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Ausgabe 10.07 - Literaturen - Literatur
Klartext
Als man zum Kitsch noch Horreur sagte

Der aufhaltsame Aufstieg des Martin Mosebach zum Georg-Büchner-Preisträger 2007. Würdigung einer exemplarischen Karriere

Von Sigrid Löffler


Seit bekannt ist, dass dem Frankfurter Erzähler und Essayisten Martin Mosebach der diesjährige Georg-Büchner-Preis zugesprochen wurde, herrscht im deutschen Feuilleton die possierlichste Begriffsverwirrung. Die ersten Reaktionen waren eitel Wonne: Beifall, Zustimmung, Genugtuung. Die Wahl Mosebachs wurde überwiegend begeistert begrüßt. Lobend hervorgehoben wurde allenthalben die «Unzeitgemäßheit» des Preisträgers – womit bei genauerer Lektüre vor allem seine guten Manieren, sein grandseigneurales Auftreten (sogar noch «in der Apfelweinkneipe»!) sowie der Umstand gemeint waren, dass Herr Mosebach sich zumeist im Dreiteiler und nie ohne Krawatte in der Öffentlichkeit zeigt, ein vorbildlich gefälteltes und farblich dezent abgestimmtes Einstecktüchlein nicht zu vergessen. Kurzum: applaudiert wurde vornehmlich einem ostentativ altmodischen bürgerlichen Habitus.

Auch auf des Autors Bildung und historisches Wissen wurde ehrfürchtig hingewiesen. Weil «immens» und »profund» zur Kennzeichnung offenbar nicht ausreichten, wurde dafür eigens das Attribut «stupend» aus dem Duden hervorgekramt. Eine Bildung, die beispielsweise auf Rhein-Spaziergängen in der Gegend um Eltville aufs Vorteilhafteste zur Geltung kommt, wenn der Autor, wie zu lesen war, «seinen Begleitern mit freundlicher Geduld erklärt, welcher Sektbaron hier in welcher prächtigen Villa wohnte, was von einzelnen Weinlagen weiter oben den Hang hinauf zu halten sei oder was dem österreichischen Dichter Heimito von Doderer bei ähnlicher Gelegenheit, bei der zivilen Erkundung einer Landschaft an der Donau, widerfuhr».

Die Mosebach-Mäkler meldeten sich erst Monate später zu Wort. Und dann klangen ihre Nörgeleien sonderbar kleinlaut und defensiv, besonders, wenn sie dem Autor nichts anderes vorzuwerfen wussten, als dass er «langweilig» sei – ein reines Geschmacksurteil und als solches für die Debatte unbrauchbar. Die Kritiker machten kaum mehr den Versuch, die von den Mosebach-Apologeten auftrumpfend in Umlauf gebrachten und lobend gemeinten Gesinnungs-Sticker – «Reaktionär», «Antimodernist», «Anarch», «Kulturpessimist», «vorkonziliarer Katholik» – ins ursprünglich Diffamierende zurückzudrehen. Das wäre wohl auch vergebliche Liebesmüh’ gewesen. Solche Polemik greift nämlich nicht mehr, seit der Zeitgeist auf der konservativen Welle surft und seit die einstigen Verunglimpfungsmarken reihenweise rehabilitiert und in Ehrentitel umgemünzt werden; erst recht nicht, seit sich der ästhetisierende Feuilleton-Katholizismus – als dessen Wegbereiter und Wortführer Mosebach durchaus gelten kann – für den Flirt mit der lateinischen Messe nach tridentinischem Ritus sogar auf Papst Ratzingers wohlwollende Unterstützung berufen kann.

Das Schickliche mit dem Gewagten verbinden

Inzwischen wäre es reine Koketterie, Mosebach noch einen Außenseiter nennen zu wollen. Das ist er längst nicht mehr, obwohl sich der 56-Jährige in seinen Gesinnungen nicht einen Deut bewegt hat. Der Winkelried, der noch vor vierzehn Jahren mit ganz ähnlich verqueren Ansichten alle Hohn- und Verdammnis-Pfeile des Feuilletons auf sich zog, hieß Botho Strauß. In dessen Windschatten kann Mosebach heute gefahrlos die westen- und stecktuchgepanzerte Brust recken: Kein Geschoss kann ihm etwas anhaben, die Pfeile von damals sind stumpf geworden. An Mosebachs Aristokratismus, der das Schickliche mit dem Gewagten so artig zu verbinden weiß, prallen sie wirkungslos ab – schon deshalb, weil er seinen elitären Dünkel, anders als Strauß in seiner aufreizend hochfahrenden Schroffheit, stets mit leutseliger Milde zur Schau trägt. Seit das Feuilleton aus dem Denkerstübchen in den bürgerlichen Salon umgezogen ist und es sich dort biedermeierlich bequem macht, sind auch Mosebachs antimoderne Affekte salonfähig geworden. Seine Bewunderer erblicken darin die gefällige Darstellung dessen, was sie für bürgerliche Werte von einst halten. In seiner Prosa sehen sie überdies sich und ihre gymnasialen Bildungsrückstände literarisch bestätigt.

