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| Ausgabe 12.07 |
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Editorial |
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Immer gegen Jahresende, liebe Leserin, lieber Leser,
steigt die Lust am Buchkonsum heftig an – und zugleich nimmt ein panisches Gefühl der Bedrängnis zu. Das Angebot überwältigt – tatsächlich wirkt die schiere Zahl von rund 90.000 jährlichen Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt eher abschreckend.Wohin soll er sich wenden mit seiner Leselust, der Buchkäufer?
Von allen Seiten werden ihm Kaufvorschläge gemacht, nicht nur von den Marktschreiern der Verlage. Autoren ziehen lesend durch die Lande und trommeln für ihre neuen Werke; in den Buchläden lagern die Neuerscheinungen stapel-, in den Buchkaufhäusern gleich palettenweise, und werfen Liebesblicke. Der Literatur-Nobelpreis reanimiert auf erfreuliche Weise die Backlists der Verlage. Und was wäre der Deutsche Buchpreis mit seiner Dreistufenliste anderes als eine Kaufempfehlung?
Und außerdem gibt es ja noch die Literaturkritik, die emsige Schar der professionellen Buch-Vorkoster. Um des lieben Weihnachtsfriedens willen wollen wir hier nicht daran erinnern, wie viel abgeschmackte Belletristik in letzter Zeit als Meisterwerk ausgerufen wurde: kümmerliche Provinz-Krimis, geschwätzige Familien-Melodramen, verblasener Liebeskitsch, Paar-Possen.
Ohnehin obliegt es dem Leser, der Leserin, zu entscheiden, von wem sie sich beraten lassen. In dieser LITERATUREN-Ausgabe sind so manche Lektüre-Vorschläge zu finden – nicht nur aus dem reichen Angebot an neuen Dichter-Biografien. Ab Seite 92 finden Sie die große Weihnachts-Umfrage: LITERATURENAutoren und -Redakteure empfehlen die interessantesten Bücher des Jahres in acht Kategorien, und auf Seite 40 finden Sie elf Tipps für die besten Kinderbücher des Jahres.
Dass Sie die richtigen und wichtigen Bücher entdecken, wünscht
Ihre LITERATUREN-Redaktion
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Inhalt |
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Editorial
Das Leben der Dichter
Das Kriminal Bestie Mensch Franz Schuh entdeckt das Thriller-Potenzial der Kriminalpsychologie
Bücher des Monats Patrick Bahners Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert Christina Weiss Claudio Magris: Blindlings Bernd Stiegler Georges Didi-Huberman: Bilder trotz allem Christoph Bartmann Dietmar Dath: Waffenwetter Jutta Person Rossana Rossanda: Die Tochter des 20. Jahrhunderts Martina Meister Louis-Ferdinand Céline: Briefe an Freundinnen
Kinderbücher Britta Sebens und Bo Steen Zur Sache, Christkind! Elf Tipps für die besten Weihnachtsbücher des Jahres
Shoppen und Wissen Tanja Busse Die Konsumhölle, das sind die anderen Bücher über Marken, Kaufen, Spaß – und eine politische Kritik am Shopping
Nobelpreis Sigrid Löffler Die kosmische Kassandra Die jüngste Literatur-Nobelpreisträgerin ist zugleich die älteste. Mit 88 Jahren kann Doris Lessing auf ein riesiges ¼uvre zurückblicken
Das Journal Rezensionen neuer Bücher von Botho Strauß || Tor Bomann-Larsen || Norman Manea || Bernard-Henri Lévy || Walter Serner || John von Düffel || Efraim Karsh || Bernard Manin || Oskar Pastior Bildbände von Stephan Kaluza || Todd Brandow, William A. Ewing (Hg.) || Herlinde Koelbl
Die Beiseite Sibylle Berg Gemeinsame Interessen? Gibt’s nicht Wer sagt denn, dass Mann und Frau ihre Quality Time unbedingt miteinander verbringen müssen
Portrait Renate Klett Auf der Insel der Geschichtenerzähler Einar Kárason ist der große isländische Erzähler der Gegenwart
Kurz & Bündig Bücher von Juli Zeh || Burkhard Spinnen || Ilija Trojanow, Ranjit Hoskoté || Alex Capus || Christina Bartz || Adolf Endler || Immanuel Wallerstein Bildbände von Matthias Reichelt (Hg.) || Roswitha Hecke
Das Magazin Mitten aus New York || Kalender || Netzkarte || Hörbücher || Was liest Julia Schoch? || Literatur im Kino || Leserbriefe
