
Mehr Wirklichkeit!, fordern manche in diesen Tagen. Literaturen begibt sich auf die Suche nach konkreten Orten und begegnet dabei dem Wirklichen ebenso wie dem Phantastischen. Renate Klett ist nach Timbuktu gereist, an jenen Ort, der auf der Landkarte der Sehnsucht direkt neben Atlantis und Eldorado verzeichnet ist. Ihre Reportage erzählt von den realen Verhältnissen in der Oasenstadt und vergleicht sie mit dem Roman von Thomas Stangl, der über Timbuktu schrieb, ohne je dort gewesen zu sein – die Fotos dieses Schwerpunkts zeigen Timbuktus Einwohner, seine Hütten, sein Internetcafé.
Sigrid Löffler hat Cees Nooteboom in Madrid getroffen. Seit einem halben Jahrhun-dert bereist der niederländische Autor den Globus und schreibt darüber: ein literarischer Weltfahrer. Auch Geschichtsschreibung und Kulturwissenschaften haben den Raum wiederentdeckt. Neue Sachbücher tragen Titel wie «Deutschland vor Ort», «Erinnerungsorte» oder «Böse Orte». Niels Werber diskutiert den «Topographical Turn» und meint: Gut, dass mancher theoretische Höhenflug in die vermeintlich ortlosen Weiten des Cyberspace zu Ende geht; aber die bloße Feier des Erlebens «vor Ort» führt auch nicht weiter. Also auf zu den absonderlichen Orten der Dichter! Nach Magnitogorsk, in den zerrütteten Stahlstandort in Sibirien, nach Rungholt, zu der versunkenen Stadt im Wattenmeer, auf zum litauischen Autoumschlagplatz Marjampole, in die thailändische Ruinenstadt Ayutthaya � Alles wirkliche Orte. Aber welche Wirklichkeit käme schon ohne Imagination aus?
«Die Welt ist unendlich viel größer, als man denkt»
Reisender aus Beruf und Berufung, Kontrolleur der Wirklichkeit. Ein Gespräch in Madrid mit dem holländischen Weltfahrer Cees Nooteboom
Von Sigrid Löffler
Das ganze Unglück der Menschen, notiert Pascal, hat eine einzige Ursache – dass sie nicht in Ruhe in einem Zimmer bleiben können. Der Niederländer Cees Nooteboom hat mehr als fünfzig Jahre seines Lebens darauf verwendet, diesen Satz des Franzosen zu widerlegen. Er suchte sein Glück in ruheloser Mobilität, er machte das Unterwegs-Sein zu seiner Lebensform, das Reisen im Raum und in der Zeit zu seinem Beruf und die Beschreibung entlegener Orte der Welt zu seinem Thema. Aus holländischer Sicht scheint dies überhaupt seine bedeutendste Leistung zu sein: «Cees Nooteboom hat die Reiseerzählung zu einem Genre gemacht, das es in der niederländischen Literatur bis dahin nicht gab», konstatiert der Kritiker Daan Cartens. Wäre er Pole oder Engländer, wie Ryszard Kapuscinski, wie Bruce Chatwin, wie Jonathan Raban, Simon Winchester, Graham Greene, wie auch der Nobelpreisträger V. S. Naipaul, Nooteboom hätte sich von Anfang an leichter getan: Er hätte nur sich selbst zur Anerkennung hochschreiben müssen, nicht aber zugleich auch ein literarisches Genre als solches. So hat es eine Weile gedauert, ehe der Niederländer, Jahrgang 1933, in den Kreis der Star-Globetrotter-Autoren aufgenommen wurde und zum Weltrang eines Kult-Nomaden aufstieg. Seit er sich im angloamerikanischen Sprachraum durchgesetzt hat, zählt er zur Champions League der Reiseerzähler, die immer noch eine vorwiegend britische Domäne ist.
