Durch zehn, liebe Leserin, lieber Leser, muss der Dichter teilbar sein, «um dem Gedächtnis der Mitwelt angenehm aufzustoßen», spöttelte einst Alfred Polgar. Das waren noch Zeiten! Man ließ einen Autor zum Siebzigsten oder Achtzigsten hochleben, und damit gut.
Schwerlich hätte Polgar sich vorstellen können, dass der Jubiläumskalender einmal zum absoluten Herrscher des literarischen Lebens avancieren würde. Verlage stellen heute ihre Programme und Feuilletons ihre Berichterstattung bereitwillig unter das Diktat der Runden Zahl: Wozu selber Titel und Themen erfinden und sich um die Wohlbegründung von Wiederentdeckungen bemühen, wenn doch Dezimalsystem und Kalender das wie von selbst besorgen? Heute genügt es schon, wenn die Lebensdaten eines Autors durch fünf teilbar sind, um ihm zu Jubiläumsartikeln im Feuilleton und zu einem Neuauflagen-Platz in den Verlagsprogrammen zu verhelfen. So richtig lebendig aber werden die Dichter und Denker erst, wenn sie 100 oder 200 Jahre tot sind.
Inzwischen überholen sich die Jubiläen schon selber. Friedrich Schiller etwa hat es zuwege gebracht, dass sein 200. Todestag am 9. Mai 2005 bereits in diesem Herbst zu Tode gefeiert wird. Und der Eichborn Verlag begeht «Zwanzig Jahre Die Andere Bibliothek 1985�2004» bereits im 19. Jahr.
Was tut Literaturen angesichts der Lage? Die Redaktion steuert ihren eigenen Kurs zwischen Wahrnehmen und Ignorieren. Hans Magnus Enzensberger ist für Literaturen auf jeden Fall ein Titelheld � auch wenn er im November Geburtstag hat. Hingegen hat die Redaktion beschlossen, in dieser November-Ausgabe den 90. Todestag von Georg Trakl, den 70. von Joachim Ringelnatz, den 45. von Hans Henny Jahnn stillschweigend zu übergehen und auch den 310. Geburtstag Voltaires, den 95. Ionescos und den 65. Margaret Atwoods nicht weiter zu kommentieren. Mit dieser wählerischen Gedenk-Politik der lesenden Mitwelt angenehm aufzustoßen hofft
Ihre Literaturen-Redaktion