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Ausgabe 03.07
Editorial
Nach Ansicht Thomas Pynchons, liebe Leserin, lieber Leser,

ist ein Passfoto «die Guillotine des Staatsapparats». Deshalb arbeitet der amerikanische Autor seit fast einem halben Jahrhundert erfolgreich an seiner eigenen Unsichtbarkeit. Kein Bild von ihm soll existieren, das ihn dem Staatsapparat oder der Medien-Öffentlichkeit kenntlich machen könnte.

Pynchon zum Titelhelden und Cover Boy dieser Literaturen-Ausgabe zu machen, war daher eine echte Herausforderung. Die Lösung hieß: Phantombild. Der Polizei-Zeichner Jürgen Kohlhase hat es auf Bitten der Redaktion aus einem Jugendfoto des Schriftstellers sowie einem verschwommenen späteren Schnappschuss destilliert, um Pynchons mögliches heutiges Aussehen als fast Siebzigjähriger zu visualisieren. Dennoch bleibt die Anonymität des Autors gesichert: Wer unbekannt ist, wird auch als Phantombild unidentifizierbar bleiben, Pynchon wird sich weiterhin unerkannt durch die Straßen Manhattans und der Welt bewegen können.

Dies ist ein Privileg, das weder Orhan Pamuk noch Salman Rushdie, weder Ayaan Hirsi Ali noch Theo van Gogh, weder Anna Politkowskaja noch Hrant Dink haben oder hatten. Dass die Gesichter dieser mutigen Kritiker des religiösen oder nationalen Fundamentalismus weltweit bekannt sind, brachte und bringt sie in Lebensgefahr: Es kostet potenzielle Mörder nur einen Mausklick, um sich von ihnen ein Bild zu machen.

Heute, mit dem Abstand von beinahe zwanzig Jahren, ist zu erkennen, wie grausam das üble Exempel Schule gemacht hat, das die iranischen Mullahs statuierten, als sie 1988 die Fatwa über Salman Rushdie verhängten. Damals begann etwas, wofür Samuel P. Huntington in den 1990er Jahren das Schlagwort vom «Kampf der Kulturen» prägte. Jetzt ist ein neues Buch erschienen, das geeignet sein könnte, hier einige dogmatische Verhärtungen aufzulösen – es gebe gar keinen Kampf der Kulturen, verkündet Amartya Sen, der indische Nobelpreisträger, wie Sie ab S. 44 in dieser Ausgabe lesen können.

An der unmittelbaren Bedrohung für Autoren wie Pamuk oder Hirsi Ali ändert dieser neue Debattenbeitrag leider nichts. Aber es zeichnet sich mindestens die Hoffnung ab, dass ein anderes Denken auf lange Sicht solche Frontlinien entschärfen könnte.

Ihre Literaturen-Redaktion



Ausgabe 03.2007
Ausgabe 03.07
Wer ist Thomas Pynchon?

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