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Der Himmel über Sardinien
VON FRANZ SCHUH
Heinrich Steinfest, unter den Kriminalschriftstellern einer der besten, hat in einem Interview die Gattung gelobt. Im Kriminalroman – ich zitiere den Autor dem Sinn nach – sei einerseits alles, von der Satire bis zur Tragödie,möglich.Zugleich aber gibt der Kriminalroman durch seine Form eine Disziplin vor, die ein Ausufern der Erzählung verhindere. Das ist ein dialektisches Lob: Die Gegensätze sind so aufeinander eingespielt, dass ein Ganzes entsteht, indem der Kriminalroman die Fülle ermöglicht und die Einschränkung fordert. Ich wüsste nicht,worauf dieses Prinzip besser passen könnte als auf den Roman «Der schwarze Regen» von Flavio Soriga (Luchterhand, 8 ¤). Das Buch, das von einem kleinen Dorf in Sardinien handelt, hat den Inhalt eines Kriminalromans und ist formal hochliterarisch: «Der schwarze Regen» besteht aus einer Reihe von Bewusstseinsströmen: Jeder Figur wird ein eigener Strom zugeschrieben, aber im Leser berühren sie einander und schlagen Funken. Das Buch, vermute ich, nimmt Leserin und Leser ziemlich her, es enthält unangenehme Wahrheiten: Cum grano salis werden alle Figuren als Menschen beschrieben, die es nicht geschafft haben und denen das Scheitern unaufhörlich zu schaffen macht. Ihre Seelen werden von einem andauernden Schmerz gemartert.Einer wollte Fußballer werden und wurde Priester. Unberufen, fehlt ihm jede Priesterlichkeit. Ein anderer wurde Polizist, und was ihm fehlt, ist eine Prüfung: Er wollte Anthropologe werden; jetzt ist er – in seinen Augen – «Polizeischerge». Die Qualen verfehlter Lebensziele schleichen sich in alles ein, in jeden Gedanken, in jede Handlung und auch in jede Lust, die manchmal an den Grenzen der Verzweiflung genossen wird. Aber das Künstlerische, das Artistische, liegt für mich vor allem in der Beschreibung,wie die von ihren Bewusstseinsströmen, auch von ihren Träumen, gezeichneten Figuren sich voneinander unterscheiden und wie sie doch alle gleich sind. Das hat für die Kriminalhandlung eine bemerkenswerte Folge. Der gescheiterte Anthropologe Martino Crissanti, jetzt Maresciallo von Nuraiò, besitzt kein Charakter-Privilegium: Er ragt nicht hervor wie etwa Kommissar Maigret, der sich dadurch auszeichnet, dass er alle anderen in der Tasche hat. In Nuraiò grundelt die Polizei in den gleichen Niederungen herum wie der Rest der Dorf-Menschheit. Ich muss nicht hinzufügen, dass Sardinien hier keine Kulisse abgibt wie manche Gegenden Italiens, die den Einbruch des Massentourismus in die Kriminalliteratur belegen müssen. In Nuraiò sind die Leute allein, kaum jemand schaut auf sie, es gibt keine Postkarten – es ist das Dorf schlechthin, das durch die sardischen Besonderheiten durchscheint: «Verloren in einem Dorf verloren auf einer Insel verloren im Meer, und so fort, bis man spürt, dass man nicht existiert, dass man nichts kann, dass man nichts ist.» Die Interpunktion oben stimmt; der Text lässt manchmal Kommas weg, um seinen suggestiven Rhythmus zu erzeugen. Übrigens arbeitet der Autor auch mit dem Regen. Dass es regnet und dass es schließlich nicht regnet, rhythmisiert die Erzählung und führt auch vor Augen, dass die Akteure sich – zur jeweils gleichen Zeit – unter demselben Himmel bewegen. Der Autor löst den chronologischen Verlauf auf, aber die Sprünge im Zeitverlauf geschehen nicht mit Gewalt, sondern so, dass es seine Logik hat. Die disziplinierende Form des Kriminalromans kennt vor allem ein Problem: Die Handlung treibt die Erwartungen so in die Höhe, dass die Lösung zumeist nur abfallen kann. Ich habe kaum einen Kriminalroman gelesen, bei dem Handlung und Lösung derartig an einem Strang ziehen wie in Flavio Sorigas «Der schwarze Regen».So! Und jetzt: was fällt dem Luchterhand Verlag ein,wie können sie es tun, was haben sie gegen mich vor, wollen sie mich ruinieren, meine Arbeit verhöhnen, mein Lebenswerk bespucken … Aber nein, ich darf ja hier nicht mein Scheitern zum Besten geben. Ich bin ja nur ein Kolumnist,Madame, und hab’s nicht einmal zur Romanfigur gebracht. Ich muss sachlich bleiben und dies Unglaubliche moderat vorbringen:Der Klappentext des Luchterhand Verlags nennt auf seiner achten Zeile das Mordopfer per Namen – im Roman erfährt man den Namen erst auf Seite 90. Sorigas «Schwarzer Regen» ist auch, was ein Kriminalroman gut sein kann, eine Analyse der Leidenschaft, ein Pandämonium der sexuellen Hörigkeit.Wenn in Gesellschaften, die zum Archaischen neigen, unerhörte Sexualisierungen stattfinden, dann fangen die Gerüchte an, dann wird im Dorf der Verdacht laut.Wie man in solchen Gesellschaften Sexualität frei auslebt, ohne den Horror zu provozieren, weiß keiner. Freie Liebe gibt es nur auf eigenes Risiko, und das Opfer im «Schwarzen Regen» hat – wie auch der Täter – das Risiko falsch berechnet. Den Kopf hat man schnell verloren; es gehört zum Scheitern, dass man den Kopf niemals dort hat,wo die Gefahr droht. Das trifft auch jene Täter, die vor ihrer Tat nicht gewusst haben,wie gefährlich sie sein können. So einer ruft hier am Ende zum Himmel hinauf und «weint zu den Wolken, Gott wenn es dich gibt dann bitte ich dich mir zu vergeben».
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