Suche 
 
 
Ausgabe 09.07
Mitten aus Warschau
Die meisten klagen über die Brüder Kaczynski. Dass sie klein sind, dick, lächerlich, nachtragend, boshaft, dass sie nie lächeln, dass sie mit Unterstellungen arbeiten, dass sie antieuropäisch sind, antideutsch, voller Komplexe, eitel, dass sie keine Sprachen können, dass sie alte Junggesellen sind, dass sie mit über fünfzig Jahren noch von Muttern abhängig sind, dass sie kleinlich sind, kleinmütig, dass sie eine Katze haben und keinen Hund, dass sie die schlechtesten Politiker in der Geschichte des freien Polen sind, dass sie das Land unzweifelhaft in den Abgrund führen und so weiter und so fort …

Vielleicht stimmt das ja alles. Mir jedoch gefällt das Schauspiel, das die Zwillinge für uns zum Besten geben. Vor den Augen der ganzen Welt führen sie – ganz schamlos, könnte man sagen – das Drama und die Komödie des Polentums auf, vermischt mit dem Drama und der Komödie der Macht. Vor dem Hintergrund des Seilschaftsdenkens, der Lauheit, des Pragmatismus, aber auch der Korrektheit der vorhergehenden Equipen entwickeln sich die Zwillinge förmlich zu Shakespeare’schen Gestalten. Man sieht auf den ersten Blick, dass sie sich von großen Emotionen leiten lassen, die sie im Interesse eines kühlen Wettstreits im Zaum zu halten versuchen.

Sie sind davon überzeugt, dass das Polentum gerade in ihnen seine Verkörperung fand, dass sie allein zu seinen Trägern und Verteidigern berufen sind. Und sie begreifen das Polentum als etwas unablässig Bedrohtes, das gleichzeitig in Widerspruch zur gesamten übrigen Welt steht. Sie sind aber auch nicht imstande, die eigene Zwillingsperson von der Politik zu trennen, die sie verfolgen: Sie können ihre Ideen und die eigene verdoppelte Gestalt nicht auseinanderhalten. Erfüllt vom Gefühl einer Mission und der Überzeugung von der eigenen Größe, haben sie sich der Politik zugewandt. Dabei ernten sie überall nur Kritik und Geläster – die überwiegende Mehrheit der Zeitungen beginnt die Witzseite mit Karikaturen ihrer Person.

Im Übrigen sind sie aufgrund ihrer Figur, ihrer Zwiegestalt und des völligen Mangels an Selbstdistanz eine ideale Zielscheibe für Satiren. Sie wollen das Polentum retten, festigen, reinigen, doch man begegnet ihnen bloß mit Spott und Hohn. Ihre Vision Polens ist heroisch, erhaben, zugleich aber voll tiefempfundener Ängste. Zum Beispiel der Angst vor den Deutschen. Allerdings haben nicht sie diese Angst erfunden. Sie steckt in den Polen drin, und die Kaczynskis verstehen es geschickt, sie für sich zu nutzen. Sie haben aber auch selber Angst vor den Deutschen, weil sie ja das Polentum verkörpern. Sie haben Angst, doch sie kämpfen. Gegen die eigene Angst, aber auch gegen die Deutschen. Daher sind sie Gestalten in einem echten Drama, nicht in einem gespielten, politisch korrekten. Sie sind lächerlich und zur selben Zeit erhaben. Sie sind rührend hinterwäldlerisch und provinziell, erheben jedoch gleichzeitig den Anspruch, das Schicksal Europas mit entscheiden zu wollen.

Vor dem Hintergrund der übrigen europäischen Politiker wirken ihre rundlichen Gestalten mit den starren, verbissenen Gesichtszügen beunruhigend. Als stammten sie aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Dimension. Und so ist es auch. Man kann nur erahnen, wie abgrundtief sie all diese Premierminister, Präsidenten und Minister mit ihren glatten Teflon-Gesichtern verachten, für die Politik bloß ein Spiel ist, bar jeglicher großen Ideale. Man kann sich ausmalen, wie sie nach Hause gehen und sich am Abend, in den eigenen vier Wänden, mit ihrer Mutter über die Zukunft Polens und der Welt beraten. Es braucht keine besonders lebhafte Phantasie, dass einem dabei zum Beispiel Macbeth in den Sinn kommt.

Sie mussten am Ende erscheinen. Das war unausweichlich. Sie sind Boten aus der Vergangenheit. Sie verkörpern alle polnischen Urängste, alle unerfüllten Wünsche, alle Traumata. Sie sind die leidende polnische Seele, die auf dieser Welt keine Ruhe finden kann, sie sind eine Verkörperung aller polnischen Niederlagen und Wunden. Und gleichzeitig versuchen sie, sich dafür zu revanchieren. Sie möchten eine Form für das Polentum finden, die es ihm ermöglicht, den realen, aber auch den von ihnen imaginierten Herausforderungen der Welt zu begegnen. Wenn es die Zwillinge nicht gäbe, wenn sie nicht aufgetaucht wären, müsste man sie erfinden. Sie haben einfach das benannt, was vorher nicht zu benennen war. Die Menschen haben ein Anrecht darauf, Angst vor der Welt zu empfinden, diese nicht zu verstehen, sie abzulehnen und an die Stelle der Wirklichkeit ihre eigenen Ängste, Phobien und Vorurteile zu projizieren. Das darf man den Menschen nicht verbieten, weil es zutiefst menschlich ist. Die Welt mit den Zwillingen ist einfach realer. Die Welt mit ihnen gleicht mehr einem Drama und weniger einer Fernsehserie.

Die meisten beklagen sich über die Gebrüder Kaczynski, ich hingegen bin ihr Fan. Und ich denke voll Sorge an den Moment, wenn sie die Macht verlieren. Dann wird die Politik aufhören, ein Drama zu sein, und am Horizont wird wieder das Gespenst der allgemeinen europäischen Demokratie erscheinen.

von Andrzej Stasiuk
(Übersetzung aus dem Polnischen von Martin Pollack)



Ausgabe 09.2007
titel-0907
Harry Potter "Mammon und Magie"
Anzeige
Vorschau
Bestellen Sie unseren Newsletter mit der regelmäßigen Vorankündigung. Sie
erfahren schon im Vorfeld der Veröffentlichung den Heftinhalt.
Ihre Aktion
Anrede
Titel
Vorname
Nachname
E-Mail
Web Tipps
Kriebel Immobilien
Eigentumswohnungen in Berlin
Opernwelt
Abenteuer Mythos
Theater heute
Theater morgen
Partituren
Das Magazin für klassische Musik
Schwerpunkt: Das Konzert
NEU: Jetzt können auch Sie mitschreiben

[X] Schliessen
kultiversum
Literaturen ist umgezogen - auf die neue Kulturplattform kultiversum.de. Dort finden Sie alle aktuellen Inhalte: www.kultiversum.de/Literaturen

Sie möchten Literaturen kostenlos kennenlernen, ein Abonnement oder ein Heft bestellen? http://www.kultiversum.de/shop.html

Auf www.literaturen.de finden Sie auch weiterhin die Inhalte der vergangenen Jahre.