Trifft demnach zu, was die Gegner dieses Autors bedauernd, seine Befürworter jedoch mit Befriedigung feststellen: dass der Zeitgeist diesem Autor «entgegengewachsen» ist und ihn samt seinem Traditionalismus inzwischen eingeholt hat? Die Antwort darauf ergibt sich nicht so glatt, wie es Freund und Feind erscheinen mag. Eines allerdings lässt sich jetzt schon feststellen: Die Darmstädter Jury hat diesmal eher eine Gesinnung als büchnerpreiswürdig ausgezeichnet und weniger ein originelles literarisches ¼uvre. Denn, unter uns Sektbaronen und Bildungsbürgern sei es gesagt: Auf Mosebachs Literatur trifft ein Aphorismus seines philosophischen Abgotts, des kolumbianischen Erzreaktionärs Nicolás Gómez Dávila, leider nur allzu genau zu: «Am schlechtesten schreibt, wer den, der gut schreibt, nachahmt.»

Das soll nun nicht heißen, dass solcher Imitationsprosa nicht durchaus ein gewisser Secondhand-Charme anhaften kann, etwa der delikate Reiz einer leicht angestaubten, vornehmen Mattigkeit – geschmackvoll, mürbe und demodé, dabei mit Ironie versilbert. Der Frankfurter Arztsohn Martin Mosebach, der 1980 von Golo Mann entdeckt wurde, daraufhin die Juristenlaufbahn fahren ließ und sich auf die unsichere Existenz eines freien Schriftstellers einstellte, ist mit seinen Romanen, Essays, Libretti und Gedichtsammlungen viele Jahre lang durch die Verlagshäuser mäandert, ohne sonderlichen Eindruck zu machen. «Das Bett», «Ruppertshain», «Westend», «Die Türkin», «Eine lange Nacht» – lauter Romane, die zwar in Frankfurt angesiedelt waren, aber im ganzen Sprachraum spurlos untergingen. «Ein Traditionalist», lautete das schulterzuckende Verdikt über den Autor nach seinem Debüt von 1983 mit dem Roman «Das Bett».

Wer lechzt schon nach Salondamen?

Die achtziger und neunziger Jahre waren nicht eben erpicht auf solch ausladende Gesellschaftsromane, notabene, wenn sie im geborgten Stilgewand ihrer literarischen Vorbilder auftraten – plaudersüchtig wie bei Fontane, ironisch timbriert wie bei Thomas Mann, den eigenen Feinsinn genießerisch auffächernd wie bei
Proust, das Unbelebte animierend wie bei Doderer. Reife Frankfurter Salondamen mit Ehemann und adligem Hausfreund, die in weißen, wenngleich hypothekenbeladenen Villen mit Park in den Taunusbergen residieren («Ruppertshain»); zerstreute junge Herren, die, statt in New York eine standesgemäß gehobene Karriere zu machen, einem türkischen Wäscherei-Mädchen liebesblind nach Lykien nachreisen («Die Türkin») oder die das Jura-Examen nicht geschafft haben und sich nun traumverloren durch Liebe und Leben schwindeln («Eine lange Nacht») – derlei war bestimmt nicht das Romanpersonal, in dem sich die Leserschaft vor und nach der Wende von ’89 hätte wiedererkennen wollen.