Gewiss: Nooteboom hat sich zuerst ganz klassisch als Roman-Autor und Lyriker hervorgetan. Und doch erzählte schon sein Erstling, der Roman «Philip und die anderen», der ihn mit 22 Jahren in Holland über Nacht berühmt machte, vom Trampen quer durch Europa, von Reiseromantik und Liebessehnsucht. Gut ein Dutzend Romane und Erzählungen sind es inzwischen, dazu mehrere Gedicht- und Essaybände, die ihm den Ruf eines üppig belesenen und philosophisch versierten Erzählers, eines subtilen Poeta doctus, eines Architekten raffiniert verspiegelter Fiktionen eingetragen haben. Die Zeit, ihre Unumkehrbarkeit und die Techniken und Kunstgriffe zu ihrer Überlistung durch Literatur – das ist ein lebenslanges Thema dieses Schriftstellers. Seine fundierte klassische Bildung hat er den katholischen Kloster-Internaten in Eindhoven und Venray zu verdanken, aus deren strenger Zucht er allerdings immer wieder entkam, durch Rausschmisse wegen Unbotmäßigkeit.
In den Sprachwelten, die er erfindet, ist der Autor auch Herr der Zeit. Er kann sie in den Plural setzen, er kann sie anhalten, er kann sie sogar rückwärts laufen lassen. Und seine Geschichten spielen immer zugleich an realen und imaginären Orten: im Paradies, auf dem Acheron/Amazonas, in den niederländischen Bergen. «Paradies verloren», sein jüngster Roman, bewegt sich auf den Traumpfaden der Aborigines und verschränkt den realen Sehnsuchtsort Australien mit den Paradiesbildern der abendländischen Kunst und Literatur.
Auf den Spuren eines barocken Chevaliers
Im Erzähler Nooteboom ist immer auch der Reisende und der Leser am Werk. Seine Romanhelden unternehmen seine Reisen, erleben seine Abenteuer und kennen die Bücher, die er selbst gelesen hat. In seinem fiktiven Werk navigiert dieser Autor durch Sprach- und Kulturräume, durch mythische und durch fremdländische Orte, die er von seinen realen Weltfahrten her gut kennt. Es sind seine Berichte von diesen Reisen auf allen Kontinenten, die den gewichtigsten und umfangreichsten Teil seines �uvres ausmachen.
«Reiseerzählungen» nennt er seine einzigartigen Werkstücke. In ihnen mischt sich das Tagebuch mit der Momentaufnahme, die Meditation mit der impressionistischen Skizze, die Unmittelbarkeit der Reportage mit der kritischen Reflexion. Anschauung verquickt sich mit Lektüre-Funden, mit genauer Geschichts- und Literaturkenntnis und verfeinert so das Bewusstsein von Mehrzeitigkeit. Im Jetzt öffnen sich schwindelerregende Zeit-Räume. Das Handicap des Reiseerzählers ist zugleich sein Ansporn: Er muss sich an das halten, was ist; er kann die Welt nicht umschreiben wie der Romancier – «Im günstigsten Fall bin ich ein Kontrolleur der Wirklichkeit.» Im Zusammenhang gelesen, ergeben Nootebooms Reiseerzählungen seine heimliche Autobiografie. Die Welt wird inventarisiert und archiviert im Dienste der Selbstbetrachtung.
Im Juni 1980 durchstreift er die Tempelreste der thailändischen Ruinenstadt Ayutthaya. Er schreibt: «Da, wo ich jetzt stehe, auf der sonnenversengten Fläche, die einst Ayutthaya gewesen ist, muß er zwischen den Tempeln und Palästen geschritten sein, die jetzt Ruinen sind: le Chevalier de Chaumont, Gesandter Ludwigs des Vierzehnten. Er ist gekommen, um König Narai seine Aufwartung zu machen. Man schreibt das Jahr 1685.»
