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Ausgabe 10.06
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Inhalt
Editorial


Schwerpunkt
Ich ist ein Roman.
Autobiografien von Grass, Kertész, Fest

Dichtung und Wahrheit – wie authentisch kann die Selberlebensbeschreibung sein? Mit Beiträgen von Wilfried F. Schoeller, György Dalos und Jens Bisky

Wilfried F. Schoeller
Unversöhnt mit sich selbst
Der Streit um Günter Grass verschiebt sich durch seine Erinnerungen «Beim Häuten der Zwiebel». Jetzt kommt der Romancier dem Autobiografen in die Quere

György Dalos
«Ich habe Auschwitz für mich neu erfunden»
In «Dossier K.» ermittelt der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész gegen sich selbst

Jens Bisky
Ich bin stolz, ein Anderer zu sein
Joachim Fests Jugend-Erinnerungen zeigen den elitären Bürger, der sich mit dem Nationalsozialismus nicht gemein machen wollte

Fotografen im Selbstportrait


Portrait
Sigrid Löffler - Ein Kind der großen Landnahme
Die Essayistin Joan Didion vollendet ihr «Jahr magischen Denkens». Ein Besuch in New York


Das Kriminal

Frohe Weihnachten!
Franz Schuh feiert mit den Redakteuren von «La Repubblica»


Bücher des Monats
Heinrich Detering
Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg
Jutta Person
Alain Montandon: Der Kuß Ruth Klüger
Ruth Klüger
Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz Harald Fricke
Harald Fricke
Jed Perl: New Art City Moritz Baßler
Moritz Baßler
Dietmar Dath: Dirac Walter Filz
Walter Filz
Claudia Roth: Das Politische ist privat


Fünfzig Jahre Ungarn-Aufstand

Péter Esterházy
Der Nachmittag, an dem die Diktatur fiel
Jahrzehntelang war der Volksaufstand von 1956 ein Tabu


Geschichte

Michael Jeismann Alte Sphinx Europa
Wie erzählen die Europäer ihre eigene Geschichte?
Zwei Monumental-Historien von Michael Borgolte und Tony Judt

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Richard Ellis || Ugo Riccarelli || Susanne Fischer || Minka Nijhuis || Vladimir Sorokin || Bernd Pfarr || Thomas Hürlimann
Bildbände von Gueorgui Pinkhassov || Ute Eskildsen (Hg.) || Botero


Briefwechsel zu dritt
Willi Winkler
Das Monster von Hampstead und seine Frau
Veza und Elias Canetti hassen einander leidenschaftlich in ihren Briefen an Bruder Georges


Deutschland, Deutschland
René Aguigah
Wanderers Nachtlieder
Neues von der Heimat-Front: Florian Illies, Wolfgang Büscher, Nicol Ljubic und Adam Soboczynski


Die Beiseite
Feridun Zaimoglu
Hör’ auf zu lesen!
Ein Buch ist die Flucht ins Aus jenseits der Seitenlinie – das weiß jeder Pinguin


Kurz & Bündig
Bücher von Péter Nádas || Bernd Schroeder || Gotthardt Frühsorge, Christoph Schreckenberg (Hg.) || Helmut Dubiel || Pia Frankenberg || Karl Christ || Bildbände von Robert Klanten, Mika Mischler u. a. (Hg.) || Marcel van Eeden


Das Magazin
Mitten aus Barcelona || Kalender || Hörbücher || Literatur im Kino || Netzkarte || Jetzt als Taschenbuch || Was liest Cees Nooteboom?


Impressum

Vorschau, P. S., Register
Editorial
Ordnung, liebe Leserin, lieber Leser,

war einmal das halbe Leben. Wenn man den feuilletonistischen Lobreden auf eine neue Bürgerlichkeit glaubt, sollte heute das ganze Leben aus Disziplin und Benimm, aus schönen Familienfeiern, Tanzstunde, Kirchgang und einem wohlsitzenden Einstecktuch bestehen – eine große Koalition aus Rückschritt und Hipness. Und nun bringt dieser Bücherherbst die Erinnerungen eines echten Bildungsbürgers.