Hinzu kam, dass Mosebach darauf bestand, das Sofa und den Elefanten konsequent mit ph zu schreiben. In seiner Prosa berieten sich Menschen nicht miteinander: Sie «pflogen Rats». Dichter ohne Heimat ordnete er gern dem «Typus des Ästivanten» zu, den man in den meisten Wörterbüchern vergeblich suchen wird. Bei ihm begegnet man tatsächlich heute noch Untertanen, die vor einem König «in winselnder Proskynese» versinken. Da bei ihm ein Kollege, mit dem man beim Dämmerschoppen sitzt, unbedingt als «ein guter Konvive» bezeichnet werden musste und er statt von gewöhnlichen Morgen lieber von veralteten «Morgenden» schrieb, wurde alsbald der Argwohn laut, hier sei womöglich ein Bildungsposeur am Werke, der seinen Stil mit ornamentalen Sprach-Antiquitäten umschnörkelte und nostalgisch einer Zeit nachhing, als man zum Kitsch noch «Horreur» sagte. Auch für diese Sorte des schwelgerisch ziselierten Sprach-Dekors hat übrigens der giftig-apodiktische Gómez Dávila den passenden Aphorismus parat: «Die ungenauen Begriffe, die ein talentierter Autor mit Geschick handhabt, blenden den Nachahmer, der sie am Ende in vulgarisierter Rhetorik darstellt.»

Nur für geladene Leser

Dass die Pseudo-Saloniers in den Feuilletons solchen Unterschied gar nicht mehr wahrnehmen und sich von einem bildungsbürgerlichen Gestus benebeln lassen, auch wenn er bloß Attitüde ist, spricht womöglich eher gegen sie als gegen Mosebach. Allerdings hat dieser Autor auch noch eine andere Facette, die in den neunziger Jahren wohlverborgen in einem abseitigen Winkelverlag vor sich hin weste. Während Mosebach nacheinander bei Hoffmann und Campe, Insel, Berlin Verlag, Aufbau und Eichborn als überlegen fabulierender, wiewohl schlecht verkäuflicher Gesellschaftsromancier paradierte, reservierte er seine erlesenen Ressentiments für den Karolinger Verlag zu Wien – weniger zur Publikation, als vielmehr, wie es einst im George-Kreis hieß, «nur für geladene Leser».

Dieser Verlag ist auf Dunkelmänner spezialisiert. Hier findet sich alles, was seine anti-modernen, anti-
liberalen, anti-aufklärerischen, monarchistischen und sonstwie anti-demokratischen Impulse «entre nous» ungeniert ausleben möchte, von Günter Maschke bis Armin Mohler. Eine besondere «Bibliothek der Reaction» versammelt so erlauchte Namen wie Metternich, den savoyardischen Gegenaufklärer Joseph de Maistre und Konstantin Leontjew, einen ruchlosen Reaktionär des 19. Jahrhunderts, der gegen Fortschritt und Aufklärung in jederlei Gestalt wetterte, die Leibeigenschaft verteidigte und es neuerdings zum Kult-Autor der russischen Rechten gebracht hat.

In diesem Umfeld konnte der präkonziliare Katholik Mosebach seine gesammelten Animositäten gegen das Zweite Vaticanum hemmungslos ausbreiten und namentlich seinem Groll gegen Paul VI., den Papst der Liturgie-Reform, ungezügelt frönen – in seinem Essayband «Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind». Und hier stieß Mosebach auch auf eine tief verwandte Seele – in den Schriften des Nicolás Gómez Dávila, jenes kolumbianischen Privatgelehrten (1913–1994), der als wohlhabender Patriziersohn sein Leben in seiner Privatbibliothek in Bogotá zubrachte, wo er an seinen «Scholien» knetete, Tausenden von Glossen und Aphorismen, die er in Privatdrucken in Nicht-Umlauf zu bringen pflegte. Mosebach hat Gómez Dávila, wie er mitteilt, sogar in Bogotá besucht und ihn dort offenbar noch lebend, wenngleich in leicht mumifiziertem Denkzustand angetroffen.

Ästhetischer Fundamentalismus für alle?

Gómez Dávila muss für Mosebach eine Offenbarung gewesen sein – herrisch, intolerant und furchtlos feindselig. In dessen Aphorismen und Adnoten äußerte sich ein allumfassender, schneidiger, gelegentlich inhumaner Elitarismus («Entvölkern und aufforsten – erste zivilisatorische Regel»), dem die ganze Welt nur aus Schwachköpfen, linkem Lumpengesindel und vulgären Ramsch-Intellektuellen zu bestehen schien – nach dem Motto «Die moderne Welt ist ein Schweinestall, in dessen Morast der Mensch von heute sich fröhlich wälzt». Für alles Gegenwärtige – von der Demokratie über die Kunst und Literatur bis zur katholischen Kirche von heute, die Frau als solche nicht zu vergessen – hatte Gómez Dávila, der sich selbst zum einsamen Reaktionär nobilitiert hatte, nichts als Hohn und Verachtung übrig.

