
Buchleser werden als Romanhelden entdeckt. Benimmfibeln und Ratgeber mit Tipps, wie und was man lesen soll, haben Konjunktur. In neuen Büchern wird das Lesen als Kulturmythos gefeiert. Zugleich aber rechnen uns Statistiken rückläufige Buchverkaufszahlen vor und melden abnehmende Leselust bei immer noch steigendem Fernseh- und DVD-Konsum. Wie passt das zusammen? Vielleicht nur allzu gut. Sigrid Löffler sieht hier einen Zusammenhang: Möglicherweise deutet die Dramatisierung und Heroisierung des Bücherlesens auf eine Trendwende hin. Ist sie Signal einer Lese-Renaissance? Oder ein literarisches Reklame-Aufgebot für eine verblassende Kulturtechnik? Nicht nur das Lese-Verhalten, auch die Aufschreibesysteme haben sich vehement gewandelt. Martin Stingelin zeigt, wie stark das Schreibwerkzeug daran mitwirkt, die Gedanken beim Schreiben zu steuern. Literaturen hat 22 Autoren und Autorinnen aus aller Welt zu ihrer persönlichen Lese-Biografie befragt. Lesen Sie � in drei Gruppen � die Antworten: «Mein Lese-Leben». Lesen kann freilich auch anstrengend sein. Moritz Bassler und Christian Rakow haben sich im Selbstversuch einer berühmten Hardcore-Lektüre unterzogen: Sie haben den linken Klassiker «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss neu gelesen und berichten von Mühsal und schwieriger Erkenntnislust
Meine Leseliebesaffäre Von Péter Esterházy
Ganz gleich um welche Zeit, bei Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Mondaufgang, Monduntergang, wenn der erste Schnee fällt, wenn die erste Schwalbe auftaucht, am Mittwoch, um halb zwei, um halb drei, halb vier, zu Weihnachten, zu Ostern, zu Mariæ Himmelfahrt, am Himmelfahrtstag, am 3. August 1969, zu Silvester, bei der Weinernte, wenn Sternschnuppen fallen, als die 56er Revolution ausgebrochen war, als die Russen in Prag einmarschierten, die Polen in Polen, die Amerikaner in Kuwait, als die Russen aus Kabul, Budapest und Prag, Warschau, Kiew usw. abzogen, als wir die Vojvodina bombardierten, als meine Tage zum ersten Mal gekommen sind, und zum zweiten und dritten Mal, als mein jüngerer Bruder den Deutschen ein Tor geschossen hatte, als mein Großvater väterlicherseits starb, als meine Großmutter väterlicherseits starb, als meine Großmutter mütterlicherseits starb, als meine Mutter starb, als mein Vater starb, wenn ich sterben werde, im Augenblick des Todes, als meine Tochter geboren wurde, mein Sohn, noch eine Tochter, noch ein Sohn, als mein Enkel geboren wurde, während die Kutteln gekocht werden, während deine Mutter die Tür öffnete und uns sah. Während ein Beefsteak à la Wellington zubereitet wird (blutig! blutig!), ganz gleich wo, wie, stehend, liegend, spazierend, laufend, rennend, fliegend, schwimmend, auf dem Bauch liegend, auf dem Rücken liegend, beim Handstand («möge doch jemand helfen»), hockend, auf allen vieren, nackt, im Frack, mit Zylinder, mit Fußballschuhen, in Pantoffeln, mit BH, im Lodenmantel, in einer Pariser Métro, in einer Wiener Straßenbahn (Rennweg!), in der Berliner S-Bahn, im oberen Stock eines Londoner Busses, vor der Explosion, während der Explosion, nach der Explosion (anstatt Explosion: welch schöner Gedanke!), im Bett, auf der Recamière, auf dem Sofa, in der Matratzengruft, auf dem Tisch, auf einem Stuhl, im Ohrensessel, am Boden, an der Decke, im Keller, im Kühlschrank, in der Gulaschsuppe, nüchtern, unter Einfluss von Alkohol, gut gelaunt, schlecht gelaunt, ohne Laune, in Peru, in Japan, in Hoyerswerda, ganz gleich mit wem, mit einem Klassiker, einem Autor der Gegenwart, einem erfolgreichen Autor, einem erfolglosen, unbekannten, halb bekannten, viertelbekannten, achtelbekannten, sechzehntelbekannten, zweiunddreißigstelbekannten, 2 hoch n, mit einem großen, kleinen, blonden, braunen, schwarzen, gelben, mit einer Frau, einem Mann, einem Between (Selbstwiederholung), einem jungen (beinahe noch ein Kind!), einem alten (Speichel in den Mundwinkeln), einem hohen (Kosztolányi), einem weichen (Ödön von Horváth), einem großarschigen (Balzac), einem mit Zwiebelarsch (Joyce) und da capo, bei Sonnenaufgang.
