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Ausgabe 03.07
Das Journal
Der Scholl-Latour der Hightech-Krisenregionen
Thriller Michael Crichtons «Next» ist ein spannender Gentechnik-Roman, der den Leser reichlich mit Sachbuchwissen füttert

«Wie bitte?», fragt Lynn Kendell ihren Mann Henry fassungslos. «Dieser Affe ist dein Sohn?» Wie viele Frauen hat sie Schwierigkeiten damit, sich spontan auf außerehelichen transgenen Familienzuwachs einzustellen. Der neue Hausgenosse Dave macht es ihr nicht leichter, als er sie fragt: «Bist du meine Mutter?»

Dave ist ein «humanzee», was im amerikanischen Original von Michael Crichtons jüngstem Roman leichter als chimärische Vermählung der Wörter «human» und «chimpanzee» zu erkennen ist als in der Übersetzung. Doch er ist kaum weniger eloquent als der Graupapagei Gerard, der hartnäckig behauptet, er sei gekidnappt worden. Glücklich wird keiner seiner Kidnapper, weil Gerard nicht nur hochintelligent, sondern auch indiskret ist und gerne ehebrecherische Liebesszenen im Originalton reproduziert.

Dank menschlicher Gen-Beigaben sind die Mischwesen Gerard und Dave für die Lachnummern und den Human Touch in einem Roman zuständig, dessen Thematik auch der alte Routinier Crichton nicht so recht in den Griff bekommen hat. Es geht in «Next» um die Perspektiven der Genetik, um ihre wissenschaftlichen, ökonomischen, juristischen, sozialen, psychologischen und ethischen Aspekte. Das ist so ausufernd und uns schon so nahe gerückt, dass Crichton den Hauptstrang seines Romans mit etlichen Nebenhandlungen verknüpft, was manche seiner treuesten Leser verwirrt hat. Statt der üblichen Filmvorlage hat Crichton gleich Stoff für eine ganze Serie geliefert, die als «Genes in the City» gedreht werden könnte.

Im Hauptstrang geht es um einen Mann, dessen Körper Substanzen produziert, aus denen sich möglicherweise ein Mittel gegen den Krebs entwickeln ließe. Vor Gericht erfährt er, dass seine Zellen zwar einen Wert von rund drei Milliarden Dollar hätten, die Rechte aber bei einem Forschungsunternehmen liegen. Ein juristischer Ausweg aus dieser genetischen Leibeigenschaft ist nicht in Sicht, doch dem Opfer gelingt es, seine Zellen, die sich im Besitz dieser Firma befinden, vernichten zu lassen und unterzutauchen. Weil aber Gene vererbbar sind, lässt das zukunftsorientierte Unternehmen nun Jagd auf Tochter und Enkelsohn machen, um an ihnen einen kleinen, ganz harmlosen Eingriff vorzunehmen.

Scherz, Satire oder voller Ernst?
Das wäre für sich schon ein Crichton, wie viele ihn lieben und schätzen – ein dramatisch eskalierender Wissenschaftsthriller mit Cliffhangern, einer positiven Heldin, bösen Unternehmern und Juristen. Und wie so oft bei Crichton trägt er schon die Züge des Drehbuchs, das er eigentlich werden soll. Doch spätestens seit dem Klima-Katastrophen-Thriller «Welt in Angst» nehmen Crichtons Werke nicht mehr nur das Buch zum Film vorweg, sondern liefern gleich das Sachbuch zum Roman. Wieder folgt der Romanhandlung eine ausführliche Stellungnahme Crichtons, in der sich der als Mediziner ausgebildete Autor gegen das Patentieren von Genen ausspricht, klare Richtlinien für die Verwendung von menschlichem Gewebe in der Forschung und eine Offenlegung von Gen-Dateien fordert. Michael Crichton verwandelt sich damit zum Scholl-Latour der wissenschaftlichen Krisenregionen.

Auf eher breitem als hohem Niveau liefert «Next» einen unterhaltsamen Ausblick auf mögliche Folgen und Risiken von Gen-Forschung und Technik. Doch mit der Wissenschaft halten die Roman-Chimären und Gen-Therapien nur oberflächliche Verbindung. Und bei den Kuriositäten, die Crichton in Form von Zeitungsmeldungen und Überschriften in die Handlung eingefügt hat, ist nicht immer klar, ob es sich um Auswüchse von Wissenschaftseuphorie und Skeptizismus oder um Scherz und Satire handelt. Crichtons monothematische Darstellung simplifiziert und ignoriert die Verbindung der Genetik mit anderen Bereichen wie etwa der aktuellen Hirn- und Entwicklungsforschung. Wie sich ein nahezu voll ausgeprägtes menschliches Bewusstsein im Hirn eines zweijährigen Papageis entwickelt haben soll, zählt zu den Fragen, um die sich selbst Gerards nimmermüder Plapperschnabel herumdrückt.

Doch man schätzt Crichton ja nicht wegen seiner großen Ideen oder seiner Sprachmacht, sondern wegen seiner originellen Einfälle. Wissenschaft liefert hier die Bausteine für eine amüsante und kurzweilige moderne Mythologie, in der sich jener aufklärerische Geist, dem zu dienen Crichtons Nachworte vorgeben, nur in seinen Arbeitspausen, aber durchaus vergnügt ergehen wird.

Ulrich Baron



Ausgabe 03.2007
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