Der kürzlich verstorbene Historiker Joachim Fest erzählt in «Ich nicht», wie sein Vater den Zumutungen des NS-Regimes trotzte und wie er, der Sohn, sich während der Kriegswirren an der schönen Literatur aufrichtete. Schon erkennt mancher Rezensent in dem Buch ein leuchtendes Beispiel für die Gegenwart – die Auferstehung eines historisch unschuldigen Bürgertums. Ein Wunschtraum. Tatsächlich sind Fests Erinnerungen das Dokument einer versunkenen Welt.

Günter Grass, Imre Kertész, Joachim Fest: drei Zeugen des Zweiten Weltkriegs haben ihre Autobiografie verfasst. Literaturen fragt, wie viel Dichtung und wie viel Wahrheit in den Selberlebensbeschrei- bungen von Schriftstellern stecken. Darüber hinaus finden sich in dieser Ausgabe eine Reihe von Neuerscheinungen, die die Grenze zwischen Fiction und Non Fiction umspielen: das Werk der amerikanischen Reporterin und Erzählerin Joan Didion (S. 34); Heimat-Bücher über Deutschland, die zugleich berichten und fabulieren; die Lebensgeschichte des Physikers Paul Dirac, wie sie der Romanautor

Dietmar Dath beschreibt; die autobiografischen Erzählungen des polnischen Auschwitz- Häftlings Tadeusz Borowski. Und an den historischen Aufstand der Ungarn von 1956 erinnert in diesem Heft ein literarischer Text: «Der Nachmittag, an dem die Diktatur fiel» von Péter Esterházy.

Lesen ist, zugegeben, eine bildungsbürgerliche Praxis. Dass dazu auch Comics und Klatsch gehören, sehen Sie auf den folgenden Seiten.

Ihre Literaturen-Redaktion

Schwerpunkt - Ich ist ein Roman
Wenn Schriftsteller in ihren Büchern «Ich» sagen, dann meinen sie meistens nicht sich. Manchmal aber doch. Wenn sie nicht sich selber meinen, spricht man von Romanen. Wenn aber doch, von Autobiografien. Außerdem gibt es Überschneidungen und Hybrid-Formen, etwa den autobiografischen Roman: Da kaschiert der Schriftsteller seine Selberlebensbeschreibung mit einem fingierten Namen und einer Erzählung in der dritten Person. Klassisches Beispiel: «Anton Reiser» von Karl Philipp Moritz.

Die Frage, wie eine Autobiografie beschaffen zu sein hat, was sie kann, darf, soll oder gar muss, wird derzeit zwar hitzig, aber nicht unbedingt sachkundig diskutiert.

Seit Günter Grass «Beim Häuten der Zwiebel» erwischt wurde, sind wir von lauter Literatur-Polizisten umgeben, die Grassens Vergangenheit zur Fahndung ausgeschrieben haben und der Erinnerung des Nobelpreisträgers mit detektivischem Überprüfungseifer zu Leibe rücken.

Was dabei übersehen wird: der Spielraum autobiografischen Schreibens ist riesig.

Nicht von ungefähr gibt der Literaturwissenschaftler Walter Hinck seiner Studie über Theorie und Geschichte autobiografischen Schreibens den Titel «Selbstannäherungen». In Anlehnung an Christa Wolf verwendet er das Wort «Selbstverhör», um diese sich selber beargwöhnende und an der eigenen Erinnerungsfähigkeit zweifelnde Methode gewissenhafter Selbstbefragung von Schriftstellern zu kennzeichnen.

Aus aktuellem Anlass thematisiert Literaturen im Folgenden die literarische Gattung Autobiografie. Neben Günter Grass legen vor allem der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész und der Historiker Joachim Fest ihre Autobiografien vor – Texte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Imre Kertész etwa leugnet rundweg die Existenz der Gattung «autobiografischer Roman» und beharrt darauf, in seinem «Roman eines Schicksallosen» Auschwitz für sich neu erfunden zu haben, wie György Dalos vermerkt. Jens Bisky seinerseits lobt an Joachim Fests «Ich nicht», dass der Autor nicht der Versuchung erliegt, in sich selbst hineinschauen zu wollen; Fests Lebensbericht vollzieht sich in Begegnungen und Gesprächen.