Und sofort ist die Mehrzeitigkeit eines historischen Ortes etabliert: In der Anschauung des heutigen Reisenden spiegelt sich ein anderer abendländischer Blick, drei Jahrhunderte früher, auf eine fremde Kultur. Wie sein folgender Bericht zeigt, weiß der heutige Betrachter über die buddhistische Autokratie der Thai-Herrscher von Ayutthaya offenkundig besser Bescheid als der französische Kavalier der Barockzeit – und doch weiß er, dass er immer zu wenig weiß. Er bleibt der westliche Zuschauer: «Mehr als ein Zuschauer aus der Ferne kann man nie werden.»
Er vergleicht, was er sieht, mit dem, was er kennt, betrachtet die Reste der Wandmalereien in einer thailändischen Tempelruine und hält sie gegen romanische Fresken in Spanien – und dennoch bleibt ihm immer skeptisch bewusst, wie nah die Versuchung zu falschen kulturellen Vergleichen und zu romantischer Ruinenseligkeit liegt. Sich die Eigenart der Fremde über Analogien erschließen zu wollen, bleibt ein fragwürdiges Unterfangen. Er spürt seine tiefe Fremdheit zwischen all diesen steinernen Buddha-Statuen. «Ich gehe an ihnen entlang, als inspizierte ich eine Ehrengarde, aber nach einiger Zeit ist nicht mehr sicher, wer wen inspiziert. Dieses hundertfache steinerne Starren beginnt zu wirken, und das erste, was wie immer an solchen Orten zu schmelzen beginnt, ist die Zeit. Sie verdickt sich zu einem zähen, dickflüssigen Element, meine Uhr zerfließt wie auf dem Bild von Dalí, der Taubenschwarm, der vorüberfliegt, braucht Stunden. All diese starrenden, jahrhundertealten Blicke und meine flüchtige Anwesenheit dazwischen geben dem Augenblick eine geballte, ausgelassene Intensität. Ich lasse mich dort zurück und gehe.»
Eine Landkarte, aus Seele gemalt
Dass man im Weiterreisen vergangene Orte nicht einfach verlässt, sondern immer auch sich selber dort zurücklässt, dass jede Fahrt im Raum auch eine Zeitreise ist – dieser Gedanke bestimmt alle Bewegungen des Weltfahrers Nooteboom. Was er betreibt, ist eine besondere Art von Kartografie plus Geschichtsschreibung. Im Raume liest er, mit dem Historiker Karl Schlögel gesprochen, die Zeit. Schreibend verleibt sich dieser Land- und Zeitvermesser die lebendige Erde ein, schafft sie in der Beschreibung neu, gibt ihr seine Signatur. «Was ich wiederhole, bekommt mein Gepräge: Eine Landkarte, aus Seele gemalt», liest man in Nootebooms Gedicht «Kartografie».
Wiederholung schließt die Pluralisierung der Zeit mit ein. Die Erfahrung mit vergehender, wiederkehrender, sich überlagernder Zeit lässt sich auch an Orten festmachen, beispielsweise am Hotel zur Datumsgrenze, dem International Dateline Hotel, auf der Südseeinsel Tonga. Ein Flug von den Fidschi-Inseln nach Tonga: man startet um vier Uhr nachmittags, der Flug dauert zwei Stunden, man landet um sechs Uhr abends – aber gestern. Man hat die Datumsgrenze überflogen.
Grund genug, um ein wenig zu meditieren: «Unverhofft hat einem das Leben einen ganzen Tag geschenkt, man ist räumlich vor-, zeitlich jedoch zurückgereist und hat sich so einen der schönsten Träume der Menschheit erfüllt. Tonga liegt nämlich exakt auf dieser völlig imaginären Trennungslinie, mit der die Menschheit versucht hat, die unsichtbare Zeit zu zähmen: Wer einen Schritt vor- oder zurückgeht, verwandelt sich von einem Gestrigen in einen Heutigen oder umgekehrt und beweist damit, daß die Zeit im Grunde nicht existiert. Vielleicht war ich deshalb so glücklich auf Tonga.»
