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Ausgabe 03.06
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Inhalt
Editorial
Nicht nur Odysseus, liebe Leserin, lieber Leser, auch Orpheus oder Orest kommen uns entgegen, wenn wir die Buch-Neuerscheinungen dieses Frühjahrs betrachten. Zumeist sind...


Portrait
Frauke Meyer-Gosau
Nachricht von einer Welt am Rand.
Eine Reise durch die phantastischen Wirklichkeiten des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytsch"


Schwerpunkt
Die Antike: Modelle mit Zukunft
Ton, Steine, Scherben:
Wie aus alten Griechen neue Europäer werden Mit Beiträgen von Hartmut Böhme, Herfried Münkler, Moritz Schuller, Joachim Latacz und René Aguigah

Hartmut Böhme
Eine, zwei, viele Antiken
Jahrhundertelang bestimmte die Antike die Selbstbilder Europas – doch wo bleibt ihr Platz in einer globalisierten Welt?

Herfried Münkler
Der Krieg als Raster aller Dinge
Was die Griechen heute über Krieg und Geschichtsschreibung zu sagen haben

Moritz Schuller
Man kann die Story auch anders sehen
Eine weltweit erscheinende Buch-Reihe erzählt die Mythen von Penelope, Atlas, Herkules und anderen Sagen-Helden weiter <

Joachim Latacz
Ex oriente lux
Mit dem «Oriental Turn» verblasst die Legende von der kulturellen Autonomie der Griechen, jetzt stehen die Einflüsse aus Ägypten und Phönizien im Fokus

René Aguigah
Wanderer, kommst du nach Treptow
Phantastische Ausschweifungen über die «Odyssee» und Sparta, über Musik und Mathematik. Eine Begegnung mit Friedrich Kittler


Das Kriminal
Im Theaterhimmel
Franz Schuh genehmigt sich einen Bühnen-Kalauer


Bücher des Monats
Moritz Baßler
Bret Easton Ellis: Lunar Park
Jens Bisky
Wolfgang von Wangenheim: Der verworfene Stein. Winckelmanns Leben
Sigrid Löffler
Salman Rushdie: Shalimar der Narr
Jutta Person
Magnus Hirschfeld: Weltreise eines Sexualforschers im Jahre 1931/32
Lothar Müller
Karl Philipp Moritz: Anthusa oder Roms Alterthümer
Jan Engelmann
Ulf Poschardt: Einsamkeit


Die Beiseite
Sibylle Berg
Als ich einmal reich war
Was macht man als Autor, wenn einem über Nacht ein Mega-Bestseller unterlaufen ist?


Neues über Celan
Sigrid Weigel
Freunde in einer feindlichen Welt
Der Dichter Paul Celan als Prosa-Autor und Brieffreund von Peter Szondi


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Ryszard Kapuscinski || Luciano Canfora || Feridun Zaimoglu || Ronald Wright || Attila Bartis || Wolfgang Sofsky || Olaf Arndt || Sihem Bensedrine, Omar Mestiri || Ralf Dombrowski || Roddy Doyle || John Updike Bildbände von fern anderswo || Kerry Brougher (Hg.) || Stephan Schacher || William Claxton, Joachim E. Berendt


Weisse Elefanten
Gabriele Michel
War Apoll «bekloppt»?
Die großen Erzählungen aus der Kulturgeschichte für Kinder zu bearbeiten, ist nicht leicht


Kulturkritik
Manfred Schneider
Keine Exkremente!
Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt analysiert den «Bullshit» des Sprechens


Kurz & Bündig
Bücher von Ljubko Deresch || Alexander Demandt || Helmut Braun (Hg.) || Jiri Kratochvil || Zsuzsa Bánk || Egon Günther || John Reed Bildbände von Jack Challoner || Kölnischer Kunstverein u.a. (Hg.)


Das Magazin
Mitten aus Dublin || Kalender || Lesebriefe || Jetzt als Taschenbuch || Netzkarte || Was liest Ulrich Khuon? || Hörbücher


Impressum

Vorschau, P. S., Register
Editorial
Nicht nur Odysseus, liebe Leserin, lieber Leser,

