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Ausgabe 06.05
Inhalt
Editorial


Schwerpunkt

Die Wahrheit über Paulo Coelho
Sinn-Spender, Prophet einer Wohlfühlreligion, König der Erbauungsliteratur: Was finden Millionen Leser am Autor des «Alchimisten» und des «Zahir»? Hanna Leitgeb «Ein Gott erwachte in mir» Auf den Spuren eines Welt-Erfolgs: Ein Besuch bei Paulo Coelho


Die Familie. Ein Roman.
Sigrid Löffler
Geschrumpft und gestückelt, aber heilig Familienromane I: Anmerkungen zur immergrünen Gattung der Generationen-Saga
Christiane Zintzen
Das Schweigen der Väter Familienromane II: Die neuen jüdischen Clan-Chroniken erzählen vom Verstummen


Das Kriminal
Unsere Sprache
Franz Schuh über die Wiener, die Deutschen und die Dialekte der Singvögel

Bücher des Monats
Verena Auffermann
John Updike: Sucht mein Angesicht
Sigrid Weigel
Theodor W. Adorno: Traumprotokolle
Beatrix Langner
José Lezama Lima: Inferno. Oppiano Licario
Claus Pias
McKenzie Wark: Hacker-Manifest
Hans-Peter Kunisch
Mihail Sebastian: Tagebücher 1935–44
Thomas Macho
Joseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs


Weisse Elefanten
Britta Sebens
Böser Vogel Jugend
Hardcore-Realismus ist Trumpf im Jugendbuch


Literaturen-Gespräch
«Der Papst ist ein weltlicher Priester»
Der italienische Philosoph Giorgio Agamben über die vermeintliche Rückkehr der Religion


Die Beiseite
Sibylle Berg
Wo ist eigentlich Stuckrad-Barre?
Berlin hat den Bonus verspielt, etwas Besonderes zu sein


Das Journal

Rezensionen neuer Bücher von Jörg Magenau || Jan Philipp Reemtsma || Jorge Semprún || Johannes Willms || Volker Ullrich || Alice Schmidt || Birgit und Heiko Klasen || Adam Langer Bildbände von Bernd & Hilla Becher || Donatella Mazzoleni, Umberto Pappalardo || Steve Christ (Hg.)


Gesellschaftsanalyse
Mark Terkessidis
Die neuen Rechthaber
Zur aktuellen Kritik an den Kapitalismus-Kritikern


Körperwelten
Hilal Sezgin
Schönheit verbreitet sich wie die Pest
Der Körper als Visitenkarte und Styling-Produkt


Kurz & Bündig
Bücher von Peter Eisenman || Arnon Grünberg || Barbara Adam || Joyce Carol Oates || Dieter Richter || Petri Tamminen || Anna Politkovskaja
Bildbände von Edmonde Charles-Roux || Ernst Haeckel


Das Magazin
Mitten aus Paris || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Leserbriefe || Netzkarte || Literatur im Kino || Was liest Dirk von Lowtzow? || Hörbücher

Schwerpunkt - «Ein Gott erwachte in mir»
Seine weltweite Fan-Gemeinde vergöttert ihn, aber die Literaturkritik bespöttelt ihn als Philosophen für Horoskop-Leser: Paulo Coelho, den brasilianischen Geschichtenerzähler. Seine Sinnsucher-Parabeln haben ihn zum König der Erbauungsliteratur und zum Multi-Millionär gemacht. Literaturen wollte wissen, was Millionen Leser an und bei diesem Autor finden. Ein Besuch bei einem Glückssucher und bescheidenen Erden-Pilger an seinem Rückzugsort bei Lourdes in Südfrankreich

Von Hanna Leitgeb

Welche Wahrheit verbirgt sich hinter der Sinnspender-Pose, die Paulo Coelho zum Hermann Hesse für die übernächste Generation gemacht hat? Sein neuer Roman zeigt Coelho immer noch besessen vom Dämon des Ungenügens. «Der Zahir» – Romantitel und -thema sind geborgt von Jorge Luis Borges’ gleichnamiger Erzählung – berichtet von den Selbstfindungsmühen eines Bestseller-Autors, den seine Frau verlassen hat. Nun aber sucht sie ihn heim als Zahir, als quälende Sinnleere

Es ist Anfang März, ein Winter, der nirgends enden will, minus ein Grad in Toulouse. Im leichten Schneetreiben geht es auf die Autobahn Richtung Pyrenäen. «Radio Nostalgie», der einzige Sender, der auf dieser Strecke treu bleibt, spielt alte Beatles- Lieder, unterwegs zu Paulo Coelho. Der brasilianische Weltbestseller-Autor lebt über die Hälfte des Jahres hier, im Süden Frankreichs, in einem kleinen Ort zwischen Tarbes und Lourdes.

Aus Anlass seines neuen Buches «Der Zahir» gewährt Coelho ein Exklusiv-Interview – anderthalb Stunden in seinem Wohnzimmer; lediglich die «Bild»-Zeitung wird noch vorgelassen. Mit den Kritikern der Feuilletons steht Coelho auf keinem guten Fuß: Er ist dort nicht sonderlich wohlgelitten. Wo John Grisham, Stephen King oder Dan Brown, unmittelbare Konkurrenten auf den vorderen Weltbestsellerplätzen, mit Sex and Crime, Horror und kirchlichen Verschwörungs-Thrillern Beachtung finden, wird der Brasilianer weitgehend ignoriert. Selbst bei Kulturjournalisten, die sich sonst für gut gemachten Trash begeistern können, erregt er tiefste Abneigung. Kitsch, New Age, Esoterik, billiger Kommerz – das sind die üblichen Verdikte.

