Jules Verne mit der Gebetsfahne Wie Christoph Ransmayr einen Reinhold-Messner-Schlüsselroman klug vermeidet und sich in freien Rhythmen zum Vers-Epos emporschwingt
Beinahe wäre dies ein Abenteuerroman geworden. Um einen verborgenen und vergessenen Berg im Inneren Tibets geht es, an den nur Sagen und Legenden erinnern – heute, mitten im Zeitalter der Satelliten-Kartografie. Zwei irische Abenteurer, zwei «Landtäufer» wollen ihn, anachronistisch und romantisch, zum ersten Mal bezwingen. Der Name des «Fliegenden Berges» entstammt dem tibetischen Mythos vom flüchtigen Herabkommen der Berge vom Himmel auf die Erde, von der sie sich einst wieder entfernen werden (und von der sie schon jetzt manchmal auffliegen), der Geschichte also von einer zugleich steinernen und verfliegenden Welt. Am endlich erreichten Zielort jedoch, der bis zum Schluss zwischen mythischer Fiktion und geografischer Realität oszilliert, ereilt den einen Wanderer der Tod, der andere findet die Liebe und ein neues Leben.
In einer kunstvoll gestaffelten Folge von Rückblenden tritt als Grundproblem die Schuld des Überlebenden hervor, die reale oder gedachte. Denn auch wenn der Text mit dem Paukenschlag der Erinnerung an den eigenen klinischen Tod einsetzt, so ist es doch nicht der Erzähler selbst, der da im Gebirge stirbt, sondern der Bruder, der ihn zunächst über Jahre hinweg dort hinaufgelockt, der ihn im entscheidenden Augenblick errettet hat und der dann wenig später selbst in einer herabdonnernden Lawine verschwindet. Als der Erzähler endlich freiwillig den Aufstieg unternimmt, den jener ihm so lange aufzwingen wollte, da führt gerade dieser befreiende Schritt den Tod des Bruders herbei. Das ist der Anlass der Erzählung, das wird als Eingeständnis an ihrem Ende stehen, daran arbeitet der Erzähler sich ab.
Denn diese Brüder (deren Ähnlichkeit mit den Brüdern Reinhold und Günther Messner so offenkundig ist, wie der Text andererseits alles, was auch nur entfernt nach Schlüsselroman aussehen könnte, vermeidet) sind von Beginn an Antipoden. Sie, die einander «Liam Kaltherz» und «Mousepad» nennen, der rastlose Tatmensch und Phantast und der von diesem mitgezogene meditativ Verweilende – von ferne erinnern sie an Daniel Kehlmanns ungleiches Entdeckerpaar Humboldt und Gauß, bis in die verheimlichte Homosexualität des rastlosen Weltwanderers hinein. Nur dass sich die Antagonisten hier in einer großen, archaischen Tragödie bewegen.
Hang zur kosmischen Mystik «Der fliegende Berg» ist ein physisch-metaphysischer Abenteuerroman: Jules Verne mit der Gebetsfahne. «Ich starb hoch über den Wolken / und hörte die Brandung», heißt es in einem späteren Kapitel. Am Ende der Geschichte werden wir verstehen, dass es hier um Halluzinationen dessen geht, der am Meer aufgewachsen ist und dessen todesnahes Hirn nun die eine Extremlandschaft mit der anderen verwechselt. Doch die sinnverwirrende Vertauschung von Höhe und Tiefe, Einst und Jetzt zielt auf mehr: auf die Aufhebung der Differenzen, die Verwandlung der menschlichen (oder doch nur männlichen?) Sehnsucht nach einem archimedischen Punkt in die unendliche Schwebe, in die Schwebe des Unendlichen.
Spätestens hier gleiten die erzählten Mythen hinüber ins Metaphysische der Erzählung selbst: in eine kosmische Mystik, die aus Naturreligionen und dem tibetischen Buddhismus, aus wissenschaftlicher und biblischer Rede eigentümlich gemischt ist. Der wiederholten Frage Kains, ob er denn «der Hüter meines Bruders» sei, geht die Wiederkehr des Helden als seine «Auferstehung» voraus. Weit, manchmal allzu weit ausgebreitet werden Mythen von der Erfindung der Schrift bis zur Legende vom Schneemenschen, und sie durchdringen sich mit «Wellenlehre» und «Verbrennungswärme». Und immer schon, so erfahren wir, hat die tiefste Neugier des Bruders den letzten Dingen der Astronomie gegolten, den Supernovae und Sterngeburten; immer waren ihm die fernen Höhen der Gebirge nur Ersatz für die unerreichbaren Abgründe des Himmels – auch dies wohl in mehrfachem Sinne.
Der Weg auf den geheimnisvollen Berg, diese sichtbare Unterseite eines unendlichen Weltzusammenhangs, ist auch ein Weg durch die Geschichte und aus ihr heraus. Der Vater der Brüder, ein irischer Nationalist, im Leben und Sterben ein treuer Anhänger der IRA und eingeschworener Feind aller Protestanten, hat einst mit seiner Ehe beinahe auch das Leben seiner Söhne zerstört. Allgegenwärtig sind darum Erinnerungen an Krieg und Gewalt. Und sie verflechten sich eigentümlich mit der Geschichte des besetzten Tibet und dem Kampf der Himalaya-Nationen um ihre kulturelle Selbstbehauptung. Was in der befreienden Initiation, wenn nicht der Erlösung des Erzählers kulminiert, wird darum weit mehr sein als nur ein privates Geschehen.