auch Orpheus oder Orest kommen uns entgegen, wenn wir die Buch-Neuerscheinungen dieses Frühjahrs betrachten. Zumeist sind sie aktuell eingekleidet, bewusst lässig kostümiert, die antiken Heldengestalten, wenn sie in heutigen Romanen auftreten; aber immer noch genügt ihre schiere Anwesenheit, um ein Buch zu adeln und interessant zu machen. Odysseus ist ein deutscher Soldat, seine Irrfahrten führen ihn von Sibirien über den Kaukasus nach Hause – in Bernhard Schlinks neuem Roman «Die Heimkehr». Orpheus ist ein Stuttgarter Lehrer, den seine tote Freundin in die Unterwelt zieht, wo er den Schatten Andy Warhols oder Jim Morrisons begegnet – in Sibylle Lewitscharoffs Roman «Consummatus». Orest ist ein algerischer Junge, der sich in die Heimat aufmacht, eine Oasenstadt in der Sahara, um seinen ermordeten Vater zu rächen – in «Weg nach Timimoun», einem neuen Roman von Michael Roes. Heißt das: die Antike lebt? Bedeutet es: das klassische Griechenland ist in unserer Gegenwart gut aufgehoben? Nicht unbedingt. Vielleicht verhält es sich sogar umgekehrt: Die Antike wird so häufig angerufen, eben weil sie uns schon so entrückt ist und zu verschwinden droht. Das klassische Altertum wird aus der Allgemeinbildung immer mehr verdrängt, je selbstbewusster sich die so genannte Peripherie mit ihren eigenen Antiken gegen die Hegemonie des Abendlandes behauptet – das stellt etwa der Kunsthistoriker Salvatore Settis fest. Dennoch ist er überzeugt von der Zukunft des «Klassischen». Freilich nicht im Sinne vorbildhafter Makellosigkeit, sondern im Angebot zukunftstauglicher Modelle für kulturelle Austausch- und Amalgamierungsprozesse, sowie im ständigen Neu-Formen, Neu-Erfinden der Antike. Wie Novalis sagt: «Die Antike ist uns eigentlich nicht gegeben – sie ist nicht vorhanden –, sondern sie soll von uns erst hervorgebracht werden.» In diesem Sinne möchte sich auch die neue Literaturen-Ausgabe an der Hervorbringung der Antike beteiligen.

Ihre Literaturen-Redaktion

P. S.: Auf der Leipziger Buchmesse wird der Lyriker, Romancier und Essayist Juri Andruchowytsch mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Literaturen hat den Autor in seiner west-ukrainischen Heimat Galizien besucht. Lesen Sie Frauke Meyer-Gosaus Portrait

Schwerpunkt - Die Antike: Modelle mit Zukunft
Schwerpunkt 03.2006 Es hat Zeiten gegeben, in denen das Altertum den Maßstab für das Schöne, Wahre, Gute zu bergen schien. Diese Zeiten sind vorbei. Modellhaft sind die alten Griechen heute nicht mehr im Sinne des Vorbildlichen. Wohl aber bietet die Antike unendlich viel Stoff, der sich immer neu modellieren lässt. Ohnehin, so stellt Hartmut Böhme fest, ist die Antike in all den Jahrhunderten, die ihr folgten, stets aufs Neue gedacht, erträumt worden. Herfried Münkler zeigt in seinem Essay, dass die Geschichtsschreibung der Neuzeit ihre Wahrnehmung an Thukydides schärfte – während heute, im Zeitalter nach den klassischen Staatenkriegen, Herodot und Homer neue Bedeutung für Historiker gewinnen. Moritz Schuller führt vor, wie ergiebig die Mythologie bis heute ist. Er hat die neuesten Versionen der alten Geschichten gelesen: Autoren wie Margaret Atwood oder David Grossman versuchen sich an Neu- erzählungen der Mythen um Penelope und Odysseus, Theseus und Minotaurus, Atlas, Herkules und Samson. Ein Groß- projekt, an dem mehr als dreißig Verlage aus aller Welt beteiligt sind. Die Gegenwart bastelt Modelle aus antiken Stoffen, aber womit modellierten die Alten? Die Kultur der Stadtstaaten zehrt nicht zuletzt von Einflüssen aus dem Orient, wie Joachim Latacz berichtet: Ohne Ägypter, ohne Phönizier kein klassisches Griechenland. René Aguigah hat den Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler getroffen, der im Begriff ist, Hellas neu zu erfinden. Für Kittler haben die griechischen Götter tatsächlich Modell-Charakter: Sie schufen eine Welt, indem sie Liebe machten. Was sonst bliebe den Sterblichen, als die Unsterblichen nachzuahmen?

Nachricht von einer Welt am Rand
Eine Reise durch die phantastischen Wirklichkeiten des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytsch, der im März den Preis zur Europäischen Verständigung erhält

Von Frauke Meyer-Gosau
Ach, Europa. Das erweitert sich und wächst zusammen; aber wenn da einer fragt, wo denn eigentlich die Ukraine liegt, weiß man’s nicht so ganz genau. Muss die Karte vornehmen und findet: im Süden die Halbinsel Krim und die Schwarzmeerküste, gemeinsame Grenze mit Moldawien. Im Norden Weißrussland, im Osten, entlang einer schier endlosen Linie, Russland. Und im Westen, jenseits der Karpaten, Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien. Mittendrin in dem also, was der Westen früher «Ostblock» nannte, liegt das heute zweitgrößte Land Europas, seit 1991 eine unabhängige Demokratie. An deren äußerstem westlichen Rand: Galizien, Geburtsland Leopold Sacher-Masochs wie des Spionage-Obersten Redl, Heimat und sagenhafte literarische Provinz Joseph Roths. Und des Poeten, Romanciers, Dramatikers und Essayisten Juri Andruchowytsch. In Galiziens Hauptstadt Lviv – vormals (russisch) Lwow, davor (polnisch) Lwów, dazwischen jeweils (österreichisch und deutsch) Lemberg – hat er studiert. Im 160 Kilometer entfernten Städtchen Ivano-Frankivsk, am Fuße der Karpaten, wurde er 1960 geboren und lebt dort bis heute (wenn er nicht gerade auf Konferenzen oder Lesereisen unterwegs ist oder sich mit einem Stipendium im Ausland aufhält). Jetzt aber, Anfang Januar, ist er zu Hause, das orthodoxe Weihnachtsfest mit einer langen Reihe sich anschließender Feiertage steht bevor. Wer ihn besuchen will, hat, das legen auch seine Bücher nahe, nicht gerade eine Erholungsreise vor sich. Und nun haben die Russen der Ukraine auch noch das Gas abgedreht.

