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Übersicht Ausgabe 04.2006 |
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Inhalt |
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Editorial Nicht nur Odysseus, liebe Leserin, lieber Leser, auch Orpheus oder Orest kommen uns entgegen, wenn wir die Buch-Neuerscheinungen dieses Frühjahrs betrachten. Zumeist sind... Fotografie Fehlfarbige Filmhelden regieren diese Welt Stefanie Schneiders Foto-Band «Stranger than Paradise» Schwerpunkt Die Wahrheit über Wolfgang Koeppen Phantom der Literatur: der politische Skandal-Autor und große Schweiger der Bundesrepublik «Nein. Wolfgang Koeppen. Mein Leben» Der versprochene Roman erschien nie – Wolfgang Koeppens Lebensroman steckt im Briefwechsel mit Siegfried Unseld «Lärm war die Antwort auf seine Stille» Auskünfte von Ulla Unseld-Berkéwicz Das Kriminal An der Heilquelle Franz Schuh und Kommissar Maigret kurieren sich aus Bücher des Monats Bernd Greiner Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo Sigrid Löffler Clemens Meyer: Als wir träumten René Aguigah Richard Rorty, Gianni Vattimo: Die Zukunft der Religion Heinrich Detering Judith Kuckart: Kaiserstraße Gunter Hofmann Lars Brandt: Andenken Hermann Kurzke Peter von Matt: Die Intrige 100 Jahre Beckett Daniel Kehlmann Ein Barde des Weitermachens Samuel Becketts Prosa Thomas Macho Ein Doppelgänger seiner selbst Samuel Becketts Medien Die Beiseite Sibylle Berg Soll ich jemanden für dich erschießen? Ein kleines Lied auf die Zweckgemeinschaft Das Journal Rezensionen neuer Bücher von Margriet de Moor || Julian Rubinstein || Katharina Hacker || Sibylle Lewitscharoff || Dan Diner || Gudrun Krämer || Werner Ende, Udo Steinbach (Hg.) || Igor Kostin Bildbände von Guido Mocafico || Jessica Backhaus Berlusconis Italien Jutta Person Im Land der finsteren Kanäle Der Publizist Paolo Flores d’Arcais kämpft gegen die Ent-Demokratisierung Italiens Weisse Elefanten Britta Sebens Pechvögel auf dem Weg nach unten Louis Sachar schickt seine Helden in die Gefahrenzonen der sozialen Wirklichkeit Katastrophen Ulrich Baron Der Boden schwankt, der gute Gott stürzt Vor hundert Jahren wurde San Francisco von einem Erdbeben zerstört Das Magazin Mitten aus Madrid || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Netzkarte || reform der rechtschreibung || Hörbücher || Was liest Jan Philipp Reemtsma?
Impressum
Vorschau, P. S., Register
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Editorial |
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Suhrkamp-Watching, liebe Leserin, lieber Leser, ist in der Literaturszene derzeit ein beliebter Sport. Davon zeugen schon die zahllosen «Was ist los bei Suhrkamp?»-Glossen, die mit lüsterner Besorgnis jedem Mitarbeiter hinterdreinorakeln, der den Verlag verlässt, und aus dem Abgang eines Lektors am liebsten gleich den Untergang des Hauses Unseld heraus- lesen möchten. Statt jeden Schritt der Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz zu belauern und jedes Signal interner Diadochenkämpfe missgünstig auszudeuten, empfiehlt sich in diesen Tagen viel eher die Lektüre eines unglaublichen neuen Suhrkamp-Buches: des Briefwechsels zwischen dem Verleger Siegfried Unseld und seinem Autor Wolfgang Koeppen. Der Band ist, je nach Standpunkt des Lesers, eine Offenbarung oder ein Offenbarungseid. Nicht einmal die Publikation des Briefwechsels zwischen Unseld und Uwe Johnson (1999) gewährte einen derart intimen Einblick in den Suhrkamp-Kosmos wie diese Enthüllungsgeschichte. Wie man weiß, hat Unseld 36 Jahre lang den nicht-publizierenden Romancier Koeppen alimentiert, mit einer Großzügigkeit, die betriebswirtschaftlich kaum zu rechtfertigen war. Der Verleger hat den Autor ausgehalten, der Autor hat den Verleger hingehalten und den stets als fast vollendet angekündigten, jedoch ungeschriebenen Roman nie geliefert. Was man nicht wusste und jetzt erst aus dieser rückhaltlos kommentierten Briefausgabe en detail erfährt, ist die Tragikomödie des fatalen Zusammenpralls zweier Temperamente, die sich wechselseitig blockierten: ein Dynamiker und