Ob solche Etikettierungen wirklich nützlich sind, um einen derartigen Erfolg zu erklären, das ist die Frage – und der Antrieb für diese Reise. Jedenfalls lässt sich mit ihnen leicht ein Phänomen verdrängen, mit dem sich offenbar kein Feuilletonist gerne beschäftigen will. Dabei sprechen die Zahlen für sich: rund 67 Millionen verkaufte Coelho- Bücher weltweit, in 59 Sprachen, in 150 Ländern. Allein Coelhos größter Erfolg, «Der Alchimist», ging bislang 27 Millionen Mal über die Ladentheke und hielt sich seit seinem Erscheinen in Deutschland im Jahr 1996 über 410 Wochen lang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste. Die Startauflage des neuen Buches liegt in deutscher Übersetzung bei 250.000 Exemplaren; die Rechte sind bereits in 50 Sprachen verkauft; im Iran beispielsweise geht «Der Zahir» gleich mit 320.000 Exemplaren ins Rennen, weltweit insgesamt mit drei Millionen. Viele, die lesen, lesen gerne Coelho: Ob Madonna, Julia Roberts, Bill Clinton, Boris Jelzin oder Oliver Kahn – so manche Idole des öffentlichen Lebens bekennen sich zu ihm als ihrem Lieblingsautor. Ewig Pubertierende, aber auch unzählige Jugendliche im Sinnsucher- Alter verehren Paulo Coelho wie einen modernen Hermann Hesse: als auratischen Autor, der den Leser freundlich und sanft auf dem geheimnisvollen Weg zur Selbsterkenntnis leitet. Es scheint, der Brasilianer ist aktuell der Welt größter Märchenonkel – mit seinen magischen soften Geschichten ist er einer der erfolgreichsten Lese-Verführer, die es je gab.

Ein Hirte weist den Weg – ausgerechnet

Irgendwo zwischen Tarbes und Lourdes geht die Orientierung verloren. Ein Weltbestsellerautor wird wohl auf einem ordentlichen Anwesen wohnen, mit Pool und Park und einer großen Hecke drum herum. Der Wagen hält auf die Hügel zu, ein bestimmtes Haus ist angepeilt – und entpuppt sich als die falsche Adresse. Ausgerechnet ein Hirte, der seine Schafe auf der winterkahlen Wiese weidet, kann Auskunft geben. Der Schäfer deutet weit zurück auf ein bescheidenes Steinhaus mit biederem Gärtchen, offen zu den Nachbarn; davor parkt ein ganz normaler Renault. Das soll das Haus von Paulo Coelho sein?

Coelhos sagenhafter Weltruhm verdankt sich einer kurzen Geschichte über einen jungen andalusischen Schäfer, die er am Anfang seiner Schriftstellerkarriere in nur zehn Tagen niederschrieb. Dieser Hirte ist mutig genug, wortwörtlich seinem Traum zu folgen, der ihm sagt, dass er bei den Pyramiden in Ägypten einen verborgenen Schatz finden wird. Unterwegs dorthin verliert er zunächst alles, was er hat, um am Ende noch viel mehr zurückzugewinnen: tatsächlich einen Schatz und eine liebe Frau dazu. Ein hübsches Märchen über Selbstvertrauen, Risikobereitschaft und das Glück, das dem lacht, der es in die Hand nimmt. Titelgebend ist jedoch nicht der Schäfer, sondern der Mann, der nur sehr kurz in der Geschichte vorkommt, um den Hirtenjungen auf seinem Weg zu führen und ihm zu helfen, die Zeichen zu lesen: der Alchimist.

Ausgestattet mit allen magischen Eigenschaften, die man sich gemeinhin bei einer solchen Figur vorstellt – hohes Alter, Weisheit, Zauberkräfte –, ist er im Grunde die zentrale Figur nicht nur dieses Buches, sondern steht leitmotivisch für Coelhos gesamtes Werk. Immer geht es darum, einen neuen Zugang zu unserer Intuition zu gewinnen, die Zeichen und Symbolwelten neu lesen zu lernen, die durch unsere Erziehung und unsere Zivilisation verschüttet worden sind; so soll es gelingen, unser Leben selbstbestimmt und erfolgreich zu leben, im Einklang mit unseren inneren Kräften und der Welt ringsumher. Eine Annäherung an den Autor ist eine Annäherung an seinen Alchimisten und dessen geheimes Wissen. So unbedarft, wie sich seine Bücher oberflächlich gewiss lesen lassen, geht es dabei jedenfalls nicht zu.

Coelhos Haus, endlich gefunden, steht offen. Keine Klingel ist zu sehen, die Türen sind nicht versperrt, der Besucher muss also nur hineingehen. Drinnen sitzt der Autor an seinem Schreibtisch, mit dem Rücken zum großen, bis zum Fußboden reichenden Fenster, vor einem höchst eleganten Computer. Ansonsten erscheint das Wohnzimmer unspektakulär, indisch-bodennah möbliert. Die Begrüßung ist freundlich-professionell. Maria, die Haushälterin – was für ein passender Name hier, denkt man unwillkürlich –, wird herbeigerufen, um Wasser und Kaffee zu bringen. Und dann geht es gleich zur Sache.

Anderthalb Stunden sind nicht viel Zeit, um dem Geheimnis eines Mega-Welterfolgs nachzuspüren. Paulo Coelho hat bereits ein wildes Leben hinter sich, bevor er mit knapp vierzig Jahren sein erstes literarisches Buch schreibt – so liest es sich jedenfalls in der offiziösen Vita, etwa auf der Website www.paulocoelho.com, die in gleich achtzehn Sprachen angeboten wird. Für autorisierte Coelho-Legenden steht ferner der Interview-Band «Bekenntnisse eines Suchenden» zur Verfügung, vom reichen biografischen Sagenschatz in der Yellow Press ganz zu schweigen.

Zwangseinweisungen in die Psychiatrie

1947 in Rio de Janeiro geboren, wächst Paulo Coelho dort in einer Familie der oberen Mittelschicht auf. Sein Vater ist Ingenieur, seine Mutter eine fromme Katholikin. Die Eltern schicken ihn auf ein Jesuitenkolleg, das Interesse des Sohnes gilt jedoch von Anfang an allein der Literatur. Der Jugendliche liest Oscar Wilde, Henry Miller, Franz Kafka und vor allem Jorge Luis Borges, früh schon sein großes Idol. Den Schulabschluss schafft er nur, weil seine Familie dafür Bestechungsgeld zahlt. Gegen die vom Vater ins Auge gefasste Jura-Karriere wehrt sich der Sohn mit leidenschaftlichen Wutausbrüchen. Die Eltern reagieren ihrerseits drastisch: Dreimal lassen sie den Jungen in eine psychiatrische Anstalt einweisen.