Impressum
Die LITERATUREN-Weihnachts-Tipps
Vorschau, P. S., Register
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Das Leben der Dichter - Grammatik und Freiheit |
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Heinrich von Kleist, Kindersoldat, Jurist, Journalist, Selbstmörder: Zahllos sind die Deutungen seines kurzen und zersplitterten Lebens. Zwei Biografien liefern neue Bilder des widersprüchlichsten aller deutschen Dichter
VON DANIEL KEHLMANN
Wenn es ein genuin deutsches Thema gibt, so ist es wohl das Gesetz. Ist das Menschenleben Regeln unterworfen? In welchem Maß soll man sich in seinem Handeln von abstrakten Bestimmungen leiten lassen? Italienischen oder französischen Dichtern käme die Frage konstruiert vor, in der deutschen Literatur jedoch ist sie ebenso allgegenwärtig wie das Problem der Klasse und des sozialen Rangs in der englischen. Der Philosoph des Gesetzes, der Denker der Unbedingtheit ist natürlich Immanuel Kant. Sein dunkler Zwillingsbruder aber, das ist der einstige Kindersoldat und spätere gescheiterte Redakteur Heinrich von Kleist.Häufig wird von Kleists Kant-Krise gesprochen, aber in Wahrheit handelt es sich wohl weniger um Einfluss als um unmittelbare Verwandtschaft:Was der eine dachte, empfand der andere, und nicht umsonst forderte Ernst Bloch seine Studenten auf, Kleist zu lesen, um sich an den Sprachduktus Kants zu gewöhnen. Den Weimarer Klassikern aber mit ihrem souveränen Zutrauen zum Humanismus scheint Kleist ebenso fern wie den Natur, Altertum und Gespenster verehrenden Romantikern. Bei ihm geht es nicht um Blumenschönheit und nicht um die verlorene Antike; bei ihm geht es um das Auseinanderklaffen von Zwang und Freiheit, von Geistes- und Naturnotwendigkeit, um die Schwere des Gesetzes einer- und die Sehnsucht nach Leichtigkeit andererseits. Ob es nun ein rechtschaffener Bürger ist, der zum Terroristen wird, weil er nicht ertragen kann, dass man im Menschenleben keine umfassende Gerechtigkeit findet; ob ein Dorfrichter dem Zwang zur Anwendung der Gesetze nicht einmal um den Preis entkommen kann,sich selbst zu verurteilen; oder ob ein brandenburgischer Prinz, der unter Missachtung eines Befehls seines Vorgesetzten eine Schlacht gewinnt, damit seinen Kopf verwirkt hat, da der Gehorsam wichtiger ist als der Sieg – immer wird da mit juristischer Striktheit die Kluft zwischen Sein und Sollen verhandelt, immer geht es um die Größe und Absurdität, die darin liegt, das «ungenaue, vage Leben»,wie Rilke es nennen sollte, dem Zwang einer Regel zu unterwerfen. Sehnsuchtstexte von einer Freiheit ohne Grenzen Denn stets ist da auch die Phantasie von einem Dasein ohne Grenzen, nicht mehr gebunden durch die Fesseln von Gesetz, Individualität und enger Moral. Da verzeiht die Marquise von O. ihrem Vergewaltiger und heiratet ihn, ohne dass dies eine andere Begründung fände als die unvergessliche Phrase «um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen».Da bekommt der steife Feldherr Amphitryon einen göttlichen Zwilling zur Seite gestellt, dem alles so viel leichter zu fallen scheint,und der,abgesehen davon, dass er ein Gott in Verkleidung des Feldherrn ist,eben auch dieser Feldherr selbst in freierer und größerer Gestalt ist – mit anderen Worten: Amphitryon,wie er sein sollte, wenn die Menschen vollkommen wären. Und da sind natürlich die beiden anonymen Gesprächspartner in jenem kryptischen Wunderwerk verspielter Metaphysik, dem Traktat über das Marionettentheater: Nur die Puppe hat vollendete Anmut, da ihr Wille und das sie haltende Gesetz – die Fäden – eins sind, und auf der anderen Seite natürlich der Gott, in dessen Gestalt Gesetz und Wille nicht mehr auseinanderfallen.Dazwischen aber stehen wir: hölzerner als jede Holzpuppe, unfrei,von gebundenem Willen und hässlichen Bewegungen.Zurück können wir nicht, unsere einzige Hoffnung ist der Weg nach vorne, eine Erweiterung unserer seelischen Möglichkeiten ins Unbegrenzte: «So findet sich auch,wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen
Splittern, Gras und Dreck, bleibt dem Leser nichts erspart. Während alle Menschen des Romans im fixen Horizont ihres Selbst und dessen Manien verharren,wird Stevie im Tod ein «Haufen namenloser Fragmente»,noch einmal bildlich und nun ganz wörtlich mit der Welt vermengt, ein gewissermaßen hautloses Wesen von schreiender Schutzlosigkeit in der abgehärteten Region der Erwachsenen. Er ist, obschon fast stumm, eine herzbewegend sprechende Figur, bei der man den Eindruck gewinnt, in ihm stünde das Beste der Menschheit auf dem Spiel. Wieviel der Autor von sich in dem geistig beschränkten Stevie untergebracht hat, errät man, als der Junge, zeitlich nicht weit weg von Nietzsche bei gleicher Aktion 1889 in Turin, außer sich vor Mitleid, auf offener Straße ein von seinem Besitzer geschlagenes Pferd umarmt und dann, als er vom elenden Leben auch des Kutschers erfährt, gepeinigt im Gefühlsdilemma am liebsten beide, das gequälte Pferd und den quälenden, gequälten Kutscher, zu sich ins warme Bett (!) nehmen möchte. Eine den Zustand des Jungen formulierende Szene, eine Kristallisation, etwas, das sich, davon bin ich überzeugt, der Kopf nicht ausdenken kann. Es ist das Musen-, das Göttergeschenk einer guten Speicherung, eines kindlich groß gebliebenen Herzens und eines wachsamen literarischen Instinkts, es zu erkennen, zu verwenden, zu plazieren.
Zurück noch einmal zum Kind mit den empfindlichen Lippen. Sechs Jahre nach dem eingangs erwähnten Foto geht es an der Spitze eines Trauerzugs von mehreren Tausend Menschen, die denjenigen als polnischen Freiheitskämpfer zur letzten Ruhe begleiten, der sein Vater ist. Ein patriotisches Großereignis.Wieder befindet sich der jetzt elternlose Elfjährige in einer maßlosen Überforderung durch die Erwachsenenwelt. Sein Gesicht wird sich in den wesentlichen Zügen kaum verändert haben, denn sogar auf einer Fotografie des Autors als junger Mann ist noch immer alles, wie wir es kennen: der heikle Mund, der dunkle Blick. Sogar die Haare sind genauso stürmisch nach hinten gekämmt wie auf dem Bild des Fünfjährigen, der jetzt allerdings, 1874,Polen verläßt, um aufzubrechen in die Freiheit und sich endlich den,wie er selbst schrieb, «blauäugigen Traum» vom Leben auf See zu erfüllen. Er erlebt dort, auf dem Meer, an der Küste, in Urwäldern, was sich dann als Muster durch sein gesamtes Werk ziehen wird, nämlich den Gefühlsaufschwung und, ehernes Gesetz: die Desillusionierung; die leuchtende Vision und: deren unausweichlichen Untergang; immer aufs Neue die auch auf den Leser sich übertragende Hoffnungsbereitschaft und: ihr angstvolles Wanken und Schwinden. Er sieht all die Bilder, die er später, aus der Erinnerung, zu fiktiven, magischen Szenen und Momenten zusammenfügt, eingetaucht in das schwermütige Schillern einer Atmosphäre von Pessimismus – oder wäre wegen der heroischen Beschwörung von ist, die Grazie wieder ein; so daß sie, zu gleicher Zeit,in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.» Immer schon hat Kleist sich dem Verständnis ins Paradoxe und ins Rätsel entzogen.Ein von der Gewalt faszinierter Humanist, der in seinen Briefen ständig die Rollen zu wechseln scheint, manchmal Pädagoge, oft pathetischer Nationalist, dann wieder Metaphysiker und noch öfter bedauernswerter Bittsteller,meist ohne festen Wohnsitz, und am Schluss sein Leben im heitersten und freiesten Selbstmord der Literaturgeschichte wegwerfend – eher ein irritierender Akt der Autonomie als eine tragische Verzweiflungstat. Man könnte den Umstand, dass zur selben Zeit, ohne jedes drängende Jubiläum (abgesehen vom 230.Geburtstag), zwei neue Kleist-Biografien erscheinen,nun zur feuilletonistischen Gegenwarts-Analyse nutzen:Warum gerade jetzt? Was macht unsere Zeit so Kleist-tauglich? Die Wahrheit ist aber wohl, dass es sich einfach um Zufall handelt.