Denn im März wird gewählt. Sollen die Ukrainer doch mit kalten Füßen noch ein wenig darüber nachsinnen, wem sie da ihre Stimme geben wollen, mag man sich in Moskau gedacht haben: der bewährten Wärme des vormaligen Großen Bruders oder einer ab sofort nicht nur soziale Kälte verheißenden West-Orientierung. Wie viele dicke Pullover sie denn da wohl mit sich führen solle, hatte die Besucherin leicht alarmiert bei Juri Andruchowytsch angefragt und als Antwort per E-Mail den Satz «wir werden siegen» erhalten. Die dahinter folgenden Zeichen «: )))))))))))!» signalisierten in der Internet-Kürzelsprache ein allerbreitestes Grinsen. Also wurde der Koffer außer bücher- auch noch wolle- und stiefelschwer, diese Dichter-Botschaft sah doch allzu ironisch aus. Und war zugleich, wie alles, was Juri Andruchowytsch schreibt, letztlich ganz und gar realistisch.

Exotismen in der Wodkazone
Mit seinem Essay-Band «Das letzte Territorium» ist er vor drei Jahren in Deutschland mit einem Schlag berühmt geworden – ein kleines Wunder in der üblicherweise auf dicke Romane versessenen Literaturlandschaft. Entzückt bestaunte man die exotischen Wesen in Kaninchenfellmützen und sackförmigen Trainingshosen, von denen in Andruchowytschs erzählenden Reflexionen die Rede war, ließ sich befremden und rühren vom eigentümlichen Gebaren in der so genannten Wodkazone. Dass es dabei immer um Europa: um das Einholen einer vergessenen gemeinsamen Geschichte ging, konnte man auf den ersten Blick fast übersehen. Spätestens nach Andruchowytschs «Mittelöstlichem Memento» allerdings, das 2004 in einem Band mit dem herausfordernden Titel «Mein Europa» erschien, war sein literarisch-politisches Vorhaben nicht mehr zu verkennen: Osteuropa soll sich als Teil der gesamt-europäischen Geschichte und Gegenwart in Sinnen und Bewusstsein der Leser verankern. Klar war danach freilich auch: Das Europa, das dem welt- und reisefreudigen Westeuropäer von heute geläufig ist, ist das nicht.

Als Juri Andruchowytschs Roman «Zwölf Ringe» im vergangenen Jahr auf Deutsch herauskam (siehe Literaturen 4/2005), zeigte sich mancher Rezensent von den transkarpatischen Eigenheiten denn auch schon wieder leicht ermüdet. Da nämlich trat der literarische Lokalheros Bohdan-Ihor Antonytsch, ironisch kostümiert, als eine Art lembergischer Jim Morrison der Jahrhundertwende auf, und eine bizarre Schloss-Gesellschaft versammelte sich hoch droben in den Karpaten. Zwischen Zigeunern, Gangstern, neuen Reichen und dem Volksstamm der Huzulen ging es um Liebe, Dichtung und Politik, und am Ende flog die arme Seele eines österreichischen Staatsbürgers über das einstige k.u.k. Territorium hinweg, heim in die Kapuzinergruft: grelle Karikaturen des Post-Kommunismus allesamt, wollüstige Alptraumszenen und Wachträume von einer brutalisierten, durchsexualisierten, so vergangenheitsbeladenen wie mafiösen Ukraine – das grandiose Werk eines postmodernen Magischen Realismus. Nicht wenige freilich vermuteten da Autoren-Willkür am Werk. Was aber, wenn es sich gerade andersherum verhielte? Wenn die phantastischen Roman-Kapriolen sich keineswegs literarischem Mutwillen, sondern einer besonderen Wahrnehmungsintensität ihres Autors verdankten? Wenn all die bösen Visionen weniger erfunden als vielmehr mit literarischen Mitteln aus dem doppelten Boden der galizischen Gegenwart ans Tageslicht gezogen worden wären? Wer das für möglich hält und sich durch Andruchowytschs Essays auch noch bestärkt fühlt, muss am Ende selbst einmal vor Ort nachschauen.