Liebe zum Lesen? Eine Verleumdung Von Michael Frayn
Sie bitten mich um einen Kommentar über etwas, das Sie «meine Liebesaffäre mit dem Lesen» nennen. Ich muss gleich vorausschicken, dass dies eine Unterstellung und vollkommen unwahr ist. Das Lesen und ich sind nur gute Freunde. Eigentlich nicht einmal das. Wir haben eine Geschäftsbeziehung miteinander. Ich muss aus professionellen Gründen lesen � um Sachen herauszufinden, um bei dem auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Schriftstellerkollegen tun, um in der literarischen Welt eine gute oder wenigstens irgendeine Figur zu machen. Genau genommen, ist es nicht einmal eine Geschäftsbeziehung. Ich kann einfach fürs Lesen keine bequeme Sitzhaltung finden oder auch nur eine funktionierende Art, ein Buch abzustützen. Oft schlafe ich ein. Und wenn ich im Liegen lese und das Buch über dem Kopf halte, dann fällt es mir gern schwer aufs Gesicht, und das tut weh. Und selbst wenn ich wach bleiben kann, bin ich ein langsamer Leser. «Das ist doch gut!», sagen die Leute aufmunternd. «Dann merken Sie sich wenigstens, was Sie gelesen haben.» Keineswegs. Ich vergesse alles augenblicklich. Ich klappe das ausgelesene Buch zu und weiß nichts mehr � nicht, worum es ging, nicht, ob es ein Roman oder eine Biografie war. Natürlich mache ich mir Notizen, wenn es wichtig ist. Aber dann muss ich ja die Notizen lesen � und das gleiche Problem geht von vorne los.
Meine Beziehung zum Lesen ist seit jeher gestört. In der Oberstufe des Gymnasiums wählte ich Englische Literatur als Leistungskurs. Der Lehrer schickte eine Warnung voraus: «Dieser Kurs ist nichts für Leute, die mit Büchern nicht gut auskommen.» Am liebsten wäre ich unter mein Pult gekrochen � er hatte mein schändliches Geheimnis entdeckt. Auf der Universität wollte ich moderne Fremdsprachen studieren. Auch da ging es nur um Bücher! Um Bücher und um kritische Meinungen über Bücher � aber die hatte ich nicht. Ich musste die Sprachen aufgeben und mich auf Philosophie verlegen.