Jede Epoche interessiert sich für Kleist; neben Kafka ist er vielleicht der einzige deutsche Autor, der seit seiner Durchsetzung nie in Gefahr war,außer Mode zu kommen. Dieser Zufall verurteilt die beidenWerke allerdings dazu, in den Besprechungen immer als Zwillingspaar vorzukommen, und fast jede Rezension wird, als wären da zwei zum Wettlauf angetreten,mit einem Sieger und einem Verlierer enden – eine Versportlichung, die man gerade,weil sie so naheliegend ist, vermeiden sollte. Behäbigkeit gegen Knappheit und Schärfe Da ist auf der einen Seite die Biografie des Journalisten Jens Bisky, auf der anderen die des Melbourner Emeritus Gerhard Schulz. Dass letztere die Summe jahrzehntelanger Beschäftigung ist, merkt man auf jeder Seite; das Bild ist breiter angelegt, hat aber oft einen Zug ins allzu Ruhige, ja, Behäbige, der sich schwer mit dem irrlichternden Charakter seines Objekts vereinbaren lässt. Biskys Duktus ist knapper und schärfer, das Bild des Menschen Kleist wird bei ihm deutlicher herausgearbeitet, seine Interpretationen sind kürzer, aber auch mutiger: «Es geht Kohlhaas weniger um die Idee des Rechts als um die unmittelbare Wiedergutmachung der erlittenen Kränkung. Er fühlt sich wie ein Hund getreten und wird erst dann Genugtuung erhalten, wenn seine Feinde gleiche Kränkung erlitten haben.Die Zivilrechtsangelegenheit wegen Entschädigung wird mit einer Strafsache vermengt. Kohlhaas fungiert als Kläger und Richter zugleich.Mit der Idee neuzeitlichen Rechts ist das nicht zu verbinden.» Bei Gerhard Schulz erfahren wir, dass in der Erstfassung des berühmten Anfangssatzes der Novelle von Kohlhaas noch nicht als von einem der «rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten», sondern bloß als von einem «der außerordentlichsten und fürchterlichsten Menschen seiner Zeit» die Rede war.Seine Deutung freilich kommt nicht weit über Gemeinplätze hinaus:«Welchen Schritt Kohlhaas auch tut, er scheint ihn immer weiter in die Verwirrung zu führen, so daß jeder Versuch,Recht zu erhalten, nur neues Unrecht hervorruft. Denn der Weg von Michael Kohlhaas durch die Welt ist letztlich der Weg eines Menschen zu sich selbst.» Jens Biskys Buch, wie es geschehen ist, als das journalistischere zu bezeichnen, ist also unfair und billig; seine Darstellung dieses kurzen und zersplitterten Lebens ist ebenso einfühlsam wie das Bild, das er von einer komplizierten Umbruchszeit in Europas Geschichte malt.Wer sicher sein will, dass ihm kein Detail vorenthalten wird, sollte eher zu Schulz greifen; wer sich aber schon mit Kleist beschäftigt hat und Anlass zum Nachdenken und Widerspruch sucht, wird Bisky anregender finden. Denn natürlich – davon wiederum erfährt man bei Schulz eine Menge –, es hat nie eine Meinung zu Kleist gegeben, die nicht Widerspruch hervorgerufen