Am Ende müssen sie aufgeben. Die 68er-Bewegung entfaltet ihren unwiderstehlichen Sog auch in Südamerika. Das Jura-Studium, das Paulo, dem Wunsch des Vaters folgend, schließlich doch begonnen hat, lässt er schnell wieder sein und driftet hinein in ein Hippie-Leben. Er reist viel, quer durch den nord- und südamerikanischen Kontinent, nach Nordafrika, nach Europa. Er gibt Schauspielunterricht, schreibt Theaterstücke, gründet eine Untergrund-Zeitschrift mit dem Titel «2001», die immerhin zweimal erscheint. Über dieses Projekt lernt er Raúl Seixas, einen bedeutenden brasilianischen Musikproduzenten und Rockstar, kennen, der ihn bittet, Liedtexte für ihn zu schreiben. Die Songs haben Erfolg, über Nacht ist Coelho reich und berühmt. Der mittlerweile Vierundzwanzigjährige bekommt große Posten in der Musikindustrie Brasiliens angeboten, als Direktor von Polygram, dann von CBS jettet er über den Globus und besitzt mit dreißig Jahren gleich fünf Wohnungen.

In dieser antibürgerlichen Karriere lebt Paulo Coelho zugleich seine intellektuelle Neugier aus, die im Elternhaus und im Jesuitenkolleg so streng katholisch diszipliniert wurde. Ausführlich kann er davon erzählen, wie er sich für Marx, Engels und Che Guevara begeisterte, für die Beatles und für Carlos Castaneda, für östliche Mythologien, Schwarze Magie und satanische Rituale. Auch habe er alle Drogen ausprobiert, derer er nur habhaft werden konnte. Auf der Suche nach spiritueller Orientierung und zugleich größtmöglicher Rebellion lässt der junge Coelho offenbar keinen Exzess aus. Er nimmt Kontakt auf zu Meistern und Gurus, zu Sekten und Geheimgesellschaften, um mehr Wissen und Macht über sich zu erlangen, aber auch, um zu provozieren und seine Umgebung, insbesondere die Frauen, zu beeindrucken.

Gemeinsam mit Seixas stellt Coelho die Songtexte in den Dienst derjenigen Sekte, die den beiden als die härteste erscheint: der «Ordo Templi Orientis», Ende des 19. Jahrhunderts gegründet von einem österreichischen Freimaurer und später lange Zeit geleitet von dem berüchtigten Engländer Aleister Crowley. Dieser wollte mit ritualisierten Sexorgien, in denen auch Hostien aus Exkrementen und Blut von Kleintieren eine wichtige Rolle spielten, das Christentum überwinden. In seinem Nachleben vermochte der drogensüchtige Okkultist auch andere Rockstars, von Led Zeppelin bis zu den Beatles, in seinen Bann zu ziehen.

Ein Initiationsritual der Sekte öffnet Coelho schließlich die Augen, so schildert er es in dem Interview-Band. Er erkennt, wie sehr er sich hat zum Sklaven machen lassen, wie sehr er emotional und spirituell ausgebeutet wurde, und er findet die Kraft auszusteigen. Inzwischen ist er für das brasilianische Militärregime längst zu einem Politikum geworden. Auf Konzerten spricht er öffentlich davon, die Gesellschaft verändern zu wollen. Dreimal wird er verhaftet, zweimal von der Polizei, einmal von Paramilitärs, die ihn verschleppen, foltern, in eine Dunkelzelle stecken und unter anderem mit Elektroschocks an den Genitalien behandeln – die grauenhafteste Erfahrung von Macht, die Coelho am eigenen Körper zu spüren bekommt und gegen die ihn auch sein Wissen über die Welt der Magie nicht schützen kann.

Was aus dieser Zeit prägend für sein Leben bleiben wird – so jedenfalls lässt es sich aus der Coelho-Vita schließen –, ist der Drang danach, kognitive Fähigkeiten zu entwickeln und zu pflegen, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind; es ist Coelhos spirituelle Neugier, die kanonisches Bildungsgut hinterfragt und ohne Scheu vor Risiken Erfahrungen sucht, um das Wissen über sich und die Welt zu erweitern. Der Verlust seines Postens bei der Plattenfirma – wegen angeblicher Ineffizienz wird er 1979 entlassen – führt schließlich dazu, dass er sich bewusst aus seinem bisherigen Hippie-, Bohemien- und Drogen-Leben verabschiedet und einen neuen Weg einschlägt. Mittlerweile 34 Jahre alt, vermögend und zum vierten Mal verheiratet – mit Cristina Oiticica, einer brasilianischen Malerin, mit der er noch heute zusammenlebt –, begibt er sich 1981 auf eine Weltreise.

Lieber fünf Jahre in Berlin als im Kloster

Diese Reise führt ihn unter anderem auch nach Deutschland und dort in das Konzentrationslager Dachau. Tief empfindet er, wie er sagt, an diesem Ort die menschliche Unfähigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, und den Wunsch, gegen die Grausamkeit in der Welt etwas zu tun. Zwei Monate später trifft er in einer Amsterdamer Bar einen Mann, den er bereits auf dem KZ-Hof in einer Art Vision gesehen zu haben meint. Er spricht ihn an und erzählt ihm von seinem Dachau-Erlebnis. Der Mann gibt sich als Mitglied eines katholischen Ordens, der so genannten «RAM-Bruderschaft», zu erkennen und bietet Coelho an, ihm auf der Suche nach seinem wahren Lebensziel zu helfen.