Wie wahrhaftig, aufrichtig und schonungslos gegen sich selbst der Autobiograf auch immer sein möchte – sein Bericht über das eigene Leben kann, weil Selbsttäuschung nie ausgeschlossen ist, nur bedingt zuverlässig und schon gar nicht «authentisch» sein (auch wenn das Genre der Promi-Autobiografie immer wieder die totale Echtheit für sich in Anspruch nimmt, wie das Beispiel der Politikerin Claudia Roth zeigt).

Unabhängig davon, ob es dem Autobiografen eher um Selbstprüfung, Bilanz oder Rechtfertigung zu tun ist, ob sein Antrieb das Verdrängen, gar: Verschweigen, die Selbsttherapie oder die Verteidigung vor dem Tribunal der Zeitgenossen oder der Künftigen ist – in der Retrospektive ändert sich das Vergangene, die Unmittelbarkeit des Gewesenen kann im Erinnern nicht wiederhergestellt werden, die späteren Erfahrungen des Rückblickenden schieben sich dazwischen und wirken als Korrektiv – oder als Filter. Nur mit Befremden kann Günter Grass über sich als Siebzehnjährigen schreiben. Unverwandt starrt er auf sein eigenes jüngeres Selbst, wie Wilfried F. Schoeller feststellt.

Über eines aber müssen sich Liebhaber der Memorabilien-Literatur im Klaren sein: Mehr als Auto-Fiktion kann dabei gar nicht herauskommen. Letztlich ist auch die Autobiografie eine Fiktion: Ich ist ein Roman.

Die Bildstrecke dieses Schwerpunkts zeigt das optische Äquivalent zur Autobiografie – das Auto-Portrait. Eine Reihe renommierter Fotografen stellt sich selber dar.
Christoph Ransmayr - Der fliegende Berg
Christoph Ransmayr Jules Verne mit der Gebetsfahne
Wie Christoph Ransmayr einen Reinhold-Messner-Schlüsselroman klug vermeidet und sich in freien Rhythmen zum Vers-Epos emporschwingt

Beinahe wäre dies ein Abenteuerroman geworden. Um einen verborgenen und vergessenen Berg im Inneren Tibets geht es, an den nur Sagen und Legenden erinnern – heute, mitten im Zeitalter der Satelliten-Kartografie. Zwei irische Abenteurer, zwei «Landtäufer» wollen ihn, anachronistisch und romantisch, zum ersten Mal bezwingen. Der Name des «Fliegenden Berges» entstammt dem tibetischen Mythos vom flüchtigen Herabkommen der Berge vom Himmel auf die Erde, von der sie sich einst wieder entfernen werden (und von der sie schon jetzt manchmal auffliegen), der Geschichte also von einer zugleich steinernen und verfliegenden Welt. Am endlich erreichten Zielort jedoch, der bis zum Schluss zwischen mythischer Fiktion und geografischer Realität oszilliert, ereilt den einen Wanderer der Tod, der andere findet die Liebe und ein neues Leben.

In einer kunstvoll gestaffelten Folge von Rückblenden tritt als Grundproblem die Schuld des Überlebenden hervor, die reale oder gedachte. Denn auch wenn der Text mit dem Paukenschlag der Erinnerung an den eigenen klinischen Tod einsetzt, so ist es doch nicht der Erzähler selbst, der da im Gebirge stirbt, sondern der Bruder, der ihn zunächst über Jahre hinweg dort hinaufgelockt, der ihn im entscheidenden Augenblick errettet hat und der dann wenig später selbst in einer herabdonnernden Lawine verschwindet. Als der Erzähler endlich freiwillig den Aufstieg unternimmt, den jener ihm so lange aufzwingen wollte, da führt gerade dieser befreiende Schritt den Tod des Bruders herbei. Das ist der Anlass der Erzählung, das wird als Eingeständnis an ihrem Ende stehen, daran arbeitet der Erzähler sich ab.

