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Ausgabe 05.07
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Schwerpunkt: Geschlechterkämpfe. Neue Runde
titel-0907 Der Kampf der Geschlechter in seiner neuen Runde ist subtil: Er wird über Frauenbilder und Männerbilder ausgetragen. Barbara Vinken untersucht die jüngsten Traktate zum neuen Feminismus und stellt fest: Das Bild, das die aktuelle Debatte dominiert, ist das der ewig mangelhaften Frau - zerrissen zwischen Familie und Beruf. Vinken plädiert dafür, die Idee einer erfüllten Weiblichkeit mit Kind, Job und Liebe nicht kampflos aufzugeben.

Jan Engelmann begibt sich auf die Suche nach der Identität des starken Geschlechts und stößt auf die Diagnose: Die Männlichkeit ist in der Krise. Nur die Ratgeberliteratur weiß noch genau, wann ein Mann ein Mann ist.


Editorial
Dem Feminismus, liebe Leserin, lieber Leser,

ergeht es wie jeder gesellschaftspolitischen Idee: Auch die Frauenbewegung kann sich ihre Fürsprecher, Vorkämpfer, Wortführer, Gegner – und -Innen – nicht aussuchen. Wer sich zum Thema öffentlich äußert, bestimmt den Diskurs mit. Und der Diskurs kann nicht besser, klüger, erhellender sein als jene, die ihn führen. Ob er nun der Sache dient oder ihr schadet, ist oft gar nicht so leicht auszumachen. Die zahllosen aktuellen Bücher, Traktate und Kampfschriften zum Neuen Feminismus haben nur eines miteinander gemein: Sie offenbaren eine babylonische Sprach- und Denkverwirrung.

Wir beobachten: Falsche Frontstellungen werden propagiert, Fortschritte werden erkämpft, aber zu wenig beachtet, Verbesserungen gering geschätzt und Verschlechterungen widerstandslos hingenommen; Rückschritte werden als Fortschritt deklariert, Rollback-Anhängerinnen gebärden sich als neue Frauenrechtlerinnen, die drinnen waltende züchtige Hausfrau wird aus Schillers Mottenkiste geholt, und die folgenreichste Weichenstellung für eine echte Wahlfreiheit der Frauen bei Familie und Karriere wird ausgerechnet von einer frommen, konservativen Familienmutter und Familienministerin angestoßen – unter der Patronanz eines weiblichen Bundeskanzlers, dem das Dilemma der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern biografisch immer schon herzlich fern lag.

Umso nötiger erscheint es Literaturen, das widersprüchliche Stimmengewirr zu durchdringen, die Wortmeldungen zu sortieren und die neue Runde im Geschlechterkampf zu analysieren. Dass es sich nach wie vor um einen solchen handelt, steht dabei außer Frage. In dieser Ausgabe erörtern weibliche wie männliche Autoren – Barbara Vinken, Jan Engelmann und Martina Meister –, welche Frauenbilder und welche Männerbilder zukunftstauglich sein könnten. Außerdem erfahren Sie, welche Bücher Erkenntnisgewinne bereithalten – und welche nicht. Schließlich wollen wir uns durch aktuelle Debatten ja nicht verdummen lassen.

Ihre Literaturen-Redaktion
Inhalt
Editorial
Schwerpunkt Geschlechterkampf. Neue Runde

Das Kriminal

Wenn Mick Hammerl in die Detektei wankt
Franz Schuh bewundert den Wiener Alltagssadismus

Bücher des Monats
Moritz Baßler
Georg Klein: Sünde Güte Blitz
Cord Riechelmann
Josef H. Reichholf: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
Sigrid Löffler
Julian Barnes: Arthur & George
Jens Bisky
Christopher Clark: Preußen
Martin Lüdke
Cormac McCarthy: Die Straße
René Aguigah
Tom Kummer: Blow up

Futurologie
Dieter Thomä Für die Zukunft kein Zuhause
Der Soziologe Ulrich Beck ruft die «Weltrisikogesellschaft» aus, der Jurist Cass R. Sunstein rät zur Besonnenheit

Slowenien I
Wolfgang Schneider Saga der Schönheit und der Grausamkeiten
Lojze Kovacics Roman-Trilogie «Die Zugereisten» ist ein Meisterwerk

Slowenien II
Klaus Amann Kärnten is lei aans
Mit Kevin Vennemanns Roman «Mara Kogoj» finden die Kärntner Slowenen einen Chronisten

Neue deutsche Lyrik
Peer Trilcke Arbeiten Schafe in Gruppen?
Ein Ausflug in die jüngste poetische Produktion

Die Beiseite
Feridun Zaimoglu Das Wunder des Bonifatius
Muss man antikatholische Traktate schreiben, um einem Mops Todesangst einzujagen?