«Aber sind wir nicht auch Ukrainer?»
Der Zug, der an diesem trüben Januarnachmittag von Lviv nach Rachiv, einem Ort in den ukrainischen Karpaten, abfahren soll, ist blau und so lang, dass man selbst außerhalb der weit vorgezogenen Bahnsteig-Überdachung sein Ende nicht erkennen kann. Am Gleis ist es geisterhaft still, eine Viertelstunde vor der Abfahrt ist kein Fahrgast zu sehen. Nur eine winzige Schaffnerin und ihr pockennarbiger Kollege stehen im Schneeregen vor den Waggons und plaudern. Doch die Störung naht bereits mit ratterndem Rollkoffer, ein Mann und eine Frau halten direkt auf die beiden zu. «Entschuldigen Sie», sagt Juri Andruchowytsch. «Wir haben keine Fahrkarte mehr bekommen. Ob wir vielleicht trotzdem …?» Die Schaffnerin schaut abschätzig und schüttelt den Kopf, ihr Kollege verschwindet im Abteil. «Was jetzt?» Andruchowytsch zuckt die Schultern. «Warten.»

Fahrkarten gibt es nur, solange im Zug noch Sitzplätze frei sind. Während des langen Umherwanderns und Redens, des Essens, Kaffee- und Teetrinkens im alten Lemberg haben wir beinahe die Zeit vergessen und darüber leider auch, dass jetzt jeder versucht, noch rechtzeitig vor den Feiertagen an seinen Heimat- oder Ferienort zu gelangen. Als wir im Menschengebrodel der Bahnhofshalle endlich bis zum Schalterbeamten vorgerückt waren, waren die Fahrkarten für den Karpatenzug ausverkauft. «Eine kleine Chance haben wir noch», sagt Juri Andruchowytsch und hastet auf den Bahnsteig.

Aber welche wohl? Der Schaffner kommt zurück, er bedauert: Alle Passagiere sitzen schon im Zug, jeder reguläre Platz ist besetzt. Da aber fügt der Schriftsteller noch einen Satz hinzu, und der Schaffner stutzt. Springt wieder auf den Wagen, macht eine Handbewegung, und wir können einsteigen. Was für ein Satz war das? «Ich habe ihm gesagt, dass Sie Ausländerin sind, und dass wir doch keinen schlechten Eindruck …» Aber da sitzen wir schon unter Heerscharen von plappernden Kindern und Jugendlichen. Was das denn für eine Sprache sei, in der wir uns unterhielten, wollen sie wissen. Und was für ein komisches Ukrainisch Andruchowytsch spreche – und überhaupt: woher, wohin, warum?

Mehr als zehn Stunden Bahnfahrt hat die Jugendgruppe schon hinter sich, ungefähr neun weitere müssen sie noch durchhalten, unterwegs im Rahmen eines innerukrainischen Austausch- und Verständigungsprojekts. Sie kommen aus dem Südosten, daher, wohin vor drei, vier Generationen ihre Familien von werweißwoher umgesiedelt wurden, um für die stalinistische Sowjetunion Kohle zu fördern und in neuerrichteten Städten ein sozialistisches Leben zu führen. In dieser Region liegt heute die mächtigste politische Bastion des Putin’schen Russland in der Ukraine. Mehr Menschen als im übrigen Land wünschen sich hier die alten Verhältnisse zurück, woran das einzige Fernsehprogramm, das sie empfangen können: das Regierungsfernsehen aus Moskau, nach Kräften mitarbeitet. Diese Kinder, sagt Juri Andruchowytsch, leben in einer anderen Ukraine als der, in die sie jetzt fahren. Selbst ihre Sprache unterscheidet sich auffallend von derjenigen, die hier gesprochen wird. Und nun sollen sie die Feiertage in den galizischen Karpaten verbringen. Bevor wir nach drei Stunden Fahrt den mitunter auf seinen Gleisen beängstigend schwankenden Zug verlassen, übersetzt der Autor noch einen Kinder-Dialog. «Ach, diese Scheiß-Ukraine», sagt da ein etwa 14-jähriges Mädchen. «Jetzt fahren wir in die Scheiß-Ukraine.» – «Ich hab auch schon genug davon», seufzt ihre Freundin und starrt missmutig durch die Halbgardinen des Abteilfensters ins Abend-Dunkel. Lange Pause. Dann fragt, leise und zögernd, ein Achtjähriger: «Aber sind wir denn nicht auch Ukrainer?»

Die innereuropäische Verständigung findet ihr erstes Objekt im eigenen Land. Juri Andruchowytschs Essays handeln genau davon; auch der Nach-Wende-Deutschen kommt der Sachverhalt bekannt vor.

