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Drunter tut es Dänemark nicht: Hans Christian Andersen wird in diesem Jahr die größte Dichterfeier unserer Zeitrechnung zuteil � naiv, protzig, weltumspannend und nicht ohne Nebenabsicht Die Einladung auf Büttenpapier, drei Blatt im Schuber, verheißt ein «Fairytale Weekend». Am Abend des 1. April werden die internationalen Gäste im Königlichen Theater zu Kopenhagen mit einer Andersen-Gala begrüßt. Tags darauf bringt ein Sonderzug ausgewählte Passagiere nach Odense. In Andersens Geburtsstadt wird dann der Bürgermeister zur Begrüßung sprechen. Es schließen sich ein Museumsbesuch, ein Mittagessen im Rathaus sowie die Verleihung des Andersen-Preises der Stadt Odense an, ehe der Sonderzug nach Kopenhagen zurückrollt, wo um 21.00 Uhr im Parken, dem größten Fußballstadion Dänemarks, vor 42.000 Zuschauern die zweistündige Eröffnungszeremonie zum Hans-Christian-Andersen-Jahr beginnt, die vom Fernsehen in alle Welt übertragen wird. Königliche Hoheiten werden zugegen sein, und viele Andersen-Ehrenbotschafter, Roger Moore zum Beispiel oder Isabel Allende, vielleicht auch Liz Hurley, Harry Belafonte und Václav Havel. Am Sonntagmorgen gibt es dann noch einen Empfang im Rathaus von Kopenhagen, bevor die ausländischen Ehrengäste wieder entschweben. Das Andersen-Jahr jedoch, die größte Dichterfeier unserer Zeitrechnung, geht dann erst richtig los. Es ist nicht so, dass Ehrungen seiner Person und seines Werks Hans Christian Andersen prinzipiell peinlich waren. Als er am 6. Dezember 1867 zum Ehrenbürger seiner Vaterstadt ernannt wird, notiert er im Tagebuch: «Die Bürger in Uniform standen vor dem Rathaus, die Musik spielte mein Lied �Ich liebe dich, Dänemark, mein Vaterland�. Im Saal war meine Büste aufgestellt und mit Grün geschmückt, mehrere hundert Menschen waren versammelt, Männer und Frauen, und nach Tisch traf ein Telegramm des Königs mit Glückwunsch von ihm und seiner Familie ein, die ganze Versammlung nahm es mit großem Jubel auf.» Es hätte ein richtig schöner Tag werden können, wäre da nicht die Zahnschwellung gewesen, die Andersen den abschließenden Fackelzug vergällte. Dass man sich wenige Tage später in Kopenhagen zwar mitfühlend nach den Zahnschmerzen erkundigte, die Ehrung jedoch mit keinem Wort erwähnte, verstärkte Andersens Gefühl, trotz mannigfacher Auszeichnungen noch immer ein verkanntes Genie zu sein. So gesehen, stellen die Feierlichkeiten des Andersen-Jahres 2005 eine späte Genugtuung dar; Andersen, so ist zu vermuten, hätte am «Fairytale Weekend» und allen Folge-Spektakeln seine helle Freude gehabt. Geht es um Märchen oder um Hörgeräte? Den Vorwurf, es habe sich an Andersens Geist versündigt, braucht sich das «HCA 2005»-Komitee in Odense, das die Feier ausrichtet, nicht zu machen. Bunt und üppig, naiv und ein bisschen protzig, volkstümlich, weltumspannend und wirtschaftsnah präsentiert sich dieses Groß-Event, das mit 30 Millionen Euro ausreichend finanziert ist, um auf 35 Key Markets von Deutschland bis China und fast ebenso vielen Priority Markets die Botschaft des Märchendichters zu verkünden. Oder soll hier gar nicht Andersens Botschaft verkündet, sondern vielmehr auf seinen Schultern für Dänemark geworben werden und für die Waren, die das Land zu verkaufen hat: Design, Schinken, Hörgeräte? Die Einladung zum «Fairytale Weekend» jedenfalls haben die Stadt Odense, die Bezirksregierung von Fünen sowie die Ministerien für Kultur und Wirtschaft gemeinsam ausgesprochen und, nicht zu vergessen, die Bikuben-(Bienenkorb)-Stiftung, ein