Denn diese Brüder (deren Ähnlichkeit mit den Brüdern Reinhold und Günther Messner so offenkundig ist, wie der Text andererseits alles, was auch nur entfernt nach Schlüsselroman aussehen könnte, vermeidet) sind von Beginn an Antipoden. Sie, die einander «Liam Kaltherz» und «Mousepad» nennen, der rastlose Tatmensch und Phantast und der von diesem mitgezogene meditativ Verweilende – von ferne erinnern sie an Daniel Kehlmanns ungleiches Entdeckerpaar Humboldt und Gauß, bis in die verheimlichte Homosexualität des rastlosen Weltwanderers hinein. Nur dass sich die Antagonisten hier in einer großen, archaischen Tragödie bewegen.

Hang zur kosmischen Mystik
«Der fliegende Berg» ist ein physisch-metaphysischer Abenteuerroman: Jules Verne mit der Gebetsfahne. «Ich starb hoch über den Wolken / und hörte die Brandung», heißt es in einem späteren Kapitel. Am Ende der Geschichte werden wir verstehen, dass es hier um Halluzinationen dessen geht, der am Meer aufgewachsen ist und dessen todesnahes Hirn nun die eine Extremlandschaft mit der anderen verwechselt. Doch die sinnverwirrende Vertauschung von Höhe und Tiefe, Einst und Jetzt zielt auf mehr: auf die Aufhebung der Differenzen, die Verwandlung der menschlichen (oder doch nur männlichen?) Sehnsucht nach einem archimedischen Punkt in die unendliche Schwebe, in die Schwebe des Unendlichen.

Spätestens hier gleiten die erzählten Mythen hinüber ins Metaphysische der Erzählung selbst: in eine kosmische Mystik, die aus Naturreligionen und dem tibetischen Buddhismus, aus wissenschaftlicher und biblischer Rede eigentümlich gemischt ist. Der wiederholten Frage Kains, ob er denn «der Hüter meines Bruders» sei, geht die Wiederkehr des Helden als seine «Auferstehung» voraus. Weit, manchmal allzu weit ausgebreitet werden Mythen von der Erfindung der Schrift bis zur Legende vom Schneemenschen, und sie durchdringen sich mit «Wellenlehre» und «Verbrennungswärme». Und immer schon, so erfahren wir, hat die tiefste Neugier des Bruders den letzten Dingen der Astronomie gegolten, den Supernovae und Sterngeburten; immer waren ihm die fernen Höhen der Gebirge nur Ersatz für die unerreichbaren Abgründe des Himmels – auch dies wohl in mehrfachem Sinne.

Der Weg auf den geheimnisvollen Berg, diese sichtbare Unterseite eines unendlichen Weltzusammenhangs, ist auch ein Weg durch die Geschichte und aus ihr heraus. Der Vater der Brüder, ein irischer Nationalist, im Leben und Sterben ein treuer Anhänger der IRA und eingeschworener Feind aller Protestanten, hat einst mit seiner Ehe beinahe auch das Leben seiner Söhne zerstört. Allgegenwärtig sind darum Erinnerungen an Krieg und Gewalt. Und sie verflechten sich eigentümlich mit der Geschichte des besetzten Tibet und dem Kampf der Himalaya-Nationen um ihre kulturelle Selbstbehauptung. Was in der befreienden Initiation, wenn nicht der Erlösung des Erzählers kulminiert, wird darum weit mehr sein als nur ein privates Geschehen.

Epos, in freien Versen gesungen
So unverkennbar wir uns mit alldem im vertrauten, dunkel-lockenden Ransmayr-Kosmos befinden – schon beim Blick auf die erste Seite sieht hier doch alles merkwürdig verändert aus. «Ich starb / 6840 Meter über dem Meeresspiegel / am vierten Mai im Jahr des Pferdes.» Dieser erste Satz signalisiert, in meisterlicher Abbreviatur, die Vermischung von europäischer und tibetischer Zeitrechnung, Leben und Tod, Wiederkehr und Auferstehung. Und von diesem Anfang an löst sich die Prosa auf in freie Verse.