Vertreibung aus dem Kinderparadies
Und da ist es nun also, das Zentrum, die Mitte, der Fluchtpunkt seiner literarischen Arbeit: Ivano-Frankivsk, eine Stadt mit 230.000 Einwohnern. Wie die Ukraine insgesamt hat auch dieser Ort eine Leidens-Geschichte, in der über Jahrhunderte hinweg eine Fremdherrschaft die andere ablöste. Als alt-ukrainische Gründung mit Namen Zabolottya war die Ansiedlung im 17. Jahrhundert unter polnische Herrschaft gekommen und nach dem ältesten Sohn des fürstlichen Neugründers in Stanislawiw umbenannt worden. Nach der Polnischen Teilung dem Habsburgerreich einverleibt – und dort Stanislau geheißen –, avancierte sie gegen Ende des Ersten Weltkriegs für wenige Monate zur Hauptstadt der «Westukrainischen Volksrepublik» und fiel danach wieder an Polen – bis die Deutschen einmarschierten. Die Konferenz von Jalta schlug auch die Stanislauer Region der Sowjetunion zu, deren Amtswalter es dann noch bis in die sechziger Jahre hinein mit Anschlägen der«Ukrainischen Widerstands-Armee» und anderen Partisanen-Aktionen zu tun bekamen: Man fühlte sich in der West-Ukraine traditionell dem Westen Europas zugehörig.

Wohl nicht zuletzt deswegen machte das Sowjet-Imperium den Einwohnern zum 300. Stadtgeburtstag 1962 ein regional-patriotisches Namensgeschenk. Seither heißt die Stadt nach Ivan Franko, einem galizischen Bauernsohn, der im ausgehenden 19. Jahrhundert zum nationalrevolutionären Autor und Gelehrten wurde. Er übersetzte Goethes «Faust» und Heines «Wintermärchen», gründete die «Ruthenisch-Radikale Partei» und landete als intellektueller Aufrührer mehrfach in den Gefängnissen der Habsburgermonarchie. «Die Leute fanden die Umbenennung ganz okay», sagt Juri Andruchowytsch, dessen Essays und Romane von solchen historischen Wechselfällen handeln. Er grinst. «Die Stadt hätte auch genauso gut Franko heißen können. Aber da gab es ja diesen spanischen Diktator, und nachdem man mit dem Namenswechsel gerade den polnischen Feudalismus abgeschüttelt hatte, wollte man solche Assoziationen lieber nicht beschwören.»

Heute sind die Spuren vergangener Reiche kaum noch zu erkennen, die Innenstadt ist renoviert und intakt. Geschäftige Menschen laufen mit Geschenkpaketen umher, unter einer Plastikplane dudelt ein Alter weithin hörbar Volksmusik, und zum neuen Jahr grüßen aus eingefärbten Besen-Borsten gefertigte Tierskulpturen mit einem dicken «2006» auf dem Bauch (erhielt nicht der Leutnant Trotta in Joseph Roths «Radetzkymarsch» just in dieser Gegend von den streikenden Arbeitern einer Borstenfabrik einen fast letalen Schlag auf den Kopf?). An einem hellblauen Gebäude, das ringsum von Hut- und Mützenständen gerahmt ist und innen ein kleines Einkaufszentrum für Pelze, Kosmetika und Designer-Mode beherbergt, bleiben wir stehen. «Das war einmal das ‹Kinderparadies›», sagt Juri Andruchowytsch. «Zu sowjetischen Zeiten gab es hier alles, was Kinder brauchen. Als es – schon vor der Wende – geschlossen wurde, haben meine Freunde und ich versucht, hier ein Kunst-Zentrum einzurichten. Wir traten mit unserer Gruppe ‹Bu-Ba-Bu› auf, bildende Künstler zeigten ihre Arbeiten, es war künstlerisch und politisch enorm was los. Aber nach der Unabhängigkeit ist dann nichts mehr daraus geworden. Ich glaube, die Leute waren einfach enttäuscht, dass ihnen ihr ‹Kinderparadies› abhanden gekommen war.»

Von der Zauberkraft der Imagination
Wir durchqueren die zentrale Einkaufszeile von Ivano-Frankivsk, die die «Hundert-Schritte-Straße» genannt wird, biegen um die Ecke und sehen, neben Baukränen und frischen Betonskeletten, ein verfallendes Bürogebäude im Stil der sechziger Jahre. Eine einsame Neonröhre brennt im Erdgeschoss, Andruchowytsch bleibt stehen. «Das ist der Betrieb, in dem ich acht Jahre lang gelitten habe.» Er lacht kurz und geht rasch weiter – das war keine gute Zeit für ihn damals, Anfang der achtziger Jahre.