Epos, in freien Versen gesungen So unverkennbar wir uns mit alldem im vertrauten, dunkel-lockenden Ransmayr-Kosmos befinden – schon beim Blick auf die erste Seite sieht hier doch alles merkwürdig verändert aus. «Ich starb / 6840 Meter über dem Meeresspiegel / am vierten Mai im Jahr des Pferdes.» Dieser erste Satz signalisiert, in meisterlicher Abbreviatur, die Vermischung von europäischer und tibetischer Zeitrechnung, Leben und Tod, Wiederkehr und Auferstehung. Und von diesem Anfang an löst sich die Prosa auf in freie Verse.
Über weite Passagen klingt dieser Roman beinahe, als sänge ihn einer der tibetischen Nomaden am Feuer – oder vielmehr: als spräche hier ein Europäer, der wieder auf dem Weg zum Nomaden, ein Romancier, der auf dem Weg zum epischen Sänger ist. Zwischen «Steigeisen» und «Blutuhr», zwischen «tantrischen Büchern» und «binärem Code» durchwandert er alle möglichen Quellen und Wortfelder – immer auf dem Weg in eine dreidimensionale Wirklichkeit, in der sich dann alle drei Dimensionen auflösen werden in schweigende Ewigkeit.
Dass sich aus der durchgängigen Auflösung des Satzblocks in Kurzzeilen ein «Gedicht» ergebe, das bestreitet der Autor in einer Vorbemerkung ausdrücklich. Stattdessen prägt er, aus «Flattersatz» und «fliegendem Berg», die schöne Wendung vom «fliegenden Satz». Wie immer man dieses Dritte zwischen Prosa und Vers nennen will, eine suggestive musikalische Rhythmisierung erzeugt es jedenfalls. «Das tiefere Blau des Himmels», «die drohende Schwärze des Alls»: um wie viel schwächer wäre der Sog solcher Wendungen ohne ihr daktylisches Gefälle! «So federleicht wie jener Berg, der flog»: dieser Schlusssatz eines Kapitels zeigt sich, typografisch freigestellt, doch unmittelbar als der Blankvers, der er ist.
Erotik im esoterischen Magnetfeld So ambitioniert, ja prätentiös dieses typografische Experiment erscheinen mag, so ernst zu nehmen ist es doch. Denn es zieht die Konsequenzen aus dem, wovon der Text erzählt. Damit steht er nicht ganz allein. Auf unterschiedlichste Weise lassen sich in neueren Arbeiten Durs Grünbeins und Raoul Schrotts, im weltliterarischen Format bei Derek Walcott oder Les Murray Versuche beobachten, aus der Zweiheit von Gedicht und «Roman» heraus-, über sie hinauszukommen, womöglich aus reflexiver Distanz heraus die ursprüngliche Kraft des Epos einzuholen. Ransmayrs fliegender Satz fügt ihnen eine bemerkenswerte Variante hinzu.
Und was er zu erzählen hat, rechtfertigt diese Anstrengung der Form durchaus – die visionären Beschwörungen von Landschaften und Körperempfindungen ebenso wie ihre mythisch-mystische Entgrenzung. Eine bedenkliche Ausnahme bildet ausgerechnet die Liebesgeschichte, mit der auch die Polarität der Geschlechter einrückt ins esoterische Magnetfeld. Hier wird mit der Schnee- auch die Kitschgrenze überschritten. Wie das erlösende Weiblichkeitsbild schlechthin erscheint diese schöne junge Witwe Nyema, die tibetische Nomadin und «Himmelsbraut», die «in mein Leben trat», deren «Haar auf mich herabfloß», und die «sich aus meiner Umarmung löste»; in der Begegnung mit ihr «zerbrach etwas in mir», so «daß ich doch loslassen konnte». Das Pathos, das die Glorie und den Schrecken des Eises und der Finsternis so eindrucksvoll vergegenwärtigt hat – hier gerinnt es zum Klischee.
Das geht vorüber. Was bleibt, was lange nachwirken wird, ist das grandiose Zentralsymbol, in dem der dunkle Glanz dieser Prosa triumphiert. Immer wieder begegnen den Wanderern an den Hängen des Himalaya Schmetterlingsschwärme. Als «schwarzer Schnee» fallen sie im ersten Kapitel aus den Wolken, «filigrane Kadaver»; wie in gläsernen Särgen erblickt der Erzähler sie später im Eis; als bunt geflügelte Bänder sieht er sie endlich in die lebensspendenden Ebenen davonziehen. Leicht wie die Flügel dieser Apollofalter entfaltet sich ihr Bild: bizarres Detail einer unbegreiflichen Natur; mythisches Gleichnis der Seele, die stirbt und wiederkehrt; apollinische Schönheit einer Kunst, die sich über die dionysischen Schlünde des Kosmos erhebt, ehe er sie verschlingt.
Von Heinrich Detering Christoph Ransmayr
Der fliegende Berg. Roman
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2006. 344 S., 19,90 Eur