Blaues Blut ist überallDie Website www.edelleute.de zeigt eine neue Allianz von ältestem Adel und jüngstem Post-MaterialismusWer über die so genannten Unterschichten redet, sehnt sich nach Distinktion. Je schwerer die soziale Unterscheidung aber fällt, desto deutlicher umgibt sich dieses Pathos der Distanz mit schillernden Begriffen: Die Unterschichtler, das sind die anderen, wir hier oben sind neues Bürgertum, neue Elite, Exzellenzcluster, Bobos, Yuppies … Die Etiketten wechseln, sie verstauben schnell. Vielleicht wäre es deswegen eine gute Maßnahme, dem Vorschlag des virtuellen Instituts für Deutsche Adelsforschung zu folgen, das mit seiner Website die zeitlose Bezeichnung «Edelleute» neu belebt (
www.edelleute.de).
Diese «Internetplattform zum deutschen Adel» will die aristokratische Idee aus der genealogischen Mottenkiste holen. Sie bietet Recherchehilfen, den exklusiven Zugriff auf Zettelkästen zu deutschen Adelsfamilien und ein Online-«Adels-ABC». Mit einer «Taschenlampe, die ins historische Dunkel leuchtet», forscht man akribisch «in Personalakten, Wappenbüchern, Duellschilderungen, Offiziersstammlisten, verstaubten Büchern, in Schlössern, auf Dachböden». Doch soll die Website mehr sein als l’art pour l’art. Sie beantwortet auch sämtliche Fragen zu «Adelsanreden heute» und zu einem zeitgemäßen «Ehrenkodex des Adels». Edelfrau und Edelmann gelten hier als absolut modern: So repräsentierte das adelige Reitpferd «nicht nur einen gewissen Wohlstand, sondern auch erhöhte Mobilität, und diese stand für Erfahrung, Omnipräsenz, Austausch, Bekanntheit, Verknüpfung und soziale Kontakte sowie Netzwerke». Nichts anderes nehmen ja heute gesellschaftlich Bessergestellte für sich in Anspruch, während den Marginalisierten «soziale Armut» zugeschrieben wird.
Es scheint sogar so zu sein, dass die Edelleute Role Models im Widerstand gegen die so genannten «Heuschrecken» der Globalisierung sein könnten. In einem 1989 von den europäischen Adelsverbänden verabschiedeten «Verhaltenskodex» heißt es nämlich: «Er (der Adelige) soll eine Haltung pflegen, die sich nicht an unmittelbarem Profit und an Macht orientiert.» Ist der Blaublütige also die Blaupause des heutigen Post-Materialisten, der so verächtlich auf die konsumgeilen Materialisten herabschaut? Bei so viel Aktualität überrascht es dann aber doch, dass in diesem Verhaltenskodex «die Kultivierung der Ehrenhaftigkeit und des Sinnes für Ehre» weiterhin eine maßgebliche Rolle spielt. Einmal mehr zeigt sich da, wie ideologisch und willkürlich Grenzen zwischen «uns» und «denen», «oben» und unten» gezogen werden. Denn ansonsten wird ein überkommener Ehrbegriff hierzulande ja meist männlichen muslimischen Migranten vorgehalten. Offenbar hat das Institut dies erkannt, betätigt sich nebenbei in der «Erforschung sozialer Randgruppen» und arbeitet an einem «Deutschen Gauner-Repertorium». Edelleute mit verfeinerten Codes und Sitten, so die nahe gelegte Vermutung, gibt es eben nicht nur in der gesellschaftlichen Premier League, sondern überall.
Aram Lintzel