Mal sehen, wohin die Reise geht
Begonnen hat Nooteboom als jugendlicher Tramper: «Eines Tages habe ich einen Rucksack gepackt, Abschied von meiner Mutter und den Zug nach Breda genommen und mich eine Stunde später – jeder weiß, wie groß die Niederlande sind – an der belgischen Grenze an den Straßenrand gestellt und den Daumen hochgestreckt; und damit habe ich eigentlich nie mehr aufgehört.»
Von allem Anfang an war der Weg das Ziel, nach dem geheimen Motto: Mal sehen, wohin die Reise geht. Reisen heißt: sich Zeit nehmen, sich ab- und umlenken, sich überraschen lassen. Reisen heißt: in Kobe oder Lima oder Djakarta zum Busbahnhof gehen und dann weitersehen.
So verschlägt es ihn beispielsweise nach Gambia: «Ich bin dort nicht hingefahren, ich bin hingekommen. Ich wollte in die Spanische Sahara.» Aber ein mauretanisches Visum gab’s nicht, die Maschine nach Dakar war voll, nach Banjul hingegen ging ein Flug. Und schon strolcht der junge Holländer durch die Hauptstadt von Gambia und muss sich fragen lassen, was er hier wolle. «Den Präsidenten interviewen.»
Nicht viel anders verhält es sich mit Mali. Der Flug geht eigentlich nach Ouagadougou in Obervolta, aber der Reisende steigt in Bamako aus, um sich hier mal umzuschauen – «Tage voller Sinn und Unsinn». Und wenn er schon mal in Bamako ist, dann kann er gleich auch nach Mopti fliegen, ins Land der Dogon, und weiter nach Timbuktu, ein versandetes, fahles Hüttendorf, das ihm kaum der Mühe wert erscheint: «Verschwunden die Universitäten, verschwunden der Markt mit dem Gold- und Salzhandel, verschwunden der aus Stein erbaute Palast» («Mondland Mali»).
Auch heute, mit 72, betreibt Cees Nooteboom das Reisen nicht viel anders. Gut, seine Verkehrsmittel haben sich geändert, auch die Reisegefährten. Viele Jahre war er mit Eddy Posthuma de Boer unterwegs, seinem Kumpel und Fotografen; heute reist er zumeist mit Simone Sassen, seiner Frau, auch sie Fotografin. Fahrten per Anhalter haben sich erledigt – zu beschwerlich, zu gefährlich. Wenn der Autor heute reist, dann entweder hochtourig, per Flugzeug, Kreuzfahrtschiff, Leihwagen, oder per Bus, Lokalbahn und zu Fuß – Cees Nooteboom ist vorangekommen in der Welt. Aber welche Verkehrsmittel auch immer er benützt, stets bleibt es ein strapaziöser und körperlich intensiver Vorgang, die Welt zu erfahren.
Die 888 Stufen zu einem entlegenen japanischen Bergtempel wollen immer noch zu Fuß erklommen sein, genauso wie die mexikanischen Pyramiden; die Wallfahrt zum Heiligen Jakob von Compostela kann man hingegen auch mit dem Auto absolvieren – das erlaubt Abschweifungen und Umwege, wie Nooteboom sie liebt. Statt das Ziel direkt anzusteuern, kann man von Kloster zu Kloster schlingern, sich vom unbekannten Namen auf einem Wegweiser, von der Silhouette eines Kastells in der Ferne verlocken lassen. «Ich weiß, daß Weg für mich nie etwas anderes bedeuten kann als Umweg, das ewige, selbstgeschaffene Labyrinth des Reisenden, der sich immer wieder von einem Seitenweg und von einem Seitenweg dieses Seitenwegs verleiten läßt» («Der Umweg nach Santiago»).