Sparkassenfonds, der nicht weniger als 13 Millionen Euro beigesteuert hat. Dies geschah freilich unter der Bedingung, dass der Bikuben-Fonds Exklusiv-Sponsor des gesamten Andersen-Jahres sein werde, womit alle anderen Interessenten das Nachsehen hatten. Ähnlich wie der greise Reeder Mærsk McKinney Møller bei seinem Opernhausgeschenk an den dänischen Staat machte auch der Bikuben-Fonds seine Großzügigkeit von Bedingungen abhängig. Doch anders als Møller mischte er sich wenigstens nicht ins Programm ein. Für das Programm ist Lars Seeberg zuständig, früherer Intendant des Aarhus-Festivals. Bei einem Besuch in Weimar im Goethe- und Kulturstadtjahr 1999 kam ihm der Gedanke: Mit dem gleichen Budget und mit ihm selbst in der Impresario-Rolle, die in Weimar Bernd Kauffmann gespielt hatte, sollte es möglich sein, in Dänemark 2005 Ähnliches, wenn nicht Größeres auf die Beine zu stellen. Größeres auch deshalb, so Seeberg, weil der Autor Andersen weltweit gelesen werde � anders als Goethe. Dem ist nicht zu widersprechen, gleichgültig, ob Andersens Märchen nun vor oder nach der Mao-Bibel auf Platz 2 der meistgedruckten Bücher auf dem Erdball rangieren. Peinliche Frage: Was will man eigentlich spielen? Seebergs Feuereifer gab den Anstoß, aber es war mühsam, die damals regierende Sozialdemokratie mit seinem Enthusiasmus anzustecken. Gerade einmal zwei Millionen Euro wollte die damalige Kulturministerin an öffentlichen Mitteln herausrücken, zu wenig, um die Benchmark Weimar zu übertreffen. Bewegung kam in das Projekt erst, als der Bikuben-Fonds einstieg und als die neue bürgerliche Regierungskoalition und mit ihr der junge Kulturminister Brian Mikkelsen sich der Sache annahmen. Mikkelsen, wegen seiner populistischen Gangart und seiner stolz zur Schau gestellten Unkenntnis in kulturellen Dingen eine Zeit lang der Lieblingsfeind des linksliberalen Milieus, setzte sein kulturpolitisches Credo sogleich in Zusagen um. Wenn die Wirtschaft zu einer derart großzügigen Beteiligung bereit sei, dürfe der Staat nicht abseits stehen. So kam es, dass der öffentliche Zuschuss zuletzt auf gut 20 Millionen Euro anwuchs. Die Andersen-Festspiele konnten beginnen. Aber was sollte eigentlich gespielt werden? Märchenlesungen weltweit, Andersen-Revuen, -Ballette, -Dramatisierungen, Andersen-Verfilmungen, -Ausstellungen, -Kostümfeste, so weit das Auge reicht? Hässliche Entlein, standhafte Zinnsoldaten, fliegende Koffer und kleine Seejungfrauen zu Wasser, zu Lande und in der Luft? So ähnlich jedenfalls. Im Programm entdeckt man manches Interessante und viel Schmock. Für das eine wie das andere ist reichlich Geld vorhanden. Schaut man auf die Websites von «HCA 2005» mit ihren «HCA-Briefmarken», dem «HCA-Quiz», der «HCA-Abenteuermaschine», dem «HCA-Cartoon» und dem «HCA-Bildschirmschoner», dann sieht das Goethe-Jahr 1999 dagegen fast wie ein stiller Feiertag der Hochkultur aus. Als sich schon in der Vorbereitungsphase der erste öffentliche Unmut über allzu hektische PR-Aktivitäten regte, gelobte der oberste Kommunikator des Andersen-Jahres, Christian Have, man werde nun erst einmal für eine Weile schweigen. Das fällt ihm nicht leicht, denn Christian Have ist von Berufs wegen ein Mann, der die Trommel rührt. So organisierte er mit Erfolg den Grand Prix d�Eurovision, als dieser in Kopenhagen zu Gast war. Michael Jackson und Whitney Houston zählen zu seinen Klienten; jetzt ist es ein toter Dichter namens H. C. Andersen. Der Abend im Fußballstadion am 2. April, mit königlichen Gästen auf der Ehrentribüne und mit