hätte.Mehr als andere Autoren verstand jede Zeit ihn anders und projizierte ihre eigenen Widersprüche auf ihn. «Rahel Levin», so Bisky, «die Kleist am Ende seines Lebens mehrfach traf, stutzte darüber, daß sein Blick ihr keine Zärtlichkeit zuwarf, sein Auge ihr keine Sicherheit bot.» Dass der Biograf diesenSatz an den Anfang stellt, gibt programmatisches Gewicht: Auch dem genauesten Forscher entzieht sich Kleist, und da keiner sich wirklich in ihm wiederfinden kann, mag jeder das Seine in ihm sehen – jede Epoche, jeder Biograf, jeder einzelne Leser. Kleist, ein Stilist ohne Epigonen Aber da ist doch ein Punkt,an dem bei Kleist das Geheimste offen und die Wahrheit klar zutage liegt: seine Grammatik.Nabokovs Satz, dass die wahre Biografie eines Schriftstellers die Geschichte seines Stils ist, lässt sich nirgendwo besser anwenden als bei diesem Dichter. So viel ist gesagt worden über diese Prosa, über die festen Klammern ihrer Form und die quasi-juristische Umständlichkeit der Sätze, deren eigentliches Wunder darin liegt, dass sie dennoch so kraftvoll, federnd und lesbar sind: jeder einzelne eine Illustration des Widerstreits von Gesetz und Freiheit. Das Publikum, so Schulz etwas altväterlich über die «Kohlhaas»-Novelle,«hat wohl nicht selten gestöhnt über die langen, altmodisch klingenden Sätze, die der Sprache des Jurastudenten und Rechtspraktikanten Kleist entlehnt zu sein scheinen.Aber sie erwachen zum Leben,wenn man sie laut gelesen hört.» Keine Sorge,möchte man da ausrufen, hier bedarf es des pädagogischen Lautlesens nicht, denn wer hätte je gestöhnt über Kleists Sprache! Man würde erwarten, dass die Leser stöhnen, aber es geschieht eben nicht; das ist ihr eigentliches und nicht imitierbares Wunder.Nicht zufällig gibt es im Deutschen keinen Kleist-Epigonen, keinen einzigen künstlerisch ernstzunehmenden Nachahmer. Und nur in der englischen Sprache findet sich ein Roman, der Kleists Stil übernimmt und fruchtbar macht: E. L.Doctorows «Ragtime», dessen Held nicht von ungefähr Michael Coalhouse heißt; dass eine so wichtige intertextuelle Auseinandersetzung mit deutscher Literatur in Deutschland nie bekannt wurde, ist eine der vielen traurigen Pointen in der Geschichte unserer Nachkriegsliteratur. Was Kleist hier mit der Sprache tat, konnte nur er und niemand anders. In dieser eisern-schwerelosen Grammatik ist er ganz bei sich; in seiner Prosa und seinen Dramen tritt uns, mehr als in seinen Briefen und allen Berichten der Zeitgenossen, seine Persönlichkeit entgegen.Kleist ist reicher als jedes Bild, das wir uns von ihm machen, und er entzieht sich in seiner Widersprüchlichkeit allem, was man über ihn sagen kann. Die Wahrheit über ihn steht zum Teil in diesen Biografien. Ganz und vollständig aber finden wir sie in der Struktur seiner Sätze.