Diese Amsterdamer Begegnung ist – so der Tenor der gesammelten autobiografischen Selbstaussagen – der alles entscheidende Wendepunkt. Sie führt Coelho zum Katholizismus zurück und bringt ihn schließlich dazu, sich wieder an seinen alten Lebenstraum zu erinnern: schreiben zu wollen. Bis zu seinem ersten fiktionalen Text, der 1987 erscheint, vergehen allerdings noch weitere fünf Jahre – ein Zeitraum, über den sich die öffentlich einsehbare Coelho-Vita ausschweigt. Dort heißt es lediglich: Er «studierte fünf Jahre lang in einem alten spanischen Orden». Genau hier setzt, im Setting eines zeitlich knapp bemessenen Gesprächs, die journalistische Neugier an. Soll man sich das als eine Art Klosterleben vorstellen?

Coelho lacht. «Nein, da würde es mich schon sehr viel mehr interessieren, fünf Jahre in Berlin zu leben, als jemals in einem Kloster. Dazu bin ich wirklich nicht der Typ.» Er habe in der Zeit sein normales Leben weitergeführt, lange in Madrid gewohnt und dann wieder in Brasilien – ein Appartement an der Copacabana ist noch heute sein Erstwohnsitz –, und dabei einen intensiven Austausch mit den Mitgliedern des RAM-Ordens gesucht, «Menschen, die tief interessiert sind an der symbolischen Sprache und einander Vorschläge machen, diese besser zu verstehen».

Wie bitte? Es gehe dabei darum, so Coelho, die Zeichen der spirituellen Welt in der Wirklichkeit lesen zu können, Zwiesprache mit Gott zu halten und Einsicht in das Mysterium des Lebens, in die eigenen verborgenen Kräfte zu gewinnen. Ganz offenbar ist seine Faszination für das Okkulte in dieser Bruderschaft endlich befriedigt worden, insofern er sich hier zugleich mit seinen kulturellen Wurzeln im Katholizismus versöhnen konnte.

Das Reich am Arsch der Welt

Aber was ist RAM denn nun genau? «R steht», so ist bei Coelho nachzulesen, «für Rigor, die Strenge, A steht für Amor, die Liebe, M steht für Misericordia, die Barmherzigkeit, R steht für Regnum, das Reich, A steht für Agnus, das Lamm, M steht für Mundus, die Welt.» Wo immer der Autor weiter dazu befragt wird, betont er vor allem, dass es sich bei dem Orden nicht um eine Geheimgesellschaft handle. «Es wird darin über eine eher mündliche Überlieferung eine symbolische Sprache praktiziert, die jedoch nichts Geheimes hat. Der RAM ist eher die Praxis des Heiligen als eine Theorie darüber. Daher sind wir nur eine sehr kleine Gruppe.» Auf des Autors Website findet man noch folgenden Hinweis: «Regnus Agnus Mundi ist ein 1492 gegründeter Orden mit katholischen Wurzeln, der das Studium der Sprache der Symbole über ein System mündlicher Unterweisung betreibt. Tatsächlich entsprechen die Bezeichnungen �Meister� und �Schüler� nur Rollen in einem Prozess der Unterweisung. Darin werden Aufgaben gestellt, bei deren Lösung jeder die Antwort auf seine eigenen Fragen findet. Der RAM-Orden hat keinen Amtssitz, keine offiziellen Vertreter, kein Geheimwissen, und sein wichtigster Grundsatz ist, dass man nur lernt, indem man einen Schritt vorwärts geht.»

Konkretere Nachfragen beantwortet Coelho damit, dass RAM nicht wichtig sei. Das alles kommt einem dann doch spanisch vor. Auf jeden Fall kann hier jemand nicht richtig Latein, denn die Formel «Regnus Agnus Mundi» will weder grammatikalisch noch semantisch einen Sinn ergeben. Wenn überhaupt, dann müsste es «Regnum Agni Mundi» lauten, in Parallele zu «Agnus Dei», dem Lamm Gottes, und könnte so viel heißen wie «das Reich des Lammes dieser Welt». Geübte Lateiner dürften auch noch die Anspielung auf «Anus Mundi» mitlesen und die Verballhornung: «Das Reich am Arsch der Welt». Die entscheidende semantische Wendung ist aber wohl die Ersetzung «Gottes» durch die «Welt», was einen ersten Hinweis auf eine Seite Paulo Coelhos gibt, die nicht zu übersehen ist – seine Affinität zu Nietzsche.

Indizien für einen wohl platzierten Fake

Des Weiteren fällt auf, dass RAM natürlich auch eine der bedeutendsten Abkürzungen des Computer-Zeitalters ist, die Kurzform von Random Access Memory. Jemandem, der seine eigene Zeitschrift nach Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker «2001» benennt, in dem der Computer HAL eine Hauptrolle spielt, wird dies wohl schwerlich entgangen sein. Noch viel verdächtiger ist, dass man weder im Internet noch bei Vertretern des «offiziellen» Wissens, also konventionell ausgebildeten Religions- und Kulturwissenschaftlern, Theologen und Geistlichen, etwas über diesen Orden in Erfahrung bringen kann. Keine katholische Enzyklopädie verzeichnet einen Eintrag. Und doch soll die Gründung von RAM ausgerechnet in dem so gut erforschten Jahr 1492 erfolgt sein, in dem mit dem Edikt von Granada Spanien rekatholisiert wurde und Kolumbus lossegelte, um die Welt zu umrunden, und dabei zufällig Amerika entdeckte. Könnten all diese Indizien nicht vielmehr dafür sprechen, dass es sich hier um einen wohl platzierten literarisch-biografischen Fake handelt, den Coelho – gemeinsam mit ein paar Freunden – seit vielen Jahren pflegt und hegt und genießt?

