Vor zwei Jahren, liebe Leserin, lieber Leser, musste Bertelsmann/Random House eine peinliche Schlappe hinnehmen. Die deutschsprachigen Rechte an Bill Clintons damals noch ungeschriebenen Memoiren wurden dem Konzern vor der Nase weggeschnappt � von Christian Strasser, dem gefürchteten Freibeuter und Herrn über die Verlagsgruppe HEUL (Heyne, Econ, Ullstein, List). Die Vorschuss-Summe habe an die zwei Millionen Dollar betragen, raunte die Branche mit fasziniertem Grausen.
Heute ist die HEUL-Gruppe zerschlagen und aufgeteilt, Strasser ist Privatier, und nun obliegt es dem Hause Ullstein, aus Clintons «Mein Leben» einen Mega-Bestseller zu machen, um Strassers Super-Vorschuss wieder einzuspielen. Der Verlag entfachte zu Sommeranfang denn auch einen Werbe-Wirbel, wie er größer nicht hätte sein können. Bill Clinton wurde eingeflogen und absolvierte die große Reklame-Tour zwischen Buchkaufhäusern, Signierstunden und Sabine Christiansen. Der «Spiegel» spendierte ein Cover plus Vorabdruck. Etwa eine Woche lang war das Buch in aller Munde. Aber es hat nicht gereicht. Im Handel hat das Buch den Sommer nicht überlebt.
Woran liegt�s? Am irrwitzigen Marketing, das nur noch auf Plötzlichkeit, statt auf Nachhaltigkeit, setzt. Denn: je explosiver der Medien-Hype für ein Buch, desto schneller ist er auch verpufft. Heute der heiße Buch-Tipp und vom Handel hysterisch geordert, morgen in toto an den Verlag remittiert und übermorgen verramscht.
Ob die Buchbranche irgendwann einsieht, dass sie mit ihrer rasenden Selbstbeschleunigung Bücher à la longue nicht verkauft, sondern kaputtmacht? Bücher sind ihrem Wesen nach keine Events. Sie brauchen Zeit, um gelesen und verstanden zu werden. Sie brauchen Zeit, um ihre Wirkung, ihr Aroma in den Köpfen zu entfalten, sie brauchen das Gespräch der Kritiker und der Leser untereinander, sie sind auf Dauer gestellt. Nur Nichtbücher für Nichtleser sind kurzlebig wie die Schuhmode des letzten Sommers oder der Pop-Hit der vergangenen Woche. Wenn man nur noch den Erstverkaufstag inszeniert, wird auch das Buch, dem man ein längeres Leben wünschen würde, den zweiten Tag nicht mehr überstehen. Und das wäre doch eigentlich schade.
Ihre Literaturen-Redaktion