ein Lethargiker, ein Tatmensch und ein Faulpelz, ein ungestüm fordernder Mäzen und ein berechnender Schmarotzer. Koeppens Schreibkrise und Unselds Vereinnahmungs-Furor bedingten sich gegenseitig. Zu lange inszenierte der Verleger einen stummen Einsiedler zu einem Großereignis der Literatur – nicht ohne Mithilfe eines willig und wissentlich mitspielenden Feuilletons –, als dass er ihn ohne Prestigeverlust noch hätte fallen lassen können. Darauf wiederum spekulierte Koeppen. Der Vorgang wirft ein bezeichnendes Licht auf den blindlings Suhrkamp-fixierten Literaturbetrieb der alten Bundesrepublik, wie die Titelgeschichte in dieser Literaturen-Ausgabe zeigt. Wie es heute um Suhrkamp steht, veranschaulicht ein anderer, wenn man will symbolträchtiger Beitrag im Heft: Daniel Kehlmanns Hommage an Samuel Beckett (siehe Seite 46). Ein abgewanderter Suhrkamp- Autor, der erst bei und durch Rowohlt zum Weltautor avancierte, huldigt einem der Großen von Suhrkamps Backlist. Anders als zu Unselds Zeiten prunkt Suhrkamp heute eher mit seinen großen toten als seinen bedeutenden lebenden Schriftstellern. Wäre da nicht das nach wie vor exzellente und die geisteswissenschaftliche Debatte entscheidend mitbestimmende Sachbuchprogramm, man müsste den Suhrkamp Verlag so verorten, wie ihn viele bereits sehen wollen: als eines unter mehreren mittelständischen Familienunternehmen der Verlagsbranche, nicht schlechter, aber auch nicht besser als jene. Ihre Literaturen-Redaktion
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Schwerpunkt - Die Wahrheit über Wolfgang Koeppen |
 Er war der große Rätselhafte der deutschen Nachkriegsliteratur: Wolfgang Koeppen, dessen Romane «Tauben im Gras», «Das Treibhaus» und «Der Tod in Rom» Anfang der fünfziger Jahre einen literarisch-politischen Skandal auslösten. Koeppen hatte thematisiert, wie alte Nazi-Seilschaften den gerade gegründeten demokratischen Staat prägten. Seit Mitte der Fünfziger verfiel der Autor in Schweigen. Obwohl Jahr um Jahr angekündigt, erschien sein neuer Roman nie – aus politischen Gründen, wie man vermutete. Der sich über fast vierzig Jahre erstreckende Briefwechsel Koeppens mit seinem Verleger Siegfried Unseld lenkt auf ganz andere Spuren. Sie führen in eine Lebensgeschichte, die fast das gesamte 20. Jahrhundert umfasste, zugleich aber auch in ein riesiges Text- und Materialgebirge, das der 1996 verstorbene Schriftsteller hinterließ. Frauke Meyer-Gosau ist diesen Spuren nachgegangen und hat Kenner der Koeppen-Materie befragt. Nun zeigt sich: Der Autor, der angeblich nicht mehr schrieb, arbeitete unablässig. Der politische Seismograf der frühen Jahre der Republik interessierte sich für Politik höchstens am Rande. Und vermeintlich arm wie eine Kirchenmaus, war er dem guten Leben durchaus zugetan. Ulla Unseld-Berkéwicz war mit Wolfgang Koeppen seit 1984 befreundet. Sie beschreibt, wie diese Freundschaft zustande kam, und welche Sicht die heutige Chefin des Suhrkamp Verlags auf diesen mit allen großen Literaturpreisen des Landes ausgezeichneten Autor hat.
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Mitten aus Madrid |
 Vom Nachzügler zum Klassenprimus: so lässt sich das Selbstverständnis Spaniens in den letzten zwei Jahrzehnten auf den Nenner bringen. Eine dynamische Wirtschaft, ein rapide wachsender Markt, rasche soziale Veränderungen, ein auf etwas tönernen Füßen stehender Wohlstand: Spanien hat in vielen Dingen aufgeholt und seine europäischen Nachbarn zum Teil sogar überholt. Teil dieses wirtschaftlichen Aufschwungs ist auch der Buchmarkt, der seit den achtziger Jahren umfassenden Änderungen unterworfen ist. Nationale und internationale Mediengruppen haben fast alle bedeutenden Verlage an sich gebracht und sie in ein multimedial ausgerichtetes Konzept eingebunden. Hand in Hand operieren Verlage, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender im Interesse ihrer jeweiligen Gruppen, die politisch einer der beiden großen Parteien mehr oder weniger nahe stehen. So hat sich in Spanien schon längst eine Entwicklung vollzogen, die in diesen Dimensionen erst in den