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Christoph Hein || Lea Kirstein || T Cooper || Ulrich Sieg || Thomas Lang || Mike Davis
Bildbände von Poul Beckmann || Cindy Sherman

Kinderbücher
Britta Sebens Selbstlose Brüder und andere Retter
Marie-Aude Murail feiert ungewöhnliche Helden des Alltags

Musik im Roman
Holger Noltze Ravels Hemden, Rameaus Neffen
Jean Echenoz erzählt von einem rätselhaften Musiker namens «Ravel», Wolfgang Schlüter inszeniert Jean-Philippe Rameau

Kurz & Bündig
Bücher von Volker Braun || Bernhard Vogel, Hans-Jochen
Vogel || Dieter Kühn || Jens Förster || Barbara Gowdy || Alex Kapranos
Bildbände von Marina Heilmeyer || Pia Thilmann u. a.

Das Magazin
Mitten aus Taipei || Kalender || Hörbücher || Literatur
im Kino || Jetzt als Taschenbuch || Leserbriefe || Was liest Adrienne Goehler? || Netzkarte

Impressum


Vorschau, P. S., Register
Geschlechterkampf. Neue Runde
Wenn Frauen zu sehr nerven

PISA-Opfer, Anpassungskünstler, Präzisionsarbeiter: Die Krise der Männlichkeit führt
zu immer neuen Therapievorschlägen
von Jan Engelmann

Den letzten echten Mann sah ich vor einiger Zeit im Kino. Er lebte als Schlosser in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Seine Frau liebte ihn und seine Hingabe an die Arbeit, alles schien wohlgeordnet zu sein. Bis, ja, bis er nach einem feuchtfröhlichen Abend bei der freiwilligen Feuerwehr mit der Kellnerin fremdging, woraus sich dann eine halbgare Distanzbeziehung entwickelte. Zerrieben zwischen dem ruhigen Gleichklang der Ehe und den Verheißungen eines anderen Glücks, wusste der Mann irgendwann nicht mehr weiter. Und setzte sich eine Schrotflinte an den Kopf.
Das Entscheidende an dieser Geschichte ist, dass der Protagonist aus Valeska Grisebachs Film «Sehnsucht» seinen inneren Konflikt ganz mit sich allein austrägt. Gegenüber den beiden Frauen bestammelt er sein Nichtweiterwissen und seine Unsicherheit. Dieses kommunikative Unvermögen, im krassen Gegensatz zu seiner ruhigen Souveränität in handwerklichen Dingen, scheint ihn zum prototypischen Vertreter seines Geschlechts zu machen. Unendlich viele Erzählungen handeln von der defizitären Maskulinität, dem dramatischen Auseinanderfall von Außenwelt- und Innenweltbeherrschung. Durch seinen Gefühlsstau beweist der Mann stets aufs Neue seine ärmere Natur und treibt damit Frauen scharenweise in den Wahnsinn oder zur Lektüre von Ratgeber-Büchern.

Gute Unterhaltung schont das Bett
Womöglich auch zu «Wie Männer ticken» von Hauke Brost, einem journalistischen Gender-Kompetenzler mit einschlägigen Vorarbeiten («Bild», «Esquire», «Playboy»). In der «erweiterten Sonderausgabe» seines Bestsellers sollen Frauen erfahren, warum alle therapeutischen Maßnahmen bei ihren Typen im Grunde nichts bringen. Männer sind eben so. Punkt. Will frau deren abweichendes Verhalten zumindest nachvollziehen, ist Einfühlung gefordert: «Für Männer hat der Dialog als solcher keinen kulturellen, künstlerischen oder gar lustvollen Wert.»
Abgesehen davon, dass dieser Befund durch vereinzelte Kommunikationsgenies leicht zu entkräften wäre, steht die notorische Maulfaulheit des starken Geschlechts auch gar nicht im Widerspruch zu seinem evolutionären Erfolg. Brost erwähnt ein paar Seiten später eine Auswertung der Uni Massachusetts, wonach bei so genannten Speed-Dates – also der beschleunigten Version spätromantischer Anbahnungsversuche – diejenigen Männer zu den absoluten Favoriten zählen, die wenig sagen und viel zuhören. Gute Unterhaltung schont das Bett, weiß ein altes äthiopisches Sprichwort.
Dass «Wie Männer ticken» neben einer zwar ironisch gebrochenen, aber dennoch verlässlichen Macho-Perspektive hie und da wissenschaftlichen Beistand benötigt, ist symptomatisch. Kaum ein Versuch über den männlichen Makel kommt heute ohne biologistische Querverweise und entsprechende Ideologeme aus. Während der PISA-Schock, der Gewalt-Appeal des internationalen Terrorismus oder die sexuellen Pöbeleien in Hip-Hop-Texten immer neue Problemlagen aufwerfen, werden Mutmaßungen über die Rolle des Y-Chromosoms oder die Folgen überschüssigen Testosterons dankbar aufgegriffen. Auf das Resultat seiner Gene reduziert, braucht der Mann sich über die soziale Bedingtheit seiner vermeintlichen Krise keine weiteren Gedanken zu machen.

