Ein reiches, armes Land Warum soziale Ungleichheit die Gesellschaft heute nicht nur in Oben und Unten teilt, sondern auch in Drinnen und Draußen
«Sie sind arm, ohne Willen oder Lebensmut», schrieb «Bild» am 19. Oktober 2006, «die Unterschicht, rund 5 Millionen Menschen in Deutschland.» Zur Illustration dieser These lieferte das Fachblatt für soziale Fragen zwei Fallbeispiele in aller gebotenen Kürze, Foto inklusive: eine alleinstehende Mutter, «die sich aufgegeben hat», und einen Familienvater, «der noch kämpft».
Die meisten Zeitungen und Fernsehsender gaben sich alle Mühe, dieses intellektuelle Niveau zu halten. Und so fegte im Herbst 2006 wieder mal eine mediale Erregungswelle über die Republik hinweg, getarnt als Armutsdebatte, die das ehrgeizige Ziel hatte, am Rande unserer Gesellschaft eine völlig unbekannte Spezies zu entdecken. Gemessen am üblichen Tempo der dauererregten Medienmaschinerie liegt dieses Ereignis in diesem Dezember gefühlte 150 Jahre zurück; die Älteren unter uns werden sich aber gewiss noch erinnern.
Wer nach diesem Unterschichten-Tsunami sein Interesse an der Sache nicht verloren hat, wer sich in die Feinheiten des Problems der modernen Armut und der wachsenden sozialen Ungleichheit in Deutschland vertiefen will, greife zu dem von Heinz Bude und Andreas Willisch herausgegebenen Sammelband «Das Problem der Exklusion». Er hat alles, was die kurzatmige «Unterschichtendebatte» nicht hatte: Sachverstand, Komplexität, gedankliche Schärfe, empirische Grundlagen. Er lenkt den Blick weg von trügerischen Momentaufnahmen hin zu langfristigen Prozessen. Und obwohl dem Buch das Verdienst gebührt, das erste seiner Art auf dem deutschen Markt zu sein, kommt es dennoch um Jahre zu spät.
Der weiße Kragen der Mittelklasse Die Exklusionsdebatte, in Europa seit mehr als fünfzehn Jahren leidenschaftlich geführt, entfaltete unter deutschen Sozialwissenschaftlern – von Politikern ganz zu schweigen – lange Zeit keine große Begeisterung. «Wie war es überhaupt möglich, angesichts von viereinhalb Millionen Arbeitslosen, davon über die Hälfte Langzeitarbeitslose, über viele Jahre hinweg nicht von Exklusion beziehungsweise Ausgrenzung zu sprechen?», fragt Martin Kronauer, Professor für Gesellschaftswissenschaften in Berlin, mit einiger Verwunderung über sich und seinesgleichen schon auf Seite 27. Er antwortet ohne Umschweife: «Gerade weil Ausgrenzung in Deutschland lange Zeit so gut funktionierte, musste sie nicht thematisiert werden. Die gesellschaftliche Mitte war von ihr kaum berührt.» Jetzt jedoch, da es den Mittelklassen an «ihren weißen Kragen» gehe und sie dadurch schwer erschüttert würden, reagierten sie auf ihre Weise auf die Erosion sozialer Sicherheit. Das ist doch ein angemessen selbstkritischer Einstieg ins Thema.
Schon der nüchterne Titel des Buches, der jede Effekthascherei oder gar Skandalisierung vermeidet, führt direkt ins Zentrum der Debatte. Mit dem Begriff der «Exklusion» wird die Landschaft der sozialen Ungleichheit neu vermessen. Nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Eine wachsende Anzahl von Menschen verliert auch den Anschluss an den Mainstream der Gesellschaft. Bei diesen Ausdrucksformen sozialer Ungleichheit geht es nicht allein um die Frage von Oben und Unten, sondern um diejenige von Drinnen und Draußen: Man spricht eben nicht mehr von relativer Unterprivilegierung, die sich an Einkommen, Wohnung und Bildung bemisst, sondern von einer Ausgrenzung, die Menschen ins soziale Nichts rutschen lässt.
Auf dem Spiel steht die Demokratie«Die Leute, die man in den Billigmärkten für Lebensmittel trifft, wirken abgekämpft vom täglichen Überlebenskampf, ohne Kraft, sich umeinander zu kümmern oder aufeinander zu achten, und lassen gleichwohl keine Anzeichen von Beschwerdeführung oder Aufbegehren erkennen», schreiben Heinz Bude und Andreas Willisch, wenn sie dieses Milieu charakterisieren. «Die Jugendlichen hängen herum und träumen vom schnellen Geld in der Drogenökonomie, die Männer mittleren Alters haben sich in die Häuser und Wohnungen zurückgezogen, und die Frauen mit kleinen Kindern sehen mit Mitte zwanzig schon so aus, als hätten sie vom Leben nichts mehr zu erwarten.» Die gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen reduziere sich auf ein «Mitlaufen ohne Ziel» und ein «Dasein ohne Ort», schreiben die beiden Soziologen. Die Betroffenen kennzeichnen sie als «Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige».
