Des Wahnsinns fette Beute
Anormale, Irre und Freaks sind die historischen Zerrfiguren der Normalität. Was aber, wenn der Wahnsinn wahrer ist als sein normales Spiegelbild? Kleine Reise durch die Geschichte des Irreseins
Von Jutta Person Der Titel lässt sofort das Gegenteil vermuten: Tatsächlich ist in David Gilberts Roman «Die Normalen» genau das, was als normal zur Schau gestellt wird, ziemlich sonderbar. Wem das Label «normal» auf der Stirn klebt, der hat vermutlich einen ordentlichen Schlag weg. Die Gruppe von Normalen, die in Gilberts Roman ein noch nicht zugelassenes Psychopharmakon gegen Bezahlung testet, entpuppt sich fast zwangsläufig als Freakshow. Und das liegt nicht allein an dem Medikament, das gegen Schizophrenie helfen soll und dabei eine ganze Palette an psychotischen Störungen freisetzt. Billy Schine, Hauptfigur und jugendlicher Anti-Held, fühlt sich von einem Kredithai verfolgt, einer seiner Mit-Probanden outet sich als Schussnarben-Fetischist, ein anderer sticht sich die Augäpfel aus, und die einzige Frau der Test-Gruppe ist eine Nymphomanin mit Helfer-Syndrom.
Neben die blutigen Privat-Psychosen tritt die amerikanische TV-Wirklichkeit als mächtige Konkurrentin: Jeden Tag zappt Billy durch die Programme, und überall zeigt sich, dass der Klinik-Alltag auch nicht irrwitziger ist als die Realität. Dass der Roman dabei ziemlich altmodisch wirkt, mag zum einen an seinem Douglas-Coupland-haften Eifer liegen, so viel Gestörtes wie möglich auf die Bühne zu zerren. Wahnsinn auf allen Kanälen; und keine Testperson ohne Kindheitstrauma, spastische Zuckungen oder Alkoholproblem. Zum anderen folgt David Gilbert einem jahrhundertealten Gemeinplatz, wenn er die Welt selbst als Tollhaus vorführt. Die vernebelte Sicht der menschlichen Laborratten lässt den Komplex Amerika erst richtig hervortreten, oder, noch deutlicher: Die Gesellschaft selbst ist krank und Normalität ihr größter fake. Eine interessante Pointe bietet der Roman dennoch: «Wir haben es hier mit einer Kalibrationsstudie zu tun», verrät ein Arzt dem zweifelnden Billy. Ein Teil der Versuchspersonen wird mit Placebos gefüttert, um den Einfluss der Umgebung auf die Normalbevölkerung zu ermitteln – «so wie man den Behälter wiegt, bevor man ihn mit Inhalt füllt».
Dieses Bild von der Eichung des Maßes trifft den Kern aller Normalitäts-Debatten: Wie lassen sich psychische Norm und psychische Abweichung festlegen, wenn es keinen Ur-Meter für Vernunft und Verrücktheit, Wahrheit und Wahn gibt? Wie lassen sich biologische und soziale Einflüsse unterscheiden, wenn Zuckerpillen ähnlich merkwürdige Reaktionen hervorrufen wie Psychopharmaka? Quellen des Wahns: Gene oder Gesellschaft?
