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Es gibt nichts Schöneres, liebe Leserin, lieber Leser, als in einem Buch eine Erfahrung wiederzuerkennen, die man selbst gemacht hat. Sagt Alexander Kluge, der neue Büchnerpreisträger, dessen Erzählungsband «Die Lücke, die der Teufel läßt» in der Literaturen-Kritiker-Umfrage gleich viermal genannt wird, am häufigsten von allen empfehlens- werten Büchern des Jahres 2003 (siehe S. 92). Neuerdings verstehen viele Erwachsene Kluges Satz so, dass sie in Büchern am liebsten in ihre Kindheitserfahrungen zurücktauchen. Flugs nutzen die Strategen der Buchbranche diesen Trend: Durch seriöse Umschläge machen sie Kinderbücher von Joanne K. Rowling, Cornelia Funke oder Isabel Allende auch für Erwachsene kompatibel und taufen die Jugendware um – «All-Age-Books» heißt die neueste Mode auf dem Buchmarkt (siehe S. 44). Wenn es stimmt, dass Erwachsene zur Kinderlektüre greifen aus Sehnsucht nach reichhaltigem, lustvollem, mystisch-märchenhaftem Fabulieren, das ihnen die heutige Belletristik nicht zu bieten scheint, dann weiß Literaturen auch andere Abhilfe. Wie wäre es mit dem phantastischen, fabelhaften, atemberaubenden Buch des Grafen Jan Potocki? Dem Urbild aller Schmöker à la Umberto Eco? Dem Vorläufer aller Schauerromantik à la Edgar Allan Poe und aller Bücherbücher à la Borges? Dem abendländischen Gegenstück zu «Tausendundeine Nacht»? Wie wäre es mit «Die Handschrift von Saragossa»? Ebenso abenteuerlich wie das Leben des polnischen Universalgelehrten Jan Graf Potocki (1761–1815) ist das Schicksal seines Werkes, das erst in unseren Tagen in seiner Einzigartigkeit begriffen wird – als totaler Roman, so komisch, schaurig, erotisch, leuchtend bunt und aktuell wie kein anderer. Denn im Grunde geht es darin um die vergleichende Gegenüberstellung von Christentum und Islam, um die Chancen einer Konkordanz europäischer und orientalischer Kulturen, erzählt am Beispiel des maurischen Geschlechts der Gomelez, das sich seit der arabischen Herrschaft über Spanien in Gebirgshöhlen bei Granada verborgen hält, einen neuen Führer sucht und ein unterirdisches islamisches Reich aufgebaut hat, um von hier aus die Welt zu erobern, am Ende aber sich selbst in die Luft sprengt. Erkennen Sie darin eine selber gemachte Erfahrung wieder? «Die Handschrift von Saragossa» ist in gleich zwei Ausgaben und zwei Übersetzungen soeben neu erschienen, bei Zweitausendeins und bei Kein & Aber. Eine lustvolle Weihnachtslektüre wünscht Ihre Literaturen-Redaktion
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