Das Buch umfasst insgesamt 14 Aufsätze. Sozialwissenschaftler, Philosophen und Politologen beleuchten ganz unterschiedliche Formen sozialer Exklusion und deren Folgen: angefangen von der frühen Ausgrenzung sozial benachteiligter Jugendlicher im deutschen Bildungssystem über die Trennung städtischer Wohlstandsenklaven von den Armutsinseln durch private Sicherheitsdienste bis hin zu fortschreitenden Verunsicherungsprozessen im mittleren Management der Unternehmen. Erfreulicherweise nehmen die Autoren dabei oft gerade die Paradoxien der Ausgrenzungsmechanismen unter die Lupe.
Martin Kronauer etwa präzisiert das «Draußen» der Exkludierten, indem er darauf hinweist, dass Exklusion heute mehr denn je als Ausgrenzung in die Gesellschaft verstanden werden muss und nicht als Ausgrenzung aus der Gesellschaft: Auch wenn sie nicht an ihr teilhaben, gehören ihr die Ausgegrenzten dennoch an. Gelingt ihre Integration nicht, das macht Kronauer klar, steht nicht weniger auf dem Spiel als die Demokratie. Fast nebenbei unterstreicht er dabei, dass der Kampf gegen Exklusion die «Beseitigung ausgrenzender Verhältnisse» einschließen muss. Das Hauptproblem liegt also nicht etwa allein darin, dass es «der Unterschicht» – um es so platt wie der SPD-Vorsitzende Kurt Beck zu sagen – am Willen zum sozialen Aufstieg mangelt.
Der Berliner Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Rainer Land stellt in einem gemeinsam mit Andreas Willisch verfassten Aufsatz fest, dass scheinbare Ausgrenzung nicht immer wirkliche Ausgrenzung bedeutet, dass parallel zur Exklusion vielmehr die Angebote zur Integration der Betroffenen steigen. Land und Willisch belegen dies mit den unzähligen Förderinstrumenten für den Arbeitsmarkt, mit ABM, Ein-Euro-Jobs und diversen Weiterbildungsmaßnahmen. Diese milliardenschweren Programme seien jedoch nur die «Simulation von Erwerbsarbeit», ein hilfloser Versuch von symbolischer Politik, um die Leute im Spiel zu halten. Hier waltet, so die Autoren, eine «Inklusionsmaschine», die die Überflüssigen erst schafft, deren Integration sie als Ziel vorgibt.
«Das Problem der Exklusion» ruft zur Debatte auf. Es macht deutlich, dass der Exklusionsbegriff theoretisch mehrdeutig ist und sich politisch in unterschiedlicher Weise einsetzen lässt. Die Fachleute streiten darüber, ob Ausgrenzung ein Begriff ist, der für die Abkoppelung der sozial Schwächsten vom durchschnittlichen Wohlstandsniveau reserviert werden sollte, oder ob er nicht vielmehr dafür geeignet ist, eine immer weiter um sich greifende Tendenz der allgemeinen Verunsicherung zu umreißen, die heute bis in die Mitte der Gesellschaft reicht. Einig sind sich die Autoren aber darin, dass Exklusion eine zentrale Kategorie zur Analyse moderner Gesellschaften ist, geradezu ihr Schlüsselbegriff.
«Ausschluss» ungleich «Armut»? Wenn das stimmt, muss der Begriff geschärft – und für die politische Auseinandersetzung gebrauchsfähig gemacht werden. In diesem Zusammenhang mutet es mehr als verdächtig an, dass insbesondere Bude und Willisch, aber auch andere Autoren, den Exklusionsbegriff dem der Armut als einem angeblichen «Skandalisierungskonzept» diametral gegenüberstellen. Das wirkt bemüht. Ganz und gar falsch wird diese Absetzbewegung, wenn behauptet wird, dass sich wachsende Armut in Deutschland «nicht belegen» lasse. Die lässt sich sehr wohl belegen: Da genügt schon ein Blick in den (sogar noch schöngefärbten) zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.
Sicher, soziale Ausgrenzung ist mehr als Armut – aber sie ist auch eine Form von Armut, jedenfalls dann, wenn man darunter mehr versteht als nur die statistische Rechnerei, die Einkommen knapp ober- oder unterhalb einer offiziell festgelegten Armutsgrenze verzeichnet. Warum sollte die Debatte um Exklusion und soziale Ausgrenzung nicht Bestandteil eines modernen Armutsdiskurses werden?
Es geht um einen Skandal ersten Ranges: die beständig anwachsende soziale Ungleichheit in einem reichen, armen Land wie Deutschland. Um dies im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern und wirksame Lösungen dagegen zu entwickeln, braucht es analytische Klarheit – aber auch emotionale Berührung. Letzteres leistet «Das Problem der Exklusion» nicht. Dies ist ein Buch von Experten für Experten. Aber immerhin ein sehr gutes.
Von Jens König