DANIEL KEHLMANN lebt als Schriftsteller und Essayist in Wien. 18 2005 erschien sein Roman «Die Vermessung der Welt»
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BÜCHER DES MONATS - Geisterbahnfahrt ins Herz der Finsternis |
Dietmar Dath Waffenwetter
Geisterbahnfahrt ins Herz der FinsternisWie ein Adoleszenz-Roman von Hochbegabten für Hochbegabte mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts hantieren und trotzdem Action-Qualitäten haben kann VON CHRISTOPH BARTMANN
Peter Sloterdijk ist von Dietmar Dath «mehr als beeindruckt». So steht es im Umschlag von Daths neuestem Roman «Waffenwetter ». Dahinter steckt wohl mehr als nur die freundliche Werbung eines renommierten Suhrkamp-Autors für einen jüngeren, aufstrebenden Kollegen. Nein, Sloterdijk und Dath sind regelrechte Brüder im Geiste – und auch in ihrer Produktivität. Beide veröffentlichen ungern weniger als ein Buch im Jahr, gern aber zwei oder drei, und beide sind, ganz gegen den eben noch herrschenden Ton der Postmoderne,bekennende Vertreter der «großen Erzählungen».Während Sloterdijk uns – was nach Hegel gar nicht mehr statthaft schien – die Gesamt-Theorie unseres In-der-Welt-Seins anbietet, arbeitet Dath ähnlich fieberhaft an einer Gesamt-Revision und -Erneuerung unserer Wissensbestände, und dies, damit es nicht zu einfach wird, im Medium des Romans. Erlösung von der Beliebigkeit Mathematik, Popkultur, Verschwörungstheorien, Ideologien, Religion, Internet, Politik – all dies ist Daths Stoff. Aber nicht etwa bloß essayistischer Zeitungsstoff, sondern Lebensstoff, der tief in den Hirnen und Herzen sehr junger, sehr intelligenter und ein bisschen wirrer Menschen nistet.Was Dath seit Jahren schreibt, sind Adoleszenz-Romane des gegenwärtigen Geistes.Am Anfang waren sie noch sehr dick und – wenn das Wort gestattet ist – nahezu unlesbar; nun erscheinen sie bei Suhrkamp, werden schlanker, lesbarer,und sind immer noch sehr interessant. Wer mehr über «Waffenwetter» wissen will, als Roman und Klappentexte hergeben, muss auf die Internetseite www.claudiastarik.de gehen,wo Dath schreibt:«‹Waffenwetter› ist, jetzt darf man’s ja sagen, der dritte Band einer Romantrilogie, die das Thema der Erlösung von der Beliebigkeit zum Gegenstand hat.» Etwas betreten hält man inne. Nun hat man alle drei Romane gelesen und dabei nicht gemerkt, dass sie zusammen eine Trilogie ergeben.Was wäre, fragt man sich besorgt, das Angebot, das der letzte Roman der Trilogie für eine Erlösung von der Beliebigkeit bereithält? Religion vielleicht? Sie spielt eine gewisse Rolle in «Waffenwetter»: «Die religiöse Thematik ist die ästhetische Form einer sozialen», lässt uns Dath in einer Notiz wissen, aber was heißt das nun genau? Es lässt sich nicht erkennen, dass Religion aus der Beliebigkeit erlösen könnte, aber wie wäre es mit dem politisch-wissenschaftlichen Engagement, mit der Aufdeckung von militärisch-technologischen Machenschaften im Weltformat? Ja.Nein.Vielleicht Dietmar Dath ist als Autor mit allen Wassern gewaschen, und schon deshalb ist er kein Freund eindeutiger Worte. Er liebt es, sein überlegenes Wissen vor uns auszubreiten, und dass wir uns das gefallen lassen, spricht für seine Fähigkeiten. Das letzte Bildungsideal: sozialistisch Claudia Starik also heißt die 19-jährige Abiturientin aus dem deutschen Südwesten,um die es hier in der Hauptsache geht. Sie ist superintelligent und manchmal etwas verwirrt, hat einen schwulen Bruder, einen Lehrer als Geliebten und einen ermüdeten Musikkritiker zum Vater, vor allem aber einen Großvater, auf den sie zählen kann. Konstantin heißt er und redet seinem Alter zum Trotz etwa so: «Pffpöh, bürgerlich, bürgerlich, komm mir nicht so. es hat seit dem aufkommen des imperialismus doch überhaupt kein