Über weite Passagen klingt dieser Roman beinahe, als sänge ihn einer der tibetischen Nomaden am Feuer – oder vielmehr: als spräche hier ein Europäer, der wieder auf dem Weg zum Nomaden, ein Romancier, der auf dem Weg zum epischen Sänger ist. Zwischen «Steigeisen» und «Blutuhr», zwischen «tantrischen Büchern» und «binärem Code» durchwandert er alle möglichen Quellen und Wortfelder – immer auf dem Weg in eine dreidimensionale Wirklichkeit, in der sich dann alle drei Dimensionen auflösen werden in schweigende Ewigkeit.

Dass sich aus der durchgängigen Auflösung des Satzblocks in Kurzzeilen ein «Gedicht» ergebe, das bestreitet der Autor in einer Vorbemerkung ausdrücklich. Stattdessen prägt er, aus «Flattersatz» und «fliegendem Berg», die schöne Wendung vom «fliegenden Satz». Wie immer man dieses Dritte zwischen Prosa und Vers nennen will, eine suggestive musikalische Rhythmisierung erzeugt es jedenfalls. «Das tiefere Blau des Himmels», «die drohende Schwärze des Alls»: um wie viel schwächer wäre der Sog solcher Wendungen ohne ihr daktylisches Gefälle! «So federleicht wie jener Berg, der flog»: dieser Schlusssatz eines Kapitels zeigt sich, typografisch freigestellt, doch unmittelbar als der Blankvers, der er ist.

Erotik im esoterischen Magnetfeld
So ambitioniert, ja prätentiös dieses typografische Experiment erscheinen mag, so ernst zu nehmen ist es doch. Denn es zieht die Konsequenzen aus dem, wovon der Text erzählt. Damit steht er nicht ganz allein. Auf unterschiedlichste Weise lassen sich in neueren Arbeiten Durs Grünbeins und Raoul Schrotts, im weltliterarischen Format bei Derek Walcott oder Les Murray Versuche beobachten, aus der Zweiheit von Gedicht und «Roman» heraus-, über sie hinauszukommen, womöglich aus reflexiver Distanz heraus die ursprüngliche Kraft des Epos einzuholen. Ransmayrs fliegender Satz fügt ihnen eine bemerkenswerte Variante hinzu.

Und was er zu erzählen hat, rechtfertigt diese Anstrengung der Form durchaus – die visionären Beschwörungen von Landschaften und Körperempfindungen ebenso wie ihre mythisch-mystische Entgrenzung. Eine bedenkliche Ausnahme bildet ausgerechnet die Liebesgeschichte, mit der auch die Polarität der Geschlechter einrückt ins esoterische Magnetfeld. Hier wird mit der Schnee- auch die Kitschgrenze überschritten. Wie das erlösende Weiblichkeitsbild schlechthin erscheint diese schöne junge Witwe Nyema, die tibetische Nomadin und «Himmelsbraut», die «in mein Leben trat», deren «Haar auf mich herabfloß», und die «sich aus meiner Umarmung löste»; in der Begegnung mit ihr «zerbrach etwas in mir», so «daß ich doch loslassen konnte». Das Pathos, das die Glorie und den Schrecken des Eises und der Finsternis so eindrucksvoll vergegenwärtigt hat – hier gerinnt es zum Klischee.

Das geht vorüber. Was bleibt, was lange nachwirken wird, ist das grandiose Zentralsymbol, in dem der dunkle Glanz dieser Prosa triumphiert. Immer wieder begegnen den Wanderern an den Hängen des Himalaya Schmetterlingsschwärme. Als «schwarzer Schnee» fallen sie im ersten Kapitel aus den Wolken, «filigrane Kadaver»; wie in gläsernen Särgen erblickt der Erzähler sie später im Eis; als bunt geflügelte Bänder sieht er sie endlich in die lebensspendenden Ebenen davonziehen. Leicht wie die Flügel dieser Apollofalter entfaltet sich ihr Bild: bizarres Detail einer unbegreiflichen Natur; mythisches Gleichnis der Seele, die stirbt und wiederkehrt; apollinische Schönheit einer Kunst, die sich über die dionysischen Schlünde des Kosmos erhebt, ehe er sie verschlingt.

Von Heinrich Detering

Christoph Ransmayr
Der fliegende Berg. Roman
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2006. 344 S., 19,90 Eur


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