«Ich wollte aus Ivano unbedingt fliehen», sagt er später. «Alles war mir zu eng, zu klein, zu alltäglich. Ich träumte immer von Lviv: Das war für mich die Großstadt, und Ivano-Frankivsk war Provinz. Als ich studierte, versuchte ich alles so einzurichten, dass ich niemals hierher, zu meinen Eltern, meinen Lehrern, meinen alten Freunden zurückkehren musste. Ich wollte diese Stadt endgültig verlassen, und sollte mir das nicht gelingen, bedeutete das, dass ich versagt hatte. – Tja. Es ist mir nicht gelungen, und mit diesem Gefühl kam ich 1982 wieder hierher zurück. Das Einzige, was mir da noch blieb, war die Imagination: die Vorstellung, dass dies hier in Wahrheit das Zentrum der Welt ist. Ich musste alles für mich selbst neu zum Leben erwecken, indem ich es anders beschrieb.» Juri Andruchowytsch, der als Vierjähriger Russisch lernte, weil er einen russischen Kindergarten besuchte, der mit sieben Jahren Deutsch zu lernen begann, weil seine Eltern ihn auf eine Schule mit ukrainisch-deutschem Sprachzweig schickten, ging nach Lviv zum Studieren. Er schrieb und wusste, dass er unter Sowjet-Bedingungen nichts davon würde veröffentlichen können. Folglich brauchte er einen Brot-Beruf – einen, der mit Schreiben, Drucken und Papier zu tun haben sollte und ihn trotzdem von inhaltlicher Kontrolle freihielt; Journalismus kam also nicht infrage. Andruchowytsch ging ans Lemberger Typografische Institut und wurde später im grauen Büroklotz in Ivano-Frankivsk zum Mittelsmann und Reitenden Boten zwischen den Druckern, die das Handwerk erledigten, und den Redakteuren der örtlichen Zeitung, die ihm die Aufmachung ihrer Artikel überantworteten. Weshalb dem jungen Autor der endgültige Sprung an den Fluchtort Lviv nicht gelang, wer – außer ihm selbst – wüsste es? Warten jedenfalls bot keine Aussicht auf Besserung, wilder Aktionismus auch nicht, einzig: anders denken. «Ich hatte keine andere Wahl, als hier zu leben, und ich machte es zu meiner persönlichen Weltanschauung, dass die Wirklichkeit die Realität unserer Phantasien ist: Wir sind, was und wie unser Bewusstsein ist. Wenn man so denkt, ist jede noch so kleine Stadt eine Welt.»

Es gibt ihn, den glücklichen Augenblick
Aus den Lautsprechern des funkelnagelneuen Restaurants, in dem die Mäntel gleich hinter der Tür in ein Kabuff gesperrt werden und die Gäste nach Überwindung einer Stiege auf einer lichten Galerie sitzen, tönen die Achtziger- Jahre-Hits vom San-Remo-Wettbewerb, ein Sänger besingt schwarze Katzen. Juri Andruchowytsch, bei Tee und Brandy, ist zurückgetaucht in diese Zeit, in der es in Ivano-Frankivsk für ihn keinen Ausweg, keine Zukunft zu geben schien. Wenn er nicht seiner Büro-Arbeit nachging, beschäftigte er sich mit der Geschichte der Stadt und derjenigen seiner Familie. Und gründete Mitte der achtziger Jahre mit zwei Freunden die literarisch-karnevaleske Underground-Truppe «Bu-Ba-Bu» («Burlesk-Balagan-Buffonada»), deren Auftritte nicht nur in Lviv zur Legende wurden. 1985 erschien schließlich auch sein erster Gedichtband, «Himmel und Plätze» – die Perestrojka hatte begonnen.

«Ich hatte das Glück», sagt er, «dass meine Vorstellungen von Realität und Imagination, von Provinz und Welt, Rand und Zentrum plötzlich zur allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung passten. Ende der achtziger Jahre gab es eine fundamentale Neu-Beurteilung aller bis dahin geltenden Werte, und da zeigte sich, dass diese Stadt hier überhaupt keine von allem Wesentlichen abgeschnittene Provinz war, sondern im Gegenteil zu einem der Zentren der politischen Bewegung wurde. Überdies hatte sie eine unglaublich interessante, gebrochene Geschichte, deren Elemente man produktiv in die Zukunft projizieren kann: das galizische Erbe.» Was nichts anderes meint als: Westeuropa als traditioneller Bezugspunkt, der Provinz-Ort als mögliches gedankliches Zentrum und die gleichberechtigte Koexistenz unterschiedlichster Kulturen, Auffassungen und Herkünfte. Die postmoderne Vorstellung von den Rändern als neuer Inspiration und Ablösung der abgewirtschafteten Zentren von Macht, Kunst und Intellektualität las sich für Andruchowytsch geradezu als theoretische Überglänzung der realen Prozesse. Der Dichter am äußersten westlichen Rand der Ukraine – deren Name übersetzt selbst nichts anderes heißt als «Am Rand» – fand sich in einem der neuen Zentren des Geschehens wieder.