Und das alles so herrlich drastisch formuliert, wie es für einen Frankfurter homme de qualité mit Blick auf seine eher zimperlichen Wirkungskreise nicht zutunlich gewesen wäre. Also wählte Mosebach einen elegant indirekten Weg der Zustimmung: die Herausgeberschaft. Im Schutz des Großhassers aus Bogotá ließen sich gegenmoderne Invektiven nach Herzenslust streuen, ohne Risiko fürs eigene Renommee.

Eben erst hat Mosebach Gómez Dávilas «Ausgewählte Sprengsätze» unter dem Titel «Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten» in der Anderen Bibliothek bei Eichborn herausgebracht – und sich damit allerdings in einem Dilemma verheddert. Denn wie sollte man ein eifersüchtig gehütetes, sektiererisches Geheim-Schrifttum zugleich den Eingeweihten vorbehalten und es per Publikumsverlag verbreiten können? Entweder elitäre Geheimhaltung für die Happy Few oder Preisgabe an die plebejischen Happy Many – beides zugleich geht nicht. Ästhetischen Fundamentalismus öffentlich zu propagieren, ist ein performativer Widerspruch. Auch gegen diese Art von unerwünschter Gefolgschaft hat sich Gómez Dávila übrigens von vornherein abgesichert, mit dem Spruch: «Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie.»

Von nun an ging’s bergauf

Um in diese Falle tappen zu können, musste Mosebach allerdings erst irgendwie berühmt werden. Dies ist ihm im Jahr 2001 gelungen, als er im Alter von fünfzig Jahren mit dem Roman «Der Nebelfürst» seinen so genannten Durchbruch doch noch schaffte. Keineswegs zufällig ist dieser in der wilhelminischen Epoche angesiedelte historische Hochstapler-Roman bis heute des Autors gelungenstes Werk geblieben: Hier kamen Form und Inhalt, Historismus und Hochstapelei, Plüsch und Talmi als Signatur der Zeit, glückhaft zur Deckung.

Seit damals geht’s bergauf. Was Mosebach über Peter Hacks gesagt hat, das trifft wohl auch auf ihn selber zu: «Der rückständige Zeitgenosse – das ist gelegentlich der Mann von Morgen.» Dass Mosebach als Ghostwriter für das «Manieren»-Buch des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate in Verdacht kam, wo er doch nach eigenem Bekunden diesen Neo-Knigge für Anti-Achtundsechziger bloß lektoriert und redigiert hat, hat ihm bei seiner Klientel keineswegs geschadet. Sein Roman «Das Beben» (2005) verursachte bei der Kritik bereits nichts als ein Wonnebeben, das sich beim soeben erschienenen Kurzroman «Der Mond und das Mädchen» manchenorts zu wahren Wonnedelirien steigerte.

In «Das Beben» flieht ein Frankfurter Architekt vor seiner manisch treulosen Freundin nach Indien – natürlich nicht in das reale, übervölkerte und chaotisch dynamische Indien von heute, sondern ins fiktive Ex-Königreich von Sanchor. Dort hält der Ex-Monarch für eine Handvoll Getreuer nach wie vor Hof, auch wenn die alte Königsherrlichkeit im demokratischen Bundesstaat Rajastan längst abgeschafft ist und die menschenleeren Paläste verrotten, weil Seine Hoheit («Hiseinis») pleite sind. Der Architekt, herbeigerufen, um einen der zerfallenden Herrschaftssitze zum Luxushotel umzubauen – ein naturgemäß chimärisches Unterfangen –, verliebt sich in die schöne Zweckfreiheit der zeremoniösen Handlungen, denen «Hiseinis» mit vollendeter herrscherlicher Grazie, in «reiner, womöglich gar geläuterter Gestalt», tagtäglich obliegt, als wäre er ein Wiedergänger von Thomas Manns «Königlicher Hoheit».

Hier kann Mosebach nicht nur in Sophas und Elephanten schwelgen, er kann auch seine Lieblingsfarbe Apricot in unzähligen Sonnenuntergängen über dem so edlen wie bresthaften Gemäuer ausgießen, hingerissen bis zur Farbenblindheit: «Als wir gegen Abend aus dem Haus traten, lag das Licht aprikosen-, sand- und rauchblau um Felsen und Hänge.» Aprikosenblau?