Wie abgefahren auch immer die ganze Geschichte bislang schon klingt, klar ist, dass sie nicht in New Age-Geschwurbel und modischer Esoterik aufgeht. Die Lust an religiöser Elite-Bildung, an exklusiv zu erwerbenden Kenntnissen spielt eine Rolle und darüber hinaus ein harter philosophisch-weltanschaulicher Kern. Paulo Coelho erschließt sich altehrwürdiges spirituelles Wissen, vor allem gespeist aus Quellen der katholischen Mystik und der Freimaurerei. Hier geht es um traditionelle Techniken der Selbstdisziplinierung, um Magie, Meditation und Trance-Erfahrungen sowie die Symbolsprache und Metaphern der Heiligen Schriften aller Kulturen dieser Welt – Wissen, das von der Aufklärung in die Randbereiche unserer Gesellschaften verdrängt wurde und daher umso mehr fasziniert. Es ist diese Substanz, die Coelhos Werk für viele, die sich spirituell heimatlos fühlen – angesichts erstarrter Amtskirchen und fundamentalistischer Entwicklungen in allen Religionen –, zunächst so anziehend macht.

Wie man das Schwert des Meisters erwirbt

In den fünf Jahren, in denen Coelho nach offizieller Biografie um den Meister-Titel des Ordens ringt, veröffentlicht er in brasilianischen Kleinverlagen zwei Titel: «Arquivos do Inferno» (Archive der Hölle, 1982) und «O Manual Prático do Vampirismo» (Praktisches Handbuch des Vampirismus, 1986), die nichts mit RAM zu tun haben. Mittlerweile wirft ihm, so wiederum die öffentlich zugängliche Version, der Orden in Spanien mangelnde Demut vor und stellt ihm eine neue Aufgabe: den Pilgerweg nach Santiago de Compostela zu gehen. Widerwillig begibt er sich, geführt von einem Ordensmitglied, auf den bereits von Heerscharen von Gläubigen begangenen Pfad. Coelho erscheint die ganze Aktion nutzlos, da er selbst zu sehr darauf fixiert ist, über ein weiteres Studium des Mysteriösen seinem Ziel näher zu kommen.

«Als ein Mensch, der in einer klassisch akademischen Tradition erzogen worden ist», so erzählt er im Rückblick, «musste ich die Idee loswerden, durch Wissensansammlung könnte ich ein weiser Mann werden.» Auf dem Jakobsweg lehrt ihn sein Führer, in und mit der Natur zu leben und auf die Zeichen unterwegs einzugehen. Coelho besteht diverse spirituelle Prüfungen, unterzieht sich Exerzitien und macht dabei die für ihn wichtigste Erfahrung: «Das Außergewöhnliche findet sich auf dem Weg der gewöhnlichen Menschen.» Am Ende erweist er sich in den Augen seines Meisters als würdig, auch das Meister-Schwert des Ordens tragen zu dürfen. Die disziplinierende und befreiende Kraft dieses Pilgerganges bleibt die Inspirationsquelle für alles, was nun kommen wird. Die innere Stärke, die Coelho über die RAM-Bruderschaft gewonnen hat – was auch immer sich dahinter verbirgt –, beflügelt ihn, nun endlich sein erstes literarisches Buch zu schreiben: einen autobiografischen Text über seinen Weg nach Santiago de Compostela.

In diesem Werk von 1987 wimmelt es nur so von übersinnlichen Gestalten, von Engeln, Boten, Dämonen, magischen Erlebnissen und Ritualen, von der Kraft des Bösen und der alles durchströmenden Liebe – alles keine ganz ungewöhnlichen Zutaten in der latein- und südamerikanischen Literatur. Gerade deswegen stellt sich auch hier wiederum die Frage, ob man das Erzählte wirklich für bare Münze nehmen soll oder nicht vielmehr für brasilianisch-magisch-mystische Metaphorik: Ging es tatsächlich darum, ein echtes Schwert zu erringen?

«Aber natürlich», erwidert der Autor, «es liegt hier oben im Haus. Alles, was einen symbolischen Aspekt hat, muss auch einen physischen Aspekt haben, sonst kommst du nirgendwo hin. Manche Leser sind am Ende des �Alchimisten� enttäuscht, dass der Hirtenjunge tatsächlich einen echten Schatz findet. Aber wenn du aufbrichst, um einen echten Schatz zu finden, dann solltest du auch mit einem solchen nach Hause kommen.»

Was ist neu an Coelhos Büchern? Nichts

Paulo Coelho sitzt entspannt im Schneidersitz auf dem Boden seines Wohnzimmers, während im Hintergrund auf dem Computer ein Reigen von mythisch-spirituellen Motiven, Heiligenbildern und Fotos des Autors nebst Ehefrau als Bildschirmschoner vorüberzieht. Ab und an steht Coelho auf, um das Kaminfeuer in Gang zu halten. Er ist Herr über einen lässig-kompakten und gut trainierten Körper, und trotz der braunen Kulleraugen ist sein Blick nicht einfach treuherzig. Sinnlichkeit und Disziplin strahlt dieser Mensch aus, nichts Überhebliches, nichts Prätentiöses. Das Bemerkenswerteste aber ist die gleichzeitige Leichtigkeit und Härte im Denken.

Mit literarischen Kategorien allein ist das Phänomen Coelho jedenfalls nicht zu erklären; vielmehr geht es um ein philosophisch-religiöses System, in dem alle Probleme des Selbst gefiltert, auf Archetypen hin geordnet und neu ausgebreitet werden, so dass sich ein jeder darin wiedererkennen und mancher sich womöglich auch besser verstehen kann. Coelhos Stoffe kommen immer aus der eigenen Biografie. «Was steht Neues in meinen Büchern? Nichts. Was teile ich mit meinen Lesern? Mein Leben, meine Erfahrung.» Im Grunde lesen sich seine Werke wie Meditationen der ewigen Grundfragen unseres Lebens, funktionieren wie Erbauungsgeschichten – in ihrer Kurzform exemplarisch vorgeführt in Coelhos zuerst in brasilianischen Tageszeitungen und dann in einem Sammelband veröffentlichten Kolumnen «Unterwegs» und «Der Wanderer» oder in seinem «Handbuch des Kriegers des Lichts».

