Suche 
 
 
Ausgabe 07/08.06
Seiten (3) : Zurück [1]  2  3  Vor 
Inhalt
Editorial


Schwerpunkt
Die USA und der Terror - Weltmacht wohin?
Vom Verschwinden eines Gelobten Landes Mit Beiträgen von Bernd Greiner, Hans Ulrich Gumbrecht und Heinrich Wefing

Bernd Greiner
Dunkelmänner als Illuminati
Fünf Jahre nach «9/11»: Wie konnte der Regierungsapparat der amerikanischen Demokratie zur Beute von Glaubenskriegern werden?

Hans Ulrich Gumbrecht
Freunde Amerikas
Ist der amerikanische Traum in Wirklichkeit eine Erfindung der Europäer?

Heinrich Wefing
Das Beste kommt erst noch
Drei literarische Variationen zum amerikanischen Ur-Mythos, der Erlösungsphantasie von der Nation in Bewegung


Portrait
Mark M. Anderson
Wo die Schrecken der Kindheit verborgen sind
W. G. Sebalds Dilemma der zwei Väter


Das Kriminal
Glanzstücke englischer Küche
Franz Schuh genießt Steaks im Wembley-Stadion


Bücher des Monats
Sigrid Löffler
Robert Ferrigno: Prayers for the Assassin
René Aguigah
Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer
Martin Pollack
Zbigniew Mentzel: Alle Sprachen dieser Welt
Richard David Precht
Tim Flannery: Wir Wettermacher
Wolfgang Schneider
William T. Vollmann: Huren für Gloria
Jan Assmann
Giorgio Agamben: Die Zeit, die bleibt


Regelwerke
Wolfgang Kemp
Leib und Ordnung
Über die Aktualität der Zehn Gebote und der Sieben Todsünden


Spionage
Eva Horn
Zeig’ mir dein Staatsgeheimnis
Demokratie und «Secret Intelligence»


Datenströme
Jutta Person
Jenseits von Google und Babel
Im digitalen Zeitalter wird Wissen neu organisiert – aber von wem?


Die Beiseite
Feridun Zaimoglu
Wie isst man das?
77 schwierige Gerichte


Literaturen-Special
Josef Winkler Indisches Notizbuch


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Magnus Mills || Hannah Arendt || Carlo Levi || Georg Brunold || Richard Yates || Jost Hermand || Antonio Tabucchi || Frank Schätzing (Hg.) || Gisela Graichen, Horst Gründer || Dirk van Laak || Cécile Wajsbrot || Russell Banks || Bernardo Carvalho || Henning Mankell || Norberto Fuentes || Leslie Kaplan Bildbände von: Kunstverein Ulm (Hg.) || Hannes Etzlstorfer (Hg.) || Angelika Taschen (Hg.) || Michael Petzel, Marianne Winkler || Orlando Vazau


Weisse Elefanten
Michael Schmitt und Bo Steen
«Abseits im Abseits bin ich gern allein …»
Hörbücher über Helden und Wilde Hühner


Deutsche Dichter
Stephan Schlak
Ein aufgetauter Kälte-Panzer
Gottfried Benn ist im Poesiealbum der Bundesrepublik angekommen


Promenade
Martina Meister - Eine rote Kurtisane
«Die Erfindung von Paris»:
Eric Hazan hat ein grandioses Stadtportrait geschrieben


Kurz & Bündig
Bücher von Oksana Sabuschko || Clemens Wolken, Michael Kerstan (Hg.) || Jessica Durlacher || Duccio Canestrini || Patrick Hamilton || Amélie Nothomb || Rebecca Goldstein || Barbara Ehrenreich || Simonetta Agnello Hornby || Klaus Sander, Jan Werner || Bildbände von Weegee || Barbara Nemitz (Hg.) || A. Racinet, M. Dupont-Auberville


Das Magazin
Mitten aus Kopenhagen || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Netzkarte || Was liest Silvia Bovenschen? || Hörbücher || Leserbriefe


Impressum

Vorschau, P. S., Register
Editorial
In drei Weltgegenden, liebe Leserin, lieber Leser,

steht die Politik der Regierung Bush derzeit besonders auf dem Prüfstand: im Irak, in Iran und in den USA selbst. Im Irak haben es die Amerikaner nach ihrer Invasion mit einem selbst verursachten Teufelskreis zu tun: Während sie Terroristen und Aufständische bekämpfen, wächst die Gefahr eines Bürgerkriegs zwischen ethnischen und religiösen Gruppen. Zudem treten die Parallelen zwischen dem Irak-Feldzug und dem Vietnam-Krieg immer deutlicher zutage – bis hin zur Aufdeckung eines Massakers amerikanischer Marines an irakischen Zivilisten, das fatal an My Lai erinnert.