Eines Tages konnte ich beobachten, wie meine älteste Tochter mit zwölf Jahren plötzlich zur Leserin wurde. Sie lag während der ganzen Weihnachtsfeiertage unter dem Kaffeetisch, die Füße ragten beim einen Ende hervor und der Kopf beim anderen, und las in vollkommener Entrücktheit und Selbstvergessenheit den Roman «Jane Eyre», den sie gerade geschenkt bekommen hatte; und meine neunjährige Enkeltochter versucht im Blindflug mit einer Hand ihre Schuhe zu binden, während sie mit den Augen, mit der anderen Hand und mit ganzer Seele an dem Kleinmädchenklassiker «The Secret Garden» hängt, den sie bereits zum dritten Mal liest. In mir steigt eine undeutliche Erinnerung auf. Vielleicht war ich genauso in ihrem Alter � vielleicht waren wir damals ein bisschen verliebt, das Lesen und ich �
Manchmal beschleicht mich der Gedanke, ob ich nicht vielleicht ein Bücherschreiber geworden bin, um dem Bücherlesen aus dem Weg zu gehen. Das Bücherschreiben ist eine Beschäftigung, die irrwitzig viel Zeit verschlingt. Sie fesselt die Aufmerksamkeit vollkommen und macht überdies großes Vergnügen. Um aber das Geld ranzuschaffen, damit man sich dieses Vergnügen leisten kann, muss man dafür sorgen, dass die Bücher publiziert werden � und das bedeutet, dass irgendwelche Unglücksraben sich schließlich irgendwo damit abplagen werden, diese Bücher zu lesen. Sie werden in ihren Sesseln hin- und herrutschen und dabei einschlafen � Das Bücherschreiben erfordert natürlich auch, sie selber zu lesen, und zwar immer wieder, im Manuskript und in den Fahnen. Das ist vermutlich noch schlimmer, als die Bücher anderer Leute zu lesen. Seltsamerweise gibt es aber später einen guten Moment � wenn man die Übersetzungen der eigenen Bücher liest. (In diesem Fall sind keine literarischen Urteile vonnöten und erforderlich). Sie lesen sich, als hätte die Übersetzung völlig neue Bücher aus ihnen gemacht. Ihre allzu vertrauten Umrisse sind gemildert, wie eine Landschaft im Nebel oder wie Salome hinter ihren sieben Schleiern.
Wenn ich es recht bedenke, lese ich eigentlich alle Bücher am liebsten in fremden Sprachen. Das ist eine Herausforderung der Intelligenz, und die eigene Vorstellungskraft ist angehalten einzuspringen, wo der Wortschatz und der Sprachgebrauch nicht ausreichen. Das hilft, einen wachzuhalten und stillzusitzen, viel länger als normalerweise. Zu meinem Pech gibt es nur sehr wenige Fremdsprachen, in denen ich dieses Vergnügen genießen kann; obwohl ich zugeben muss, dass ich manchmal eine gewisse Befriedigung daraus ziehe, ein paar Absätze aus einem meiner Romane in völlig undurchsichtigem Slowenisch oder Portugiesisch zu lesen. Wir hatten schon auch manchmal unsere besonderen Momente, das Lesen und ich. Flauberts «Lehrjahre des Gefühls», Thackerays «Jahrmarkt der Eitelkeit» � in beiden Fällen bin ich von der letzten Seite sofort wieder auf die erste gesprungen und habe neu zu lesen begonnen. «Eugen Onegin», Paustovskijs Autobiografie, «Buddenbrooks» � Zugegeben, mein Geschmack ist einfach und offensichtlich, und ich werde nicht riskieren, hier mit meinen gelegentlich auch recherche-reicheren Vergnügungen anzugeben. Trotzdem möchte ich drei Titel nennen, die mich irgendwann in meinem Leben überrascht haben: «Lions and Shadows» von Christopher Isherwood, «Meines Vaters Land» von Wibke Bruhns, «Le chercheur d�or» von Jean-Marie Le Clézio. Aber Liebe? Sollte diese Verleumdung noch einmal wiederholt werden, bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Anwälte einzuschalten.
(Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)
1 Michael Frayn, geboren 1933 in London, ist Dramatiker, Journalist, Romancier und Übersetzer, vor allem der Stücke Tschechows. Seine Theaterstücke «Kopenhagen» und «Demokratie» sind Welterfolge. Zuletzt erschien sein Roman «Das Spionagespiel»