letzten Jahren auch Deutschland heimsuchte: die durchorganisierte Kommerzialisierung des Literaturbetriebs. Berichte über Auflagenhöhe, Verkaufszahlen und Vorschüsse haben literarische Debatten abgelöst, die Grenzen zwischen Genre-Literatur und ernsthaften Texten mit wie auch immer definierten «literarischen» Ansprüchen werden nicht einmal mehr diskutiert, sondern sind schon lange verwischt. Medienstars lassen sich von Ghostwritern Bestseller fabrizieren, deren triviale Machart nur dann thematisiert wird, wenn sie sich – wie etwa im Fall der populären Radiomoderatorin Ana Rosa Quintana – als wortwörtliches Plagiat anderer Kitsch-Romane herausstellen. Drei Beispiele aus jüngster Zeit beleuchten besonders gut die grundsätzliche Misere des spanischen Literaturbetriebs. Der nach einer der größten Mediengruppen des Landes benannte «Premio Planeta» gehört zu den höchstdotierten Literaturpreisen der Welt. Immerhin 601.000 Euro warten auf die Gewinner, die, fundierten Gerüchten zufolge, nicht nach der Qualität ihres Textes, sondern nach dessen Verkaufbarkeit ausgewählt werden. Im Herbst des Vorjahres trat der Schriftsteller Juan Marsé aus der Preis-Jury zurück, da die Romane der beiden Gewinner zwar «gut gemeint, aber misslungen» seien. Als ihn die Preisträgerin, ein katalanischer Medienstar namens Maria de la Pau Janer, daraufhin als Enfant terrible bezeichnete, meinte Marsé vielsagend, er spreche «von Literatur und nicht vom Literaturbetrieb». Womit er das Kernproblem traf: Marsé, einer der wichtigsten spanischen Gegenwartsautoren, suchte literarische Qualität dort, wo es nur um ökonomische Quantität ging. Dass wirtschaftliche Interessen Vorrang vor Unabhängigkeit haben, musste neulich auch der Kritiker Ignacio Echevarría erfahren. Er hatte den Roman «Der Sohn des Akkordeonisten» des baskischen Autors Bernardo Atxaga verrissen. Das Problem dabei war, dass er es in der Kulturbeilage der Tageszeitung «El País» tat, die zur selben Mediengruppe gehört wie der Verlag Alfaguara, der Atxaga mit diesem Roman für sich gewonnen hatte. Es ging nun nicht vorrangig darum, ob der Roman Atxagas tatsächlich so schlecht und ob die Kritik wirklich eine «Massenvernichtungswaffe» war, wie der Herausgeber von «El País» erzürnt behauptete. Tatsächlich zählt der Roman nicht zu Atxagas Meisterwerken, und Echevarría ist seit je für seine Polemiken berüchtigt. Das eigentliche Problem bestand darin, dass Echevarrías Kritik sich gegen die kommerziellen Interessen des «hauseigenen» Verlags wandte, da der Roman einer der Programmschwerpunkte war. Außerdem hatte er Atxagas Haltung zur Basken-Politik kritisiert, die freilich mit der von «El País» übereinstimmte. So wurde der Kritiker nach vierzehnjähriger Mitarbeit abserviert. Wenn das Buch in erster Linie Handelsware ist, wird es auch vorrangig nach kommerziellen Kriterien gemessen. Dies musste der österreichische Autor Erich Hackl erfahren, als er die Belegexemplare seines Buchs «Die Hochzeit von Auschwitz» erhielt. Darin wird die Geschichte des Österreichers Rudi Friemel nacherzählt, der sich im Spanischen Bürgerkrieg in eine Spanierin verliebte, die er nach seiner Gefangennahme in Auschwitz heiraten konnte, ehe er wenig später dort ermordet wurde. Auf dem Umschlag der spanischen Übersetzung prangte nun zwar ein Foto einer Hochzeit in einem Konzentrationslager, doch hatte es rein gar nichts mit dem realen Fall zu tun. Und der Text brach vollkommen unmotiviert mitten in einem Satz des vorletzten Kapitels ab. Mehrmalige Proteste des Autors halfen nichts, erst eine Androhung gerichtlicher Schritte konnte den Verlag dazu bringen, die fehlerhaften Exemplare zurückzuziehen und eine Neuauflage herauszubringen. Die Sorgfalt im Umgang mit Literatur lässt deutlich nach, es herrscht auch bei Büchern zunehmend Massenproduktion, die einzig dazu dient, den Betrieb in Gang zu halten. Auf der Strecke bleibt in diesem Literaturspektakel vor allem eines: die gute Literatur, die in Spanien sehr wohl geschrieben und auch übersetzt wird, aber nur wenig Chancen hat, außerhalb eines kleinen Kreises wahrgenommen zu werden.