Die Verlockung magischer Namen
Anders als der Tourist, der sich über den Globus schleudern lässt, um die Fünf-Sterne-Orte der Welt abzuhaken, ist ein Reisender wie Nooteboom nicht so sehr an den kanonischen Highlights der Welttouristik interessiert. Noch hat der Tourismus nicht alle Winkel eingeholt. Sogar im Zeitalter des fliegenden Massenreiseverkehrs lassen sich unberührte Orte auf Erden finden. In Indien sucht er nicht den Taj Mahal, vielmehr zieht es ihn nach Benares, in die Totenstadt der Hindus am Ganges. Wenn er im VW-Käfer durch Mexiko nomadisiert, dann ist Acapulco nicht das Ziel, sondern allenfalls der Schlusspunkt, weil Abflughafen. Viel wichtiger sind die magischen Namen, die er unterwegs auf der Landkarte entdeckt: «Chichihualtepec, San Gabriel Mixtepec, San Francisco Ozolotepec, Sierra de Zempoaltepetl. Wie soll ich ihnen widerstehen. Wehrlos gegen Namen, immer gewesen. Die Verlockung von Wörtern, Köder für schlechte Dichter, Musikanten-lust, Tänzerblut. Nicht ruhig sitzen bleiben können, und ein Auto vor der Tür.»
Auch in Australien, wo Orion, sein Lieblingssternbild, auf dem Kopf steht, sind es zuallererst die Namen, die ihn ins Outback, in die Binnen-Wüsten des Kontinents locken: Nourlangie Rock, Humpty Doo, Oenpelli, Ubirr. Bei Ubirr lässt er das Auto stehen und wandert zu Fuß hinein ins Land der Aborigines, bis zu jenem Felsüberhang in der Einöde, auf dessen Wänden die Ureinwohner ihre Felszeichnungen hinterließen. Vor Tausenden von Jahren, in der Traumzeit der göttlichen Schöpferhelden, malten sie die Tiere, von denen sie lebten, an den Fels – die Langhalsschildkröte, den Leguan, das Wallaby. An den Aborigines, die jahrzehntausendelang dieses Land bewohnten, ohne es zu bebauen, ohne es zu verändern, ohne bauliche Spuren zu hinterlassen – keine Schrift, keine Erfindungen: an den Aborigines interessiert ihn vor allem deren Zeit- und Raumbegriff.
Anders als Bruce Chatwin, der mit seinem Kultbuch «Traumpfade» Generationen von Backpackern seine konfusen und irrigen Ideen über «Songlines» in den Kopf gesetzt hat, vermag Nooteboom das Prinzip des rätselhaften Wege-Netzes der Aborigines einleuchtend zu erklären, als eine Art topografisches Epos, zugleich geheimer Ursprungsmythos und rhapsodisch erzählte Landkarte. Ein Volk ohne Schrift, das sich mittels Pfaden in die Landschaft einschreibt. Die Songlines, schreibt er, waren Kosmogonie, enzyklopädische mündliche Überlieferung und gesungene Wegbeschreibung gleichzeitig. Sie riefen die von Vorgängern gebahnten Wege, die Spuren der Totemwesen der Traumzeit, ins Gedächtnis und prägten sie den Nachkommenden ein; die Dreamings nannten die Namen jeder Quelle, jedes Flusses, jedes Baumes, jedes Felsens – und diese ständige Wiederholung der Namen sicherte den Fortbestand der Welt.
