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Ausgabe 01/02.05
Übersicht Ausgabe 01/02.2005
Inhalt
Editorial

Schwerpunkt
Wozu Klassiker?
Im Test: Schiller, Shakespeare & Co. 4
Abstauben? Auffrischen? Zumuten? Vorschläge zum Umgang mit Alten Meistern. Mit Beiträgen von Moritz Bassler, Jürgen Wertheimer, Hanna Leitgeb und Sigrid Löffler sowie einem Streitgespräch mit Christina Weiss, Jochen Golz und Norbert Miller

Moritz Baßler
Was blitzt und funkelt, in Reichtum und Fülle Woran erkennt man einen Klassiker? Drei Thesen zum Umgang mit kanonischen Meistern || Literaturen-Streitgespräch Wozu Klassiker? Mit Christina Weiss, Jochen Golz und Norbert Miller || Jürgen Wertheimer Mensch Schiller! Die meisten neuen Biografien zum Jubeljahr flüchten sich in Intimitäten � während die Texte auf eine zweite Politisierung warten || Hanna Leitgeb Der Mensch in seinem Wahn Schillers Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» � eine Re-Lektüre || Sigrid Löffler Klassiker aller Klassiker Stephen Greenblatts neue Shakespeare- Biografie schließt aus dem Werk auf das Leben � eine verpönte Methode, hier zum Triumph geführt


Das Kriminal
Bei Sturm und Regen
Franz Schuh huldigt den Naturgewalten


Bücher des Monats
Burkhard Müller
Wolf Biermann: Das ist die feinste Liebeskunst
Gustav Seibt
John Maynard Keynes: Freund und Feind
Daniela Strigl
Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte
Claudia Schmölders
Heinrich Mann: Zur Zeit von Winston Churchill
Irina Prochorowa
Viktor Pelewin: Die Dialektik der Übergangsperiode
Manfred Schneider
Valentin Groebner: Der Schein der Person


Portrait
Frauke Meyer-Gosau
Unter Mördern und Irren
Ein Portrait von Patricia Highsmith zum 10. Todestag


Neurobiologie
Michael Hampe
Alles so schön «neuro»
Das jüngste Auftrumpfen der Hirnforschung attackiert das Konzept des freien Willens


Die Beiseite
Navid Kermani
Die Kennerin des Nikolaus
Von den Unmöglichkeiten des Multikulti-Lebens


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Gabriel García Márquez || Jens Bisky || Peter Carey || Randy J. Sparks || Rafael Chirbes || Johannes Kunisch || Dirk von Petersdorff || Marion Poschmann || Brigitte Oleschinski || Stefan Ernsting || Jan Kjærstad || José Ortega y Gasset || Martin Stritt || Franz Kafka Bildbände von Michael Martin || Thomas Demand || Hans W. Geißendörfer, Wolfram Lotze (Hg.) || Ludwig Goldscheider


Weisse Elefanten
Frauke Meyer-Gosau
«Wenn's Schiller ist, dann muss es runter!»
Wie Friedrich Schiller heutigen Kindern und Jugendlichen schmackhaft gemacht werden soll


Zeitgeschichte
Stefan-Ludwig Hoffmann
Ende mit Schrecken
Neue Bücher von Kempowski, Zuckmayer & Co. � Das Kriegsende 1945 in Augenzeugenberichten


Architektur
Tom Holert
Wen kümmert�s, wer baut?
Neue Bücher zur Architektur problematisieren die Rolle des Starkults bei öffentlichen Bauwerken


Textverarbeitung
Daniel Kehlmann
Schreiben, wie's der Klassiker empfiehlt
Somerset Maugham, Philip Roth und Mario Vargas Llosa plaudern aus ihrer Werkstatt


Kurz & Bündig
Bücher von Harold Bloom || John Keegan || Norbert Müller || Inge Viett || Dezsö Kosztolányi || Michael Hesemann || Elias Canetti || Bildbände von Konrad Kratzsch || Ingo Müller u. a.


Das Magazin
Mitten aus Zürich || Kalender || Netzkarte || Literatur im Kino || Hörbücher || Jetzt als Taschenbuch || Was liest Lars Gustafsson?

Impressum

Vorschau, P.S., Register
Editorial
Auch der neue PISA-Test, liebe Leserin, lieber Leser,

ist ein Ärgernis. Nicht nur deshalb, weil sich deutsche Schüler im Weltvergleich gegenüber dem Ranking aus dem Jahr 2000 kaum verbessert haben. Bei der Lese-Leistung der Fünfzehnjährigen erweist sich Deutschland weiterhin als unterdurchschnittlich: Es rangiert immer noch auf Platz 21.