Ob der Wahnsinn irgendwo im menschlichen Körperinneren sitze und demnach organisch lokalisierbar sein müsse, oder ob er auf immaterielle Faktoren wie Psyche und Gesellschaft zurückgehe, ist eine Streitfrage, die sich in unzähligen Varianten durch die Psychiatriegeschichte zieht. Interessant sind aber gerade jene Konstellationen, die sich mit der aktuellen «Gene-versus-Gesellschaft»-Front nicht mehr verrechnen lassen. Heute gilt die Betonung der Biologie als konservativ, doch in früheren Zeiten war es genau umgekehrt. So macht zum Beispiel Roy Porters griffige, elegante und leicht zu lesende Kulturgeschichte des Wahnsinns darauf aufmerksam, dass der Blick aufs Organische in der Frühen Neuzeit den Glauben ans Übersinnliche ablöst. Progressiv war im 17. Jahrhundert, wer sich dem körperlichen Substrat des Wahnsinns zuwandte: Erst wenn es Hexen und Teufel nicht mehr gibt, lassen sich die natürlichen Ursachen einer – heilbaren – Krankheit erforschen. Auch der Dualismus zwischen «Psychikern» und «Somatikern», den man der deutschen Psychiatrie im 19. Jahrhundert zuschreibt – auf der einen Seite das romantische Festhalten an Seelenkräften, auf der anderen die harte biomedizinische Orientierung am Gehirn –, entpuppt sich als kompliziertes Knäuel, das sich nicht einfach in «Körper» versus «Seele» aufspalten lässt. Heinz Schott und Rainer Tölle beleuchten in ihrer «Geschichte der Psychiatrie» auf fast 700 Seiten all jene Stereotypen, die aus der Psychiatrie der Moderne eine medizinische Erfolgsgeschichte mit einer immer genaueren Vermessung von Hirnrinde, Nerven oder Drüsen machen. Das Daten- und Fakten-Massiv dieses sorgfältig abwägenden Bandes reicht von Humoralpathologie und Paracelsismus über Mesmerismus, Hypnose, Nervenheilkunde und Degenerationslehre bis zu Stichworten wie Neurophysiologie, Genetik, Psychiatrie-Reform, Depression und Elektrokrampftherapie. Den Autoren, einem klinischen Psychiater und einem Medizinhistoriker, geht es dabei vor allem um die heutige Psychiatrie und deren Patienten: Gegen «Geschichtsvergessenheit und Philosophieferne der gegenwärtigen Biomedizin» setzen sie auf den Dialog mit den Geisteswissenschaften.
Zerrbilder der Vernunft Abgesehen aber vom realen Leiden der Betroffenen war der Wahnsinn immer auch ein Faszinosum: Objekt der Schaulust und der theoretischen, literarischen und philosophischen Neugier gleichermaßen. Von Rainald Goetz bis Thomas Pynchon, von Michel Foucault bis Gilles Deleuze und Félix Guattari bot der Wahnsinn Autoren eine Möglichkeit, die Vernunft als Konstrukt zu beobachten. Mehr noch als all die anderen Anderen – Frauen, Tiere, Nichteuropäer, Arme, Delinquenten – verübt der Irre als Schreckfigur einen direkten Angriff auf das Denken: Wie lassen sich geordnete, logische Ideen über wild wuchernde Assoziationen stellen, wie qualifiziert man das eine als richtig, das andere als falsch? Narrenschiffe, Narrenkäfige oder die Zurschaustellungen der Wahnsinnigen in Hospitälern wie dem berüchtigten Londoner Bedlam, de Sades Charenton oder der Pariser Salpêtrière: seit den sechziger Jahren beugt sich die Wissenschaft über die unterschiedlichen historischen Formen der Stigmatisierung und Überwachung, um auf die jeweilige Gesellschaft rückzuschließen.
Generationen von Kulturhistorikern haben wahnsinnige Texte und Texte über den Wahnsinn gelesen; in unzähligen Seminaren hat man die Magnetisier-, Strahlen- und Elektro-Modelle der Paranoiker als diskursive Wechselwirkungen analysiert. Wahnsinnige, die eine Welt schrecklicher Wunderwaffen erfinden, mit Gott schlafen, Heerscharen von Spionen und Überwachungsmaschinen phantasieren, mit Kaisern und Königen korrespondieren, Geschlechtsumwandlungen am eigenen Körper beschreiben, gelehrte Traktate verfassen – diese Wahnsinnigen waren nicht nur Objekte der Literatur und der Kunst, sondern auch selbst literarische und künstlerische Produzenten. «Genie und Irrsinn» werden nicht erst seit Cesare Lombrosos notorischer Studie aus dem späten 19. Jahrhundert als physiologisch zusammenhängend betrachtet; seit der antiken Säftelehre des Galen gilt etwa die Melancholie als Ursache produktiver Gemütszustände, wie ein gerade erschienener Ausstellungsband über «Genie und Wahnsinn in der Kunst» eindrucksvoll belegt. Als Psychiater wie Hans Prinzhorn in den zehner und zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts damit beginnen, die faszinierenden Bilder von Psychotikern zu sammeln – die hier abgebildeten Hexenköpfe und Maschinen-Skizzen August Natterers stammen aus der Sammlung Prinzhorn –, hat sich der Zusammenhang von Genie und Wahnsinn im kollektiven Gedächtnis schon wieder mehrfach weitergedreht. «Le style, c’est le corps», schreibt Doktor Gottfried Benn – von Hirnzellen und Drüsen erhofft man sich Aufschluss über die geniale Persönlichkeit. Längst schon ist der Genie-Kult des 19. Jahrhunderts in eine obsessive Suche nach Degenerationsmerkmalen am Künstler umgekippt; an Mallarmé vermerkt man die spitzen Ohren, an Zola die degenerativen Greiffüße, an Hölderlin die körperlichen Zeichen der Schizophrenie. Im «Dritten Reich» schließlich führt die totale Biologisierung des Menschen nicht nur zur Stigmatisierung der Moderne als «Entarteter Kunst», sondern zum Massenmord an psychisch Kranken.
