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Ausgabe 03.07
Mitten aus London
Wenn es stimmt, was André Breton, der strenge Ideologe des Surrealismus, behauptete – «Ein Kunstwerk ist nur insoweit wertvoll, als es mit den Reflexen der Zukunft vibriert» –, dann gibt es in England nur sehr wenige literarische Kunstwerke der Moderne. Unter den heute aktiven Romanschriftstellern fällt einem genau genommen keiner außer J. G. Ballard ein, auf den Bretons apodiktischer Spruch zuträfe.

Seit fast einem halben Jahrhundert schreibt Ballard Romane, in denen sich ein surrealistisches Temperament mit einem literarischen Stil trifft: Dieser speist sich aus den männlichen Gewissheiten des Abenteuerschmökers vom Jahrhundert-Anfang, der die Zukunft immer schon vorwegnahm und kritisch hinterfragte. In seinen Science-Fiction-Büchern spekulierte Ballard über den inneren Raum – während sich seine SF-Kollegen immer öfter in Weltraum-Phantasien ergingen. Er schrieb die Kurzgeschichte «Why I Want to Fuck Ronald Reagan» zu einem Zeitpunkt, als der künftige amerikanische Präsident noch Gouverneur von Kalifornien war. Sein Roman «Crash», der 1973 erschien, ist ein Technologie-Porno und beschreibt die obsessive Welt, in der die meisten von uns heute leben – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Während Ballard Mythen der nahen Zukunft erfindet, können die meisten anderen Autoren bestenfalls versuchen, die Bedingungen zu beschreiben, die zu unserer Gegenwart geführt haben – sie vibrieren sozusagen mit den Reflexen der Vergangenheit. Norman Mailer hatte ja nicht Unrecht mit seiner Bemerkung, Schriftsteller würden mindestens zehn Jahre benötigen, um die Ereignisse des 11. September zu verarbeiten, ehe man eine sinnvolle künstlerische Reaktion von ihnen erwarten dürfe. Als der amerikanische Autor Jay McInerney im britischen Fernsehen gefragt wurde, weshalb er seinen Nine-Eleven-Roman «The Good Life» gar so rasch geschrieben habe, faselte er davon, er habe als Autor reagieren wollen, solange die Ereignisse und Emotionen noch warm waren.

Damit steht er nicht allein. Vor allem in den USA ignorieren die Autoren Mailers vernünftigen Ratschlag und drängeln mit ihren einschlägigen Büchern auf den Markt. Wir kennen bereits John Updikes neuesten Roman «Terrorist» (siehe Literaturen 9/2006) – darin versetzt er sich in die Denkart eines Selbstmord-Attentäters und lässt ihm seine ganze üppige, engstirnige und zunehmend bedeutungslose Prosa angedeihen. Sogar taktvolle Autoren wie Claire Messud und eigenwillige wie Ken Kalfus produzieren ihre Nine- Eleven-Bücher, ihre fiktionalen Deutungen der Bedrohung durch «das Andere».

Sie hätten auf Norman Mailer hören sollen. Die meisten dieser Romane, auch jene, die so tun, als präsentierten sie Neuigkeiten von «heute», handeln in Wahrheit von der Vergangenheit. Die echten Zeitgenossen der meisten Schriftsteller sind jene Autoren, mit deren Büchern sie aufgewachsen sind. Sogar ein so genialer Autor wie Stephen Crane wählte als Stoff für seinen größten Roman, «The Red Badge of Courage», den amerikanischen Bürgerkrieg, der lange vor seiner Geburt stattgefunden hatte.

In England sind Autoren vorsichtiger im Umgang mit der Großen Idee als in den USA. Daher hat es bislang kaum Versuche gegeben, auf die gegenwärtigen politischen und militärischen Abgründe in Europa und im Nahen Osten literarisch zu antworten. Und wenn, dann höchstens in dramatischer Form. Stücke wie «I Am Rachael Corrie» oder «Justifying War» beschäftigen sich mit der parlamentarischen Untersuchung von Saddams angeblichen, aber unsichtbaren «Massenvernichtungswaffen» und sind eher Reportagen, nämlich Dramatisierungen von Tagebüchern oder Kommissionsberichten.

Deshalb ist man erleichtert, vergnügt und missvergnügt zugleich, wenn man J. G. Ballards neuesten Roman liest. Er trägt den Titel «Kingdom Come» und ist Ballards alleraktuellstes Bulletin aus dem gewalttätigen Hinterland von Suburbia. Auf den ersten Blick ist sein Thema der amoklaufende Konsumwahn: Eine Shopping Mall verwandelt sich in eine Festung, in einen konsumfaschistischen Staat, der von Armee und Polizei belagert wird. In diesem Roman gibt es keine Gewissheiten mehr mit Ausnahme der Gewaltlogik des Spätkapitalismus: Konsumenten prägen sich den Strichcode auf den eigenen Körper, in ihrer Gier, sich selbst in ihre eigenen Markenartikel zu verwandeln. Ballard hält sich gar nicht erst damit auf, eine feindliche Bedrohung zu erfinden, sei sie arabisch oder sonst ein «Anderes». Die Gewalt ist internalisiert, ein Alltags-Terrorismus, dessen Bedrohung niemals von außen kommt, sondern aus dem aufsteigt, was tief in uns begraben liegt.

Ballards Antwort auf den gegenwärtigen Abgrund ist typisch und sehr ehrlich. Im Kern birgt der Roman «Kingdom Come» eine einfache Wahrheit, die zumeist missachtet, in der Zukunft aber verstanden werden wird: Wenn es um die Fähigkeit eines Volkes zur Gewalttätigkeit geht, dann sind die Engländer kaum zu übertreffen.

(Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)

Von David Flusfeder




Ausgabe 03.2007
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