Reiseerzählungen funktionieren anderszeitig
An den Aborigines fasziniert Nooteboom der Anachronismus: dass sie die Idee der heiligen Orte aufrechterhalten wollen gegen die Interessen der Bergbauindustrie und gegen die Zudringlichkeit der Touristen und Ayers-Rock-Besteiger; dass sie in der Zeitlosigkeit von früher verharren wollen und weiterhin nach Wurzeln suchen, Nüsse zerstampfen und ihre Körper rituell bemalen, notgedrungen für bunte Folklore-Abende. Den vielen Ungleichzeitigkeiten dieser Welt gehört Nootebooms Augenmerk. Mag sein, dass überall, wo er auf Erden gewesen ist, schon längst Kameras an der Arbeit waren und ihre Bilder per Mausklick global verstreuten. Reiseerzählungen funktionieren anderszeitig. Sie verlangsamen die Weltwahrnehmung, aber sie intensivieren sie auch, denn alles Quellenstudium, alle Reisemühsal, die langen und verschlungenen Fahrtwege, die Einsamkeit und Melancholie unterwegs sind in sie eingegangen. Denn was sind Hotelzimmer anderes als moderne Mönchszellen, Orte der Einkehr, der Stille und des konzentrierten, schweigenden Allein-Seins? Dem modischen Selbstbetrug des digitalen Zeitalters, der Raum habe sich im Cyberspace verflüchtigt und Entfernungen hätten sich in der Ortlosigkeit des World Wide Web aufgelöst, ist Nooteboom nie aufgesessen. Er weiß es aus Erfahrung besser. «Die Welt ist unendlich viel größer, als man denkt», sagt er mehrfach während des Gespräches.
Zwei Länder, zwei Sprachen, zwei parallele Leben
Er hat Madrid als Ort des Interviews vorgeschlagen, weil er ohnedies hinfliegen muss, um seine spanischen und holländischen Verleger zu treffen, und weil die Stadt leichter zu erreichen ist als das versteckte Bauernhaus im Süden der Insel Menorca, in dem er seit vierzig Jahren schreibend seine Sommer verbringt (während der Wintermonate ist er in Amsterdam oder unterwegs). Er habe sein Leben auf zwei Länder verteilt – und damit auch auf zwei Sprachen, zwei Essgewohnheiten, zwei politische und geistige Landschaften, sagt er. Im Grunde führe er zwei parallele Leben.
Für einen, der «aus einem überbevölkerten verstädterten Land kommt, in dem alles bis aufs i-Tüpfelchen geregelt ist und das allmählich wie ein Pendant zu Los Angeles aussieht», wirkt Spanien wie ein grenzenloser Kontinent. Und genauso, nämlich «Der grenzenlose Kontinent», nannte Nooteboom auch seinen großen Reise-Essay, den er vor vier Jahren auf Bitten von «El País» schrieb. Die Zeitung wollte von ihm wissen, wie sich Spanien geändert habe in dem Vierteljahrhundert seit Einführung der Demokratie. Der Holländer mietete ein Auto, ließ sich vier Wochen lang und 5000 Kilometer weit kreuz und quer durchs Land treiben und fragte jeden, den er traf: Was hat sich geändert? So buntscheckig die Antworten ausfielen, so deutlich der Generalnenner: Der Kontinent Spanien steckt voller Ungleichzeitigkeiten – heute mehr denn je.
In Spanien, sagt Nooteboom, fühle er sich von allen Weltgegenden am wenigsten fremd. Er behauptet, dass der Charakter Spaniens und die spanische Landschaft am ehesten seinem Wesen entsprechen – dem, «was mich ausmacht»: «Spanien ist brutal, anarchistisch, egozentrisch, grausam, Spanien ist bereit, sich für Unsinn in den Ruin zu stürzen, es ist chaotisch, es träumt, es ist irrational.» Schwer einzuschätzen, wie ernst man eine solche Selbstbeschreibung nehmen soll – aus dem Munde eines geschliffenen, polyglotten und kosmopolitisch bewanderten niederländischen Ironikers, der sich in allen Lebenslagen geschmeidig zu bewegen gelernt hat. So viel stimmt allerdings: Nooteboom ist ein Wahl-Spanier geworden. Amsterdam kennt er zu gut, da rückt ihm alles zu nahe auf den Pelz und lenkt ihn ab, da kosten ihn Klatsch und Tratsch, Eifersüchteleien und Eitelkeiten zu viel Energie und Aufmerksamkeit. In Spanien lebt er konzentrierter, ohne Gossip.
