Der Nobelpreis, liebe Leserin, lieber Leser, hat eine einzigartige Aura. Kein Literaturpreis auf der Welt ist mit ihm vergleichbar. Keiner kann sich mit ihm messen, was Renommee, Exklusivität, Dignität und Tradition betrifft. Dass die Preisverleiher � die achtzehn Mitglieder der Schwedischen Akademie � sich über ein Jahrhundert lang nicht in die Karten gucken ließen, wie ihre Auswahl jeweils zustande kam, hat dem Prestige des Preises nicht geschadet, im Gegenteil. Das Geheimnis wurde zum Teil des Mythos.
Diese Verschwiegenheit erscheint nun erstmals durchbrochen. Auf doppelte Weise. So hat die Schwedische Akademie vor einiger Zeit ihr Archiv geöffnet und die Protokolle ihrer alljährlichen Kür publiziert. In einer Quellenedition, die Bo Svensén, der Privatsekretär des Ständigen Sekretärs, betreut hat, gibt die Akademie auf tausend eng bedruckten Seiten Einblick in die Kämpfe und Rituale der Entscheidungsfindung, allerdings nur für die Periode von 1901 bis 1950 (Bo Svensén: «Nobelpriset i litteratur. Nomineringar och utlåtanden 1901�1950»). Die Zeit danach unterliegt weiterhin der Geheimhaltung.
Dennoch sind diese Protokolle ein Ereignis. Sie entlasten die Akademie beispielsweise von dem Dauervorwurf der Qualitätsblindheit. Nicht das Nobel-Komitee allein war�s, das unentwegt die bedeutendsten Autoren seiner Zeit übersah � sie wurden ihm einfach von keiner Seite vorgeschlagen. Unter den 1256 Autoren, die das Komitee in der ersten Jahrhunderthälfte zu beurteilen hatte, fehlten Joyce, Proust und Rilke. Auch Tschechow, Brecht, Musil, Auden, Achmatowa und García Lorca wurden von niemandem nominiert.
Den Schleier der Verschwiegenheit lüftet auch Horace Engdahl, der Ständige Sekretär der Akademie. In Literaturen gibt er erstmals öffentlich Auskunft darüber, wie die Entscheidungsprozesse in Stockholm tatsächlich ablaufen. Lesen Sie ab Seite 22, was Engdahl seinem Schriftstellerfreund Aris Fioretos über die Jury-Arbeit verrät: «Wir dürfen froh sein, wenn wir bei jedem Zweiten richtig liegen.»
Ihre Literaturen-Redaktion
Foto: Schwedische Akademie