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Ausgabe 10.03
Inhalt
Editorial

Portrait
Manfred Schneider
Kluges in der Zirkuskuppel: kunstvoll
Ein Portrait des Schriftstellers, Multimedia-Genies und diesjährigen Büchner-Preisträgers Alexander Kluge


Schwerpunkt
Amerika und seine Kritiker
Politik Des Verdachts


Das Kriminal
Auf Leben und Tod
Franz Schuh über einen Krimi mit metaphysischem Anspruch


Bücher des Monats
Mark Terkessidis
Robert Dallek: John F. Kennedy
Frauke Meyer-Gosau
Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960–2000
Tom Holert
Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten
Jürgen Wertheimer
Else Lasker-Schüler: Briefe 1893–1913
Michael Thumann
Alexander Jakowlew: Eine Autobiographie
Gustav Seibt
Louis Begley: Schiffbruch


Pornografie
Ingeborg Harms
Körperbeschwörung
Wie Pietro Aretino und Thomas Hettche körperliche Sinnlichkeit gegen pornografische Massenware setzen;
Roger Willemsen Mit Gewalt zur Herrlichkeit
Wie eine neue Übersetzung einen neuen Marquis de Sade erfindet


Die Beiseite
Der Schnee von Tarifa
Richard David Precht über Begleitumstände des Lesens


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Jonathan Franzen || Willy Peter Reese || Irshad Manji || Wladimir Kaminer || Ulla Lenze || Boris Groys || Birgit Vanderbeke
Bildbände von Jon von Wetzlar und Christoph Buckstegen || Stephen Conroy || Candida Höfer


Weiße Elefanten
Kitsch, Klischees und dicke Knete
Wie Stars und ihre Verlage versuchen, mit Kinderbuch-Serien die Gelddruckmaschine anzuwerfen
Russland


Moritz Baßler
Ein dystanziertes Gefühl
Russlands junge Autoren transferieren mit Pfiff die Warenkultur des Westens.
Ein Streifzug durch den Pop à la Russe


Portrait
Hans-Peter Kunisch
«Ich bin ein Mensch, kein Mandarin»
Am 10. Oktober 2003 wird der Nobelpreisträger Claude Simon neunzig Jahre alt. Eine Spurensuche in Südfrankreich


Kurz & bündig

Bücher von Klaus Städtke (Hg.) || Norbert Franz (Hg.) || Siegfried Lenz || Ute Gerhard, Trudie Knjin und Anja Weckwert (Hg.) || László Darvasi || Michael Lüders || Dirk Wittenborn || Hannelore Schlaffer
Bildbände von Laurie Simmons || Cy Twombly


Das Magazin
Mitten aus London || Kalender || Leserbriefe || Literatur im Kino || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Was liest Judith Kuckart? || Netzkarte


Leserumfrage


Impressum

Vorschau, P.S., Register

Editorial
Niemand, liebe Leserin, lieber Leser,

glaubt im Ernst, dass die amerikanische Regierung 1941 den japanischen Überfall auf Pearl Harbor provozierte und 2476 ihrer Bürger sterben ließ, um die öffentliche Meinung in den USA umzudrehen und auf einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Hitler-Deutschland und Japan einzustimmen. Niemand glaubt das im Ernst.

Robert B. Stinnett ist dieser Niemand. Schon vor vier Jahren hat er in seinem Buch «Day of Deceit» (Tag der Täuschung) diese angebliche «Wahrheit über Präsident Roosevelt und Pearl Harbor» propagiert – seine fixe Idee von der US-Flotte in Hawaii als Köder, ausgelegt für den «Überraschungsangriff» der Japaner, der keiner war, sondern lange erhofft und erwartet. Es habe sich um ein Geheimdienst-Komplott mit Wissen und Willen des Präsidenten gehandelt.

Es ist kein Zufall, sondern reines Marketing-Kalkül, dass diese Verschwörungstheorie zu Pearl Harbor erst jetzt auf Deutsch erscheint, im Gefolge all der Konspirations-Phantasien zum 11. September, die derzeit einen geradezu blödsinnigen Boom erleben, nach der Devise: Multiplizierter Aberwitz ergibt doppelte Wahrscheinlichkeit. Wenn schon der Angriff auf Pearl Harbor vom US-Geheimdienst eingefädelt wurde, dann, nicht wahr, klingt es doch umso glaubwürdiger, dass die amerikanische Regierung auch die Terror-Attacken gegen die Twin Towers inszeniert hat.

Dass jeder fünfte Deutsche (und jeder dritte unter dreißig) die Regierung Bush für den Auftraggeber des 11. September hält, ist einer der Anlässe für Literaturen zu fragen, warum jedes noch so absurde Konstrukt über amerikanische Schurkereien heute so bereitwillig geglaubt wird. Die These von Literaturen: Hier schlägt eine «Politik des Verdachts», von den USA selber seit langem betrieben, auf die Urheber zurück. Lesen Sie Genaueres ab Seite 12.

Ihre LITERATUREN-Redaktion

P. S.: Nach drei Jahren hat Literaturen einen neuen Auftritt im Internet. Die Website www.literaturen.de ist nach dem Relaunch einfacher, praktischer und schneller geworden – schauen Sie selbst! Dort können Sie sich auch an unserer Leser-Umfrage beteiligen (siehe Seite 100).
Schwerpunkt - Politik des Verdachts
Amerika und seine Kritiker

Das Schöne an den USA ist, dass keiner sie besser zu kritisieren versteht als die Amerikaner selbst – allen Ambitionen europäischer Intellektueller zum Trotz. Der selbstherrliche weltpolitische Aktionismus der Bush-Regierung seit dem 11. September 2001 hat eine Fülle von kritischen Deutungen und Lesarten provoziert. Literaturen sondiert sie in diesem Schwerpunkt.

Bernd Greiner kommt dabei zu dem Ergebnis, dass unter allen politischen Beobachtern ein Schriftsteller das zugrunde liegende Denkmuster am eindringlichsten erkennbar macht: Der US-Autor Don DeLillo hat in «Sieben Sekunden», seinem großen Roman über das Kennedy-Mordkomplott, schon vor fünfzehn Jahren das System der amerikanischen Paranoia an den Tag gebracht – das Buch wirkt heute aktueller denn je. Greiner sieht eine Politik des Verdachts am Werk, die die amerikanische Zivilgesellschaft zu zerstören droht. Die New Yorker Intellektuelle Susan Sontag gehört schon seit langem zu den wortmächtigsten Kritikern dieser Entwicklung; Sigrid Löffler stellt die diesjährige Friedenspreisträgerin in einem Portrait vor. Paul Nolte durchmustert die neueste Amerika-Literatur und plädiert dafür, die derzeitigen Aufgeregtheiten im transatlantischen Gespräch nicht zu überschätzen. Und Moritz Schuller liest «Cosmopolis», den neuesten Roman Don DeLillos, als eine Parabel auf die (Selbst-)Zerstörungslust der amerikanischen Gesellschaft.

Den Schwerpunkt begleiten Bilder des berühmten Comic-Zeichners und Illustrators Art Spiegelman. Sie sind eine Auswahl aus dem Buch «Küsse aus New York», das seine Titelbilder und Cartoons für die Zeitschrift «New Yorker» versammelt und soeben bei Zweitausendeins erschienen ist.
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