Das Krumme soll gerade werden Doch die wichtigste historische Wendemarke in der Wahrnehmung des Wahnsinns liegt im 18. Jahrhundert: Der Mensch scheint, aus philanthropischer Warte, besserungsfähig und erziehbar, und deshalb gilt auch das Irresein als ein heilbares Missverständnis. «Angespornt vom Optimismus der Aufklärung, wurde die praktische Psychiatrie durch die Erfahrung in den Anstalten verändert; die Wiederherstellung der geistigen Gesundheit in wohldurchdachten und gut geführten ‹Anstaltsmaschinen› wurde zum Standardanspruch», schreibt Roy Porter. Im Grunde geht es darum, die Wahnsinnigen auf den Pfad der Tugend zurückzuführen: Vernunft, so denkt man die Kranken zu überzeugen, sei einfach vernünftiger als der Wahn. Dieser Glaube an die Korrigierbarkeit des Menschen zeigt sich in der aufklärerischen Begeisterung für die Orthopädie, deren Folgen nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern eben auch Irre zu erleiden hatten. Die kontrollierte Körperhaltung und -bewegung war eine Obsession, die man mit orthopädischen Maßnahmen wie dem Zwangsstuhl auch in den Anstalten in die Praxis umsetzte: Was krumm war, soll gerade werden. Eine der Urszenen der Psychiatrie und ihrer Geschichtsschreibung ist die Befreiung der Irren von den Ketten: Am 11.11.1793, so die Legende, nimmt der Arzt Philippe Pinel den Patienten im Hôpital Bicêtre die Eisenketten ab – um ihnen im Tausch erst einmal die Zwangsjacke anzulegen. Das Schlagwort «régime moral» sollte europaweit einen humaneren Umgang mit den Irren einleiten, gefolgt vom «non restraint», einer Behandlungsform, die schließlich ganz auf den physischen Zwang verzichtete. «Diese neuen Ideen passten zum sozio-politischen Optimismus der Revolutionszeit. Die progressiven Kräfte wollten die Überbleibsel des Irrenhauses aus dem Ancien régime wegfegen. Die Bollwerke der Repression, des sinnlosen Zwangs und der hoffnungslosen Verwahrung mussten verschwinden», so Porter über den Umschwung in Frankreich.
