|
Niemand weiß, liebe Leserin, lieber Leser, ob es sich bei dem Schiffs-Wrack, das von Tauchern vor der Küste Panamas entdeckt wurde, tatsächlich um die spanische Karavelle Vizcaína des Christoph Columbus handelt. Vor genau 500 Jahren versank sie, vom Bohrwurm durchlöchert und von ihrer Mannschaft aufgegeben, in einer seichten Meeresbucht der Neuen Welt. Der alte Kahn, um dessen Bergung sich nun Wissenschaftler und private Schatzsucher streiten, Paradiesvogel aus Papua-Neuguinea brachte es wohl vor allem deshalb zu Buch-Ehren («Die letzte Reise. Der Fall Christoph Columbus» von Klaus Brinkbäumer und Clemens Höges, DVA), weil er an einen Mythos angedockt werden kann � an Columbus. In seiner Gestalt bündeln sich alle Widersprüche des Zeitalters der Entdeckungen und des Kolonialismus, die das Lese-Publikum so stark faszinieren: der Traum der Menschheit, ins Ungewisse aufzubrechen und die Grenzen immer weiter zu stecken, die Gier nach Landnahme, Bereicherung und Weltherrschaft, die Sehnsucht nach unberührten, fernen Paradiesen, die man nur leider nicht betreten kann, ohne sie zugleich zu zerstören.
Wieso faszinieren uns Entdeckungsgeschichten und Berichte über historische Pionierfahrten? Warum lässt uns das Geheimnis der Meuterei auf der «Bounty» nicht los? Weshalb wollen wir von Weltumseglern wie James Cook, von Eroberern wie Columbus, von Abenteurern und Forschungsreisenden wie Stanley und Livingstone oder Lewis und Clark immer wieder hören und lesen? Literaturen ist den verborgenen Motiven hinter dieser literarischen Begeisterung nachgegangen. Die neuen Reisebücher, so zeigt sich, funktionieren wie Zeitmaschinen: Sie katapultieren uns in die Zeiten des Aufbruchs, sie lassen uns teilhaben am Premierenreiz der Entdeckerfahrten, sie öffnen die Phantasieräume umso weiter, je knapper der Raum auf Erden wird. Aber sie zeigen uns auch, wohin all die Grenzüberschreitungen und Eroberungsgelüste geführt haben. Einen anregenden Lese-Sommer wünscht Ihre ferienfrohe Literaturen-Redaktion
|