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Ausgabe 01/02.04
Inhalt
Editorial

Schwerpunkt

Hassgeliebtes Österreich
«Heimat bist du großer Söhne, Volk begnadet für das Schöne!» über Österreich-Klischees und ihre Widerlegung. Mit Beiträgen von Sigrid Löffler, Daniel Kehlmann, Roger Willemsen sowie einem Gespräch mit Elfriede Jelinek und Doron Rabinovici


Lyrik
Michael Braun
Immer n bisschen extrem, son Poem
Wie die Gegenwartslyrik von der Tiefkühlkost bis zur Religion jede Sprachhürde angeht


Karikaturen
Wolfgang Schneider
Ins Gesicht geschrieben
Der italienische Karikaturist Tullio Pericoli


Das Kriminal
Trauer um den Brenner
Franz Schuh nimmt Abschied


Bücher des Monats
Christiane Zintzen
Elias Canetti: Party im Blitz
René Aguigah
Giorgio Agamben: Was von Auschwitz bleibt
Michael Kleeberg
Ismail Kadare: Der Palast der Träume
Gustav Seibt
Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit
Ingeborg Harms
Vladimir Sorokin: Ljod. Das Eis
Wolfgang Kemp
Marlene Dietrich: Adressbuch


Portrait
Frauke Meyer-Gosau
Unruhegeist aus den Zeiten der Hilflosigkeit
Eine Landpartie mit dem tschechischen Literatur-Star Jáchym Topol


Philosophie

Walter Grasnick
Der lange Lauf zu ihm selbst
Zum 200. Todestag von Immanuel Kant


Popmusik
Thomas Mießgang
Phallische Prahlhänse
Vom Jazzer Charles Mingus bis zum Rapper Eminem: Biografien über schwarze Musik und weiße Aneignung


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Peter Glotz || Christoph Ransmayr || Jacques Derrida || Steve Jones || Soazig Aaron || Adolfo Bioy Casares || Anka Muhlstein || Marcus Braun || Jost Hermand || Judith Kuckart || B. S. Johnson
Bildbände von Michael Petzel (Hg.) || Horst Hamann || Cindy Sherman || Giovanna Calvenzi (Hg.)


Weisse Elefanten
Ulrich Woelk
Fremde Welten, ferne Zeiten
Wie Sachbücher Kindern Lust aufs Wissen machen


Portrait
Hanna Leitgeb
Verrückt vor Sehnsucht nach dem
Unbekannten Wunderbare Geschichten über kleine Menschen und große Fragen: Der niederländische Autor Geert Mak


Die Beiseite
Von magisch-realen Gabeln und Löffeln
Richard David Precht über einen Migranten-Roman voller nebensächlicher Beziehungen


Weltenwanderer

Peter Demetz
Freches Mundwerk, heimliches Heimweh
Drei Debütanten, drei Großtalente, drei russische Juden in Amerika: Pavel Lembersky, Gary Shteyngart, Arthur Phillips


Kurz & bündig
Bücher von Ror Wolf || Jean-Yves und Marc Tadie || Muriel Spark || Graham Swift || Nadine Gordimer || Maybrit Illner und Ingke Brodersen (Hg.) || Christophe Dufossé || Ernst Klee
Bildbände von Daniel Schwartz (Hg.) || Andy Warhol


Das Magazin
Mitten aus Mailand || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Leserbriefe || Hörbücher || Literatur im Kino || Was liest Joachim Sartorius? || Netzkarte


Impressum

Vorschau, P.S., Register
Editorial
Das Jahr 2003, liebe Leserin, lieber Leser,

hat die Bedeutung des Buches wieder einmal bestätigt. Nach wie vor ist das Buch � und nicht das Fernsehen � das maßgebliche Transportmittel für alle neuen Gedanken und neuen Theorien.

Es waren Bücher, die die jüngste Diskussion in Deutschland über den alliierten Bombenkrieg, über die Deutschen auch als Kriegsopfer ausgelöst haben � von W. G. Sebald über Günter Grass, Reinhard Jirgl, Uwe Timm und Jörg Friedrichs Dokumentation «Der Brand» bis zum Tagebuch der Anonyma und den Aufzeichnungen des Soldaten Willy Peter Reese.

Diese Bücher haben den Radius des historischen Diskurses im Lande erweitert � ohne die Schuldfrage zu relativieren. Im Gegenteil: sie wurde immer mitdiskutiert. Aus der Perspektive der Nachbarn erscheint die deutsche Debatte fast schon übervorsichtig. Mit der gelassenen Unverblümtheit des Niederländers formuliert etwa der Autor Geert Mak: «Viele Länder haben ein Problem mit positiven Mythologisierungen, die Deutschen eines mit negativen Mythologisierungen. Sie sind historische Masochisten, sie wollen die Schlechtesten von Europa sein» (siehe das Portrait ab Seite 104).
Da reagieren die Österreicher ganz anders. Die längste Zeit sahen sie sich am liebsten als «erstes Opfer Hitlers». Diese Lebenslüge ist einer der Gründungsmythen der Zweiten Republik und wurde von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eben wieder aufs Neue bekräftigt. Einzig die Schriftsteller mit ihrer Tradition des nationalen Dissenses stören das sonnige Einverständnis des Landes mit seinen positiven Mythologisierungen beharrlich. Lesen Sie ab Seite 4 den Themenschwerpunkt über das seit je gespannte Verhältnis der Literaten zu ihrem hassgeliebten Österreich.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihre Literaturen-Redaktion
Schwerpunkt - Hassgeliebtes Österreich
Schwerpunkt 01/02.2004 Thomas Bernhard, der vor fünfzehn Jahren starb, ist der vielleicht boshafteste und wortmächtigste Kritiker Österreichs.
Der einzige Schriftsteller, der mit seinem Land haderte und daraus seine Inspiration zog, ist er aber beileibe nicht. Die Hassliebe zu Österreich zieht sich vielmehr als Tradition und ergiebiger literarischer Topos durch das ganze 20. Jahrhundert � von Karl Kraus über Robert Musil bis zu Elfriede Jelinek und Josef Haslinger.
Neue Nahrung erhielt die Österreich-Kritik durch den politischen Rechtsruck im Jahr 2000. Umso mehr fällt auf, dass der anfangs lautstarke Protest der Autoren und Intellektuellen gegen die schwarz-blaue Regierungskoalition des Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel inzwischen so gut wie verstummt ist. Fällt den Schriftstellern zu Österreich nichts mehr ein? Ist die Rhetorik des nationalen Dissenses an ihr Ende gekommen?
Sigrid Löffler stellt Thomas Bernhard in den Kontext der österreichischen Mentalitätsgeschichte.
Elfriede Jelinek und Doron Rabinovici erörtern im Literaturen-Gespräch, warum intellektuelle Kritik heute wirkungslos bleiben muss, und Daniela Strigl stellt sieben Thesen über die junge Literatur des Landes auf, die � jenseits von Selbstekel, Mythenkult und literarischem Experiment � offenbar anderes im Sinne hat als Österreichs historische Altlasten. Daniel Kehlmann portraitiert den Namensgeber der leidenden Hassliebe:
die kakanische Konkurs-Existenz Leopold von Sacher-Masoch.
Und neue Biografien geben Anlass, zwei kanonische Autoren des Landes neu zu betrachten: Roger Willemsen schreibt über Robert Musil und Sigurd Paul Scheichl über Karl Kraus

Foto: Ronka Oberhammer
Ausgabe 01./ 02.2004
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Hassgeliebtes Österreich
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