Usurpation der Macht durch die Kommunisten vorbereitet gewesen, die reinste Häresie,vor allem,wenn der Autor Vergleiche mit den widerspenstigen Polen und Ungarn anführt. Besonders ketzerisch ist es, wenn er nicht nur die Kollaborationsbereitschaft der Kirche, sondern deren Verzicht auf eine soziale Rolle und den orthodoxen Rückzug auf die jenseitigen Dinge für die Wehrlosigkeit der Gesellschaft in der kommunistischen Zeit verantwortlich macht. Ungureanus viel diskutierter Essay spart auch nicht mit Kritik am Westen, der aus Ignoranz davon ausgehe, dass Osteuropa strukturell, kulturell und moralisch mit Westeuropa kompatibel, wenn nicht sogar identisch sei. Die falsche Annahme, der Osten sei der Westen, nur ohne Wohlstand, führe immer wieder zu Missverständnissen und Frustrationen, die sich schließlich in bekannten abendländischen Klischees Luft verschafften: «polnische Arroganz», «slawischer Geist», «rumänische Faulheit». In der Tat kam und kommt man in Brüssel weder mit dem Chamäleon-Verhalten rumänischer Politiker zurecht noch mit einer Gesellschaft, die nach dem Als-ob-Prinzip funktioniert. So hat sich Rumänien zwar moderne Institutionen und die von der EU verlangten Gesetze zugelegt; trotzdem herrschen im Land ganz andere Mechanismen, die von außen nur schwer zu erkennen sind. Dass die angeblich Sozialdemokratische Partei eine Interessensvereinigung ist, in der sich insbesondere die Gewinner der Nachwendezeit versammelt haben; dass die Demokratische Partei über Nacht aus der Sozialistischen Internationale ausgeschieden ist, um der Europäischen Volkspartei beizutreten – all das wirft ein Schlaglicht auf die fröhliche Unbefangenheit, mit der angeblich ideologische Verwandtschaften zitiert werden, die nichts als reine Fassade sind. Das westliche Links-Rechts-Schema passt so wenig auf die Parteienlandschaft des Karpatenlandes,wie der westliche Pragmatismus zur östlichen Mentalität. Der Journalist Cristian Tudor Popescu fand bei einer Fernsehdiskussion ein treffendes Bild für diese kulturelle Differenz.Während man sich im Westen an die Gebrauchsanweisungen halte, verlasse sich der Rumäne lieber auf seine Erfahrung.Während man im Westen beschreibe, was man tue oder herstelle, gebe der Rumäne sein Wissen in der Praxis weiter. Das westliche Verfahren sei in sich demokratisch,weil es prinzipiell jedem Verständnis und Techniken vermittle, während das östliche Verfahren den persönlichen Kontakt voraussetze.«Wenn wir in der Europäischen Union ankommen wollen», sagte Popescu, «müssen wir lernen, die Gebrauchsanweisungen zu lesen.» Auch in der Fernsehsendung «Altfel» (Anders), die die beiden Philosophen Gabriel Liiceanu und Andrei Plesu regelmäßig am Sonntagabend, zur besten Sendezeit, bestreiten, ging es um die Besonderheit der rumänischen Institutionen, deren «Vermenschlichung ». Darunter begreifen Liiceanu und Plesu nicht etwa den humanen Umgang der öffentlichen Einrichtungen mit den Menschen, die sich an sie wenden, sondern die Tatsache, dass deren Personal sich einbildet, die Institution zu sein. «Was ist das für ein Land», spottete Plesu, «in dem der vom Staatspräsidenten als inkompetent bezeichnete Finanzminister beleidigt verkündet, unter diesen Umständen werde er für ein neues Präsidentenflugzeug kein Geld im Haushalt finden, als handle es sich beim Budget um seine Privatschatulle?» Auch im Westen sollte man sich dringlicher als bisher fragen, mit welchen Gesellschaften man es im Osten eigentlich zu tun hat.
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