sogenanntes bürgerliches bildungsideal mehr gegeben.Ist verramscht. Das letzte bildungsideal, das überhaupt noch verteidiger findet,kann nur das sozialistische sein, selbst der pinsel trotzki hat das erfasst.» Konstantin, der einzig verlässliche Gefährte seiner Enkelin, ein Altmarxist, Millionär und Selbstdenker, hat einen Plan: Mit Claudia möchte er nach ihrem Abitur nach Alaska fahren und dort HAARP in Au- genschein nehmen, die geheimnisumwobene größte Hochfrequenz-Antennenanlage der Welt, mit der das amerikanische Militär, wenn die Gerüchte stimmen, alles Mögliche vom Klima bis zur Kommunikation manipuliert (für FAZ-Leser hat Dath das Thema bereits im letzten Jahr schon einmal aufgearbeitet). Figuren wie Projektile oder Sonden Man erinnert sich daran, dass Dath einmal Chefredakteur einer Musik- und damit Jugendzeitschrift gewesen ist. Inzwischen ist er etwa doppelt so alt wie seine Heldin Claudia, aber irgendwie lässt er nicht davon ab, seine Gedanken und Ideosynkrasien wesentlich jüngeren Frauen in den Kopf und Mund zu legen. Es gibt also, sagen wir: in Freiburg, junge Mädchen, die sich mit der Frage beschäftigen, «ob stefan ripplinger recht hat mit seinem natürlich wunderbar gespitzten bonmot,brodthaaers sei der einzige künstler des dialektischen materialismus». Wenigstens als Figuren gibt es sie, die etwas altklugen, gut aussehenden und mordsmäßig um den Planeten besorgten und an jedem Kulturteil schnüffelnden «Spex»- und Dath-Leserinnen, die (interessanterweise) weiblichen Nerds,deren Sorge gleichrangig der Mathematik, ihrer Plattensammlung und dem Verscheuchen aufdringlicher Verehrer gilt. Das gesamte Buch, so Dath am Ende, sei «nach einer Rechenvorschrift organisiert», und die funktioniert in Claudias Worten so: «kritzelkronengipfel die hälse und arme der antennen, jede gitterknospe dreiwertig; verbunden durch vier kanten mit vier anderen knospen, der kürzeste weg von jeder knospe ausgehend zu dieser selbst wieder zurück ist eine schlaufe, sechs kanten lang, jede knospe gehört zu vierundzwanzig solcher schlaufen», und so weiter. Das hört sich kompliziert an, tut aber der Lesbarkeit und Verständlichkeit von «Waffenwetter» keinen Abbruch. Hat man sich erst einmal an die Erzählform gewöhnt, in der Sätze schein-willkürlich abbrechen, wo sie wollen; hat man sich weiterhin daran gewöhnt, dass Dath-Figuren keine gemütlichen bürgerlichen Subjekte sind, sondern eher schon Projektile, Sonden ins Unbekannte; hat man sich darauf eingelassen, dass der wahrhaft zeitgenössische Roman von Technologie,Mathematik und,ganz allgemein, von Wissen handeln darf und muss, wie es der Roman schon im 19. Jahrhundert tat,wenn auch mit einem ganz anderen Wissen – dann ist die Dath-Welt eine der inspirierendsten Romanwelten,in denen man heute leben kann. Nach Alaska geht dann die geheimnisvolle Fahrt im zweiten, kürzeren Teil des Buches, wo Claudia, auch ohne dass HAARP seine allerletzten Rätsel entbirgt, in ihrem gesamten bisherigen Weltbild einmal richtig kräftig durchgeschüttelt wird.Mehr kann nicht verraten werden, teils weil das die Spannung nähme,teils weil die Handlung nach hinten hin doch sehr unübersichtlich wird, wobei sich Dath nebenbei noch als Action-Autor von Graden entpuppt.Ein deutscher Familienroman, eine Adoleszenz-Geschichte von Hochbegabten für Hochbegabte, eine Geisterbahnfahrt ins Herz der Finsternis – was will man mehr? Von Dietmar Dath ist noch viel zu erwarten. «kritzelkronengipfel die hälse und arme der antennen»: In Dietmar Daths Roman geht die Reise bis zur HAARP, der HOCHFREQUENZ- ANTENNENANLAGE IN ALASKA CHRISTOPH BARTMANN arbeitet beim Goethe-Institut in München. Zuletzt erschien sein Buch «Kopenhagen, Stadt der Dichter»
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