Vor allem aber irritiert die grundfalsche Debatte, die an den PISA-Ergebnissen festgemacht wird. Seit Jahren wird behauptet, die PISA-Studie habe deutsche Bildungsdefizite aufgedeckt. Das ist Unsinn. Das Verständnis literarischer Texte ist hier bedenklicherweise gar nicht gefragt, es geht überhaupt nicht um Bildung. Es geht lediglich um «gezieltes Informationslesen». Der Test misst die Lesekompetenz mittels Trivial- und Gebrauchstexten, meist in Kombination mit Grafiken, Karten oder Tabellen. Er misst die Befähigung, Gebrauchsanweisungen zu verstehen und etwa ein Regal nach schriftlicher Anleitung zusammenbauen zu können.

«Der PISA-Test zielt auf den homo oeconomicus» � Manfred Fuhrmann («Der europäische Bildungskanon») kritisiert diese anwendungsorientierte Instrumentalisierung des Lesens. «Der Idealtyp des PISA-Tests ist derjenige, der sich später einmal am besten in der Industrie, der Technik und der Wirtschaft auskennen wird. Von allen übrigen Bereichen der Kultur, von denen nämlich, die sich nicht globalisieren lassen, sieht der Test rigoros ab.»

Genau darum aber � ums Lesen als schönen Selbstzweck � geht es im Schwerpunkt dieses Literaturen-Doppelheftes: Er zeigt, wie lustvoll � und beileibe nicht nur mühsam � der Umgang mit den Klassikern sein kann, wie sehr das Bündnis mit den Alten Meistern das eigene Dasein erhellt. Nicht ohne eine doppelte Prüfung allerdings: Die Klassiker müssen sich vor jeder neuen Zeit und jede Zeit muss sich vor den Klassikern bewähren. Unterm Staub muss es funkeln, der Glanz muss aber auch wahrgenommen werden.

Fein, wenn man ein Regal nach Anleitung zusammenschrauben kann. Man sollte es aber auch mit lesenswerten und selbst gelesenen Büchern zu bestücken wissen. Dafür bietet dieses Heft Anstöße und Handreichungen.

Ein gutes neues Lese-Jahr wünscht Ihre Literaturen-Redaktion

P. S.: Aus aktuellem Anlass präsentiert Literaturen allen Abonnenten Schiller, wie ihn ein Klassiker-Kollege sah: Sie bekommen als Hörbuch Thomas Manns «Ansprache im Schillerjahr», gehalten im Mai 1955 im Stuttgarter Schauspielhaus, und seine Schiller-Erzählung «Schwere Stunde», gelesen von Charles Wirths.
Schwerpunkt - Wozu Klassiker
Schwerpunkt 01/02.2005 Von Italo Calvino stammt die schöne Definition: «Klassiker sind Bücher, die man, je mehr man sie vom Hörensagen zu kennen glaubt, umso neuer, unerwarteter und unbekannter findet, wenn man sie zum ersten Mal richtig liest.» Das Problem liegt im «richtig Lesen». Gibt es heute überhaupt noch die Befähigung und die Bereitschaft dazu? Nimmt nicht das Interesse an den Klassikern immer mehr ab? Einerseits floriert die Jubiläums-Industrie, wie das eben gestartete Schiller-Jahr beweist, und das Klassiker-Marketing an Standorten wie Weimar boomt. Andererseits sind die Klassiker aus dem Zentrum des kulturellen Lebens schon seit längerem verdrängt. Eltern, Schulen, Schauspielbühnen � die vor allen anderen die Klassiker für neue Generationen lebendig erhalten müssten � scheinen diese Anstrengung zunehmend zu scheuen. Dabei wäre ihre Vermittlungsarbeit heute wichtiger denn je, verblasst doch unser Verständnis für die Sprache der Klassiker mit wachsendem Zeitabstand. Woran erkennt man einen Klassiker? Moritz Bassler, als Literaturprofessor selbst ein klassischer Mittler, stellt drei Thesen auf zum Umgang mit kanonischen Meistern. Die Klassiker im Gedenk-Rummel waren Anlass für ein Literaturen-Streitgespräch mit der Kultur-Staatsministerin Christina Weiss, dem Weimarer Goethe- und Schiller-Archivar Jochen Golz und dem Germanisten Norbert Miller. Die zahllosen neuen Schiller-Biografien unterzieht Jürgen Wertheimer einer kritischen Prüfung, und Hanna Leitgeb untersucht Schillers Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» auf ihre Gegenwartstauglichkeit. Warum sich das Veraltungsproblem beim Klassiker Shakespeare nicht stellt, begründet Sigrid Löffler anhand von Stephen Greenblatts neuer Shakespeare-Biografie. Die Bilder des Schwerpunkts stammen von dem Fotografen Richard Misrach.

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