Registrieren, vermessen, auswerten Dass die Irren endlich nicht mehr wie Käfigtiere gefangen gehalten, sondern als therapierbare Kranke wahrgenommen wurden, ist ein unbestrittener historischer Fortschritt. Und doch sind seit Foucaults Untersuchungen zu «Wahnsinn und Gesellschaft» von 1961 die zweischneidigen Konsequenzen dieses Prozesses bekannt: Die Befreiung von den Ketten und vom äußeren Zwang brachte eine immer subtilere Überwachung und Reglementierung des Inneren mit sich. In seinen jetzt auf Deutsch erschienenen Vorlesungen über «Die Macht der Psychiatrie» von 1973/74 wendet sich Foucault erneut dem Wahnsinn zu – allerdings unter den veränderten Vorzeichen einer Machtanalyse, die sich für die Feinstrukturen im Verhältnis zwischen Arzt und Kranken interessiert. Diese «Mikrophysik der Macht» äußert sich in den Blicken, Strategien und Taktiken; und gleichzeitig lassen diese Gesten der Mikro-Ebene eine gesamtgesellschaftliche Verschiebung erkennen: von der Souveränitätsmacht hin zur Disziplinarmacht. Während der alte Souverän, der König, noch eine sichtbare, genau umgrenzte, zepterschwingende Größe war, wird «an der Stelle dieser enthaupteten und entthronten Macht eine blasse, farblose anonyme Macht installiert». Diese Macht der Disziplin äußert sich im Anlegen von schriftlichen Dossiers – Schulzeugnissen, Polizeiakten, Krankengeschichten – ebenso wie in einer rundherum verwirklichten Sichtbarkeit. Alles wird registriert, vermessen und ausgewertet. Und dabei, so Foucault, entstehen erst Individuen, die nicht assimilierbar sind: Die Anormalen fallen gewissermaßen durch sämtliche Raster. «Kurz, die disziplinarische Macht hat diese doppelte Eigenschaft, anomalisierend zu sein, das heißt, immer eine gewisse Anzahl von Individuen abseits zu stellen, Anomie, Irreduzibles zutage treten zu lassen und stets normalisierend zu sein, stets neue Vereinnahmungssysteme zu erfinden, die Regel stets wiederherzustellen. Es ist eine fortwährende Arbeit der Norm in der Anomie, welche die disziplinarischen Systeme kennzeichnet.» Der Irre wird in diesem disziplinarischen System zum Anormalen, der zwar nicht mehr mit roher Gewalt, dafür aber mit dem pädagogischen Enthusiasmus der Psychiater und mit neuen orthopädischen Apparaten traktiert und korrigiert wird. Für die Psychiatrie schlägt Foucault deshalb eine zweite Urszene vor, die er im Lauf dieser höchst spannenden Vorlesungen analysiert: In Pinels Hauptwerk findet sich eine Beschreibung des wahnsinnigen englischen Königs George III., die genau den Umschwung von der Souveränitäts- zur Disziplinarmacht illustriert. Dabei geht es vor allem um die Beschreibung der Diener, die den tobenden, mit Kot um sich werfenden König «stolz» anblicken, bändigen und reinigen. Die Blicke und Gesten dieser Szene sind entscheidend: Dem König, der sich in der Position der «angeketteten Sklaven» befindet, tritt «die verhaltene, disziplinierte, ausgeglichene Kraft der Diener» gegenüber. Den Akt der Besudelung liest Foucault als «jahrhundertealte Geste des Aufstandes gegen die Mächtigen», denn lediglich die Ärmsten schleuderten Steine und Unrat auf die Herrscher – während wütende Handwerker und Bauern immerhin noch Sensen und Knüppel zu werfen hatten. Im «Augenblick der Konfrontation mit der ärztlichen Macht» wird der König ein kotiges Nichts.
Die Disziplinarmacht mit ihrer normalisierenden Wirkung macht auch vor Königen und Kaisern nicht Halt, wie diese eindrucksvolle Szene belegt. Die Normalisierung bringt das moderne Individuum erst hervor – und entwirft gleichzeitig sein anormales Zerrbild. Vieles an Foucaults Gedanken mag nach dreißig Jahren bekannt wirken, doch dieses Paradox der Norm – mit einem disziplinierenden Raster das moderne Individuum zu erzeugen – bringt in seinen Vorlesungen immer noch heilsame Erkenntnis-Schocks zustande. Dass «die Biologie» allein keinen Wahnsinn erzeugt, ist schließlich auch heute längst noch nicht Common Sense. Aber ganz abgesehen von allen ideologischen Schlachten zwischen Genen oder Gesellschaft, Körper oder Psyche, organischem Substrat oder immateriellem Milieu – für den Betroffenen bleibt in den meisten Fällen entscheidend, dass andere die Definitionsmacht über das eigene Leben ergreifen. Am besten bringt das vielleicht der wahnsinnige Dramatiker Nathaniel Lee nach seiner Einweisung in Bedlam zum Ausdruck, den Roy Porter zitiert: «Sie nannten mich verrückt, und ich nannte sie verrückt, und verdammt noch mal, sie haben mich überstimmt.»