
Thomas Bernhard, der vor fünfzehn Jahren starb, ist der vielleicht boshafteste und wortmächtigste Kritiker Österreichs.
Der einzige Schriftsteller, der mit seinem Land haderte und daraus seine Inspiration zog, ist er aber beileibe nicht. Die Hassliebe zu Österreich zieht sich vielmehr als Tradition und ergiebiger literarischer Topos durch das ganze 20. Jahrhundert � von Karl Kraus über Robert Musil bis zu Elfriede Jelinek und Josef Haslinger.
Neue Nahrung erhielt die Österreich-Kritik durch den politischen Rechtsruck im Jahr 2000. Umso mehr fällt auf, dass der anfangs lautstarke Protest der Autoren und Intellektuellen gegen die schwarz-blaue Regierungskoalition des Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel inzwischen so gut wie verstummt ist. Fällt den Schriftstellern zu Österreich nichts mehr ein? Ist die Rhetorik des nationalen Dissenses an ihr Ende gekommen?
Sigrid Löffler stellt Thomas Bernhard in den Kontext der österreichischen Mentalitätsgeschichte.
Elfriede Jelinek und Doron Rabinovici erörtern im Literaturen-Gespräch, warum intellektuelle Kritik heute wirkungslos bleiben muss, und Daniela Strigl stellt sieben Thesen über die junge Literatur des Landes auf, die � jenseits von Selbstekel, Mythenkult und literarischem Experiment � offenbar anderes im Sinne hat als Österreichs historische Altlasten. Daniel Kehlmann portraitiert den Namensgeber der leidenden Hassliebe:
die kakanische Konkurs-Existenz Leopold von Sacher-Masoch.
Und neue Biografien geben Anlass, zwei kanonische Autoren des Landes neu zu betrachten: Roger Willemsen schreibt über Robert Musil und Sigurd Paul Scheichl über Karl Kraus
Foto: Ronka Oberhammer