Verglichen mit anderer Religious Fiction, von Dan Brown bis Umberto Eco, sind Coelhos Texte handlungsarm, bewusst leer, leicht, lehrmeisterlich-anleitend und affirmierend. Das mag unter anderem die schäumende Wut verständlich machen, die sie bei Leuten mit intellektuellen Lesegewohnheiten üblicherweise provozieren. Das mag aber auch dazu beitragen, dass der Autor von vielen Menschen wie ein Guru verehrt wird. Einerseits ist ihm das, wie er in Interviews sagt, nicht angenehm; andererseits kokettiert er mit seiner Art der Spiritualität gerne öffentlich: Gespräche und Auftritte unterbricht er gelegentlich, um zu beten. Die Nähe zu Lourdes, dem französischen Wallfahrtsort, schätzt er, weil «dieser Ort eine besondere Energie hat».

Eine innere Stimme, «ein Zeichen von Gott», helfe ihm, seine Bücher zu schreiben – mit solchen Selbstaussagen kreiert Coelho gezielt eine religiöse Aura um sich herum. Dennoch, dass er mit seinen Büchern offenbar sehr vielen Lesern Trost spendet, ist ein Gedanke, den er nicht nachvollziehen mag: «Bloß keine kollektiven Botschaften. Gott ist für mich nicht dasselbe wie für Sie.» Er sieht sich viel eher in einer politischen Tradition, umso mehr, als die großen Ideologien alle versagt haben: «Die Politik, die aus meinen Büchern spricht, ist eine, die die Mauer jener Konventionen einreißen will, die zu Fanatismus führen.» Spirituelle Ich-Stärkung als politische Basisarbeit, das wäre die Coelho genehme Sicht auf sein Schreiben.

Bereits im «Tagebuch einer Pilgerreise» und in «Der Alchimist», die kurz hintereinander 1987 und 1988 erscheinen, sind alle Elemente vorhanden, die das gesamte weitere Werk des Schriftstellers Paulo Coelho prägen: die einfache, glatte Sprache, im Grunde so schlicht wie seine alten Pop-Songs, der Verzicht auf gelehrte, akademische Anspielungen und jegliche sozial-politischen Realitäten, die konsequente Literarisierung der eigenen Lebensprobleme, durchlässig bis zur unmittelbaren Wiedererkennbarkeit und zu Selbstzitaten, die Vorliebe für das Gleichnishafte, die Motive des Abenteuers und der Reise, das Bild vom «Krieger des Lichts», der den guten Kampf kämpft, und die religiös-spirituelle Zeichenwelt des Christentums. Diese öffnet sich im Laufe von Coelhos Schriftsteller-Karriere synkretistisch allen anderen spirituellen Traditionen: von den griechischen Mythen, der jüdischen Kabbala, dem Zen-Buddhismus und der indischen Mythologie bis hin zur Lehre der Tengri, einer religiösen Tradition aus der kasachischen Steppe, die in «Der Zahir», dem jüngsten Buch, von großer Bedeutung ist.

Wer scheitert, ist ein Feigling – ohne Pardon

Dabei ist das Erkennen der spirituellen Zeichen immer der Weg zu einem besseren Leben. Stets geht es um Menschen, die am Ende der Geschichte glücklicher sind als vorher: Sie finden einen Schatz, bestehen eine Prüfung, erfüllen eine Aufgabe, besiegen das Böse, verlieren die Angst zu sterben und lernen zu lieben. So viel Gutes kann ganz schön nerven. Vermag Coelho sich vorzustellen, auch einmal ein Buch ohne Happyend zu schreiben? «Über Ihre Frage habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht. Ich bewundere tapfere Menschen und ich glaube, die einzige Qualität, die man im Leben haben muss, ist der Mut, tapfer zu sein und für das zu kämpfen, was einem wichtig ist. Und wahrscheinlich schreibe ich immer über Dinge, die ich bewundere.» Was aber ist mit denen, die zu schwach sind, um zu kämpfen, all den Versagern, Mittelmäßigen, Angepassten, Gescheiterten? Verdienen die Ängstlichen, die Feiglinge keine barmherzige Beachtung des Schriftstellers? «Sie haben die Frage beantwortet, diese Menschen können schön, reich, arm oder hässlich sein, der einzige Unterschied ist: Sie sind Feiglinge. Wir haben nicht die Kraft, Leuten zu verzeihen, die Feiglinge sind. Und wir können nicht versuchen, sie zu retten. Das kann nur Gott.» In den Augen des Autors ist es immer noch besser, zu verlieren und aus Niederlagen zu lernen, als gar nicht erst in den Kampf mit sich selbst zu ziehen. Langsam nähern wir uns der brutal-harten, der nietzscheanischen Kehrseite des so sanft scheinenden Phänomens Coelho.

Kein Erfolg mit dem Propheten Elias

Großen Erfolg haben seine ersten beiden Bücher zunächst nicht, von der Erstauflage des «Alchimisten» verkaufen sich gerade mal 900 Exemplare. Der große Durchbruch in der Öffentlichkeit kommt erst mit einem Verlagswechsel und dem dritten Buch, «Brida» (1990), einem Werk, «das von der Bestimmung spricht, die jeder von uns in sich trägt». So wird dieser nicht ins Deutsche übersetzte Roman auf der Coelho-Website beschrieben. Die Erstlingswerke werden neu aufgelegt, und unaufhaltsam beginnt der so schlichte und doch so schillernde «Alchimist» die Welt zu erobern – und mit ihm sein Autor Coelho. Es folgen die Erzählung «As Valkírias» (1992) und eine Roman-Trilogie über die drei menschlichen Antriebskräfte: Liebe («Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte», 1994), Tod («Veronika beschließt zu sterben», 1998, – ein Buch, in dem Coelho seine Erlebnisse in der Psychiatrie verarbeitet) und Macht («Der Dämon und Fräulein Prym», 2000). Zwischendurch erscheint 1996 «Der Fünfte Berg», Coelhos am wenigsten erfolgreiches Buch, wiewohl eines seiner interessantesten: ein Roman über den Propheten Elias und dessen Zeit im phönizischen Exil. Womöglich vermag ausgerechnet hier die Magie Coelhos die Leser nicht zu verführen, weil es sich um ein biblisches Setting handelt, in dem es nicht weiter überrascht, dass Menschen Stimmen hören, Zeichen sehen und Wunder vollbringen können. Genau darin liegt aber die Stärke des Buches: dass eine symbolische, alttestamentarische Sprache plötzlich mit historischer Wirklichkeit aufgeladen wird. Zudem lässt der Autor hier ungewöhnlich viel «offizielles», kanonisches Wissen einfließen. So thematisiert das Buch auf äußerst spannende Weise kulturgeschichtliche und machtpolitische Fragen des Alten Testaments. Im Mittelpunkt steht aber natürlich wiederum eine persönliche Krise, ein Kampf mit Gott, den Elias am Ende glücklich besteht.

