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Ausgabe 09.03
Inhalt
Editorial

Schwerpunkt
Der schöne Schrecken - Literatur im neuen Russland
Unbekannte Klassiker, coole Avantgarde und Krimi-Kult – aktuelle literarische Trends im Putin-Reich. Mit Beiträgen von Sigrid Löffler, Jutta Scherrer, Beatrix Langner und Werner Herzog, dazu eine Auswahl der wichtigsten Bücher


Weiße Elefanten

Große Dichter, kleine Leser
Per Olov Enquist weiß, wie man ein tolles Kinderbuch schreibt


Das Kriminal
Triest im Neokannibalismus
Franz Schuh über die Machenschaften von Schönheits-Chirurgen


Bücher des Monats
Sigrid Löffler
W. G. Sebald: Campo Santo
Jan Engelmann
Michael Moore: Querschüsse
Joachim Kalka
Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet
Christina von Braun
Martin van Creveld: Das bevorzugte Geschlecht
Wolfgang Schneider
Aleksandar Tisma: Tagebuch 1942–1951
Stefan Müller-Doohm
Theodor W. Adorno: Briefe an die Eltern 1939–1951


Körperkult
Hans Ulrich Gumbrecht
Der Triumph des Leibes
Warum es heute niemandem gelingt, mit Enthusiasmus über die Schönheit des Sports zu schreiben


Portrait

Hans Daiber
Ein Meister ohne Meisterwerk
Cyril Connolly – Luxusvagabund, Weiberverschlinger, Schnorrer, Arbiter elegantiarum.
Zum 100. Geburtstag eines genialen Kritikers


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Oliver Schröm || Navid Kermani || Uwe Timm || Benjamin Lebert || Ljudmila Ulitzkaja || Frank Westerman || Kerstin Holm || Viktor Timtschenko || Svetlana Vasilenko || Christoph Peters || Stephan Reimertz || Jens Sparschuh || Hans Boesch || Dacia Maraini || Toni Maraini
Bildbände von Marion de Beaupré (Hg.) || Ulrich Deimel und Petra Wittmar (Hg.) || Berthold Steinhilber || Michael Sowa


Harry Potter

Frauke Meyer-Gosau
Außen Action – innen hohl
Wie Joanne K. Rowling ihren neuen Roman «Harry Potter und der Orden des Phönix» an Hollywood verliert


Urheberstreit
Ruth Klüger
Der Dichter als Dieb?
Wie geistiges Eigentum nachträglich arisiert wurde: Der Fall Littner-Koeppen


Die Beiseite
I Have a Dream
Richard David Precht über preisgekrönte Dichter und solche, die leer ausgehen


Kurz & bündig
Bücher von Florian Illies || Reinhard Mohr || Raymond Carver || Matthias Flügge (Hg.) || Martin Kemp || William Gaddis || Marcel Möring
Bildbände von Elliott Erwitt || Jean-Claude Wicky


Das Magazin
Mitten aus Buenos Aires || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Leserbriefe || Hörbücher || Was liest Christoph Hein? || Netzkarte


Impressum

Vorschau, P.S., Register
Editorial
Im Fernsehen, liebe Leserin, lieber Leser,

wird neuerdings gern so getan, als wäre das Buch eine bedrohte Spezies und stünde unter verschärftem Artenschutz. Keine Kritik! lautet die Devise, nur noch das dickste Lob! So, als wäre jeder kritische Hauch dem zarten Buchpflänzchen gefährlich, als könnte nur warmer Beifallsregen es überhaupt am Leben erhalten. Das ist natürlich Unfug. Klar, dass die Verlage darüber entzückt sind: Die Produktwerbung für ihre Bücher könnte nicht beflissener ausfallen, wenn sie dafür bezahlten. Aber den Büchern nützt das Geschmeichel gar nichts, im Gegenteil: Ohne Kritik verkümmern sie, ohne kompetente Urteilsrede gehen sie ein.
Unter den kritischen Ressorts ist die Literaturkritik die Königsdisziplin – weil sie im selben Medium operiert wie ihr Gegenstand, nämlich in der Sprache. Deshalb ist ja das Printmedium nach wie vor unübertroffen als Austragungsort kritischer Diskurse über Bücher. Sofern Könner am Werke sind, versteht sich.Solche Könner – Meister der streitbaren, brillanten, unterhaltsamen, nicht-akademischen Literaturkritik – stellt Literaturen in Abständen vor. Im Sommer 2001 wurde im Literaturen-Special Anatole Broyard, der New Yorker Kritiker-Star und Parade-Intellektuelle, portraitiert. In diesem Heft finden Sie ab Seite 64 eine Hommage an den genialen Londoner Kritiker Cyril Connolly, der im September 100 Jahre alt geworden wäre. Das sind Huldigungen mit Hintergedanken: Es kann der deutschen Literaturkritik nicht schaden, gelegentlich nachzulesen, wie virtuos anderswo zu Werke gegangen wurde und wird.

Ihre Literaturen-Redaktion
Schwerpunkt - Der schöne Schrecken: Literatur im neuen Russland
Unbekannte Klassiker, coole Avantgarde und Krimi-Kult – aktuelle literarische Trends im Putin-Reich. Mit Beiträgen von Sigrid Löffler, Jutta Scherrer, Beatrix Langner und Werner Herzog, dazu eine Auswahl der wichtigsten Bücher

Politische Umbrüche stürzen immer auch die Literatur ins Chaos. Die Hierarchie der Dichter steht Kopf, der Kanon gerät ins Trudeln. Das neue Russland, das sich als Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse 2003 präsentieren wird, bietet ein drastisches und spannendes Beispiel literarischer Umwertungen. Mit der Sowjetunion ist auch die alte Literatur-Troika verschwunden – das Dreigespann aus Staatsdichtern, verfemten Underground-Autoren und Emigranten. Seit Glasnost und Perestrojka werden in der Literatur die Rangfolgen neu bestimmt und ganze Gattungen, etwa der Krimi, frisch etabliert. Die Staatskunst verschwindet aus dem Kanon, aber auch Leitfiguren des Exils wie Solschenizyn verlieren ihren Nimbus. Lange totgeschwiegene Klassiker wie Mandelstam oder Nabokov hingegen werden inthronisiert, die Werke unterdrückter Autoren aus dem Abseits geholt, alle möglichen Literaturmoden von Pop bis Postmoderne aus dem Westen importiert und adaptiert.

Selfmade-Stile wie die russische Konzeptkunst à la Prigow und Sorokin machen Schule. Die russische Literatur strotzt vor neuen Namen. Literaturen macht erste Vorschläge zum künftigen Kanon. Sigrid Löffler sortiert Namen, Themen und Traditionen, Jutta Scherrer hat sich in der neuen Buch- und Verlagswelt von Moskau und Sankt Petersburg umgesehen, Beatrix Langner portraitiert die russischen Krimi-Königinnen, mit der Auflagen-Millionärin Polina Daschkowa an der Spitze. Aus der Fülle der Neu-Übersetzungen stellt Literaturen die sechs bemerkenswertesten Autoren vor.

Thomas Lehr huldigt dem neuen literarischen Abgott der Russen – Vladimir Nabokov.
Und Werner Herzog begeistert sich für den Fußgänger Wolfgang Büscher: «Nach Moskau! Nach Moskau!»
Die Bilder dieses Schwerpunkts «Der schöne Schrecken» stammen von der Algerierin Lise Sarfati und dem Franko-Russen Gueorgui Pinkhassov, die sich eher auf die Schönheit von Mode und Models konzentrieren.
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