Bedauern Sie es auch, liebe Leserin, lieber Leser, dass das Briefschreiben im Zeitalter von E-Mail und SMS offenbar etwas aus der Mode kommt? Natürlich herrscht kein Mangel an Amtspost oder Geschäftsbriefen, die den Briefkasten verstopfen,
von Trash-Mail ganz zu schweigen. Auch Anthrax- oder Bombenbriefe gehören leider zu den Korrespondenz-Formen der Zeit. All dies hat aber nichts mit dem zu tun, was man einmal unter Briefschreiben verstanden hat.
Der großen Briefkultur widmet Literaturen dieses Heft � vom Briefwechsel Voltaires mit Friedrich II. bis zu dem Benito Mussolinis mit Engelbert Dollfuß, von den Briefen, die Hannah Arendt und Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, F. Scott und Zelda Fitzgerald wechselten, bis zur Korrespondenz zwischen Christa Wolf und Charlotte Wolff oder zwischen Hans Fallada und seinem Sohn Uli Ditzen. Und wie aus Briefen Mail-Art wird, zeigen die Episteln, die der Künstler Horst Janssen an seine Geliebte Gesche Tietjens richtete.
So offenbart sich noch einmal die ganze Spannweite der literarischen Gattung «Brief». Die umfasst private Herzensergießungen, abgründige Beziehungsarbeit und freundschaftlich-vertraulichen Austausch nicht nur von Gedanken, sondern auch von alltäglichen Trivia; sie reicht bis zum durchstilisierten literarisch-politischen Gipfeltreffen, wie es der preußische König und der französische Philosoph für die Nachwelt vorexerzierten.
Literaturen präsentiert darüber hinaus einen besonderen Fund: Briefe des jungen W. G. Sebald an seinen Studienfreund Reinbert Tabbert, die hier erstmals publiziert werden. Sebald gilt als der Erzmelancholiker unter den Schriftstellern. Seine Jugendbriefe aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren zeigen ihn von einer anderen, unbekannten Seite � als witzigen Sprachspieler und spottlustigen Ironiker.
Dass es mit der Briefkultur einfach nicht zu Ende gehen kann, glaubt nach solcher Lektüre umso mehr.
Ihre Literaturen-Redaktion
Abbildung: Rowohlttos