Wie weit das Weiße Haus gehen würde, um Iran an der Herstellung von Atombomben zu hindern, und welche aggressiven Pläne derzeit im Pentagon und in den US-Geheimdiensten erwogen werden – darüber weiß beispielsweise Seymour M. Hersh vom «New Yorker»-Magazin, der wohl bestinformierte investigative Reporter der Welt, beunruhigende Details mitzuteilen. Auch in den USA selbst widersprechen die Tatsachen immer eklatanter dem Selbstbild einer omnipotenten Weltmacht auf dem politisch richtigen und gottgefälligen Weg, wie es von der Bush-Administration unbeirrt beschworen wird. Während der Irak-Krieg im vierten Jahr ohne absehbares Ende andauert und der fünfte Jahrestag des al-Qaida-Anschlags vom 11. September 2001 bevorsteht, hadert Amerika immer heftiger mit sich selbst. Zahlreiche Bush-Kritiker im Lande melden sich mit kritischen Untersuchungen zur aktuellen Politik der USA zu Wort. In durchweg pessimistischen Darstellungen entwerfen sie ein düsteres Bild der Lage.

Anlass genug für Literaturen, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Dieses Doppelheft ist auf den Schau-platz USA fokussiert, betrachtet aber auch das Krisen-Management im Irak und in Iran. Die Rolle der Geheimdienste wird ebenso beleuchtet wie die Art, in der sich Amerikas Selbstbilder und Angstprojektionen in der aktuellen Literatur widerspiegeln. Und hinter allem dräut die Schreckensfigur der Gegenwart schlechthin – der Selbstmord-Attentäter, wie Hans Magnus Enzensberger ihn sieht. Natürlich finden sich in diesem Literaturen-Doppelheft aber auch ganz andere Lese-Abenteuer – literarische Reisen in W. G. Sebalds Allgäuer Kindheit, nach Paris, nach Indien und in die virtuellen Google-Welten. Einen vielseitigen Lese-Sommer wünscht

Ihre Literaturen-Redaktion

Schwerpunkt - Die USA und der Terror - Weltmacht wohin?
«Amerika, Du hast es besser» – nie klang Goethes Seufzer von 1827 fremder als heute. Demnächst jährt sich der Angriff auf das World Trade Center zum fünften Mal, seit dem 11. September 2001 wird «Krieg gegen den Terror» geführt. Amerikanische Soldaten kämpfen seit drei Jahren – noch immer ohne klares Konzept – im Irak, amerikanische Gefängnisse haben die Folter als Methode wiederentdeckt, bürgerliche Freiheitsrechte werden beschnitten. Die Gefahr von Terroranschlägen aber hat nicht abgenommen. Wohin steuert, wohin taumelt die einzig verbliebene Weltmacht? Es sind Autoren in den USA selbst, die die amerikanischen Zustände kritisieren. Bernd Greiner hat die neuesten politischen Bücher gelesen. Seine Analyse zeigt: Schon seit 1947 arbeitet das Weiße Haus daran, seine Kompetenzen zu erweitern – zu Lasten der parlamentarischen Kontrolle. Präsident Bush und die Seinen haben sich mittlerweile den gesamten Regierungsapparat untertan gemacht. Der deutsche Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht – US-Staatsbürger seit fünf Jahren – denkt in seinem Essay über die kritischen «Freunde Amerikas» in Europa nach. Der Traum von der Einheit des Westens war unrealistisch, so seine These; auf beiden Seiten des Atlantiks weiß man weniger voneinander, als zu wünschen wäre. Heinrich Wefing entdeckt in neuen Romanen und Erzählungen den amerikanischen Mythos schlechthin: fortgehen, noch einmal anfangen, sich neu erfinden – Amerika, das Beste kommt erst noch!

Das Kriminal
Das Kriminal Glanzstücke englischer Küche
Im Alter wird man zum Veteranen dessen, was man einst mit Vergnügen aufgeschnappt hat. Deshalb erzählen die Alten immer dieselben Geschichten (und gewiss auch, weil sie – wie das Fernsehprogramm – vergessen haben, dass sie sich wiederholen). Ich erzähle gern und immer wieder ein Ereignis aus einem der Beatles-Filme: Die Beatles werden gefragt, was sie denn am liebsten im Kino sehen, und es folgt die Antwort: die deutschen Edgar- Wallace-Filme.