Mehr als hundert Kladden als Reise-Ausbeute
Er hat das Nomadisieren als seine Existenzform gewählt, lange ehe er es zu seiner Profession machte, in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als er sich in ein Mädchen aus Paramaribo verliebte. Dieser Liebe wegen fuhr er 1957 als Leichtmatrose auf einem Schiff nach Surinam. Dort hielt er beim Vater seiner Braut vergeblich um deren Hand an. Sie heirateten trotzdem, in New York, und die Ehe hielt bis 1964 – nicht im entferntesten so lang wie der Beruf, der sich am Rande dieser Schiffsreise für den 23-Jährigen ergab, als seine karibischen Reiseskizzen in holländischen Zeitungen ihm erste journalistische Erfolge einbrachten. Seither ist er Reisender von Beruf und verdient sein Geld mit Unterwegs-Sein.
Heute blättert Nooteboom in dem, was seine Ausbeute nach einem halben Jahrhundert des Reisens und Lesens ist und was er sein «externes Gedächtnis» nennt, ohne das er kein einziges seiner Reisebücher hätte schreiben können: mehr als hundert Kladden, randvoll mit Notizen, Assoziationen, Stegreif-Formulierungen, Aufschriften, Grabinschriften, Satz- und Gesprächsfetzen, Zeichnungen, Skizzen, Diagrammen, flüchtigen Anmerkungen und Ideen, hastig unterwegs notiert, auf Booten, in Zügen, in der Luft, hinterm Lenkrad, in tausendundeinem Hotelzimmer.
Die Kladden sind die Essenz seines Reise-Universums. Zweimal sind ihm seine Notizbücher gestohlen worden – einmal mitsamt der Reisetasche auf der Insel La Gomera, das andere Mal in einem überfüllten Stadtbus in Buenos Aires. Weil in diesen Kladden aufgehoben ist, was sonst vom großen Vergessen zermalmt würde, erlebte er ihren Diebstahl wie eine Amputation – ein unwiederbringlicher und schwer behindernder Verlust.
Warum reisen Sie? Warum reisen Sie so viel?
Wenn man diesen Weltenbummler auch nur ein wenig kennt, weiß man, welche Interview-Frage man ihm keinesfalls stellen sollte. Warum reisen Sie, warum reisen Sie so viel? Diese Frage kann man sich sparen, denn Cees Nooteboom hat sie in seinen Büchern in allen nur denkbaren Varianten selber beantwortet – ernsthaft, schalkhaft, verlogen, ausweichend, wahrhaftig. Er nennt beispielsweise Weltgier als Motiv: «Sobald ich irgendwo ankomme, packt mich eine wahre Gefräßigkeit – ich muß wissen, wie alles zusammenhängt, ich muß das �System� der Stadt kennenlernen, ich muß losziehen, riechen, schauen, in Bussen und Straßenbahnen sitzen, die Stadt erobern» («Ein Abend in Isfahan»). Er sei «so beschaffen, daß ich immer hinter den nächsten Hügel gucken will und noch immer nicht gelernt habe, daß dahinter wieder ein Hügel liegt», schreibt er in seinem Japan-Essay «Kalter Berg».
Anderswo nennt er eine subtile Form des Sich-Entziehens als Motiv: Einer, der nie da ist, kann auch nicht haftbar gemacht werden; er kann dem eigenen anekdotischen Leben daheim entkommen. «Vielleicht ist dies sogar das heimliche Ziel allen Reisens: zwischen den anderen zu verschwinden. Es geht darum, zu verschwinden und gleichzeitig dazubleiben. Man behält sein eigenes Leben – man kann eine Telefonnummer wählen, und am anderen Ende ist immer jemand, der weiß, wer man ist –, doch gleichzeitig taucht man ab. Jeder kann einen sehen, als Selbst jedoch ist man unsichtbar. Man könnte sozusagen genauso gut ein anderer sein» (»Geträumte Reisen»).