Ein gehässiger Blick auf den Literaturbetrieb

Im Jahr 2003 veröffentlicht Coelho den Roman «Elf Minuten». Dieser erzählt die Geschichte einer Frau, die sich, von Männern enttäuscht, freiwillig prostituiert und schließlich die Lust an der eigenen Sexualität entdeckt und die wahre Liebe obendrein. Mittlerweile bricht Coelho längst allerorten Signier-Rekorde, erhält Ehrungen in der ganzen Welt, engagiert sich karitativ und politisch – unter anderem sehr deutlich gegen den Irak-Krieg –, ist gefragter Gesprächspartner von Staatsoberhäuptern und Wirtschaftsbossen, die ihn regelmäßig zum Weltwirtschaftsforum nach Davos einladen – und bleibt dabei alles in allem äußerlich bescheiden, ohne Ferrari, ohne Entourage, in Levis-Jeans und Bergsteigerpullover. Ein wenig Eitelkeit verrät nur der bunte Seidenschal: «Erfolg ist nicht das, was sie dir sagen, es ist deine Einstellung zum Leben.»

«Der Zahir», soeben erschienen, ist Coelhos neunter Roman und nach dem Bericht über seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela das autobiografischste Buch von allen. Hier geht es tatsächlich und ausdrücklich um einen berühmten Schriftsteller, den Autor eines Romans mit dem Titel «Der Alchimist», und um dessen Schwierigkeiten mit der Selbstmotivation, um die Verführungen des Erfolgs und um Probleme des ehelichen Zusammenlebens – die Geschichten, die man einander nicht erzählt, und die Punkte, an denen man aufhört, an sich zu arbeiten.

Im Roman wird der Schriftsteller von seiner Frau Esther, einer Kriegsreporterin, verlassen – «ein Teil der Handlung, der nicht autobiografisch ist» – und übersteht eine lange Zeit der Selbsterforschung, um zu begreifen, was ihm widerfahren ist. Schließlich findet er die Weggelaufene wieder – in Kasachstan, wo sie Teppiche webt – und kann sie zurückerobern. Die Frau im Roman ist benannt nach einer Freundin Coelhos, Esther Schweins, einer der vielen schönen Frauen der Promi-Szene, deren Nähe der Autor, wie die Yellow Press zu berichten weiß, überall auf der Welt gerne sucht. Die Damen ihrerseits genießen es, sich als Coelhos Musen zu outen – wie jüngst eine Kriegsreporterin der «Sunday Times», die sich mit wohliger Entrüstung als «Zahir»-Vorbild zu erkennen gab. Esther Schweins wiederum hatte Coelho bei einem Treffen von den Erlebnissen ihres Vaters in Stalingrad erzählt – Stoff, der in die Figur der Kriegsreporterin Esther im Roman eingearbeitet wurde. Dachau, Nietzsche, Schweins, Stalingrad – das ist wahrlich ein eindrucksvoller Mix deutschen Inputs in die Gedankenwelt eines brasilianischen Bestsellerautors.

«Der Zahir» bietet die üblichen Ingredienzien typischer Coelho-Parabeln – die Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen, die viel berufene innere Offenheit, wieder abenteuerlich zu werden und sich von der Energie der Liebe berühren zu lassen. Streckenweise lehnt sich das Buch platt und pathetisch an den Odysseus-Mythos an, das macht es – alles in allem und höflich ausgedrückt – unter literaturkritischen Gesichtspunkten nicht sonderlich attraktiv. Einzig erfrischend ist, wie sich hier erstmals auch ein ironischer, mitunter sogar selbstironischer Ton Bahn bricht – im Blick auf das literarische Leben und Coelhos eigene Rolle darin. Zynisch beschreibt der Autor das, was er die «Gefälligkeitsbank» des Literaturbetriebs nennt, die immer gleichen Choreografien von Empfängen und Interviews und die immer gleichen Vorwürfe der Kritiker, die gegen ihn erhoben werden: «Wenn es um Politik geht, sind sie Demokraten, aber wenn es um Kultur geht, sind sie Faschisten. Sie meinen, die Leute seien fähig, eine Regierung zu wählen, aber keine Filme, Bücher oder Musik.»

«Read my books! I don’t give a fucking answer»

Bei aller betonten Gelassenheit kann Coelho im Gespräch auch richtig aufbrausen, wenn es um lästige Fragen geht wie die, wieso sein Erfolg beständig unverstanden bleibt und warum er gar als großer Vereinfacher diskreditiert wird: «Read my books! I don’t give a fucking answer.» Coelho, der geläuterte Hippie katholischer Herkunft, der immer noch am liebsten die Beatles hört, ermutigt seine Leser dazu, einmal nicht weiter zu fragen, Paradoxa auszuhalten und das Leben in seiner Ambiguität zu genießen. So steht der Schriftsteller am Ende von «Der Zahir» ehrfürchtig und dankbar in der kasachischen Steppe: Und es genügt ihm «das Wissen, daß die grundlegenden Fragen im Leben nie eine Antwort erfahren werden und wir dennoch weitermachen können». Diese massenhafte Anhäufung positiver Gedanken ist für Berufskritiker wirklich schwer auszuhalten.