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Das Kriminal |
An der Heilquelle Mein letzter Arztbesuch erinnerte mich an die Leiche, die ich einmal sein werde. Also beschloss ich, auf Kur zu fahren. Beim Kofferschleppen verriss ich mir das Kreuz, dachte aber, macht nix – das kriegen die schon hin! Hätte ich nur den Doppelsinn von Hinkriegen beachtet, meine Zukunft wäre nicht ganz so im Dunkel gelegen. Man soll eben auf die Sprache hören. Im Kopf jedenfalls hatte ich einen Buchtitel: «Der Commissaris fährt zur Kur» von Janwillem van de Wetering, aber was ich nicht mehr wusste: Fährt der jetzt wirklich auf Kur oder bleibt er gescheiterweise zu Hause? Ich fand darüber einen herrlich kryptischen Text: «Luku Obrian, der Fürst im Amsterdamer Rotlichtbezirk, ist erschossen worden. Die Liste der Verdächtigen ist lang, denn er hatte viele Feinde. De Gier und Grijpstra ermitteln im Milieu. Der Commissaris will zur Kur nach Österreich, doch dann lernt er Onkel Wisi kennen, und plötzlich sieht er den Mord in einem völlig anderen Licht …» Sicher auf Kur gefahren ist einer: Maigret. Ich hätte es fast übersehen, heißt doch das Buch, das von dieser Unglaublichkeit erzählt, in der deutschen Übersetzung: «Maigret in Kur» von Georges Simenon (Diogenes, 7,90 §), und das klingt für mich, als wäre der Kommissar in einen falsch geschriebenen Schweizer Ort verschickt worden. Und da ist sie, diese eine Szene im Leben des Mannes: Maigret ist eingeladen bei einem befreundeten Arzt, da fällt auf ihn ein medizinischer Verdacht. Bei Tisch gab’s noch eine Lieblingsspeise, nämlich Ente in Blutsauce, aber Maigret zeigt Zeichen von Appetitlosigkeit, und selbst einen alten Armagnac spült er nicht in jenen Mengen runter, in denen so was erst richtig schmeckt. Das führt unweigerlich zur ärztlichen Intervention: «Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie mal eben untersuche?» «Mal eben» ist gar nicht so schlecht, weil die Floskel den Anflug einer Peinlichkeit, die notwendig geworden ist, dokumentiert. Was fehlt dem Kommissar? Es fehlt ihm, dem Dreiundfünfzigjährigen, nichts Bestimmtes, aber an allem ein wenig – man ist nicht g’sund, man ist nicht krank, man ist erschöpft. Also in die Kur! Beim Kurarzt wiederholt sich die Schlüsselszene. Diesmal aber wird sie vom kommissarischen Innenleben schmerzlich kommentiert: «Vielleicht blieben ihm noch dreißig Jahre zu leben, aber genauso gut konnte ihm jemand in wenigen Minuten schonend beibringen, dass sein Leben als gesunder Mensch, als normaler Mensch zu Ende war und dass er seinen Beruf nie wieder ausüben würde.» Der Leser, und das weiß der Autor, weiß es besser. Im Handumdrehen ist Maigret in einen Mordfall verwickelt. Das warf seine Schatten voraus: Beim Flanieren im Kurpark war dem Kommissar eine Frau vor dem Musikpavillon aufgefallen. Was soll man denn tun in der ärztlich verordneten Langeweile, als Menschen zu mustern? Die Frau fiel ihm auf, weil er aus ihr nicht klug wurde. Ein irritierender Widerspruch ging von ihr aus: Sie hatte ein sanftes Lächeln und einen harten Blick. Später, als die Polizei ermitteln musste, wer sie eigentlich war, fand man auch heraus, dass sie eine Leihbibliothek frequentierte. Sie las ausschließlich romantische Bücher. Einen Balzac hatte sie sofort zurückgebracht: «Das ist mir zu brutal …» Im Original heißt das Buch «Maigret à Vichy», und es ist in einer überarbeiteten Übersetzung neu aufgelegt worden. Ich würde die Übersetzung noch einmal überarbeiten: «Er ging davon, indem er sich eine neue Pfeife stopfte.» Ich gehe davon, indem ich ein Bein nach dem anderen bewege. Aber ich werde es mit der Pfeife versuchen, das kann nur gut tun bei den höllischen Rückenschmerzen, die ich jetzt – nach meiner Kur – habe: falsche Therapie, was Maigret nicht passieren konnte, weil er von dem ganzen Zirkus des Kurens nur zwei Gläser Heil-Wasser pro Tag genoss. Madame begleitete ihn. Sie ist sein unterstützender Schatten, eine unaufdringliche Präsenz, die aber, würde sie fehlen, ihm und den Maigret-Büchern fürchterlich abginge. Zu unserer Wissenschaft von Maigret gehören diese Sätze über Madame: «In Vichy wagte sie Bemerkungen zu machen, die ihr in Paris niemals über die Lippen gekommen wären. Weil sie in (sic!) Urlaub waren? Weil sie den ganzen Tag zusammen verbrachten und dadurch in engerem Kontakt miteinander standen?» Ich wollte das Buch empfehlen: Kriminalliteratur für ältere Herrschaften. Aber ich habe es überschlafen. Gewiss, die Erzählung hat etwas ältlich Betuliches. Gewiss schlägt auch hier, wie eben nur bei Simenon, an manchen Stellen die handwerkliche Virtuosität durch und, wie bei ihm nicht selten, stehen solche Stellen im Buch