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Ausgabe 09.07
Journal - Die Frau als Mann als Frau
KULTURGESCHICHTE
Hannelore Schlaffer trauert dem Jahrhundert der Mode nach – zu Unrecht

Hannelore Schlaffers «Schule der Frauen» ist ein wehmütiger Abgesang, ein Abgesang auf die Frau und die Schönheit – und in dieser tiefen Melancholie durchaus zwiespältig: Dem, was nach «der Frau» und ihrer Schönheit gekommen ist, der Berufstätigen, steht die Autorin natürlich im Prinzip bejahend gegenüber. Aber nur im Prinzip, denn der Verlust sei kaum zu verkraften.

Vor dem melancholischen Hintergrund des endgültigen Verlusts strahlt Schlaffers Feuerwerk zur Feier der Mode umso blendender. Angesichts des Selbstportraits am Ende des Buches, in dem die Autorin als Allegorie der römischen Modeschau «Alta Moda» erscheint – «die Dame in giftgrünem Kostüm wie vom frühen Saint Laurent, mit knöchellangem geschlitztem Rock» –, können selbst die abgebrühtesten Yves Saint Laurent-Verächter nicht anders, als dem Maestro eine Träne nachzuweinen.

Mit Trommelwirbel und Pathos feiert Hannelore Schlaffer die Mode zum Auftakt, in einer hinreißenden Hommage an Frankreich: als Marseillaise der Frauen und «Fahne der Freiheit». Hingerissen schreibt hier eine Frau über Hinreißendes, und jede Leserin wird sich vermutlich wie die Autorin im Stoffrausch und Faltenwurf – «Cul de Paris, Pompadours, Puffärmel, geraffte, gerüschte, geschlitzte Röcke, paspelierte, plissierte, genoppte Oberteile» – und den darin verschleierten erotischen, fremdsprachigen Versprechungen selig dahintreiben lassen. Auch manchem Mann wird es so gehen. Denn so traurig kann es doch um das starke Geschlecht nicht bestellt sein, wie die Autorin meint: dass nur Frauen Frauen angezogen, Männer sie aber immer nur nackt sehen?

Erotik spricht nicht mehr in Kleidern

Schlaffers Augenmerk richtet sich durchaus auf das emanzipatorische Potenzial der Mode, wie es das bürgerliche Zeitalter zwischen Charles Frederick Worth (1825–1895) und Yves Saint Laurent gekannt hat. Was in dieser Epoche erfunden wurde, war eine Sprache für die Frauen, die ansonsten in der Öffentlichkeit zur Sprachlosigkeit verdammt gewesen wären. Diese Sprache (die nicht die des Herzens ist, dem einzigen Terrain, auf dem man ihnen schon immer muttersprachliche Flüssigkeit zugestand) bildet Intelligenz, Geschmack und Charakter.

Das Jahrhundert der Mode, darin stimmt Schlaffer mit den führenden Mode-Theoretikern überein, ist zu Ende gegangen. Das mag daran liegen, wie die Autorin meint, dass sich den Frauen andere Formen des Selbstausdrucks eröffnet hätten. «Jedenfalls nutzten sie so lange das Ausdruckmittel Mode und probierten verschiedene Rollen, bis sie die richtige gefunden hatten – bis endlich ihnen die Gesellschaft andere Sprachen, wörtliche, zu sprechen erlaubte, kurz: bis sie einen Beruf ausüben durften.» Auch die Sprache der Erotik sei – siehe Koedukation, Antibabypille, Handy – keine Kleidersprache mehr: «Das Erwachen der großen Liebe müssen die Mädchen nicht jahrelang durch Bänder und Schleifen vorankündigen; der Knopf im Ohr bereitet heute auf romantische Gefühle vor. Die Musik, nicht das schöne Kleid, wiegt das Mädchen in der Hoffnung auf die Erfüllung der großen Liebe.» Träger der Mode sind für Schlaffer nun nicht mehr die Erwachsenen, sondern die von der Produktivität und der ernsten Welt der Erwachsenen Ausgeschlossenen, die Jungen. Für deren Art von Mode aber, für die Schönheit ein Tabu ist, fehlt Schlaffer jede Begeisterung.

Am Untergang von Schönheit und Weiblichkeit habe die Mode selbst gearbeitet, und zwar vor allem jene Modeschöpferinnen, die begannen – allen voran Chanel –, Frauen als Männer anzuziehen. Jil Sander war mit ihren Business-Anzügen für die berufstätige Frau der Höhepunkt dieser Entwicklung. Den Vogel schießt Vivienne Westwood ab, die noch in ihrer respektlosen Haltung dem weiblichen Geschlecht gegenüber eine männliche Attitüde in die Mode hineintrage und den weiblichen Leib in eine Groteske verwandle. Schlaffer unterschreibt die These von Anne Hollander («Anzug und Eros. Eine Geschichte der modernen Kleidung», 2002), dass das Neue in der Frauenmode, oder besser: die Erneuerung der Frauenmode zu einer Mode der Moderne, in der Übernahme männlicher Schnitttechniken bestand.

Eine Praxis des Weiblich-Werdens

Das sieht Hollander – und mit ihr Hannelore Schlaffer –, scheint mir, grundsätzlich falsch. Daher mag auch Schlaffers tiefer Pessimismus in Sachen Mode, Schönheit und Weiblichkeit rühren. Die Dinge liegen subtiler, raf½nierter, vor allem aber sind sie tröstlicher. Denn was in die weibliche Mode übertragen wurde, ist nicht die Mode der Männer, sondern die der Dandys. Diese hatten das bürgerliche Männerkollektiv längst unter Vorzeichen des Weiblich-Aristokratischen ironisch zersetzt: Nicht «Frau als Mann», sondern «Frau als Mann als Frau» muss die Formel richtig heißen.

Denn was durch die Entwendung «männlicher» Mode erreicht wurde, ist nicht etwa ein erotikfreier Unisex (wie schon George Sand und Madame Bovary alias Flaubert wussten), sondern im Gegenteil eine ungeahnte Steigerung der erotischen Anziehung. Mode kann deshalb nicht «abgelegte Gebrauchskleidung» der Männer sein, und sie untersteht auch nicht dem Diktat der Nützlichkeit. Mode kommentiert solche Trends. Und nach wie vor entsteht dabei das gewisse Etwas – das im Übrigen nie alle hatten. In diesem Spiel des Geistes bestätigt die Mode nicht «die Frau», am allerwenigsten aber «den Mann». Vielmehr ist sie für beide die Praxis eines, sagen wir, Weiblich-Werdens.

So verwundert am Ende nur eins: die Behauptung von Hannelore Schlaffer, dass die Männer, ausgerechnet die Männer, glücklicher seien als die Frauen. Dass das nicht stimmt, weiß doch jedes Kind. Wer hat je eine Frau gesehen, die lieber ein Mann wäre – angesichts von «Cul de Paris, Pompadours, Puffärmeln, gerafften, gerüschten, geschlitzten Röcken, paspelierten, plissierten, genoppten Oberteilen»?

Barbara Vinken



Ausgabe 09.2007
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