Alt-Stars wie Roger Moore, die sich vor Andersen verbeugen, verrät die Handschrift des Event-Managers. Andersen soll «verkauft» werden. Dass er bei dieser Behandlung Gefahr läuft, ausverkauft zu werden, macht dem HCA-Komitee keine Sorgen. Andersen-Ehrenbotschafter, Pannen inbegriffen Zur Zerstreuung ein kleines Ratespiel: Welche Namen passen nicht in die folgende Reihe? Roger Moore, Antonia S. Byatt, Cathy Freeman, Pelé, Per Olov Enquist, Václav Havel, Liz Hurley, McCoy Tyner, Hans-Olaf Henkel, Nina Hagen, Suzanne Vega, Sasha Waltz, John Neumeier? Die richtige Antwort: keiner. Denn dies ist ein Auszug aus der Liste der über sechzig Andersen-Ehrenbotschafter, die in den letzten Monaten und immer noch jeweils dort präsentiert werden, wo der entsprechende Key Market eröffnet wird, so etwa in Berlin am 8. November des Vorjahres, als die genannten deutschen Persönlichkeiten (plus Katja Riemann) in den Diplomatenstand auf Zeit versetzt wurden. Nun werben sie, was ihre Kräfte hergeben, für Hans Christian Andersen. Dass nicht alle Ehrenbotschafter, man denke nur an Pelé oder den Formel-1-Piloten Giancarlo Fisichella, ausgewiesene Kenner seines Werks sind, fällt nicht weiter ins Gewicht. Peinlich war es freilich, als sich auch Isabel Allendes Andersen-Wissen als ausbaufähig entpuppte. Einer dänischen Journalistin gestand sie, ihr Lieblingsmärchen sei «Der Rattenfänger von Hameln». Dass diese Geschichte gar nicht von Andersen stammt, sondern aus «Des Knaben Wunderhorn», wird Isabel Allende kaum beeindruckt haben. Auch von der Existenz eines Landes namens Dänemark höre sie gerade zum ersten Mal, gab sie offenherzig zu Protokoll. Vielleicht waren die Ehrenbotschafter doch keine wirklich gute Idee. In Dänemark zumindest löst schon jetzt das Wort weithin Gelächter aus. Und dann war da noch die Geschichte mit der Sambaschule Imperatriz Leopoldinense. Im Zuge der Erdball umspannenden Andersen-Offensive sollte auch der Karneval von Rio zur Plattform werden. Viel Geld floss an die genannte Sambaschule, damit sie einen Andersen-Wagen in ihren Umzug aufnahm. Das Kronprinzenpaar und der Kulturminister hatten schon ihre Flüge gebucht, als sich herausstellte, dass der Chef der Sambaschule wegen Drogenhandels und anderer Delikte sechs Jahre eingesessen hatte. Eilends wurde der Besuch storniert; nun wird der Andersen-Wagen ohne königlichen Ehrenschutz durch Rio rollen. Es sind Vorkommnisse wie diese, die bei manchen Kritikern des HCA-Projekts den Eindruck befördern, hier werde ein allzu aufwändiger und für dänische Begriffe recht unbescheidener Mummenschanz veranstaltet. Hat Andersen es verdient, fragt man sich, in den Dienst des Nation Branding gestellt zu werden, und braucht die gut eingeführte «Marke Dänemark» überhaupt eine weltweite Kulturkampagne zur Stärkung ihres Images? Hans Christian Andersen hätte dem zu seinen Ehren veranstalteten Treiben, den Karneval in Rio eingeschlossen, nicht ohne Rührung zugeschaut. Aber weil zu seiner Weltkindlichkeit auch eine genaue Kenntnis der menschlichen Schwächen gehörte, weil er aus eigener Erfahrung wusste, was Eitelkeit, Großmannssucht und der Hang zum schönen Schein anzurichten pflegen, hätte ihn sein 200. Geburtstag womöglich zu einem Märchen inspiriert. Sein Titel? «Die Ehrenbotschafter».
Von Christoph Bartmann Christoph Bartmann, Germanist und Publizist, lebt seit 1999 als Leiter des Goethe-Instituts in Kopenhagen. Soeben erschien von ihm das Buch «Kopenhagen � Stadt der Dichter. Literarische Streifzüge»
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