allein da. Aber ich denke, das Buch ist großartig, weil durch die Mängel hindurch im Leser ein Bild erscheint, das von einer Alptraumlogik gezeichnet ist: Die uralten Seelentriebe, Täuschung, Schuld, Gier, werden so variiert, ja, montiert, dass ihr archaischer Charakter höchst wirksam, aber unauffällig bleibt. Da wurde ein Mensch in eine Lebenslüge hineinmanipuliert, und durch einen Zufall im Kurpark sah er plötzlich eine Chance herauszubekommen, welcher Wahrheit oder welcher Lüge er diente. Im Rückblick erscheint mir Simenons Verknüpfung von Zufall und Zwangsläufigkeit genial. Der Mord hat eine solche Logik, dass Maigret dem Mörder, den er gerade gestellt hat, eines wünscht: «Ich hoffe, er wird freigesprochen …» Von Franz Schuh
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Literatur im Kino |
Liebe unter Schafhirten Brokeback Mountain» – die Story von Annie Proulx und der Film von Ang Lee – sind ganz ohne Sentimentalität. Und doch können sie einen kalt erwischen Das Zimmer stank nach Samen und Rauch und Schweiß und Whiskey, nach altem Teppich und saurem Heu, Sattelleder, Scheiße und billiger Seife.» Annie Proulx gehört zu den Autorinnen, die immer mitteilen müssen, wie es gerade irgendwo riecht. Man könnte meinen, ein Hund habe «Brokeback Mountain» geschrieben. Dabei handelt ihre Kurzgeschichte von einer Spezies, die zwar oft mit großen Nasen gesegnet ist, aber nur selten mit einem überdurchschnittlichen Geruchssinn. Sie handelt von Männern. Männern, die sich verlieben. Als Teil eines Bandes mit Western-Geschichten (der auf Deutsch erstmals 1999 als «Weit draußen. Geschichten aus Wyoming» erschien) behandelt sie eine Leerstelle in der Wildwest-Mythologie: Kommen Männer, die monatelang gemeinsam Kühe oder – in diesem Fall – Schafe hüten, eigentlich nie auf das allzu Naheliegende? Haben sie niemals Sex miteinander? Das klassische Western-Kino hat sich nicht wenige blasse weibliche Nebenfiguren einfallen lassen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Besonders streng bewacht wird das Tabu der Homosexualität im Mainstream der Country-Musik. Die lesbische Sängerin K. D. Lang etwa wurde aus dem offiziellen Nashville geradezu verjagt. Offensichtlich gibt es in dieser Hinsicht etliche offene Scheunentore einzurennen. Wenn der Filmemacher Ang Lee nun Annie Proulx’ großgedruckte vierzig Seiten zu einem Zweieinviertelstunden-Epos entwickelt, so hat er mehr im Sinn, als ein paar Country-Moralisten aufzuschrecken. Sein Werk ist tatsächlich der erste Hollywoodfilm, der eine schwule Liebesgeschichte nicht als Schwulenfilm erzählt. Es ist ein Film wie Clint Eastwoods «Die Brücken am Fluss»: ein zeitloses Melodram, das einen so dichten emotionalen Raum schafft, dass selbst deutliche Sexszenen für ein allgemeines Publikum annehmbar werden – und das in einem Land, in dem Homosexualität in einigen Bundesstaaten immer noch verboten ist. Natürlich hat es in der Vergangenheit zahlreiche schwule Liebesfilme gegeben, doch die richteten sich in erster Linie an eine Minderheit. «Für mich ist das einfach eine Liebesgeschichte», sagt der 50-jährige Lee im Gespräch. «Ich musste der Materie – Homosexualität – treu sein, aber der Rest ist eine Liebesgeschichte und universell.» Das Erstaunlichste ist, was der Taiwanese Ang Lee dabei aus Annie Proulx’ kleiner Erzählung gemacht hat. An dem Text irritiert nämlich, dass sich die Autorin einerseits bravourös in den Sprachduktus von Männern einfühlt, die keine Worte haben für die Übermacht ihrer Gefühle. Andererseits beschreibt sie diese Welt aber um so vieles plastischer – etwa in der Topografie der Gerüche –, als sie sich den Schafhirten selbst erschließt. Es ist eine vorzügliche Erzählung, aber sie leidet ein wenig unter dem Ungleichgewicht zwischen Wortkargheit und Eloquenz. Dies löst Ang Lee nun auf. Indem sein Film die Sinnlichkeit der Erzählung ins Visuelle übersetzt, dargestellt in einer unprätentiösen Naturfotografie, macht er die Geschichte und ihren Erfahrungsraum überprüfbar. Was sich in Proulx’ Story eher schwarzweiß liest, das hat der Filmemacher im Kino ins Farbige übersetzt. Man sieht die raue Landschaft von Wyoming plötzlich auf Augenhöhe mit den Figuren. Die lange Drehzeit wird geholfen haben, den gegen den Strich besetzten Action-Star Jake Gyllenhaal und den begabten jungen Charakterdarsteller Heath Ledger in den Hauptrollen über sich hinauswachsen zu lassen. Wer weiß schon, welche Filme er gerne sieht, bis er einem wirklichen Meisterwerk begegnet? Wenn ein Drama wie «Brokeback Mountain» derart viele Preise gewinnt, mag das die Erwartungen am Ende in unglückliche Höhen treiben. Man muss Lees Film so unvoreingenommen begegnen wie der Leser einmal auf Annie Proulx’ unverstellt gefühlvolle Geschichte traf, am Ende einer Sammlung von Western-Geschichten. Es gibt keine Sentimentalität darin, das haben Text und Film gemeinsam. Und doch können sie einen kalt erwischen. Daniel Kothenschulte