«Sind Frauen die besseren Männer?»
Diese Festschreibung auf den «naturgegebenen» kleinen Unterschied kann Horst-Eberhard Richter nicht kalt lassen. Immerhin steht der bekannte Psychoanalytiker und Doyen der bundesdeutschen Friedensbewegung für das unvermindert engagierte Projekt, gesellschaftliche Veränderung an sozialpsychologische Einsichten zu koppeln. Sein neues Buch «Die Krise der Männlichkeit» macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Dass es ausgerechnet zu einem Zeitpunkt erscheint, an dem die anhaltende Familiendebatte immer neue publizistische Schnellschüsse zum Geschlechterverhältnis provoziert, führt zu solchen Absonderlichkeiten wie jener, dass Richter in einer illustren «Maischberger»-Runde die Frage «Sind Frauen die besseren Männer?» beantworten musste. Dabei hat er, bei allen Selbstähnlichkeiten in der Argumentation, durchaus differenzierte Aussagen im Gepäck.
Richter geht, thematisch anknüpfend an sein kulturphilosophisches Hauptwerk «Der Gotteskomplex» (1979), von einer gesellschaftlichen Situation aus, die
Züge einer Persönlichkeitsstörung trägt. Technische Allmachtsphantasien, wie beim neu entfachten atomaren Rüstungswettlauf oder den architektonischen Höhenflügen in Dubai, folgten dem Drang nach unentwegtem «Siegen-Müssen», der Überkompensation verdrängter Ohnmachts- und Entmännlichungsangst. Männliche Gipfelstürmer definieren immer neue Machtziele, nachdem ihnen Frauen in allen Bereichen ebenbürtig geworden sind. Diese heikle Phase einer unsicheren Selbstdefinition ist für Richter nicht nur strukturell pubertär, sondern vor allem auch politisch prekär, weil sie destruktive Energien erzeuge. So zeige etwa der heroische Ehrgeiz eines George W. Bush den pathologischen Drang nach Selbsterhöhung.
Und die Frauen? Diese hätten sich zwar wesentliche Zugänge erkämpft, seien aber gerade im Begriff, «weibliche» Eigenschaften wie Mitgefühl und Einfühlungsvermögen in vorauseilender Anpassung an die Männer abzuwerten. Genau diese Bindungsenergie, so Richter, sei aber unverzichtbar für das Abstreifen der tradierten Geschlechtsdichotomien und die neue Entwicklungsstufe einer Elterlichkeit, «die den Blick von der narzisstischen Selbstverwirklichung auf die gemeinsame Verantwortung erweitert». Damit rennt Richter indes offene Türen ein. Ökologie-, Familien- und Bildungsdebatte haben, bei allen inhaltlichen Unterschieden, längst neue Sprech- und Handlungsweisen an den Grenzbereichen von privater und politischer Sphäre ermöglicht.
Zudem wird man das Gefühl nicht los, dass sich Richters Buch ganz selbstverständlich an Frauen richtet. Schließlich waren sie es, die in den letzten Jahrzehnten erfolgreich eine Erweiterung ihres Möglichkeitssinns und ihrer Rollendefinitionen betrieben haben. Und die Männer? Die lesen nicht. Zumindest nichts, was nur von ihnen handelt.

Grenzen setzen, Klarheit schaffen
Von diesem immergleichen Drehmoment der Geschlechterdebatte – Frauen analysieren Männer, Männer tun derweil lustigere Dinge – einmal wegzukommen, hat sich die «Anleitung zum Männlichsein» der Brüder Andreas und Stephan Lebert zum Ziel gesetzt. Auch sie stellen einen Identitätsverlust fest. Allerdings möchten sie die Konsequenzen lieber untereinander verhandeln, ohne anbiedernden Rekurs auf eine Frauenstimme. Und siehe da: dieser inszenierte Ausschluss führt zumindest dazu, dass einmal Klartext gesprochen wird. Ein gewisser Männerguppen-Effekt tritt ein, nur ohne Batik-Tücher und verdruckste Ein-Stück-weit-Rhetorik.
Die Leberts also blicken zurück, ziehen Schlüsse aus eigenen Erfahrungen und gleichen sie mit Geschichten von Geschlechtsgenossen ab. Das Resümee dieser Kollektiv-Erzählung ist, dass aus Männern überforderte Anpassungskünstler geworden sind, denen nur noch der verzweifelte Wunsch nach Anerkennung und ein paar lächerliche Statussymbole bleiben. Ohne jedoch Beifall von feministischer Seite anzustreben, warnen die beiden Autoren davor, einstmals männlich codierte und aus bekannten Gründen stigmatisierte Eigenschaften wie Mut, Durchhaltevermögen oder Präzision pauschal abzuwerten. Stattdessen plädieren sie dafür, sich diese wieder anzueignen. Wo Horst-Eberhard Richter also «effeminierte» Kulturarbeit verordnet, entwerfen die Leberts eine einfache Handlungspropädeutik: «Grenzen setzen statt zu verwischen, Klarheit schaffen statt Harmonienebel zu produzieren, Ziele formulieren, für die man später gerade steht.»

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Geschlechterkampf, neue Runde
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