So traf Anfang der neunziger Jahre unerwartet alles in einem historisch, biografisch, politisch und künstlerisch glückenden Augenblick zusammen. Da war der gerade 30-jährige, über Länder- und Ideologie-Grenzen hinweg belesene Autor in seiner eben noch als hinterwäldlerisch verlachten Lebens-Region – jetzt hatte er eine Stimme, die weithin gehört wurde. Er hatte eine theoriegestützte Idee vom Zukunfts-Potenzial dieser Provinz. Und er hatte auch ein Werk: 1989 und 1991 erschienen seine Gedichtbände «Stadtmitte» und «Exotische Pflanzen und Vögel», 1992 sein erster Roman «Rekreaziji», 1993 dann «Moskowiada», der Versuch eines jungen ukrainischen Schriftstellers, im Ablauf eines Tages die Zerfalls-Zeichen im Herzen des Imperiums zu fixieren – von 1989 bis 1991 hatte sich Andruchowytsch in Moskau als Schriftsteller-Student am Maxim-Gorkij-Institut aufgehalten. Der Dichter bekommt eine Gesamtausgabe Am Nachmittag suchen wir den kürzlich eröffneten Buchladen seines Verlegers, der sich während Andruchowytschs stipendienbedingter Abwesenheit in der «Straße der hundert Schritte» niedergelassen hat und demnächst die ersten «Gesammelten Werke» seines nun 45-jährigen, zu Ruhm in West und Ost gelangten Autors herausbringen will. Am Abend zuvor haben wir das allererste Probe-Exemplar sehr vorsichtig in Händen gehalten. Der zartrot gestreifte Schuber war trotzdem geborsten, als wir versuchten, die Bände mit den Romanen und Essays darin wieder zu verstauen. Es gibt einiges zu besprechen.

Dass wir erst ein paar Mal an dem Laden vorbeilaufen, ist kein Wunder: Er ist handtuchschmal. Rechts und links an den Wänden ziehen sich die Regale mit Büchern aus eigener Produktion, aber auch mit Literatur aus anderen Verlagen hoch, mittlerweile an die tausend Bände müssten es sein. Der «Lileya-NV»-Verlag ist ein Modell, ein Wagnis, in der Ukraine gab es bisher nichts dergleichen. Sein noch junger Gründer und Chef ist zugleich der oberste Pfadfinder der Region (kann man sich den förmlichen Anzugträger in Shorts, mit Pfadfinderknoten und breitrandigem Hut vorstellen? Oh ja, man kann). Als Verleger verzichtet er darauf, Schulbücher herauszubringen, die den Verlagen sonst das Überleben sichern. Er setzt ganz auf die ukrainische Literatur, vom grafisch wie haptisch raffinierten Kinderbuch über den intelligent-ironischen Stanislauer Fotoband bis zu Lyrik und Gegenwartsromanen; überraschenderweise scheint sich das Konzept auch ökonomisch zu bewähren.

Im Verlagsbüro trinkt man Kaffee, Tee, Kräuterlikör und Cognac und knabbert dazu zahnkronenbrechende Schokolade sowie selbst gebackene Weihnachtskekse aus Estland. Man diskutiert die Gesamtausgabe der Werke Andruchowytschs mit demselben Ernst und Eifer wie die Moskauer Machtdemonstration via Gasprom (ist es nicht tatsächlich etwas kühl im angenehmen, modernen Raum?). Auch um die Redensart «Zwei Ukrainer, drei Präsidenten», die Märchen vom Rotkäppchen und von den Bremer Stadtmusikanten geht es: War das nun ein anarchistisches Lehrstück? Und haben sich die Brüder Grimm das ausgedacht, oder war’s etwa das Volk? Als wir den Verlag verlassen, sind die umliegenden Geschäfte längst geschlossen, und der Neuschnee liegt mittlerweile fünf Finger dick. Der Autor und seine Besucherin müssen sich voneinander verabschieden, Juri Andruchowytsch wird am nächsten Tag seine Großmutter zu Grabe tragen. Von den Lebensgeschichten ihrer Generation hat er in seinen Essays erzählt – sie enthalten Material in Hülle und Fülle vom Geschichts-Irrsinn, der über diese Region und ihre Bewohner während des letzten Jahrhunderts hinweggegangen ist. Der Großvater wurde von Tieffliegern erschossen, als er sie, auf dem Weg zur Front, in wütendem Trotz aus dem Fenster eines Zugabteils verhöhnte. Seine Frau schlug sich am Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihrem halbwüchsigen Sohn auf einer monatelangen Zugreise bis nach Wien durch, um ihn und sich selbst vor den Russen in Sicherheit zu bringen – Objekte einer Repatriierungs-Maßnahme, wurden sie den ganzen elend langen Weg umgehend wieder zurückgeschickt. Aber ohne diese brutale Aktion, denkt die Besucherin, hätten wir auch die Geschichten ihres Enkels von dieser galizischen Welt am Rand nicht.