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Was liest... |
Jan Philipp Reemtsma Der Literaturwissenschaftler, Essayist, politische Publizist und Mäzen ist Stifter und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung und der Arno-Schmidt-Stiftung und seit 1996 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Zuletzt veröffentlichte er die Studie «Folter im Rechtsstaat« und die Aufsatzsammlung «Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit. Sechs Reden über Literatur und Kunst» Wie das so geht mit dem Lesen und den Büchern, man kennt das ja –: ich hole die bestellten Bücher ab, heute Hans Becks «Karriere und Hierarchie. Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik» und die neue Caesar-Biografie von Werner Dahlheim, Bücher, die ich brauche, weil ich irgendwann einmal über Christoph Martin Wielands kommentierte Übersetzung der Briefe Ciceros etwas schreiben will, die seine vierte historische Erkundung der antiken Fundierung unserer Kultur darstellen: nach den Romanen «Peregrinus Proteus» und «Agathodämon» (Spätantike, Aufstieg des Christentums), «Aristipp und einige seiner Zeitgenossen» (Sokrates-Zeit, Scheitern der attischen Aufklärung) die Darstellung des Endes der römischen Republik … – ich hole also die bestellten Bücher ab, und nehme en passant mit, was da – tolle, lege – zufällig mitgenommen sein will. Erstens … … erstens muss ich eine Schwäche für Schiffbrüche gestehen, die schon weit vor die Lektüre von Arno Schmidts «Die Schule der Atheisten» (wo der klassische Satz steht: «Nunja, wer Schiffbrüche mag …») datiert, und habe einige davon im Regal, der tollste immer noch der aus Matthew Kneales großartigem Tasmanien-Roman «Englische Passagiere», wo ganz am Ende ein Wombat ein Expeditionsschiff kurz vor seiner Rückkehr nach England verdient scheitern lässt … … apropos Tasmanien: Nicholas Shakespeares «In Tasmanien» darf in einem Leben auch nicht ungelesen bleiben … … erstens also will da im Buchladen Mike Dashs «Der Untergang der Batavia» mitgenommen sein und gelesen werden, die exzellent erzählte historische Rekonstruktion eines Schiffsuntergangs vor der Westküste Australiens im 17. Jahrhundert, den einige überlebt haben, und von denen einer, ein niederländischer religiöser sektiererischer Freigeist – ja, so eine Mischung gibt es auch – ein irrsinniges Terror- und Mordsystem auf einer kahlen Insel errichtet, bis man sie denn doch findet und ihn auf zeittypische Weise der henkenden Justiz überantwortet. Was man so Kulturgeschichte nennt … … zweitens Antal Szerbs «Das Halsband der Königin». Das Thema ist bekannt und hat bereits Goethe aufgeregt («Der Großcophta»): Am Vorabend der Französischen Revolution wird zwei Pariser Juwelieren ein opulentes Brillantenkollier durch eine Trickbetrügerin, die sich eines in die Königin Marie Antoinette verliebten Kardinals bedient, mithilfe inszenierter Rendezvous, plump gefälschter Briefe und nicht einlösbarer Zahlungsversprechungen abgeluchst und Stein für Stein privat verscherbelt, dieweil die Juweliere bei der Königin auf Zahlung dringen. Die Sache ist mehrfach dargestellt worden, von Historikern und von Literaten (Stefan Zweig), wird aber hier zu einem präzisen Portrait des Ancien Régime und einer Studie über die Frage, in welcher Weise eine Herrschaftsform das Vertrauen in ihre eigene Überlebensfähigkeit verliert. Ein Zufallsfund, der ausgesprochen nützlich für die Arbeit an einem Buch mit dem Arbeitstitel «Vertrauen und Gewalt» ist, das schon längst fertig sein könnte, wenn nicht dauernd was dazwischenkäme … … drittens schließlich «Kerners Köche. Die besten Rezepte aus der TV-Show», nicht weil es ein gutes Kochbuch wäre, sondern weil die Sendung so erfreulich bizarr ist, und weil zwischen all den lärmenden, dicken, ziegenbärtigen Köchen eine ebenso schöne wie charmante Österreicherin namens Sarah Wiener unbeirrt ihre Sachen kocht und ebenso unbeirrt das Gesicht verzieht, wenn ihre Kollegen irgendeinen unplausiblen Kram offerieren. Und für die Anregung, die grundplausible Kombination von Karotten, Ingwer und Koriander nicht nur, wie wir das alle hoffentlich seit Jahren machen, als Gemüse und als Gemüsesuppe, sondern auch als Brotaufstrich zu verwenden, danke ich an dieser Stelle recht herzlich … … doch worüber ich eigentlich schreiben wollte, war die Re-Lektüre von E. T. A. Hoffmanns «Des Vetters Eckfenster», die … – aber das würde jetzt zu weit führen.