Wie man einen Scheiterhaufen richtig würzt

In einem solchen Milieu lässt sich sogar Rassereinheit gefahrlos feiern. Das Königshaus von Sanchor, so versichert uns Mosebach, sei reinblütig seit Jahrtausenden, denn «noch nach hundert Generationen» wären «die Folgen einer einzigen Mesalliance genetisch exakt nachweisbar». Selbst Leichenverbrennungen, sofern sie nur königlich sind, lesen sich so appetitlich wie Kochrezepte: «Ein König von Sanchor wurde zu ein wenig blauem Rauch, wenn er gestorben war, nur ein kleiner Marmorbaldachin auf dünnen Säulchen bezeichnete später den Ort des mit Sandelholz und Weihrauch, Honig, Butterfett und Öl gewürzten Scheiterhaufens.»

Ermangelt dieser Roman demnach allen zeitgenössischen Lebensgefühls? Hat er nichts als modrige Künstelei für Vorgestrige zu bieten? Keineswegs. Eine guruhafte Spottfigur à la Friedensreich Hundertwasser wird mit gelinder Ironie als Geschmacksverderber von heute vorgeführt, in heiterer Missachtung der Tatsache, dass diese rostige ästhetische Streitaxt seit langem begraben ist.

Scheinbar umso zeitgenössischer gebärdet sich dafür das allerneueste Mosebach-Opusculum «Der Mond und das Mädchen», das sich der multikulturellen Vielfalt im heutigen Frankfurt durchaus gönnerhaft zuwendet. Was für eine buntscheckige Fauna kann doch eine heiße Sommernacht im Hinterhof eines schäbigen Mietshauses zwischen Rotlichtviertel und Hauptbahnhof hervorlocken! Da trifft sich zum Plaudern, Trinken und Intrigen-Spinnen die halbe Levante – zugewanderte Marokkaner, Syrer, Äthiopier, überhaupt Migranten, die sich «überall in Ritzen und Spalten der toten Gebäude kleine Lebensräume geschaffen hatten: die philippinische Wäscherei, der bengalische Zeitungskiosk, das islamische Reisebüro, das libanesische Restaurant».

Mosebachisch gesprochen: lauter «menschliche Ameisen».

Begreiflich, dass ein solches Biotop einem adligen höheren Töchterchen wie Ina, dem Augapfel der Frau von Klein aus Hamburg, odios sein muss. Ungeachtet seiner «Schmetterlingszartheit, Elfenhaftigkeit und Silbrigkeit in Stimme und Haar» hat dieses feingläsern zerbrechliche Wesen sich irgendeinem Manne mit Namen Hans vermählt und sich von ihm in dieses unstandesgemäße Quartier verschleppen lassen, wo die Sophas durchgesessen sind und sich im Schlafzimmer, igitt!, sogar eine verendete Taube findet.

Das Geflügel scheint eigens für den gebildeteren Teil unter den Kritikern ausgelegt. Diese taten Mosebach auch prompt den Gefallen, darin den «Falken» der klassischen Novelle zu erblicken. Sogar den dick symbolischen Mond, den Mosebach ziemlich aufdringlich in die Liebes- und Geschäftswirren scheinen lässt, vermochten sie als Metapher für die Wechselhaftigkeiten der Liebe zu identifizieren – und von da war’s assoziationstechnisch wirklich nicht mehr weit bis zum «Sommernachtstraum», dem liebsten Referenzstück der gebildeten Stände, wenn’s um Trieb-Chaos und Liebesunordnung gehen soll.

Dabei ist dieser Hans so rücksichtsvoll, wie man es von jungen Mosebach-Herren erwarten darf: Er fragt seine Ina beim Sex immer, «ob er ihr wehtue», was diese stets «nach Zögern verneint». Schon dieses Detail belegt aufs Anschaulichste die viel gerühmte Kunst dieses Autors, die Gegenwart mit den Augen der Vergangenheit zu betrachten, diesfalls wohl sogar mit den Augen einer «spanischen Hofdame alten Stils, einer Dueña höchsten Niveaus». Es verhält sich schon so, wie Mosebach einmal tiefsinnig bemerkt: «Wie Wein und Äpfel ist auch eine strikte Moral von gemäßigtem Klima abhängig.»

Kurzum: dieser Büchner-Preisträger wird es beim Publikum schon kraft seines Geistreichtums und seines Stils wie schön marmorierter Gips noch weit bringen, ganz im Sinne seines Mentors aus Bogotá. Wie sagt der weise Mann doch so treffend? «Lesbaren Unsinn zu schreiben ist das Vorrecht eines großen Verstandes.»



Ausgabe 10.2007
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