Wenn es denn eine Botschaft gibt, die aus Coelhos Gesamtwerk spricht, dann die, trotz aller Unbill im Leben nicht stehen zu bleiben und sich aus der passiven Rolle zu befreien. Dieser weltanschauliche Kern kann viel eher als alle spirituellen Zutaten den Erfolg von Coelhos Büchern erklären – nicht nur bei den Reichen, Schönen und Mächtigen dieser Erde. Seine Geschichten sind für die glücklichen Abenteurer und Sieger geschrieben, die wir alle sein wollen, wo immer wir im Leben gerade stehen. Sie feiern die Bewegung und das Lebendig-Sein. «Die Idee, dass die Reise selber das Ziel ist, ist der universale Mythos überhaupt, wie Friedrich Nietzsche es so gut festgehalten hat. Diese Idee ist in allen meinen Büchern zentral: Konzentriere dich darauf, dass du ein Ziel hast, das du erreichen willst, und genieße die Reise, auch wenn sie beschwerlich ist.»

Jesus – ein Junge, der viel Spaß hatte

Dass er Nietzsche aus tiefstem Herzen verehren muss, diese Vermutung liegt von Anfang an auf der Hand, und Coelho bestätigt sie im Gespräch mehrfach – er besuchte sogar eigens den Nietzsche-Wallfahrtsort Sils Maria in der Schweiz. Tatsächlich sind alle seine Bücher in einem Punkt ähnlich radikal wie die des Philosophen der Ewigen Wiederkehr: Sie verweigern sich der aufklärerisch-rationalen Tradition der abendländischen Kulturgeschichte. Und an einem Punkt gibt Coelho dann doch eine Antwort: «Ich habe immer versucht, eine Antwort auf die berühmte Frage zu finden: Wer bin ich? Und ich versuche es nicht mehr. Es ist keine Frage mehr, es ist eine Antwort: Ich bin � Gott hat Mose die gleiche Antwort gegeben, als dieser ihn fragte: �Wer bist Du?� – �Ich bin der, der ich bin�, hat er geantwortet. Ich glaube, dass wir sind und weiter nichts, das ist es. Mit diesem Augenblick beginnt die Pilgerreise.»

An diesem Punkt verabschiedet sich Coelho aber auch aus einer intellektuellen Gemeinschaft, deren Texte im Grunde um nichts anderes als diese Frage kreisen. Dabei kommt nicht wie bei Nietzsche genialisch-grenzsprengende Philosophie heraus, sondern eben provozierend-einfache, moderne Erbauungsliteratur, die überall auf der Welt ihre Leser findet. Coelho bietet ihnen – das macht sein Werk so anziehend für sie – eine Alternative zu einem fest in unseren Köpfen sitzenden Menschen- oder vielmehr Gottesbild. Bei ihm steht nicht der leidende und sich opfernde Jesus im Vordergrund, sondern der sinnliche, befreiende, siegreiche und verkannte. Kurz bevor Coelhos Alter Ego im «Tagebuch einer Pilgerreise», dem Bericht über seine schriftstellerische Initiation, das Meister-Schwert finden kann, kommt es zur zentralen Zwiesprache mit dem Herrn: «Du hast uns gezeigt, daß die Macht und die Glorie für uns alle erreichbar ist, doch diese unvermittelte Vision unserer eigenen Möglichkeiten war zuviel für uns. Wir haben dich nicht gekreuzigt, weil wir dem Sohn Gottes undankbar waren, sondern weil wir uns davor fürchteten, unsere eigenen Fähigkeiten anzuwenden. Wir haben dich gekreuzigt, weil wir Angst hatten, zu Göttern zu werden. Mit der Zeit und mit der Überlieferung wurdest du wieder zu einer fernen Gottheit, und wir kehrten zu unserem Schicksal als Menschen zurück. Es ist keine Sünde, glücklich zu sein.» Und einen Absatz weiter heißt es: «Ein Gott erwachte in mir.»

Ist das nicht verdammt blasphemisch für einen Menschen, der sich zum katholischen Glauben bekennt? «Nicht im Geringsten. Jesus spricht selbst in der Bibel davon: �Ihr seid wie Gott�. Das Leben ist Freude. Und Jesus war ein Junge, der viel Spaß hatte. Wir denken immer nur an seine Leidensgeschichte, und darüber vergessen wir beispielsweise, dass sein erstes Wunder darin bestand, Wasser in Wein zu verwandeln. Wir haben viele verborgene Möglichkeiten, man kann auch sagen: Macht, die wir nicht nutzen, weil wir uns begrenzen lassen auf die Geschichten, die man uns erzählt.»

Vielleicht ist Paulo Coelho nicht so sehr der Welt größter Märchenonkel, sondern vielmehr der größte Popularisierer Friedrich Nietzsches, den die Welt je gesehen hat – und wohlgemerkt: nicht des politisch ausgebeuteten Nietzsche des «Willens zur Macht», sondern des Nietzsche, der das ursprüngliche Potenzial des Kindes in uns freisetzen will. Die anderthalb Stunden sind vorbei – Coelho pocht auf Disziplin –, und viele Fragen sind noch gar nicht gestellt, geschweige denn beantwortet worden. Egal. Der Abschied ist herzlich, mit einem Augenzwinkern. Alles fügt sich zu einem Bild, in dem es ganz stimmig ist, dass ein von der Kritik geringschätzig belächelter Autor aus Brasilien, der Millionen von Lesern anspricht und Millionen von Dollars verdient – wie er freimütig offen legt –, seine Zeit sehr gerne in einem Haus am Fuße der Pyrenäen verbringt, irgendwo zwischen Tarbes und Lourdes, nicht weit entfernt von einem alten Pilgerweg, und bei Wind und Wetter jeden Tag in der Früh wandern geht.

Hanna Leitgeb war Gründungsredakteurin von Literaturen, verantwortlich für den Bereich Sachbuch, und leitet seit Februar 2005 das Berliner Büro der Deutschen Verlags-Anstalt

Ausgabe 06.2005
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Die Wahrheit über Paulo Coelho
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