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Die Beiseite |
Soll ich jemanden für dich erschießen? Liebesromane gehen gar nicht mehr, die romantische Liebe ist was für die dumme Jugend, und austoben sollte man sich am Fitness-Parcours. Ein kleines Lied auf die Zweckgemeinschaft Je älter ich werde, umso weniger Bücher finde ich, die mich glücklich machen. Haruki Murakami hat sein jüngstes dem Vernehmen nach von Nick Hornby ghostwriten lassen, Michel Houellebecq ist völlig dem Hormonwahn erlegen, und der Rest schreibt von Liebe, weil ihm nichts anderes einfällt. Liebesromane gehn mal gar nicht mehr. Zu den leisen Freuden der späten Jahre gehört, dass die Bekannten weitgehend vernünftiger werden. Oder sich selber entsorgen durch vollends verblödete Lebensentwürfe. Die, die bleiben, fallen dadurch angenehm auf, dass sie nicht mehr stunden-, nächtelang von Liebesquatsch erzählen. Er ruft nicht an, was heißt das, wenn sie sagt, sie mag mich, aber sie fühlt sich nicht bereit für eine Beziehung, was meint sie damit? All dieses unendlich öde Zeug findet in meinen gepflegten Erwachsenen-Ohren nicht mehr statt. Danke Gott. Bitte schön, sagt der – und schickt uns schnell noch ein wenig Verfall, damit uns nicht so wohl wird, dass wir das Tanzen beginnen. Die Verklärung der großen, romantischen Liebe ist ein Privileg der dummen Jugend. Zahnloses Kichern: die Jungen müssen dafür büßen, dass sie glauben, die Welt stünde ihnen offen; mit all dem Liebeswahn müssen sie sich ihre netten Jahre versauen. Sicher gehen von zehn Jugendjahren fünf für durchweinte Nächte, Klumpen in der Brust, Seufzen, Warten, Selbstmordmöglichkeiten-Überlegen drauf. Tut mir das leid. Noch bedauernswerter allerdings, wenn aus den niedlich tapsigen Jugendlichen alte Säcke geworden sind, die immer noch ihrer eigenen und der Literatur-Idiotie auf den Leim gehen und nach der großen Leidenschaft suchen. Berichtet mir jemand, mit dem ich aus klar ersichtlichen Gründen nicht befreundet bin, mit über vierzig immer noch von Auflösung, nach der er sich sehnt, von flammender Leidenschaft und Unendlichkeit, kann ich nur sehr glasig schauen und einschlafen. Sadomasochisten ermüden mich so ungemein. Irgendwann im Leben sollte man ein klein wenig Contenance entwickelt haben. Dem Verfall des Leibes kann man nur mit Charme, Intelligenz und Haltung begegnen. Nach vierzig Wiederholungen sollte auch jeder mäßig intelligente Tropf begriffen haben: Das, was uns allgemein als große Liebe verkauft wird, ist nichts weiter als eine biologische Laune der Natur, um die Art am Leben zu halten. Selbst wenn wir wüssten, wozu es gut sein sollte, die Rasse Mensch überdauern zu lassen, wären wir doch biologisch ab Ende dreißig nicht mehr in passabler körperlicher Verfassung für solche biologisch verzwickten Risiken. Worum kann es uns dann aber gehen? Um Schlaflosigkeit und Magenschmerzen? Um Projektionen? Die sich darüber klar sind, dass sie gerne in Kleinrudeln leben, mit etwas Atmendem neben sich, das kein Hund sein sollte, haben sich meist in etwas eingefunden, das als Zweckgemeinschaft verurteilt wird. Von wem? Vom gesunden kitschigen Volksempfinden. Was soll falsch an einem Zweck sein, und hat nicht alles einen? Der Zweck einer Zweckgemeinschaft ist doch, nicht mehr sinnlos alleine in den Fernseher zu stieren, sondern jemanden zu haben, der einkaufen geht und alle doof findet, die einen ärgern, und freundlich fragt, ob er jemanden erschießen soll. Ist das Liebe? Unbedingt. Das und nichts anderes. Die verquaste Liebesidee der Moderne kann jedenfalls nicht als Erfolgsmodell bezeichnet werden. Freunde werden meist erst nach einigen Jahren wirklich zu Freunden. Mit einem Liebespartner aber soll es komplett anders laufen. Die Nähe, die uns Hormone vorgaukeln, wird für Wahrheit gehalten, und so zieht man zusammen, mit einem wildfremden Menschen, und erwartet, dass die Anfangseuphorie die Kiste trägt. Meist erwachen die Menschen nach zwei, drei Jahren aus ihrer Idiotie, neben einem normalen Menschen, und rennen davon, weil sie die Euphorie wiederhaben wollen und weil sie meinen, den Menschen, der da so