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Ausgabe 04/08
Das Kriminal
Ein grässliches Universum

VON FRANZ SCHUH

Dieses Buch wollte ich nicht besprechen, ich las es nebenbei, aber dann kam ich zu dem Satz: «Im Interventionszentrum herrscht Weltuntergangsstimmung. »Diesen wunderbaren Satz, der bei mir ein hohes Maß an Einfühlung hervorruft, wollte ich unbedingt zitieren, und, na gut, wenn ein Buch dranhängt, will ich nicht so sein: «Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben» von Virginie Brac (rororo, 8,90 ¤). In dem Buch – es heißt im Untertitel «Véra Cabrals zweiter Fall» – steht ein Pariser Bild: Die Fensterlädenwerden geöffnet, der Altweibersommer ist ausgebrochen, die Luft in Paris ist lau geworden, und der Nachmittag erstrahlt im sommerlichen Licht: «Es ist einer dieser Tage, an denenman Lust hat, sich alles egal sein zu lassen und stattdessen das Leben zu genießen.»
Die Handlung nimmt ihren Anfang in einer absolutenGegenwelt zu dieser Idylle, in einem,wie es nachdrücklich heißt, «grässlichen Universum». Véra Cabral arbeitet in einem «Psychiatrischen Kriseninterventionszentrum », sie interveniert nicht zuletzt in Gefängnissen, sie ist Psychiaterin. Da hat sich eine Gefangene, nachdem sie eine Aufseherin ermordete, in einer Zelle verbarrikadiert. Die Gefangene, die wegen Mordes sitzt, droht das Baby ihrer Zellengenossin zu erdrosseln, falls jemand versuchen sollte, in die Zelle einzudringen.«Freundschaft im Knast, so gut, als ob du keine hast», lautet eine Sentenz aus dem Insassen-Jargon. Die Mörderin ist bewaffnet: die Waffe der Aufseherin und außerdem eine Rasierklinge. Unbewaffnet betritt das Kriseninterventionszentrum den Tatort. Der Leser erfährt, dass die Leute von der Krisenintervention nach der Regel arbeiten, sich klar und deutlich vorzustellen: «Wir sagen ohne Umschweife, wer wir sind und was wir wollen.»
Für diese Kolumne ist von Interesse,dass es anakademischem Personal, wie im wirklichen Leben, in der Kriminal-Literatur nicht nur Gerichtsmediziner gibt, sondern zum Beispiel auch Psychiater. Wenn ich mich recht erinnere, hat Michel Foucault in seinem Buch «Überwachen und Strafen» die Verwissenschaftlichung des Umgangs mit der Kriminalität skeptisch gesehen: Die Justiz, die Recht zu sprechenhat, entlastet sich durch die Psychologen, die ihr zumindest teilweise die Verantwortung für ihre Urteile abnehmen. Ich beobachte einen Roman lang Cabral, die Psychiaterin, und nehme zur Kenntnis, dass sie ihren harten Job gutmacht. Sie macht es niemandem leicht und schon gar nicht sich selbst: «Ich erlebe wieder diese sinnlosen Abende, an denen man nach zu vielen Nächten Bereitschaftsdienst nicht mal mehr weiß, wer man eigentlich ist; diese Wochenenden, an denen man das Gefühl hat, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. »Entfremdung und Burn-out!
Dieses Buch mit dem blutigen Titel erzählt auch vom Privatleben einer Psychiaterin. Véra Cabral ist mit einem Kollegen liiert, und es steht schlecht mit der Liebe. Ihr Hugo hat nämlich einen Bruder, der seine Frau zu Tode prügelte. Véra hat dafür gesorgt, dass die Todesursache herauskommt. Hugo hätte sie lieber verschleiert: Die Familie ist der höhere Wert als die Wahrheit darüber, was in ihr vorfällt. Véra lernt ihren Geliebten erst jetzt richtig kennen: Er ist ein Feigling, der es lieber allen recht macht, als das Rechte zu tun. Ihr Besuch bei seinem Bruder Fabrice, der Leitender Angestellter einer Ölfirma ist, gehört zu den besten Szenen des Buches: Als die Frau Doktor das Firmengebäude verlassen will, wird sie von zwei Aufpassern einem peniblen Degradierungsritual unterzogen. Die beiden leeren ihre Handtasche aus. «Verdammt», sagt der eine, «die Nutte hat nicht einmal Gummis dabei!» – «Willst du», fragt sie der andere, «deiner Kundschaft auch noch Aids anhängen?»
In meiner Lesart ist Cabrals zweiter Fall vor allem ein Lob des Detektivischen. Die Notfall-Psychiaterin gibt von Anfang an keine Ruhe; es ist etwas faul an der Geschichte. Schon der Mord, für den die Geiselnehmerin verurteilt wurde, hat etwas Ungeklärtes. Das Opfer war ihre beste Freundin, und niemals hat die Mörderin ihre Tat erklärt. Aber auch jetzt: sie wäre in einer Woche entlassen worden, weshalb zerstört Giselle Leguerche sich selbst? Unterwegs zur Lösung des Falls begegnet Cabral einer möglichen neuen Liebe, einem Polizisten, und stellt sich die Gretchenfrage, ob sie denn Hugo noch liebt. Mit Hakim, dem Polizisten, verbindet sie ein über alle Dienstverpflichtungen hinausgehendes Interesse an Giselle. «Normalerweise», sagt Hakimzur Psychiaterin, «erwartet man von Ihnen bloß ein kurzes Gutachten auf die Schnelle. Sie werden nicht dafür bezahlt, sich so reinzuhängen, und Sie tun es trotzdem.» Das sind Schlüsselsätze: Die Psychiaterin für alle Notfälle wird zur Detektivin. Sie bleibt aber Ärztin, und zwar im emphatischen Sinn: Sie kümmert sich um ihre Patientinnen bis zum bitteren Ende und schützt sie, egal, was man ihnen anlastet. Dieses Schwanken zwischen ärztlichem und detektivischem Ethos erzeugt eine – für einen Kriminalroman – etwas unentschiedene, aber reizvolle Situation. Der Fall selbst ist meines Erachtens eine ziemlich mystische Angelegenheit: Es geht um Geburt und Tod, um Rassismus, um Algerien und nicht zuletzt um «Familie», um Vaterschaften und um Gewalt. Und wiederum stellt sich in einem Kriminalroman heraus,dass nicht jeder derjenige ist, für den man ihn hält.



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