Der heimliche Genuss des Befördert-Werdens
Reisen hat etwas mit Lernen und Meditieren, mit Neugier und Perplexität zu tun. Auf Reisen lernt man sich selber kennen. Reisen offenbart den Charakter des Menschen. Auf Reisen inszeniert man das eigene Leben. Reisen ist Sehenlernen. Reisen ist Sich-Einlassen auf die Fremdheit der anderen. Wer ständig reist, ist stets irgendwo anders und damit stets abwesend – das gilt für die anderen, die Freunde. Denn für sich selbst ist man zwar «irgendwo anders», aber man ist auch ständig und immer bei sich selbst. Man selbst ist als Reisender der Fixpunkt, der stillsteht, während die Welt sich um einen dreht. Das Zentrum der Welt reist stets mit: Es befindet sich immer dort, wo man gerade ist.
«Das Zwiespältige am Reisen besteht darin, dass es gleichzeitig ein aktives und ein passives Tun umfasst», merkt Nooteboom einmal an. «Ich mache eine Reise (das tue ich), und ich werde irgendwohin befördert, und in der Passivität von Letzterem steckt eine heimliche Genussfreude. Ich bin aller Verpflichtungen enthoben und tue trotzdem etwas. Die anstrengendste Reise ist die Apotheose der Faulheit. Ich wette, dass Oblomow am Ende seines Tages viel müder war als ich, aber wir erreichen beide unser geheimes Ziel: das Verstreichen der Zeit» («Von Brunei nach Sarawak»). Vielleicht aber ist das eigentliche Reisemotiv viel bescheidener und viel zwingender – «einfach eine natürliche Inklination, der ich immer gefolgt bin».
Die Kriegsreporterin Martha Gellhorn, die in einer Nebenrolle eine Zeit lang auch als dritte Mrs. Hemingway agierte, nannte als Motiv für ihr obsessives Herumreisen einmal die Furcht vor Langeweile. Bloß: was tun, wenn die Langeweile mitreist? Was tun gegen die Attacken von Sinnlosigkeitsgefühlen, gegen die Schrecken der Leere unterwegs? Was tun, wenn man in Fairbanks oder Khartoum festsitzt, und das nächste Flugzeug geht erst in zehn Tagen? «What am I Doing Here?», lautet die berühmte perplexe Frage Bruce Chatwins, die er sich an Orten stellte, wo er nichts verloren und nichts zu suchen hatte.
Cees Nooteboom muss einräumen, dass er sich diese Frage unterwegs auch schon gestellt hat, allerdings ganz, ganz selten. Einmal verschlug es ihn ins hinterste Montana, in ein Blockhaus am Flathead Lake, das einer amerikanischen Freundin gehörte. Dort saß er dann fest, in einer Log Cabin im finsteren Wald. «Da hat man einen Augenblick lang so ein flaues Gefühl. Denn eigentlich wollte ich ja nach Japan. Aber Langeweile ist auch ein Motor der Kreativität. Graham Greene hat sich immer gelangweilt.»
Wie aber verhält es sich mit dem Paradoxon, das jeder Reiseerzählung zugrunde liegt? Schwärmt nicht jeder Reise-Autor von magischen Orten, deren Geheimnis er aber im Schreiben zugleich preisgibt? Folgt nicht jeder rühmenden Erwähnung unentdeckter Weltwinkel der Massentourismus auf dem Fuße? Die Felszeichnungen im australischen Outback, die Ruinenstadt Ayutthaya, die Schlamm-Moscheen von Timbuktu und alle anderen verborgenen Orte – hat er nicht daran mitgewirkt, deren Geheimnis auf den Markt zu tragen?
Cees Nooteboom stutzt. Dann sagt er langsam: «Ich habe dieses Problem nicht gelöst.»