schnarcht, nicht zu lieben. Die Liebe ist das, was bleibt. Alles, was weg ist, war Quatsch. So einfach. Aber wozu soll ich dann mit einem leben, wenn ich ihn nicht liebe, wird gerne eingewendet. Wozu alleine leben, wäre die Antwort. Darum ein kleines Lied auf die Zweckgemeinschaft gesungen. Sie macht Menschen ausgeglichener und zufriedener. Nicht die große Leidenschaft, sondern die freundliche, wohlschmeckende Vertrautheit lässt uns genüsslich schmatzen. Austoben kann man sich am Fitness-Parcours oder in der Erfindung von nützlichen Gerätschaften. Falls Sie sich noch nicht in einer behaglichen nützlichen Beziehung befinden und nicht wissen, wo es die zu erwerben gibt: rennen Sie schnell weg, wenn Ihnen etwas begegnet, das Sie kaum atmen lässt vor Aufregung. Und schauen Sie sich den haarlosen Kollegen, der sie anhimmelt, Ihnen die Füßchen massiert und mittags ein kleingehacktes Tier ins Büro mitbringt, einfach mal sehr genau an. Und machen Sie einen Bogen um Liebesromane. Von Sibylle Berg
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Netzkarte |
Tankstelle geschlossen Benzinwut der Leser: www.bibliothekssterben.de beklagt, dass immer mehr öffentliche Bibliotheken verschwindent «Bibliotheken sind die geistigen Tankstellen der Nation», deklamierte einst Helmut Schmidt, der unverwüstliche Kettenraucher der Nation. Will man in diesem Sprachbild bleiben, so besteht allemal Grund zur Benzinwut auf geistigem Gebiet. Denn jährlich schließen in Deutschland mehrere hundert Bibliotheken oder sind von massiven Etatkürzungen betroffen. Dass das Volk irgendwann seine Stimme gegen diesen Skandal erhebt, sollte nicht verwundern, schließlich nutzen mehr Leser Bibliotheken, als Fußballfans zu den Spielen der Ersten Bundesliga gehen. Mit morbidem Populismus dokumentiert die Internet-Site www.bibliothekssterben.de diesen Niedergang eines wichtigen öffentlichen Guts. Im Design klassischer Traueranzeigen listet hier der Berufsverband Information Bibliothek e.V. die landesweiten Kürzungen im Angebot von Bibliotheken und deren Schließungen auf. Damit die Abwicklungen nicht im Verborgenen stattfinden, sind die User aufgefordert, neue «Trauerfälle» zu melden: «Bitte helfen Sie uns, einen Überblick über das Ausmaß zu gewinnen!» Ein Sensenmann, der wohl den geistfeindlichen Leviathan symbolisieren soll, steht vor Grabsteinen mit Inschriften wie «Wissen», «Information», «Bildung» sowie «Forschung und Lehre». Als eine Art Logo der Site dient ein Buch mit aufgesetztem Kreuz – was man ja, wenn man wollte, als Blasphemie auffassen könnte. Wer trotzdem gelassen bleibt und sich durch www.bibliothekssterben.de klickt, dem bietet sich ein Bild des Jammers. Allein schon die putzigen Namen und Orte drücken auf die Tränendrüse: die beiden Bücherbusse des Landkreises Bremerhaven, die Kinderbibliothek Berlin-Pankow, die Marktbibliothek Schwarzhofen, die Kreisfahrbücherei Landkreis Uelzen, die Kiez-Bibliothek in 13189 Berlin, die Gemeindebibliothek Großbothen, die Patientenbibliothek der Universitätsklinik Mannheim … Ihnen und vielen anderen geistigen Tankstellen wurden die Zapfhähne zugedreht. Doch müssen wir deswegen nichts als Klagelieder anstimmen? Schließlich zeigen Statistiken, dass trotz öffentlicher «Sterbehilfe» die Zahl der Bibliothekennutzer zunimmt. Dies muss aber wiederum nicht heißen, dass das Buch immer noch der wichtigste geistige Energieträger der Nation sei. Dem herkömmlichen Entleiher dürfte längst aufgefallen sein, dass die kleine Bibliothek an der Ecke, wenn sie denn nicht längst nur noch in sentimentaler Erinnerung existiert, vorwiegend von Jugendlichen frequentiert wird, die sich in den Ecken mit Computerspielen und DVDs tummeln. Höhenkammliteratur lassen sie meist links liegen. Sie nutzen ihre alternativen Energiequellen und betanken sich mit neuen Wissensformen. Bibliotheken allein garantieren längst nicht die auf www.bibliothekssterben.de emphatisch eingeforderte «Lesekompetenz». Die allzu kulturpessimistisch angehauchte Stimmungsmache des Berufsverbandes Information Bibliothek greift zu kurz. Aram Lintzel
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