Ein Eiserner Vorhang? Nein: zwei!
Es sind Geschichten wie die, die Juri Andruchowytsch mittags beim Essen unter den Klängen der italienischen Schlagermusik skizzierte: «Als Kind kam ich zum ersten Mal nach Prag, und das war damals nicht leicht. Es ging überhaupt nur, weil wir Verwandte dort hatten, und die Grenz-Prozeduren waren eines Eisernen Vorhangs würdig – das war im Juli 1968, ich war acht Jahre alt. Aber als ich wieder nach Hause kam, hatte ich eine bleibende Idee davon, wie schön der Westen, wie schön Europa ist. Ich hatte die Atmosphäre des Prager Frühlings gespürt, und Prag war für uns sowieso der Westen: eine Welt, in der alles bunt ist und frei. – Die Verständigung unter den osteuropäischen Ländern», hatte er noch hinzugesetzt, «ist übrigens gar nicht so einfach.» Dabei sind mittlerweile vier Romane und ebenso viele Gedichtbände dieses enorm produktiven und vielseitigen Autors in Russland, Ungarn, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Bulgarien und Polen erschienen; Tschechien und Kroatien werden in diesem Jahr folgen. «Schön ist: der Humor ist derselbe und das Vorwissen auch», sagt Andruchowytsch. «Eine ironische Anspielung auf einen ‹Ikarus›-Bus aus der Sowjet-Zeit versteht man da sofort – in Kanada oder den USA dagegen» (wo man ihn auch verlegt) «natürlich nicht.» Dennoch: «Tschechen oder Ungarn haben dieselben Klischees vom Post-Sowjetismus wie die westeuropäischen Länder. Sie wundern sich immer noch, dass auch die Ukraine plötzlich zu Europa gehört. Diese Länder hatten von sich selbst immer die Vorstellung, dass sie ein vergewaltigtes, gewissermaßen entführtes Europa seien, hinter ihren Grenzen fing für sie Eurasien an, die Sowjetunion. Und bis heute sagen die Leute in den polnischen oder ungarischen Grenzdörfern, man führe ‹nach Russland›, wenn man zu uns reist.» Die Restaurant-Musik ist inzwischen zum HipHop übergegangen, Juri Andruchowytsch zerkaut die Zitronenscheibe aus seiner Teetasse. «Ich weiß nicht, wie weit diese Unterschiede den Westeuropäern überhaupt klar waren», sagt er endlich. «Die haben immer nur den Eisernen Vorhang gesehen, und das war es dann schon für sie. In Wahrheit aber gab es zwei Eiserne Vorhänge: einen zwischen der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Nachbarn und einen weiteren zwischen dem so genannten Ostblock und Westeuropa. Für die Westeuropäer war das alles Kommunismus, es machte für sie keinen Unterschied, ob der in Budapest, Moskau oder Kiew stattfand. Aber das waren riesige Unterschiede!» Eine alte, doppelte Kränkung, die schwer verheilt.

«Diese Geschichten müssen in die Welt kommen»
Als die Besucherin am Abend ihren Koffer wieder packen muss, kommen ihr die extradicken Pullover trotz Schnee und klirrendem Frost auf einmal ein bisschen lächerlich vor. Denn Andruchowytsch hatte tatsächlich Recht: Binnen weniger Tage einigten sich die Gasprom und ihre ukrainischen Abnehmer – «wir werden siegen : ))))))))!» – auf eine vorläufige Lösung des Problems (darüber, ob das nun ein Sieg oder eine Niederlage war, stimmten abends im ukrainischen Fernsehen die Zuschauer per Telefon ab). Und wirklich kalt war es in den Innenräumen auch während der Gas-Sperre nicht geworden. Kein Grund zur Nervosität also, alles auf einem übersichtlichen, westeuropäisch gemäßigten Weg? Der Besucherin fällt eine winzige Szene ein, die sie während einer Taxifahrt sah. In einer der bleigrauen Vorstädte von Lviv lief auf der Mittellinie zwischen zwei dreispurigen Fahrbahnen ein fünf- oder sechsjähriger Junge mit gesenktem Kopf ruhelos auf und ab. Links und rechts zischte der Verkehr an ihm vorbei. Vom Taxifahrer wollte sie wissen, was das Kind da mache, der Mann lachte gutmütig. «Ach, der bettelt», sagte er. «Er muss halt warten, dass die Autos mal stoppen.» In den Büchern Juri Andruchowytschs könnte auch dieses Kind vorkommen. «Diese Gegend, diese Orte verfügen über ein noch lange nicht erschöpftes Potenzial an Erzählungen. Es ist an der Zeit, dass diese Geschichten in die Welt kommen», hatte er zum Abschied gesagt. «Sie können die Welt erschüttern, wie es in den siebziger Jahren die lateinamerikanischen Romane getan haben.» Doch dies hier ist Europa, um Exotik geht es gerade nicht, sondern um das fremd gewordene Eigene. Nur wenigen Büchern gelingt es wie Andruchowytschs Roman «Zwölf Ringe» (in der famosen Übersetzung von Sabine Stöhr), diese vergessene Welt für alle Sinne zu öffnen. Das Entsetzliche wie das Hilflose, das Anrührende, das Wüste, aber auch das bizarr Komische nehmen eine phantastische Wirklichkeit an – was eben nur ein flüchtiger Eindruck im Vorüberfahren war, hier bekommt es eine Geschichte, die Bilder rücken in einen Zusammenhang, und plötzlich meint man zu spüren, wie es sich anfühlt: das Fremde.

«Es ist aufregend und berührend, wenn etwas, das bis jetzt für die Außenwelt in tiefem Schweigen lag, eine Sprache, eine Stimme bekommt.» Juri Andruchowytsch münzt diesen Satz auf den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko, doch er passt ebenso gut auf ihn selbst. Für die Ukraine der Gegenwart ist er diese Stimme.
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