Der Witz dieser Antwort rührt für mich daher, dass echte Briten Freude an einer deutschen Fälschung haben. An die erfreuliche Fälschung dachte ich bei der Lektüre von Erich Loests «Der Mörder saß im Wembley-Stadion» (Steidl, 10 §). Dieses Buch hat einen historischen Hintergrund, und damit meine ich weniger die Fußballweltmeisterschaft von 1966, sondern die vom Autor im Nachwort festgehaltene Entstehungsgeschichte: Loest war nach siebenjähriger Haft in Bautzen entlassen worden. Damit er nicht Hilfe im Westen suchte, stellte der geheime Stasi-Spitzel «Adler», ein Lektor und «Freund» Loests, Kontakte zu Berliner Verlagen her: «Herr Loest, Sie sollten Kriminalromane schreiben!», also irgendwas, das nicht in der DDR spielt und bei dem man ein Stück Anti-Imperialismus unterbringen kann. «Damit ist dringend benötigtes Geld zu verdienen – na?» 1967 war das Buch zum ersten Mal erschienen, und jetzt, in neuer Bearbeitung, ach ja, kurz vor der Weltmeisterschaft, liegt es wiederum vor. In einer Rezension las ich, Loest verfüge über etwas Schreckliches, über etwas ganz Entsetzliches, nämlich über eine «augenzwinkernde Schreibe». Augenzwinkernde Schreibe wird nur bei Bindehautentzündung verziehen. «Der Mörder saß im Wembley- Stadion» ist ein Kriminalroman mit stark parodistischen Akzenten (oder solchen, die man überhaupt nur aushält, wenn man sie als Parodie auffasst), und merkwürdig, wenn Loest im Nachwort betroffen schreibt, dass sein aus den Stadtplänen und Fotos der Deutschen Bücherei konstruiertes Wembley «in Wirklichkeit» anders aussieht, dann scheint er zumindest fürs Erste den Reiz seiner Fälschung nicht zu akzeptieren. Ich gebe zu, die Fälschung (die bei Loest auch aus der Unkenntnis des wirklichen London stammt) erinnert mich an eine Original-Fälschung: an die deutschen Edgar-Wallace-Filme. Es kommt zwar kein Frosch (geschweige denn einer mit der Maske) vor, aber immerhin ein Meisterverbrecher, der «Delphin» genannt wird. Der «Delphin» steht hinter allem, und ich schwöre, kaum war der Name gefallen, wusste ich schon, wer er ist und was er im Zivilberuf so treibt. Die Edgar-Wallace-Filme schufen eine eigene archetypische Welt des Verbrechens: ein schneller vifer Inspektor, eine junge weibliche Unschuld in Gefahr (sie trägt bei Loest den schönen Namen «Babette Horrocks»); ein Journalist, der die Nase zu tief in den Fall steckt, als dass er sie noch einmal herausziehen könnte.

Das Verbrechen hatte in den Filmen nicht selten eine solide Grundlage: Halbe Genies waren dafür zuständig, prima Bankräuber oder Gefängnisausbruchsspezialisten. Auch kleine Gauner, in der Hierarchie des Bösen ganz unten, mussten vorkommen, um – als schwächstes Glied in der Kette – die Spuren in die richtige Richtung zu legen. Gut ist das von Loest geschrieben, wie so ein kleiner Gauner von Spezialisten aus dem Zuchthaus befreit wird. Er greift instinktiv zur Strickleiter, die ihm ein maskierter Mann von der Mauer herab zuwirft. Eigentlich wird er ja bald entlassen und will gar nicht ausbrechen, aber der Mensch hat eben Reflexe, die ihn jetzt schon zur Freiheit drängen. Was soll ich sagen, die Spezialisten haben perfekt gearbeitet – sie haben allerdings nur ein kriminelles Leichtgewicht, also den Falschen befreit. Ein Mord, der natürlich in der Telefonzelle passiert, liest sich so: «… drehte sich halb zur Seite und hielt sich schwankend fest; da schoss der Mann noch einmal. Er nahm den pendelnden Hörer auf und hielt ihn ans Ohr: ‹Was ist denn!›, rief eine Stimme. ‹Haben Sie …› Der Mörder hängte auf.»

Wenn das nicht die Verschriftlichung einer Filmszene ist, dann sind die Wallace-Filme vergeblich gedreht worden. Pate von Loests Schreibweise ist der ½ktive Nebel, aus dem das Schreckliche hervortritt. Das Nebelhafte wird mit konkreten Angaben gespickt, darunter der Maien-Gag: «Richmond ist herrlich im Wonnemonat.» Da haben sicher alle Stadtpläne und Fotos von London in der Deutschen Bücherei zu kichern begonnen. Einmal steht auf der Speisekarte von Kommissar Varney: «Ein zartes Steak Wellington, das Glanzstück der englischen Küche, dazu Wirsing.» Dazu sage ich nichts. Manchmal bleibt die Chose im altväterischen Stil stecken. Aber ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen, und sogar die Fußballweltmeisterschaft hat mich wenig gestört. Ja, ja, das waren bittere Minuten für uns Anglophile, als Hurst in der 78. Minute endlich einschoss – ich glaube, gegen Argentinien, und am Ende lauteten «die Paarungen»: England gegen Portugal und Deutschland gegen die Sowjetunion. Vorbei, vorbei. Aber einen Gedanken habe ich noch: Ich bin sicher, was immer auch der Mensch sich zusammenreimt und -dichtet, damals im Wembley-Stadion saß in der Masse ein wirklicher Mörder. Was heißt: einer? – zwei oder drei, vielleicht sogar eine ganze Mörderbande. Gedenken wir ihrer und hoffen wir, dass sie alle erwischt worden sind.

Von Franz Schuh

Seiten (3) : Zurück [1]  2  3  Vor 
[ Partituren | Theaterheute | Opernwelt | ballet-tanz | tanz-journal | Friedrich Berlin Verlag ]               
  © 2009 Literaturen.de Druckansicht